Nur Idioten sparen! Lasst mich mein Leben genießen


New York, 23. August 2014

Ich habe für Sie den ultimativen Tipp: Traden Sie! Sie werden nur gewinnen. Das glauben Sie zumindest. Sie gehen rein in Aktien und wieder raus. Und machen in der Summe einen schnellen Gewinn. Fast garantiert.

 

Das Problem hierbei ist die Selbstüberschätzung. Es gibt massenweise Studien dazu. Je mehr Trades Sie machen, desto mehr sind Sie von Ihren Entscheidungen überzeugt.

 

Kaufen Sie eine schöne Garderobe, einen flotten Neuwagen. Am besten auf Kredit. Überziehen Sie Ihr Girokonto. So schlimm sind die Kreditzinsen doch gar nicht. Kreditzinsen sind nicht wichtig. Sie arbeiten so hart. Sie haben sich eine Belohnung verdient. Gehen Sie und suchen Sie sich einen tollen Luxusschlitten raus. Je teurer, desto besser. Das geht schon. Zahlen Sie halt irgendwann den Kredit zurück. Irgendwann. Das geht schon. Das Autofahren muss Spass machen. Meine Kollegen sollen ruhig sehen, wie ich das Leben genieße.

 

Unbedingt sollten Sie den Lottoschein diese Woche abgeben. Das ist Ihre Glückswoche. Selbst wenn die Hälfte Ihres Einsatzes im Steuertopf landet. Es ist ja eines der größten Tricks des Staates, die unwissenden Träumer zu schröpfen. Macht nichts. Nur zu. Egal, wenn die Chance, den Jackpot zu gewinnen, bei 1 zu 140 Millionen liegt. Spielen Sie! Sie gewinnen – sowieso nie. Ein wenig Spass muss sein. Spielen Sie, bevor Sie in der Kiste landen. Es besteht ein Funken Hoffnung.

 

Kreditkarte? Was soll das schon? Kein Problem. Nur zu. Bezahlen Sie mit dem Plastik. Kaufen Sie. Am besten mit der Kreditkarte. Cash? Wer braucht das schon?

 

Mieten ist out. Kaufen Sie ein schönes Eigenheim. Die Hauspreise gehen rauf. Das lohnt sich auf jeden Fall. Garantiert. Zum Gutteil auf Pump zu kaufen, zahlt sich aus. 10 oder 20 Prozent Eigenkapital genügt. Tilgung? So wenig wie möglich. Sie brauchen doch so viel wie möglich Ihres Einkommens heute. Ein Prozent Tilgung genügt. Irgendwann wird das mit der Tilgung schon klappen. 1,00 Prozent ist eigentlich viel zu viel. Selbst wenn Sie über 40 Jahre brauchen, bis die Hypothek zurückgezahlt ist. 1,00 Prozent Tilgung reicht.

 

Ab ins goldene Hamsterrad. Gehen Sie arbeiten, damit Sie konsumieren können. Das sind die Freuden der heutigen Zeit. Kauft! Konsumiert! Genießt!

 

Ob das Geld reicht, wenn Sie in Rente gehen? Oh, was soll's. Es findet sich schon eine Lösung. Was soll ich mir Sorgen machen? Hör mir auf. Ich fliege jetzt in den Urlaub. Edel. Edel.

 

Warum soll ich auf etwas verzichten? Wozu? Ist doch Quatsch. Die anderen sind doch schön doof. Wie doof kann man nur sein? Lass mich mein Leben genießen.  


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Nur Idioten sparen! Lasst mich mein Leben genießen

  1. Chris

    Guten Morgen Tim,

    du hast Recht. Mit diesem und deinen anderen ähnlich gelagerten Pots.

    Mich überkommt beim Lesen leider immer häufiger eine Vorstellung. Nämlich diese, dass diese Schichten tatsächlich ihr Leben in Sauß und Braus geniessen, das Geld für Konsum und Spaß ausgeben und dann, sobald es ausgegeben ist oder das Leben schief läuft, sich ins soziale Netz fallen lassen. Da das Geld aber weiterhin irgendwo herkommen muss, um Steuerausgaben und Sozialsysteme auch in Zukunft zu finanzieren, ist der Staat gezwungen, es sich irgendwo herzuholen.

    Und immer häufiger denke ich, das werden wir sein. Diejenigen, die Jahrzehnte zuvor, wie du es vorschlägst, gehandelt haben und sich finanzielle Polster zugelegt haben. Ich befürchte, bei denjenigen wird in 20-40 Jahren das Geld geholt.

    Wir ackern und investieren nicht etwa für uns selbst und unseren Ruhestand, sondern auch für die oben beschriebene Klientel und deren finanzielles Überleben.

  2. Felix

    Ich denke, wer den Blog hier liest, ist in der Regel niemand für den Schuldenbereater, wie im oben beschriebenen Fall. Im Gegenteil, er sucht nach lukrativen Anlagemöglichkeiten.

    Dass es solche Menschen wie oben beschrieben in Hülle und Fülle gibt, bezweifle ich nicht, dass Du sie hier erreichst, Tim, oder sogar bekehrst schon.

  3. Christian

    Sooo genial geschrieben!

     

    traden ist Glücksache. Kann gut gehen, muß nicht.

    Kaufen bei Rücksetzern (5-10% vom letzten Hoch) finde ich dagegen in Ordnung.

    Ich halte cash dafür und habe dafür 10 Schuß frei. Zwischen jedem Kauf müssen mind. 14 Tage liegen. So laufe ich nicht Gefahr in einem kaufrausch alles rauszuhauen bei einem Rücksetzer, der dann doch einen weiteren Rückgang erst einläutet.

    Kaufen wir ich nur einen großen Index, so habe ich eine große Streuung und habe kein Einzelaktienrisiko.

  4. Frank / Berlin

    Lustig finde ich auch immer die Verbraucher-Magazine in TV und Zeitungen zum Thema Schufa die mir gefühlt einmal im Monat begegnen. Da gibt es dann immer Tipps und Tricks wie ich meine Bonität erhöhe oder wie ich kostenlos an eine Auskunft komme. Weil die pöhse Schufa macht mir eventuell einen Strich durch die Rechnung.

    Ich weiß nicht mehr, wo ich es neulich gelesen habe, aber da schrieb jemand diesen wunderschönen Satz:

    "Ich habe leider keinen Kredit, von dem ich das bezahlen kann."

  5. GertGert

    LOL, Tim, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? ;-))

    Aber grundsätzlich hast du natürlich recht. Ich warte schon ein paar Jahre darauf, dass die Zinsen eines Dispo-Kredits für die vielen "armen" Menschen, die nicht mit Geld umgehen können, staatlich subventioniert werden.

    Es ist schon erstaunlich (und auch ärgerlich), mit wie wenig Verantwortungsbewusstsein die meisten sich durch das Leben treiben lassen.

  6. Heiko

    Ich kann meinen Vorrednern (Schreibern) nur zum Teil zustimmen. Aus der Perspektive des Handelnden ist das alles richtig. Aber woher zieht Ihr denn Eure grossartigen Dividenden? Wer sind denn die echten Aristokraten? Sind es nicht (zumindest zu einem bedeutenden Teil) genau die Werte, die auf die oben beschriebenen Menschen angewiesen sind. Bitte nicht falsch verstehen, ich sehe das genau wie Ihr. Trotzdem ist das beschriebene Verhalten Fluch, aber auch Segen zugleich.

  7. GertGert

    @ Heiko

    Interessante Idee, der ich aber so nicht ganz zustimmen kann. Richtig ist, dass ein Teil des Wachstums nur möglich war und ist, weil Produkte auf Pump gekauft werden. Wer sonst würde sich schon einen 5er BMW für 60.000 oder 70.000 € kaufen?

    Andererseits glaube ich, dass diese Art von Wachstum nicht gesund ist, denn der Kredit heute bedeutet Konsumverzicht in der Zukunft oder, viel schlimmer, dass uns das gesamte System eines Tages um die Ohren fliegen wird.

  8. Couponschneider

    @Frank

    Genau das sind die Probleme, über die ich mir zum Glück nie Gedanken machen musste. Selbst als Student nicht. Meine Eltern waren Geringverdiener aus dem Osten… Ich kann mich nicht erinnern, dass da jemals ein Konsumkredit genutzt wurde oder dass man die Schufa ins Kalkül zog. Es ist also nicht nur ein Einkommensproblem, sondern auch ein Mentalitätsproblem.

    Worüber ich mir auch keine oder nur wenig Gedanken mache: Sonderangebote. Ich habe neulich mal aufgeräumt und so einen Lidl-Wisch mit den Aktionsangeboten weggeworfen. Aus meiner Sicht Blödsinn, aber es wurde gemeckert, weil das noch nicht gesichtet wurde. Die Leute wenden Energie für diesen Unfug auf, anstatt sich z. B. zu bilden, sich zu informieren oder Aktien zu kaufen. Was spart man denn an den Sonderangeboten? Vielleicht 100 € pro Jahr. Genausogut könnte man doch auch 34 Aktien der Hannover Rück (Dividende 3 € pro Jahr und Aktie) kaufen, was 2176 € kostet. Hat man das Geld? Die Person, an die ich denke, hat tatsächlich das Geld und leistet sich eine Sterbegeldversicherung in der gleichen Höhe. Warum also nicht diese Aktien kaufen, Dividende kassieren und ein bisschen Erbmasse für die eigene Beerdigung hinterlassen, denn die Aktien werden im Todesfall vererbt.

    Stattdessen wird das Geld rausgehauen. Obwohl die Person Geringverdienerin ist, leistet sie sich einen kostspieligen Telefonvertrag, anstatt Pre-Paid zu nutzen. Sie hatte einige Handys in den letzten Jahren, die Teil eines Vertrages waren. Sie hat die besagte idiotische Sterbegeldversicherung und natürlich einen Corsa für ein paar tausend Euro. (Gebrauchter, aber jünger als zwei Jahre bei Kauf.)

  9. tim schaefertim schaefer Beitragsautor

    @ alle

    Danke für die Zuschriften. Ja, ich weiß, dass meine Leser anders ticken. Der Blogeintrag war natürlich eine Satire. Leider habe ich ganz vergessen, mein Lieblingsthema einzubauen, die Kaffeekapseln von Nestle:

    http://timschaefermedia.com/vermoegensvernichtung-kaffee/

    Was passiert, wenn ein ganzes Volk in einen Konsumrausch verfällt, konnten wir in den USA vor 7, 8 Jahren beobachten. Es war wie ein Rausch. Kredit war leicht zu bekommen. Alles kein Problem. Sie kauften sich alles Mögliche auf Pump: Riesige Häuser, neue Küchen, neue Bäder, Autos, Urlaube, Elektronik… bis die Blase platzte.

  10. geldexperimente

    irgendwer muss ja das werkl am laufen halten. wo komm ma denn da hin, wenn jeder auf einmal sparen würde?

    und "leider" ist es ja tatsächlich so, dass die ausgaben des einen das einkommen des nächsten ist.

    ciao,
    christian

  11. tim schaefertim schaefer Beitragsautor

    geldexperimente

    Da besteht in der Tat ein Zusammenhang.

    Persönlicher Wohlstand kommt daher, nicht das Zeug zu kaufen, was man nicht braucht.

    Der Erfolg von Unternehmen kommt mitunter daher, Zeug an Leute zu verkaufen, das sie gar nicht brauchen: Vitaminpillen, neuer Flachfernseher, neue Automodelle, Kaffeekapseln, Staubsaugroboter, Ferraris…

  12. Felix

    Nunmal ohne die Käufer gäbe es diese Sachen alle nicht und die Welt wäre grauer und ärmer, ala DDR eben. Da gab's diese Dinge eben einfach nicht, weil sie zum Leben nicht notwendig sind.

    Bei uns gibt es sie und jeder darf entscheiden, ob er sie kaufen will oder nicht. Ehrlich gesagt, ich finde das jetzige System besser. Es setzt freilich mündige Menschen voraus, aber auch da gefällt mir gut.

  13. PatschePatsche

    Ne, ne … auf meinen Ferrari möchte ich nur ungern verzichten. Da geb ich lieber den Bentley her:-)

    Schöner Artikel, aber der (eigengenutze + seriös finanzierte) Immobilienkauf ist doch wohl eine andere Kategorie als Glückspiel und Traden, oder?

     

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