Ich lebe seit 2006 in New York City. Wenn ich morgens durch Manhattan gehe, spüre ich diese Energie. Es ist laut, es ist hektisch, es ist der pure Kapitalismus.
Hier in den USA sehe ich Dinge, die mich manchmal den Kopf schütteln lassen – etwa den extremen Konsum auf Pump. Aber ich sehe auch etwas, das mir in meiner alten Heimat Deutschland oft fehlt, und das essenziell ist, wenn man Vermögen aufbauen will: Eine gesunde Einstellung zu Erfolg und Geld.
Es gibt einen fundamentalen Unterschied, wie Amerikaner und Deutsche auf Reichtum blicken. Und dieser Unterschied entscheidet oft darüber, ob man sein Leben lang für Geld arbeitet oder ob man Geld für sich arbeiten lässt. Ich lasse lieber mein Geld für mich arbeiten – das macht das Leben leichter. Wenn du das früh genug machst, musst du dir nicht um die Altersvorsorge Sorgen machen. Dann kannst du in den Frühruhestand, ohne dass es knapp wird.
Wir müssen über unsere deutsche „Neidkultur“ sprechen – und darüber, warum sie dich ärmer macht, als du denkst.
Das Nullsummenspiel im deutschen Kopf
Machen wir ein Gedankenexperiment. Ein neuer Nachbar zieht ein. Er ist jung und fährt einen nagelneuen Porsche 911 in die Einfahrt.
Die typisch deutsche Reaktion: Die Gardine bewegt sich einen Spaltbreit. Das Getuschel beginnt. „Woher hat der das Geld? Bestimmt geerbt. Oder krumme Geschäfte gemacht. Und überhaupt, muss man so protzen? Der Angeber.“ Der Reflex ist Skepsis, Missgunst und die moralische Keule. In Deutschland gilt oft das unausgesprochene Gesetz: Wer viel hat, muss es jemand anderem weggenommen haben. Reichtum wird als Nullsummenspiel betrachtet.
Die typisch amerikanische Reaktion: „Wow, cooles Auto! Was macht der Typ beruflich? Das will ich auch erreichen. Vielleicht kann ich was von ihm lernen.“ Der Reflex ist Neugier, Bewunderung und Inspiration. Erfolg wird nicht als moralischer Makel gesehen, sondern als Beweis, dass es möglich ist, aufzusteigen.
Amerikaner sind auch offener, was ihr Gehalt angeht. Sie machen kein Staatsgeheimnis draus. Du kannst in den USA das Gehalt eines Mitarbeiters im Öffentlichen Dienst im Internet nachschauen. Du kannst nachschauen, was Menschen für ihre Immobilie bezahlt haben und wie viel Hypothek sie aufgenommen haben bei welcher Bank. In Norwegen, Schweden und Finnland sind individuelle Steuerdaten publik.
Der Amerikaner sieht den Millionär als Vorbild („Role Model“), der Deutsche sieht ihn als Feindbild.
Der unsichtbare Dieb in deinem Tresor
Diese Neidkultur ist der Nährboden für die deutsche Angst vor der Börse. Aktien werden als „Zockerei“ der gierigen Elite abgetan. Man bleibt lieber beim „sicheren“ Sparbuch oder Girokonto und fühlt sich moralisch überlegen. Selbst Ex-Bundesfinanzminister Olaf Scholz (und Ex-Kanzler) argumentierte in diese Richtung.
Doch genau hier liegt der verhängnisvolle Irrtum. Viele Deutsche leiden an einer gefährlichen optischen Täuschung. Sie schauen auf ihr Girokonto und sehen: 10.000 Euro. Ein Jahr später schauen sie wieder hin: Immer noch 10.000 Euro. Das Gefühl: „Puh, mein Geld ist sicher.“
Das ist die größte Lüge, die du dir selbst erzählst.
In Wahrheit findet gerade ein Raubüberfall statt. Aber er passiert so langsam, dass du ihn nicht bemerkst. Dieser Räuber heißt Inflation.
Sparer zu sein bedeutet heute, sein Vermögen freiwillig der schleichenden Enteignung zu überlassen. Bei einer Inflation von nur 3% halbiert sich deine Kaufkraft in rund 24 Jahren. Das Geld ist nominell noch da, aber du kriegst nur noch einen halben Einkaufswagen dafür.
Wir müssen Risiken neu definieren:
- Aktienmarkt: Das Risiko ist, dass die Kurse schwanken. Aber langfristig ging es historisch immer nach oben. Ich kaufe Aktien und verkaufe sie deshalb nie mehr! Das ist mein Ziel. Einmal ins Depot und dann liegenlassen – das ist mein Motto. SAP, CTS Eventim, Villeroy & Boch, Frosta und andere Aktien habe ich seit Ewigkeiten im Depot. Und sie bleiben dort.
- Sparbuch: Hier gibt es keine Schwankungen. Hier hast du die Garantie, dass du verlierst.
Inflation ist der beste Freund der Aktionäre. Warum? Weil Unternehmen (wie Coca-Cola, Netflix oder Microsoft) bei steigenden Kosten einfach die Preise erhöhen. Die Gewinne steigen mit der Inflation – und damit langfristig auch die Kurse. Die Aktie ist ein Sachwert, der dich schützt. Das Sparbuch ist ein Geldwert, der dich ausliefert.
Was wir von den Amis lernen müssen (und was nicht)
Ich sage nicht, dass wir alles aus den USA übernehmen sollen. Die amerikanische Schuldenmentalität – Konsum auf Pump für Statussymbole – ist eine Katastrophe. Da lob ich mir meine deutsche Sparsamkeit und den Frugalismus.
Aber wir brauchen dringend eine Injektion des amerikanischen Optimismus. Und der Aktienkultur.
Wir müssen aufhören, auf die Crash-Propheten zu hören, die in Deutschland Bestseller schreiben, indem sie den Weltuntergang predigen. Wir müssen lernen, dass Investieren Notwehr gegen die Geldentwertung ist.
Das amerikanische Mindset, das wir brauchen:
- Vom Neid zur Neugier: Wenn jemand erfolgreicher ist als du, frag dich nicht, wie du ihn runterziehen kannst. Frag dich, was du tun musst, um auf sein Level zu kommen.
- Risiko akzeptieren statt fliehen: Die Amerikaner wissen: Ohne Risiko keine Rendite. Wer 100% Sicherheit will, bekommt 0% Zinsen und verliert gegen die Inflation. Investieren in Qualitätsaktien bzw. ETFs ist der Weg aus dem Hamsterrad.
- Groß denken: In Deutschland wird man oft belächelt, wenn man große Ziele hat. In den USA heißt es: „The sky is the limit.“
Fazit: Such dir Vorbilder, keine Feindbilder
Es wird Zeit, die deutsche Miesepetrigkeit abzulegen, wenn es ums Geld geht.
Warte nicht auf den „perfekten Zeitpunkt“. Jeden Tag, an dem dein Geld untätig auf dem Konto liegt, nagt die Inflation daran. Hör auf, Sicherheit mit Stagnation zu verwechseln. Echte Sicherheit hast du nur, wenn deine Kaufkraft wächst.
Sei ein sparsamer Deutscher bei deinen Ausgaben, aber sei ein optimistischer Amerikaner bei deinen Investments. Das ist die unschlagbare Kombination. Wie kam ich auf Aktien? Meine Idole waren Warren Buffett und Charlie Munger. Und ich habe von Peter Lynch und John Templeton viel gelernt.
Bleib rational, bleib optimistisch.
Dein Tim
Cooler Artikel! Für mich sogar der Beste, den ich hier bisher gelesen habe.
Starker Beitrag, wie immer. Es ist super wichtig, dass man optimistisch und aufgeschlossen ist. Ohne diese Einstellung verbleibt man bei seinen Gewohnheiten, die einen zurückhalten. Ich habe selber gelernt, Menschen nicht mehr zu beneiden. Stattdessen versuche ich jeden Moment aufzusaugen, um von ihnen zu lernen.
Danke Tim !
Sehr schöner und wichtiger Artikel!
Würde nicht schaden, diesen Artikel an Freunde und Menschen zu schicken, die einem wichtig sind!
Vielen Dank lieber Tim.
Toller Artikel; genauso ist es!
Aber du wirst die deutsche Mentalität nicht ändern! Angst und Neid ist tief verwurzelt. Der Deutsche meidet Eigenverantwortung und Risiko. Es herrscht die Ansicht, der Staat hat gefälligst für mich zu sorgen.
„Aktiensparen ist wie Lotterie spielen“ predigen uns linke Politiker und Gewerkschaftsführer.
Dann also lieber exzessive Sozialausgaben und ein kollabierendes Rentensystem.
Grüße aus dem Allgäu,
Gerry
@Tim
Deutschland hat sich in vielen Bereichen bereits stark gewandelt.
Das Buch von Thomas Kehl steht seit Langem in den SPIEGEL-Bestsellerlisten für Sachbücher. Unter den erfolgreichsten Unicorns bildet sich ein starkes Trio, zu dem Trade Republic gehörit. Mit einer Bewertung von rund 12,5 Mrd. € das wertvollste deutsche Startup Ende 2025.Trade Republic zieht vermutlich nicht nur außerhalb Deutschlands EU-weit Kapital an Die Deutschen sind somit gut informiert und setzen es in die Praxis um. Politik wird meist von Älteren gemacht (soll keine Altersdiskriminierung sein). Die Älteren hier im Forum sind natürlich geistig jung geblieben und voll auf Kurs. Sonst würden sie nicht in Aktien/ETFs investieren.
In meinem Umfeld haben alle jungen Kollegen Sparpläne. Ihnen ist klar, dass die Rente nicht ausreichend sichert.Dieser Mentalitätswandel könnte sich allerdings ändern. Historisch sind Deutsche in Phasen stärker in Aktien investiert. Der nächsten Crash wird zeigen, ob die Mentalität diesmal von Dauer ist.
In Bullenmärkten meistert jeder das Risiko und erträgt Gewinne. Erst bei Ebbe zeigen sich die wahren Überlebenden. Dank der nicht zufriedenstellenden Rentensituation bleibe ich optimistisch: Der Wandel ist nachhaltig – er muss nur die Feuertaufe bestehen.
Ray Dalio ist neben den anderen beiden Herren für mich ein Top-Vorbild. Seine knappe Erklärung zur Wirtschaftsmaschine auf YouTube (offizieller Kanal „Principles by Ray Dalio“) ist empfehlenswert.
Mein Rat an junge Menschen.
Bleibt am Ball und versucht Euch über Euer Risikoprofil Gedanken zu machen. Und entsprechend zu investieren. Chancen/Risiken sind nicht über die wirtschaftlichen Zyklen gleich verteilt. Wenn der Crash kommen sollte, werdet Ihr langfristig am meisten profitieren. Dafür müsst Ihr „nur“ investiert bleiben und vielleicht in der schweren Phase die extra Meile gehen. Meine Cash-Quote ist momentan außergewöhnlich hoch. Aktuell erhöhe ich meine Resilienz durch Abbau von Verbindlichkeiten. Im Anschluss wird es dann mit stark erhöhter Durchschlagskraft deutlich schneller weiter gehen.
Zur Wahrheit gehört: Es ist heute viel einfacher in Aktien zu investieren als vor 30 Jahren. Smartphone, Apps, Internet, Onlinebanking, ETFs, Sparpläne, große Auswahl. Und immer mehr Leute haben es verstanden. Und das ist sehr gut.
Allerdings sollte auch der Staat in D diese Bewegung besser fördern durch höhere Freibeträge (waren früher deutlich besser) oder besser Steuerfreiheit wie vor 2009. Mein Eindruck ist aber eher gegenteilig. Begehrlichkeiten wachsen möglichst alles zu besteuern. Man denkt zwar über eine Art Altersvorsorge-Depot nach, aber mit vielen Restriktionen. Bei anderen Finanz-Themen bleibt Poltiik dagegen blind. Beispiel:
Beim Sparkassen?Raub in Gelsenkirchen taucht die Frage auf, ob alle in den Schließfächern gelagerten Vermögen u.a. korrekt versteuert waren angesichts der laut Ermittler offensichtlich sehr hohen Schadenssumme….
„Nur weil du die Realität ignorierst, heißt das nicht, dass sie dich auch ignorieren wird“ Charlie Munger
Ich finde so Schubladendenken & geistige Vorurteile gegenüber Millionen von Menschen oder einer speziellen Nation verkürzt & diese Vorurteils-Geschichten können die größten Bibliotheken der Welt füllen.
Klingt für mich so, als ob Amerikaner Neid nicht kennen würden.
Wenn du niemals deine Aktien verkaufen willst, muss du von Jugendamt zwei Kinder kaufen, die deine Millionen Pesos erben werden. Oder wird deine Millionen Pesos das Tierheim von Mannheim erben.