Wie sparen eigentlich Amerikaner für die Rente?


New York, 15. Januar 2015

Für das Weiße Haus ist es eine Herzensangelegenheit geworden, dass die US-Bürger ausreichend fürs Alter vorsorgen. Viele Programme hat die Regierung in den vergangenen Jahrzehnten aufgelegt, um steuerbefreites Aktiensparen zu ermöglichen. Allerdings sind diese Programme keinerlei Pflicht. Nur die Hälfte der Bürger machen von ihnen bislang Gebrauch.

Präsident Barack Obama möchte mehr Menschen motivieren, Geld für die goldenen Jahre zurückzulegen. Er hat daher ein neues Programm vor einem Jahr angekündigt. Es heißt „myRA“. Es soll jenen helfen, die noch nicht mit dem Aktiensparen angefangen haben. Er hofft, Millionen von Menschen dafür zu begeistern. Allerdings sind mit dem neuen Programm nur die Renditen der Staatsanleihen zu verdienen. Es handelt sich um ein gebührenfreies Angebot. Obama möchte eben die ängstlichen Kleinsparer an Bord holen.

Das Weiße Haus.

Das Weiße Haus in Washington. Präsident Barack Obama möchte Amerikaner motivieren, mehr für das Rentenalter zu sparen.

Amerika löst sein Rentenproblem über die Börse. Neben der gesetzlichen Rente sparen die Amerikaner über die Börse. Der Chef hilft dabei mit Zuschüssen. Das Investieren haben die Amerikaner automatisiert. Sie machen es über mehrere Jahrzehnte. Die Personalabteilung hat mit Banken kostengünstige Vorauswahl an Produkten vereinbart.

Amerika löst sein Rentenproblem über die Börse. Neben der gesetzlichen Rente sparen Amerikaner über die Börse. Der Chef hilft dabei mit Zuschüssen. Das Investieren haben die Amerikaner automatisiert. Sie machen es über mehrere Jahrzehnte über ihr Monatsgehalt. Die Personalabteilung hat mit Banken eine kostengünstige Vorauswahl an Produkten getroffen. Der klassische Weg führt über Indexfonds oder ETFs mit minimalsten Gebühren. Die Depotverwaltung ist gratis.

Die Bürger greifen im Regelfall auf die beiden Marktführer Vanguard (Foto: Gründer Jack Bogle) und Fidelity zurück, wenn sie Indexfonds bzw. ETFs kaufen.

Die Bürger greifen im Regelfall auf die beiden Marktführer Vanguard (Foto: Gründer Jack Bogle) und Fidelity zurück, wenn sie Indexfonds bzw. ETFs kaufen. Im Schnitt hat jeder Amerikaner 101.000 Dollar im Aktiendepot für die Rente

Obama sagte in einer Rede vor einem Jahr:

„Lassen Sie uns mehr Amerikanern helfen, um für den Ruhestand vorzusorgen, die meisten Arbeiter haben keine Betriebspension. Ein Scheck der gesetzlichen Rente reicht oft nicht alleine aus. Obwohl sich der Aktienmarkt in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt hat, hilft es eben jenen nicht, die keine 401-(k)-Depots für die Rente haben. Deshalb werde ich das Finanzministerium anweisen, einen neuen Weg für Amerikaner zu schaffen, um für den Ruhestand zu sparen, es heißt myRA.“

Hier der Original-Text:

Let’s do more to help Americans save for retirement. Today, most workers don’t have a pension. A Social Security check often isn’t enough on its own. And while the stock market has doubled over the last five years, that doesn’t help folks who don’t have 401(k)s. That’s why … I will direct the Treasury to create a new way for working Americans to start their own retirement savings: myRA.

Lassen Sie mich kurz zusammenfassen, was für Werkzeuge Amerikanern zur Verfügung stehen, um ein Ruhestandspolster aufzubauen.

 

Das klassische Depot für den Arbeitnehmer heißt: 401(k)

Es gibt die „401(k)-Depots“. Sie werden aus dem Brutto bespart. Die Sparbeiträge wandern also aus dem Bruttoeinkommen steuerfrei ins Depot. Meist ist es ein automatisierter, monatlicher Prozess, der mit dem Arbeitgeber abgestimmt ist. Arbeitnehmer investieren in Indexfonds, ETFs, Aktien-, Anleihe- oder Mischfonds. Der Chef fördert die Sparbeiträge seiner Mitarbeiter häufig mit einem Bonus. Während der Sparphase fallen keine Steuern auf Dividenden oder Kursgewinne an. Die Gebühren sind minimal.

 

Für alle Sparfüchse gibt es zusätzlich das Roth-Depot, um schneller zum Ziel zu kommen

Darüber hinaus gibt es die „Roth-Depots„. Sie sind nach dem ehemaligen Senator William Roth benannt. Dieses Werkzeug steht jedem Bürger zusätzlich neben den anderen Programmen zur freien Verfügung, solange es sich um keinen Großverdiener handelt. Es wird hier aus dem Nettoeinkommen gespart. Bis zu 5.500 Dollar im Jahr. Wer älter ist, kann die Sparleistung auf 6.500 Dollar hochfahren. Im Alter sind die angesparten Gelder einschließlich der erzielten Rendite steuerfrei zu beziehen. Alle Erträge sind während der Ansparphase frei von Steuern. Die Sparbeiträge werden im Regelfall in ETFs, Index-, Misch- oder Aktienfonds investiert.

 

Für Selbstständige gibt es die SEP-IRA-Depots

Für Selbstständige gibt es „SEP IRA-Depots„. Diese werden aus dem Brutto bespart. Während des Sparens fallen keine Steuern an. In der Erntephase müssen die Entnahmen wie ein Einkommen mit der gewöhnlichen Steuererklärung versteuert werden.

 

Jeder Amerikaner hat im Schnitt 101.000 Dollar im Rentendepot

Im Schnitt hat jeder Angestellte rund 101.000 Dollar in seinem Aktiendepot für die Rente angesammelt. Das hat die führende Fondsgesellschaft Vanguard nach Auswertung seiner Kundendaten festgestellt.

Ich kenne eine Krankenschwester, die hat knapp eine Million Dollar in ihrem Aktiendepot für die Rente. Sie ist jetzt 60 Jahre alt. Ihr Erfolgsgeheimnis: Sie sparte einfach stur ihr gesamtes Arbeitsleben direkt aus ihrem Gehalt in das Aktiendepot. Sie hat stets das Maximum herausgeholt. Ihr Chef gab immer einen Bonus obendrauf. Durch den Zinseszins entfaltete sich eine Hebelwirkung. Neben dieser einen Million hat sie einen Anspruch auf gesetzliche Rente ab dem 62. Lebensjahr.

Das Gute an Amerikas Aktiendepots für die Rente ist: Die langfristige Rendite ist attraktiv. Die Gebühren sind niedrig. Das Sparen ist sehr transparent und einfach. Das Geld ist vererbbar. Das Sparen ist steuereffizient. Der Chef hilft mit einem Zuschuss. Es ist langfristig ausgerichtet. Gibt es Probleme, hilft die Personalabteilung des Arbeitgebers.

Das Sparen für die Rente machen die Amerikaner clever. Ich halte die Vorgehensweise für modern, tragfähig, kostengünstig, transparent, effizient. Ohne Umwege in Produktivkapital (Unternehmen) zu investieren, verspricht auf lange Sicht die höchsten Renditen.

Ein Nachteil des US-Systems ist die Abhängigkeit von der Börse. Amerikaner wissen jedoch, dass sie langfristig investieren müssen. Sie wissen, dass es schwache Jahre oder gar Crashs geben wird. Durch das sture monatliche Investieren werden Börsenschwächen (niedrige Einstiegskurse) positiv genutzt. Bürger fahren – je älter sie werden – ihren Aktienanteil zurück und schichten in Anleihen um, um das Kursrisiko zu minimieren. Das ist aber jedem selbst überlassen.

Amerikaner geben keine gigantischen Summen für Vertriebstrupps oder Verwaltungskosten aus. Sowohl die Finanzbranche als auch die Bürger arbeiten Hand in Hand an einem Ziel: So viel wie möglich zu sparen. Natürlich ist kein System frei von Fehlern.

Riester und Rürup sind in meinen Augen keine modernen Investment-Pläne. Riester- und Rürup-Versicherungen sind eher mit einer Kapitallebensversicherung wegen der geringen Rendite und hohen Gebühren vergleichbar. Leider. Es gibt über Riester zwar die Möglichkeit, in einen Indexfonds zu sparen, doch ist die Ausgestaltung zu bürokratisch und zu teuer.

Berlin würde ich eine ehrliche, selbstkritische Bestandsaufnahme empfehlen. Übrigens hat mich Blogger Stefan Obersteller von Geldbildung.de interviewt. Wir sprachen über das amerikanische Rentensystem, über die Börse und New York. Das Podcast dauert etwa 45 Minuten: http://www.geldbildung.de/interview-tim/


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wie sparen eigentlich Amerikaner für die Rente?

  1. ZaVodou

    Im Schnitt hat jeder Amerikaner rund 101.000 Dollar in seinem Aktiendepots für die Rente angesammelt.

    Wenn einer nichts auf seinem Konto hat und ein anderer 200.000 Dollar, haben – statistisch gesehen – jeder 100.000 Dollar.

    Außerdem bleibt die Frage offen, wie viele Jahre er –  statistisch gesehen – mit diesen 100.000 Dollar seine Rentenlücke schließen kann.

    Wann geht ein Ami in den Ruhestand? Wie alt darf er dann werden?

    So richtig viel Freizeit scheint er auch nicht zu haben

    http://www.stern.de/wirtschaft/job/ferienverhalten-die-amerikaner-verlernen-das-urlaubmachen-2137132.html

    @Tim, danke für die Vorstellung der verschiedenen Depots

    Weißt Du wie viel Prozent der US-Bevölkerung überhaupt so sparen kann?

    Ich höre sehr oft, dass viele US-Amerikaner einen Zweit- u. Drittjob haben, weil sie sonst nicht über die Runden kommen.

    Diese Leute werden wohl auch kaum was fürs Alter zurücklegen können.

  2. tim schaefertim schaefer Beitragsautor

    ZaVodou

    Das stimmt. Ein Durchschnittswert hat einen Nachteil. Das kann verzerren.

     

    Die Hälfte der US-Bürger haben diese Depots für die Rente. Die andere Hälfte nimmt nicht daran teil. Es handelt sich meist um Geringverdiener bzw. arme Familien. Es wird niemand dazu gezwungen, ein solches Depot zu eröffnen. Washington überlässt die Entscheidung jedem einzelnen, ob nach diesem Modell gespart wird oder nicht.

     

    Was jährlich gespart werden darf, ist limitiert. Ein Reicher kann nicht einfach auf einen Schlag 1 Million $ einzahlen. Das geht nicht.  Es sind maximal 18,6% des Einkommens bei SEP-IRA-Depots jährlich erlaubt. Mehr nicht. Das Finanzamt überwacht die Geldströme. Vorherige Entnahmen (vor der Rente) sind nur mit Strafsteuern möglich.

     

  3. Ulrich

    Sehr interessante Infos!

    Wird das 401(k)-Vermögen irgendwann besteuert, z.B. bei der Auszahlung?

    Kann man sich zu Rentenbeginn das ganze Geld auszahlen lassen oder ist eine Verrentung vorgeschrieben?

  4. tim schaefertim schaefer Beitragsautor

    @ Ulrich

    Das 401(k) wird aus dem Brutto gespart. Sparsummen und Zinseszins entfaltet sich ohne Zugriff des Fiskus. Erst bei der Entnahme will das Finanzamt seinen Anteil abhaben.

    Der Staat möchte nicht, dass Du vor Deinem 60. Lebensjahr dran gehst. Sonst sind Straf-Steuern fällig. Es ist aber immer Dein Privatvermögen. Wenn Du 60 Jahre alt bist, kannst Du ans Geld ran – ohne Geldstrafen. Aber es muss eben dann ganz normal versteuert werden:

    http://www.iravs401kcentral.com/what-are-the-401k-withdrawal-rules/

  5. Felix

    Naja, wenn wir die Depotwerte von Bill Gates, Warren Buffett und einigen weiteren $-Größen in die Durchschnittsrechnung einbeziehen, dann schaut’s um die Alterversorgung des Normalbürgers schlecht aus.

     

  6. tim schaefertim schaefer Beitragsautor

    @ Felix

    Deine Kritik ist berechtigt. Ich mache folgenden Vorschlag. Bereinigen wir die Gates, Buffetts und die anderen Megareichen.

    Nimmst Du aus der Statistik die Spitzen oben und unten raus, so kommt Du zu einem Median-Renten-Depotstand je Amerikaner von 31.000 Dollar. Darin sind aber auch junge Arbeitnehmer enthalten, die noch viele Jahrzehnte des Sparens vor sich haben:

    https://personal.vanguard.com/us/insights/article/401k-balances-062014

    Im Schnitt zahlen amerikanische Arbeitnehmer übrigens 8.300 Dollar jährlich in diese Depots. Der Zuschuss des Chefs ist in dieser Summe enthalten. Besonders großzügige Firmen geben bis zu 100% dazu. Sprich wenn jemand 400 Dollar vom Brutto spart, kommen 400 Dollar vom Chef dazu, so dass es insgesamt 800 Dollar Sparleistung monatlich sind.

  7. Couponschneider

    Ich finde, die Amerikaner machen es richtig: Pragmatisch, optimistisch und konsequent. Darüber wird ja kaum in Deutschland berichtet: Der allgemeine Wohlstand in den USA ist recht groß, weil es diese speziellen Depots gibt und diese Einstellung zum Investieren.

    Durch privaten Wohlstand gibt es auch einen großen öffentlichen Wohlstand. Ich habe gehört, dass manche Bibliotheken in den USA keine dauerhaften Gebühren kosten. Es fallen einmalig Gebühren von 2 $ für die Ausstellung des Bibliotheksausweises an. Das funktioniert natürlich nur, wenn hinter der Bibliothek Stiftungen irgendwelcher Erblasser stehen. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Ich finde das beeindruckend. In Deutschland dagegen: Ich wollte einer Bibliothek Bücher schenken und sie lehnte ab. Das waren recht gute Bücher für technisch interessierte Jugendliche ganz spannend, die vielleicht noch zur Schule gehen, aber was technisches studieren möchten. Einsteigerbücher, die nicht von der Thematik her auch nicht veralten. Wurde abgelehnt, mit der Begründung, Informatikbücher würden schnell veralten.

    In Deutschland wird über die USA nur berichtet, wenn es negativ (Working poor, Immobilien-Crash) oder bizarr (Milliardenklagen, Abstinenzbewegung, Amische, Sekten) ist.

  8. Fabian S.

    Ich glaube wir leben im falschen Land Tim od?

     

    Wenn Deutschland nur ansatzweise Aktien begünstigen würde wie die USA würde hier vieles super laufen.

     

    Früher war es ja so, dass Aktionäre, die ihre Aktien länger als 1 Jahr hielten steuerfrei herauskamen und noch viel früher zahlte man auf Aktiengewinne gar keine Steuern in Deutschland.

     

    Die guten alten Zeiten sind vorbei..stattdessen werden sogar Kleinsparern 25% Kapitalertragssteuer abgezogen, obwohl die Politik sagt sie wolle nur das Zocken eindämmen.

     

    Daran sieht man ja wie dumm und unqualifiziert dieser Politiker-Abschaum ist…zudem ist es so wie Tim schon sagte, dass bei uns nur teure Versicherungs- und Bankenprodukte gefördert werden.

     

    Aber die Politiker schreiben die Gesetze ja nicht einmal selbst, das wird ja durch die Konzerne übernommen.

  9. Markus

    Median  31 k, mit den „Reichen“ 101 k bei Rentenbeginn….

    Seltsam… ich sehe die Überlegenheit von Aktien, dem Zinseszins und dem amerikanischen System nicht?

  10. Alexander

    Tja, für selbst bestimmtes Sparen ein Traum.

    Ich denke, unsere Politiker halten den Normalbürger für unfähig und würden sie uns mehr Freiheit einräumen, dann hätten sie weniger Kontrolle und damit weniger Macht.

    Langfristig gebe ich  die Hoffnung jedoch nicht auf, da die jüngere Generation Politiker aufgeschlossener ist und unser Rentensystem auf einen Kollaps zusteuert. Zumindest hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass privat vorgesorgt werden muss und Riester nicht für alle taugt. Besser gesagt für die Meisten.

  11. TimmyTimmy

    Laut einer aktuellen Statistik kaufen weniger als 14 Prozent der amerikanischen Haushalte Aktien. Vor rund zehn Jahren waren es noch über 21 Prozent. Inzwischen haben statistisch gesehen mehr US-Haushalte eine Katze als ein Aktien-Portfolio. Quelle

    Hatte ich in dem Artikel auch so zum ersten Mal gelesen.

     

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