Ein Ex-Spion ist in die Teilfreiheit. Er bloggt übers Lesen und Warren Buffett


New York, 30. November 2018

Öffne deinen Geist, indem du viel liest. Ein Blogger aus Kanada verdient sich mit der Botschaft eine goldene Nase.


Shane Parrish ist ein cooler Typ. Die „New York Times“ schrieb über den 39-jährigen.

Parrish war Cybersecurity-Experte bei Kanadas Top-Geheimdienst. Gelegentlich bloggte er. Vor einigen Jahren bemerkte er etwas über seine Leser: 80 Prozent seiner Anhänger arbeiteten an der Wall Street.

Sein Blog soll bei der Selbstverbesserung helfen. Sein Rat: Lesen, Lesen, Lesen. Er ist ein Bücherwurm. Er rät zudem die Gewohnheiten kritisch unter die Lupe zu nehmen. Parrish machte beim Geheimdienst als Führungskraft Karriere. Den Hackern war er auf den Fersen.

Sein Steckenpferd ist tiefes Lernen, langes Nachdenken und strategisches Lesen von Büchern, um die Entscheidungsfähigkeiten zu verbessern.

Das kam im Blog so gut an, dass Hedgefonds-Gurus und Investmentfonds-Manager Fans wurden. Als er anfing mit dem Blog, leckten sich viele nach der Finanzkrise noch ihre Wunden.

Du kannst seine Botschaft so zusammenfassen:

Nachdenken, Lesen, nachdenken, gute Gewohnheiten entwickeln. Vor allem nutze echte Bücher in Papierform.

Er hält von der digitalen Literatur nicht viel, er zieht das Gedruckte vor.

In der Tat ist das Internet voll von Geschrei. Es wird Unsinniges verbreitet und man wird abgelenkt.

„Die Leute haben mich einfach so gefunden“, sagte Parrish der New York Times. „Wir wurden an der Wall Street zu einem Hit.“ Ich finde das erstaunlich.

Seine Website, Farnam Street, fordert die Besucher zu „Upgrade Yourself“ auf. Mit diesen Worten fördert er Strategien der rigorosen Selbstverbesserung im Gegensatz zum klassischen Selbsthilfegewusel. Das gefiel seinem elitären Publikum aus der der Finanzwelt, dem Silicon Valley. Selbst einige Profisportler sind darunter.

Der Fan von Warren Buffett sagt im Prinzip: Dein Geist ist wie ein Fallschirm. Du musst ihn nur öffnen. Viele Menschen öffnen ihn nicht.

Parrish hat aus seiner Website mehr gemacht. Er berät nun seine Leser gegen Honorar. Bekannte Finanziers trifft er. Er bietet regelmäßige Lese- und Denkwochen in Hawaii, Paris und auf den Bahamas an. Krass.

Der Ex-Spion rät Scott Miller, dem Gründer von Greenhaven Road Capital, sich vom Lärm zu lösen und gründlich zu lesen.

Ist er bei Kunden, sagt er im Grunde: Computer abschalten. Woanders hingehen. Lesen! Nachdenken! Es ist erstaunlich, wie er sich selbst vermarktet. Er hat Sponsoren für seinen Blog gefunden.

Die Website von Parrish hat die Aufmerksamkeit einiger der größten Namen der Finanzbranche auf sich gezogen. Dan Loeb, einer der bekanntesten Hedge-Fonds-Manager an der Wall Street, ist ein großer Fan. Ray Dalio von Bridgewater, dem weltweit größten Hedgefonds, hat kürzlich einen Podcast mit ihm gemacht.

„Shane ist eine besondere Person“, adelte ihn Loeb. Loeb mischt gerade den strauchelnden Suppenkonzern Campbell Soup auf. Ist das nicht etwas übertrieben, wie die Milliardäre an seinen Lippen kleben. Clever ist er, klar! Aber warum huldigen sie ihn?

Hier traf er Hedgefonds-Star Ray Dalio:

Hier trifft der Value-Investor Howard Marks:

Bringt es Fondsmanagern mehr Rendite, wenn sie ihre Gehirnkraft besser nutzen? Ist das möglich? Warren Buffett und Charlie Munger sind eine der wenigen Bücherfans, bei denen es das ruhige Lesen auszahlt. Die meisten scheitern trotz aller Bemühungen. Der Index läuft besser. Daher sind ETFs so hilfreich.

Das ist verheerend für aktive Hedgefonds- und Investmentfondsmanager, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, den Aktienmarkt zu überlisten. Es ist eine Blamage! Ein Jammer. Ob der Blogger ihnen hier wirklich helfen kann?

Ist seine Lösung nicht bekannt? Lesen, Nachdenken und lebenslanges Lernen? Das weiß man doch.

Chuck Royce, Gründer und Ex-Chef von Royce Investmentfonds, der vier Milliarden Dollar managt, sagt, er stolperte über den Blog von Parrish – es machte sofort Klick! Das wundert mich. Das doch allseits bekannt.

Royce hat einen guten Ruf. Er galt als einer der schlauesten Fondsmanager. Er hat sich in 1970er Jahren auf kleine Qualitätsfirmen spezialisiert. In der aktuellen Niedrigzinsphase hat jedoch die Performance seines wichtigsten Investmentfonds bitter gelitten.

„Ich habe nicht verstanden, dass schwache Unternehmen in dieser Zeit mit Nullzinsraten bessere Ergebnisse erzielen als qualitativ hochwertige Unternehmen“, so Royce.

Royce folgt den Grundprinzipien von Parrish. Seine Jünger stehen morgens früh auf, um die tägliche Lektüre zu erledigen. „Es geht um Gewohnheiten“, sagt Royce laut der New Yorker Zeitung. „Ziele zu setzen ist einfach, aber ohne gute Gewohnheiten kommt man nicht dorthin.“

Parrish ist ein Nerd. Der Informatiker stammt aus Halifax, Nova Scotia. Er trägt gerne T-Shirt, Shorts, er hat einen abgenutzten Rucksack. Leicht und kahlköpfig ist er. Seine Idole umarmt er.

Parrish begann im Sommer 2001 seine Karriere beim Communications Security Establishment, einer Abteilung des kanadischen Verteidigungsministeriums. Mit 24 Jahren leitete er plötzlich einen großen Stab nach den Anschlägen vom 11. September 2001.

Um seine Entscheidungsfähigkeiten zu verbessern, folgte er Charlie Munger. Er ist sein großes Idol neben Warren Buffett.

Er liest die Jahresberichten von Berkshire Hathaway. Er nimmt regelmäßig an den jährlichen Aktionärstreffen von Buffett und Munger in Omaha teil. Der Name seiner Website ist eine Hommage an die beiden Milliardäre: Berkshire Hathaways Adresse in Omaha ist 3555 Farnam Street.

Auf der Website macht er mit Buchlisten Geld, mit Affiliate-Provisionen von Amazon. Er hat einen Exklusiv-Bereich, der Geld kostet. Es ist eine Art Abo. Schon clever, wie er das alles macht.

Rund 190.000 Menschen haben sich bei „Brain Food“, seinem kostenlosen wöchentlichen Newsletter, angemeldet. Parrish Anhänger zahlen 250 Dollar pro Jahr für das Abo. Die Premium-Website hat ein privates Diskussionsforum und zusätzliche Inhalte. Für einen Hedgefondsguru ist das Taschengeld. Er empfängt keine E-mails. Es sei eine große Zeitverschwendung, schreibt er auf seiner Website. Alle, die etwas von ihm wollen, sollen ihm einen Brief nach Kanada schicken. So wie man es früher gemacht hat.

Hier begegnet er Warren Buffett auf dessen Hauptversammlung:

Das Lesen ist seine Lieblingsbeschäftigung:


tim schaefer (Author)

drucken


Gedanken zu „Ein Ex-Spion ist in die Teilfreiheit. Er bloggt übers Lesen und Warren Buffett

  1. DanielKA

    Cooler Typ, denke im cybersecuritybereich hat man als junger Nerd ganz gute Chancen, während in anderen staatlichen Bereichen eher auf seniorität gesetzt wird. mal wieder ein sehr interessanter Artikel Tim. Danke.

  2. Berlinerin

    Danke Tim für diesen Artikel. Hab grad gestern bei einer Wanderung gedacht ich müsste wieder mehr lesen und lernen. Ich hab so viel vergessen in den letzten Jahren. Und heute kommst Du mit dem Artikel. Synchronizität! Ich hab auch den Eindruck je mehr ich mich aufs Lesen im Netz zurück ziehe (Dein Blick ist ausdrücklich ausgenommen) desto weniger weiß ich. Es ist wie mit gesundem Essen. Je mehr man auf Vorgefertigtes zurück greift desto ungesünder und langweiliger. Dabei macht es so viel Spaß sich durch einen schwierigen Text zu beißen und die Hirnzellen zum malträtieren. Ein schönes Wochenende. Das Wetter läd ja zum Lesen ein;)

  3. KievKiev

    @ Tim

    Toller Artikel! Ich muss mich mit Parrish näher auseinandersetzen. Bisher habe ich zwar nichts Neues von ihm gelesen, aber vielleicht kann er einen auch sehr gut motivieren, die Dinge zu machen, die man eh machen möchte.

    Ich hatte selbst eine sehr gute Idee am Wochenende. Die werde ich die nächsten Tage ausarbeiten. Hier geht es aber um eine höhere Konsumausgabe. Vielleicht werde ich meine nähere Verwandtschaft auf einen gemeinsamen Segelturn einladen. Das kostet mich natürlich etwas, aber die Gelegenheit bietet sich vielleicht nächstes Jahr. Ob es in ein paar Jahren noch immer auf dieselbe Art möglich ist kann man schließlich nie sagen. Ich hoffe auf steigende Aktienkurse, so dass ich in dem Monat nicht viel verpasse 😉

  4. HansS

    Leider fallen immer noch viel zu viele Menschen – vor allem in Deutschland – auf die Versprechungen der Hersteller von Finanzprodukten herein. Banken, Vermögensverwalter und Finanzberater verleiten ihre Kunden zu Fehlentscheidungen, weil sie die fetten Provisionen der Fondsanbieter kassieren wollen. In Großbritannien und den Niederlanden wurden diese Provisionen bereits 2013 verboten, in Deutschland glänzen die Politiker durch Passivität. vielleicht ist hier auch die Lobby der Finanzindustrie zu stark.

    Warren Buffett hat schon 1996 geschrieben: „Die meisten Investoren, institutionelle wie private, werden irgendwann lernen, dass der beste Weg, Aktien zu besitzen, über Indexfonds mit minimalen Gebühren führt. Diejenigen, die diesen Weg beschreiten, werden die Nettorenditen der Mehrheit aller Profiinvestoren schlagen.“ (Via Gerd Kommer)

  5. Fit und Gesund

    @Tim,

    danke für den link zu Farnam Street, eine Fülle von sehr wahrscheinlich super interessanten und lesenswerten Artikeln, wird mich Wochen beschäftigt halten, habe es jetzt nur überfliegen können, aber ich glaube das wird eine „Perle“,

    jetzt muss ich erstmal wieder „Batzeli“ machen gehen, Du weisst ja, von nix kommt nix 🙂

    liebe Grüsse an Alle, verzettelt Euch nicht mit Politik, investiert weise nach Euren Möglichkeiten, langfristig und nach Eurer Strategie, wie auch immer sie aussehen mag. Mein Monatsabschluss für November ist gemacht, ich bin zufrieden, es geht aufwärts, und wer weiss…. vielleicht auch bald wieder abwärts 🙂 wird schon werden!

     

  6. Thorsten

    Merkwürdig wofür die US-Amerikaner Geld zahlen. Ich würde keinen  Cent dafür geben, zum Glück sind die Leute verschieden. Wenn sie damit sind glücklich sind, ist es o.k. und dann soll es so sein.

  7. John

    @HansS

    Das ist ein allgemeines Problem, gilt nicht nur in der Finanzwelt. Man lässt sich von Verkäufern beraten. In meiner Vorstellung funktioniert das Nirgends. Weder beim TV Kauf, noch bei der Geldanlage.

    Aber es gibt auch unabhängige Berater. Das sind die, die einem nichts verkaufen wollen. Beim TV z.B. in diverse Fachforen. Abgesehen von diversen Fanboys kann es da vernünftige Informationen geben. Bei Geldberatern muss man schon was ausgeben. Aber wenn man viel hat, z.B. durch Erbschaft, sollte man das durchaus in Betracht ziehen und sei es nur für Steuerfragen.

  8. Katrin

    Bin auch Fan vom Lesen gedruckter Bücher. Mein Eindruck ist, dass ich mich mehr in den Inhalt vertiefe und weniger leicht abgelenkt bin, als beim Lesen von ebooks. Und ich finde es sehr bereichernd auch tiefer in Themen einzusteigen, die nicht unbedingt die eigenen Kern-Interessen bedienen. Aktuell lese ich  z.B. „Iron Kingdom“ über die Geschichte Preußens von Christopher Clark. Das entkoppelt sehr schön vom Geräuschpegel der tagesaktuellen News.

    Grandios finde ich, dass ich bei uns in der Stadt für eine Jahresgebühr von 20 EUR fast alle Bücher der Staats- und Universitätsbibliothek nutzen und ausleihen kann. Das ist nur die Hälfte dessen, was der normale Bibliotheksausweis kostet (da gibt es dann allerdings natürlich mehr Belletristik). Und durch den Zugriff auf die vielen unterschiedlichen Fakultäten ist die Uni-Bibliothek für mich ein unerschöpflicher Fundus.

     

  9. Bruno

    Ich mag auch physische Bücher mehr als E-Books, ich habe meinen Amazon Reader vor einiger Zeit wieder verkauft, er machte mich nicht glücklich. Eigentlich ist es ja aus minimalistischer Sicht praktisch, aber es hat mich nicht zufriedengestellt, ich komme mit richtigen Büchern besser zu Recht, vielleicht vertragen meine Augen es auch besser. Ich habe jedoch meine einzige Sammelsucht (-oder Leidenschaft positiv ausgedrückt), Bücher, aufgegeben, ich lese immer noch gerne aber ich möchte die Bücher nicht mehr alle behalten. Ich verschenke sie oder verkaufe sie weiter. Ich gehöre nicht zur Sorte die Bücher mehrfach liest, wenn ich wichtige Erkenntnisse habe, schreibe ich sie in ein Heft, und versuche sie dann umzusetzen.

    Das letzte Bild des Buchladens finde ich cool, aber ich frage mich, was muss ich tun, wenn ich das untere Buch in diesem Kreis anschauen möchte? Ich bin kein Statiker, aber ich hätte Bedenken, dass dann das Kunstwerk zusammenbricht. Es erinnert mich aber an einen alten Buchladen in Zürich, wo ich früher stundenlang verweilte, in der Nähe der Uni/ETH, den es leider heute nicht mehr gibt. Heute ist mein Buchladen gezwungenermassen online. Ich mochte den Geruch und das physische stöbern, es ist nicht mehr dass gleiche. Solche Läden sterben langsam aus, wo Vielfalt und Qualität noch stimmt.

    Schluss jetzt aber mit Nostalgie 😉

    Und ja ich gebe es zu, bei Büchern bin oder war ich ein Konsumjunkie, heute etwas bedachter aber ich auch eine sinnvolle Sache, unter der Voraussetzung, dass man dann auch wirklich liest, was man sich besorgt, resp. vorher genau abklärt, ob es denn auch Sinn ergibt. Bibliotheken sind auch toll, leider gibt es dort nicht alles was man sich wünscht, aber sicher eine gute Ergänzung.

    Und die Empfehlung bezüglich Internet finde ich gut, ich muss mich auch zügeln, nicht beim Lesen von Tim’s Blog, aber ich kann noch optimieren, vieles regt einem nur auf, weniger ist sehr oft mehr.

     

  10. Zwitsch

    Ein guter Finanzberater ist meines Erachtens ohne Werbung zu machen…die Zeitschrift Finanztest … völlig unabhängig und sehr gute Tipps…fur Anfänger top…aber nur meine Meinung…. schönes  Wochenende….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

bitte lösen Sie diese einfache Aufgabe (Spamschutz) *