Volkswagen-Aktie: Value-Falle oder günstige Turnaround-Chance?

Volkswagen hat die Unterstützung seiner Gewerkschaften für einen Umbau. Noch nie zuvor gab es in der 89-jährigen Geschichte des deutschen Automobilherstellers so tiefe Einschnitte. CEO Oliver Blume kürzt erneut rund 50.000 Stellen, in Summe gehen 100.000 Jobs verloren. Die Kosten müssen runter, sagt Blume. Der Grund: Er behauptet, dass die Kosten 30 Prozent höher liegen als bei der Konkurrenz.

Dass die Gewerkschaften zustimmen, gibt ihm Luft. Die neuen Rivalen aus China und die hohen US-Zölle machen den deutschen Autobauern zu schaffen. Auch die Innovationen wie autonomes Fahren oder E-Antrieb kosten enorme viel Geld. Die Folge sind schrumpfende Gewinnmargen.

Die Volkswagen-Vorzüge legten am Freitag um 6% auf 81 Euro zu. Die Ankündigung des Kahlschlags kam also gut an. Die Aktie bleibt aber stark verbeult. Das Traditionsunternehmen hat allein seit Januar ein Viertel seines Wertes verloren. In 5 Jahren sind 60% Börsenwert in Flammen aufgegangen.

Blume streicht nicht nur Stellen, sondern auch die Produktion. Ein Drittel der Kosten will er wegaxen. Sein Vorhaben sieht bis 2030 den Stellenabbau von 100.000 Stellen vor, also geht es schrittweise. 15 Prozent der weltweiten Belegschaft soll wegfallen. Die Zahl der Volkswagen-Modelle soll sich halbieren und die Produktion auf neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr sinken.

Werksschließungen und Rüstungsprojekte machen Hoffnung

Die Niedersachsen sehen für die Werke in Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm keine Zukunft mehr über das Jahr 2030 hinaus. Dennoch besteht die Chance auf Werksschließungen zu verzichten, wenn man neue Wege gehen würde wie etwa durch die Umstellung auf Rüstungsgüter. Blume spricht daher mit Rüstungskonzernen. Vielleicht wird er mit Rheinmetall zusammenarbeiten? Vielleicht holt er chinesische Autopartner nach Europa?

Lange Zeit lief der chinesische Automarkt für die Wolfsburger glänzend, doch sind die Verkaufszahlen dort eingebrochen. Der Grund: Die chinesische Unternehmen haben eben bei Elektroautos die Nase vorn. Peking hatte die Entwicklung von E-Antrieben staatlich gefördert und so für eine beträchtliche Konkurrenz gesorgt. Die Chinesischen haben niedrigere Kosten.

Wie bei Mercedes-Benz und BMW haben die Arbeitnehmer bei Volkswagen die Hälfte der 20 Sitze im Aufsichtsrat. Die Aktionäre haben 10 Sitze. Bei Volkswagen kommt hinzu: Das Land Niedersachsen hat zwei Vertreter im Aktionärsrat, das Land besitzt immerhin 20 Prozent der Stimmrechte.

Die Sanierung wird kein Zuckerschlecken. Zischen Januar und Juni setzte Volkswagen 158 Milliarden Euro um. Das waren circa 300 Millionen Euro weniger als vor Jahresfrist. Der Gewinn ging um fast zwölf Prozent auf 5,9 Milliarden Euro zurück. Zuletzt hat sich die Krise weiter verschärft.

Die Stimmung ist im Keller

Die Stimmung rund um den Wolfsburger Autobauer ist jedenfalls im Keller. Es wird der harte Gegenwind aus China fortbestehen uns die Elektromobilitäts-Wende wird weiter stocken. Doch genau bei solch extremem Pessimismus werden antizyklische Value-Investoren hellhörig.

VW notiert an der Börse zu einer Bewertung, die auf den ersten Blick absurd günstig erscheint. Ein extrem niedriges einstelliges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und eine üppige Dividendenrendite locken Schnäppchenjäger an. Gut möglich, dass die Dividende freilich eingestellt wird, zumindest vorüber gehend. Die Börse preist derzeit ein absolutes Worst-Case-Szenario ein und ignoriert dabei die immensen Werte, die im Konzern schlummern.

Was für die Aktie spricht:

  • Enorme Substanz: Premium-Töchter wie Porsche und Audi erwirtschaften weiterhin massive Cashflows und starke Margen, die das schwächelnde Volumengeschäft der Kernmarke abfedern.
  • Schmerzensgeld: Solange die Ausschüttung nicht komplett gestrichen wird, kassieren Investoren eine hohe Dividendenrendite, die das Warten auf den Turnaround versüßt.
  • Erwachen der Top-Etage: Die akute Krise erzwingt den längst überfälligen Umbau. Der riesige Apparat muss zwingend schlanker und effizienter werden. Jeder dauerhaft eingesparte Euro stärkt mittelfristig die Margen.

Die größten Risiken:

  • Der China-Faktor: Im wichtigsten Automarkt der Welt hat VW massiv Marktanteile an schnelle, lokale Konkurrenten wie BYD verloren. Diesen Rückstand aufzuholen, kostet Zeit und Milliarden.
  • Strukturelle Bremsklötze: Die komplexen Machtverhältnisse zwischen der Familie Porsche-Piëch, dem Land Niedersachsen und den mächtigen Gewerkschaften machen schnelle, radikale Konzernentscheidungen schwer.

Fazit für Buy-and-Hold-Anleger Ist VW aktuell ein Kauf? Für kurzfristig orientierte Anleger ist das Papier zu volatil und nachrichtengesteuert. Für geduldige Value-Investoren mit einem Horizont von zehn oder mehr Jahren bietet das jetzige Kursniveau jedoch eine ordentliche Sicherheitsmarge. Wer einsteigt, kauft keinen Wachstumswert, sondern wettet darauf, dass VW nicht untergeht, sondern seine Hausaufgaben macht. Es braucht starke Nerven – doch historische Krisenbewertungen waren rückblickend oft hervorragende Einstiegschancen.

Glaubst du, dass VW das Schlimmste bereits eingepreist hat. Oder meidest du Aktien mit solch komplexen Aktionärsstrukturen?

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