An der Wall Street wird oft maßlos übertrieben. Wenn es gut läuft, werden Unternehmen in den Himmel gelobt und zu absurden Bewertungen gehandelt. Läuft es aber mal ein paar Quartale schlecht, wird sofort der Untergang heraufbeschworen. Die Herde rennt in Panik zu den Ausgängen.
Als langfristiger Investor (Buy-and-Hold) liebe ich solche Phasen. Genau dann, wenn die Analysten ihre Kursziele panisch nach unten korrigieren und die Schlagzeilen düster sind, entstehen die besten Einstiegschancen. Man kauft die Aktien von Qualitätsunternehmen zu einem Bruchteil dessen, was sie noch vor ein bis zwei Jahren gekostet haben.
Hier sind sieben bekannte Unternehmen, deren Aktienkurse massiv abgestürzt sind, die aber aufgrund ihrer Substanz und Marktstellung starke Kandidaten für einen Turnaround (Kurswende) sind.
1. Intel (INTC)
Der einst unangefochtene König der Halbleiterindustrie wurde von Nvidia und AMD brutal abgehängt. Managementfehler, Verzögerungen bei neuen Chip-Generationen und hohe Kosten für den Bau neuer Fabriken (Foundries) haben die Aktie abstürzen lassen. Deshalb bin ich zuversichtlich: Intel baut sich gerade massiv um. Das Unternehmen investiert Milliarden in neue Produktionsstätten in den USA und Europa, stark subventioniert vom Staat. Die Welt braucht Chips, und der Westen will sich unabhängiger von Asien (Taiwan) machen. Wenn der Plan von CEO Lip-Bu Tan aufgeht und Intel als Auftragsfertiger für andere Firmen Fuß fasst, ist die Bewertung moderat im Branchenvergleich. Aber der Kurs hat schon in den vergangenen 12 Monaten um fast 500% zugelegt. Ich habe in den Jahren zuvor die Aktie in der Dauerkrise eingesammelt. Und halte jetzt durch. Ich stehe endlich mit dem Papier im Plus.
2. Nike (NKE)
Der größte Sportartikelhersteller der Welt hat eine harte Zeit hinter sich. Schwache Verkaufszahlen in China, zu viel Fokus auf den Direktvertrieb und ein Mangel an echten Innovationen haben die Marke verstauben lassen. Die Konkurrenz durch aufstrebende Marken wie On oder Hoka ist spürbar. Warum es Hoffnung gibt: Nike bleibt eine der stärksten Marken der Welt. Solche Ikonen verschwinden nicht einfach. Der Vorstand wurde ausgetauscht, man besinnt sich wieder auf den Großhandel und fokussiert sich auf die Kernkompetenzen. Wenn die neuen Produktlinien greifen und die Lagerbestände abgebaut sind, wird die Gewinnmarge wieder steigen, hoffe ich. Ich kaufe die abgestürzte Sport-Aktie seit Jahren. Um ehrlich zu sein: Ich bin viel zu früh rein und bin bis dato ziemlich enttäuscht. Es wird aber wieder.
3. Starbucks (SBUX)
Lange Wartezeiten, zu komplexe Menüs und sinkende Kundenzahlen in den USA sowie ein schwächelndes China-Geschäft haben den Kaffeegiganten in die Krise gestürzt. Weltweit greift die chinesische Luckin-Coffee-Kette an. Warum es Hoffnung gibt: Starbucks hat mit Brian Niccol (dem ehemaligen Chef von Chipotle) einen absoluten Turnaround-Experten an die Spitze geholt. Seine Strategie ist simpel: Zurück zu den Wurzeln. Gemütlichere Cafés, ein einfacheres Menü und ein Barista-Erlebnis, das den Namen verdient. Die Marke zieht immer noch jeden Tag Millionen Menschen an. Wenn die Abläufe wieder runder laufen, kehrt auch der Aktienkurs zurück. 2,5% bringt immerhin die Dividende derzeit ein.
4. Boeing (BA)
Kaum ein Großkonzern hat in den letzten Jahren so viel Vertrauen verspielt wie Boeing. Produktionsmängel, grounded Flugzeuge, Streiks und ein massiver Schuldenberg belasten den Flugzeugbauer. Warum es Hoffnung gibt: Boeing operiert in einem globalen Duopol mit Airbus. Die Welt braucht Flugzeuge, und die Auftragsbücher bei Boeing sind auf Jahre hinaus prall gefüllt. Es gibt schlichtweg keine Alternative für die Airlines. Unter dem neuen CEO Kelly Ortberg wird nun die Qualitätskontrolle gestärkt. Ein Turnaround wird Jahre dauern, aber die strukturelle Nachfrage ist gigantisch. Ich habe Boeing-Aktien im Depot. Und das seit Jahren. Ich gebe kein Stück her.
5. Estée Lauder (EL)
Der Kosmetikgigant (MAC, Clinique, La Mer) hat massiv unter der Kaufzurückhaltung in China und dem schleppenden Reisegeschäft (Duty-Free an Flughäfen) gelitten. Die Gewinnwarnungen häuften sich, der Kurs kollabierte. Der Chart hat schockierende Falten. Warum ich Hoffnung habe: Luxuskosmetik ist ein extrem margenstarkes Geschäft. Die Marken von Lauder haben eine enorme Strahlkraft und Preissetzungsmacht. Krisen in Asien sind oft zyklischer Natur. Mit dem laufenden Sparprogramm und einem frischen CEO wird der Konzern verschlankt. Wenn der Konsum anzieht, sprudeln hier schnell wieder die Gewinne. Ich habe die Aktie begonnen, einzusammeln. Noch stehe ich ziemlich im Minus. Ich hoffe aber auf die Wende. Der Umsatz im ersten Quartal stieg immerhin, aber der Gewinn schrumpfte massiv.
6. PayPal (PYPL)
Während der Corona-Pandemie war PayPal der Liebling der Wall Street. Danach folgte der totale Absturz, weil die Konkurrenz (Apple Pay, Google Pay) stärker wurde und das Wachstum sich normalisierte. Warum es Hoffnung gibt: PayPal ist nach wie vor eine absolute Cash-Cow. Das Unternehmen sitzt auf Bergen von Bargeld, kauft im großen Stil eigene Aktien zurück und hat Hunderte Millionen aktiver Nutzer. Unter dem neuen CEO Enrique Lores wird das Unternehmen effizienter. Er fokussiert sich auf profitable Nischen und Geschäftskunden. Aber es gab viele Wechsel an der Spitze. Die Aktie ist historisch günstig bewertet. Das KGV beträgt nur 6.
7. Tractor Supply (TSCO)
Der Retailer, der Landwirte und Hobbygärtner versorgt, hat ein paar schwache Quartale vorgelegt, woraufhin der Kurs abgestürzt ist. Das macht mir Hoffnung: Die Marge dürfte wieder Fahrt aufnehmen, dann wird der Kurs sich erholen. Ich habe über das traditionsreiche Unternehmen im Blog geschrieben. Das Problem ist derzeit, dass die Verbraucher einfach weniger Geld zur Verfügung haben aufgrund der hohen Inflation. Dann wird eben der Kauf von einem neuen Rasenmäher oder andere teure Anschaffungen aufgeschoben. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Mein Fazit
Wer auf einen Turnaround setzt, braucht einen langen Atem. Nicht jede dieser Firmen wird es schaffen, zu alten Höchstständen zurückzukehren. Deshalb ist Diversifikation das oberste Gebot. Man setzt nie sein gesamtes Geld auf nur ein Pferd.
Aber wer sich ein breit gestreutes Portfolio aus solchen abgestürzten Qualitätsaktien zusammenstellt, diese liegen lässt und die Dividenden reinvestiert, hat in ein paar Jahren oft eine sehr erfreuliche Rendite. Kaufen, wenn die Kanonen donnern – und dann einfach geduldig abwarten. Um ehrlich zu sein, ist Intel bereits dem Krisenniveau entkommen.