Ich helfe meinen Großeltern beim Depotaufbau: Ich setze auf starke Blue Chip-Aktien mit Dividenden

Lieber Tim,

ich schreibe dir diesen Leserbrief, da du mich in großem Maße in meinem Anlagestil geprägt hast und ich gerne meine Herangehensweise mit deiner Community teilen möchte. Keine Angst: Ich mache hier für nichts Werbung oder dergleichen, sondern habe einfach Spaß am Austausch mit gleichgesinnten Aktionären.

Liebe Leser/innen,

kurz zu meiner Person: Ich bin Mitte 20 und schließe in diesem Jahr mein Studium ab. Während des Studiums habe ich schon in mehreren Unternehmen Praktika gemacht. Aktuell bin ich, parallel zum Anfertigen meiner Bachelorarbeit, im Praktikum bei der größten Bank der Schweiz tätig, allerdings an einem Standort in Deutschland. Ich habe somit meine Leidenschaft für Kapitalmärkte zum Beruf gemacht beziehungsweise bin auf dem Weg dahin.

Früher habe ich wild mit Hebelzertifikaten spekuliert

Angefangen mit dem Investieren habe ich vor fünf Jahren während Corona. Damals habe ich noch wild mit Hebelzertifikaten spekuliert. Relativ zügig bin ich dann aber auf drei „Finfluencer“ gestoßen, die meine gesamte Perspektive auf Aktien verändert haben: Helmut Jonen, CW Röhl und du, mein lieber Tim. Durch euch drei habe ich verstanden, dass Aktien reale Beteiligungen an Unternehmen sind, die man idealerweise für immer beziehungsweise langfristig hält, und mit denen man nicht wild spekuliert.

Ich selbst habe in meinem Depot zwei ETFs und 19 Einzelaktien, weil ich mich, wie gesagt, aus beruflichen Gründen mit der Materie Kapitalmärkte befasse und es einfach meine Leidenschaft ist. Somit verstehe ich die „All-in-thesaurierende-ETF“-Leute zwar. Doch kann ich dem für mich persönlich relativ wenig abgewinnen.

Ich habe einen Qualitäts-Value-Ansatz

Meinen Anlagestil würde ich als Qualitäts-Value-Ansatz beschreiben. Ich suche also Unternehmen, die gewisse Kriterien erfüllen wie FCF-Generierung, nicht zu hohe Verschuldung, Konstanz in der Dividendenhistorie etc. Vornehmlich kaufe ich diese dann, wenn der Markt sie abstraft. Ich unterscheide mich dahingehend von reinen Value-Investoren, weil ich nicht nur das günstigste Unternehmen suche, sondern lieber etwas mehr für mehr Qualität bezahle.

Beispielsweise habe ich vor gut zwei Jahren Aktien von J. P. Morgan Chase gekauft, welche sich prächtig entwickelt haben. Ein reiner Value-Investor hätte damals in der „Mini-Bankenkrise“ (Silicon Valley Bank und First Republic gingen pleite) jedoch eher zu Titeln wie Wells Fargo oder Citigroup gegriffen.

Dies sollte nur dem Verständnis des Lesers dienen, um meine Depotentscheidungen einzuordnen. Ich möchte in diesem Leserbrief das Depot meiner Großeltern vorstellen, welches ich seit ca. 1,5 Jahren von null aufbauen durfte und bei dem sie mir komplett vertrauen. Kurz zur Info: Sie hatten davor noch nie etwas mit Aktien am Hut. Sie haben dann aber durch meinen beruflichen Werdegang Interesse daran gefunden.

Wichtig waren mir für dieses Depot regelmäßige Dividenden, die schneller wachsen als die Inflation, stabile und robuste Firmen, also Bluechips, sowie eine moderate Bewertung. Es geht bei diesem Depot für zwei knapp 80-jährige Personen also nicht darum, das nächste Apple zu finden, sondern ein solide geführtes Depot aus Bluechips zu bauen, die regelmäßig Dividenden ausschütten. Mit diesen können sie sich dann etwas Schönes kaufen, was ihre Lebensqualität im Alter noch einmal steigert.

So ist das Depot aktuell aufgestellt

Finanzen: Allianz und Münchener Rück
Basiskonsum: Nestlé, Philip Morris, PepsiCo und Procter & Gamble
Pharma: Johnson & Johnson
Zyklischer Konsum: LVMH
Tech: Microsoft
Immobilien: Realty Income

Monatlich bespart wird dazu der Vanguard High Dividend ETF, natürlich ausschüttend.

Aktuell sind alle Titel — bis auf Münchener Rück, die momentan ungefähr plus/minus null steht, und P&G — im Plus. Das Depot ist seit Start knapp 11 % gestiegen, exklusive der Dividenden, also reine Kursgewinne. Für eine solch defensive Aufstellung finde ich das solide.

Auf der Watchlist befinden sich aktuell folgende Titel:

J. P. Morgan Chase, Coca-Cola, McDonald’s, Roche, Siemens, ExxonMobil und Jardine Matheson.

Die Titel werden jeweils mit einem niedrigen vierstelligen Betrag gekauft und dann einfach im Depot liegen gelassen. Der ETF wird monatlich bespart. Von Schwankungen lassen wir uns nicht beeindrucken. Und ich habe meinen Großeltern auch immer wieder — erfolgreich — eingetrichtert, dass die Schwankungen an den Märkten der Preis für die Überrendite gegenüber beispielsweise Anleihen sind.

Das Depot bringt 3,5% Dividende

Wenn wir mit diesem Portfolio also 3,5 % Dividendenrendite, ein Dividendenwachstum von ca. 5 % p. a. und ein Beta von unter 1 hinbekommen, bin ich zufrieden.

Kurz noch zum Abschluss: Erstens, ja, ich weiß, Einzeltitel werden von vielen kritisch gesehen. Aber es macht die Sache für komplette Neuaktionäre greifbarer, wenn man erklärt: Ihr besitzt einen kleinen Teil von Pepsi. Und alle paar Wochen wirft das Depot eine Auszahlung aufs Konto ab.

Und zweitens: Ja, ich verstehe, dass mein Ansatz für viele reine Value-Investoren schwer nachvollziehbar ist. Aber lieber kaufe ich eine ExxonMobil zu einem moderaten Preis, die ihre Dividende seit Jahrzehnten steigert und eine unglaublich starke Bilanz hat, als dass ich eine Petrobras aus Brasilien kaufe, die zwar deutlich mehr Dividende zahlt und unfassbar günstig bewertet ist, bei der ich mich aber nicht darauf verlassen kann, dass sie auch nächstes Jahr die Dividende in diesem Umfang auszahlt, sollte der Ölpreis sinken.

Ich hoffe, ihr konntet diesem etwas anderen Leserbrief etwas abgewinnen. Und freue mich auf eure Meinungen!

Euer

Jan Müller* (dieser Namen ist geändert worden)

5 1 Bewertung
Artikel-Bewertung

bitte lösen Sie diese einfache Aufgabe (Spamschutz) *Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

0 Kommentare
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Ähnliche Beiträge
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x