Die Kunst des Nichtstuns: Warum Langeweile dein bester Freund im Depot ist

Hast du heute schon in dein Depot geschaut? Und gestern auch? Wenn ja: Warum eigentlich?

Einer der größten Fehler, den Privatanleger machen, ist der Glaube, dass Erfolg an der Börse mit harter Arbeit, stundenlangem Chart-Studium und hektischem Hin-und-Her-Handeln zu tun hat. Wir sind darauf konditioniert, dass wir für Erfolg „etwas tun“ müssen. Wer fleißig ist, wird belohnt – so haben wir es gelernt.

An der Börse ist das Gegenteil der Fall. Hier ist Faulheit eine Tugend. Die Kunst des Nichtstuns ist der wahre Schlüssel zur finanziellen Freiheit. Ich habe viele Positionen im Depot, die dort schon seit Jahrzehnten schlummern. Ich denke nicht ans Verkaufen. Im Gegenteil: Ich stocke sie stetig weiter auf. Daran ändern selbst überraschende geopolitische Ereignisse nichts, wie etwa die Verhaftung von Venezuelas Diktator Maduro durch US-Streitkräfte. CTS Eventim wird weiter Konzerte veranstalten, Bank of America Kredite vergeben und Netflix Abos abschließen.

Das Problem: Aktionismus killt die Rendite

Jedes Mal, wenn du eine Aktie verkaufst und eine neue kaufst, fallen Gebühren und Steuern an. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Das eigentliche Problem ist die psychologische Falle: Wir neigen dazu, unsere Gewinner zu früh zu verkaufen („Gewinne mitnehmen“) und unsere Verlierer zu lange zu halten. Oder noch schlimmer: Wir springen auf den neuesten Hype-Zug auf, wenn die Kurse bereits oben sind. So kaufen viele Anleger KI-Aktien, wenn diese absurde Bewertungen erreicht haben.

Wissenschaftliche Studien zeigen immer wieder: Die Depots von Anlegern, die am wenigsten aktiv waren, performen oft am besten. Es gibt sogar eine berühmte Untersuchung von Fidelity, bei der herauskam, dass die erfolgreichsten Konten denjenigen gehörten, die schlicht vergessen hatten, dass sie überhaupt ein Depot besitzen – oder die bereits verstorben waren.

Tote Anleger schlagen den Markt, weil sie eine Sache perfekt beherrschen: Sie lassen ihre Aktien in Ruhe.

Warum Langeweile so profitabel ist

Ein großartiges Unternehmen wie Microsoft, Apple oder L’Oréal braucht keine tägliche Überprüfung durch dich. Diese Firmen beschäftigen die klügsten Köpfe der Welt, die jeden Tag daran arbeiten, den Wert des Unternehmens zu steigern. Dein einziger Job als Investor ist es, diesen Firmen Zeit zu geben.

Zeit ist der wichtigste Faktor für den Zinseszinseffekt. Wenn du ständig „optimierst“, unterbrichst du diesen magischen Prozess.

„Das Geld wird beim Warten verdient, nicht beim Handeln.“ – Jesse Livermore

3 Tipps, wie du den Drang zum Handeln unterdrückst

Wie schafft man es also, die Finger stillzuhalten, wenn die Börsennachrichten mal wieder Weltuntergangsstimmung verbreiten?

  1. Lösch die Depot-App von deinem Handy: Es gibt keinen Grund, an der Supermarktkasse deinen Kontostand zu checken. Wer täglich schaut, wird emotional. Wer emotional wird, trifft schlechte Entscheidungen. Mit Push-Nachrichten erzeugen die Broker Aufmerksamkeit, was gefährlich ist. Schau einmal im Monat oder einmal im Quartal rein – das reicht völlig.
  2. Führe ein Investitionstagebuch: Schreib auf, warum du eine Aktie gekauft hast. Wenn du den Drang spürst zu verkaufen, lies deine ursprünglichen Gründe. Hat sich am Geschäftsmodell etwas geändert? Meistens lautet die Antwort: Nein. Nur der Kurs zuckt, und das ist irrelevant. In Krisen können Kurse auch mal um 50% und mehr fallen, das ist einfach so. Auf jede Krise folgte bislang immer ein Boom.
  3. Such dir ein Hobby: Wenn du zu viel Zeit mit deinen Finanzen verbringst, fängst du an, Probleme zu sehen, wo keine sind. Geh wandern, lies ein Buch, lerne eine Sprache. Je langweiliger dein Depot für dich ist, desto besser läuft es wahrscheinlich. Automatisiere das Investieren. Erstelle einen ETF-Sparplan. Dann brauchst du nicht manuel die Investments zu machen.

Fazit: Werde zum „faulen“ Investor

Wahrer Reichtum entsteht nicht durch den perfekten Trade, sondern durch das geduldige Sammeln von Qualitätsaktien über Jahrzehnte. Oder nimm einen ETF. Sei stolz darauf, ein „langweiliger“ Investor zu sein. Während andere nervös auf Kurse starren und ihre Performance durch Gebühren und Steuern auffressen lassen, lehnst du dich zurück und lässt den Zinseszinseffekt für dich arbeiten.

Die beste Strategie ist oft die, bei der man am wenigsten tun muss.

Bleib rational, bleib geduldig – und mach einfach mal gar nichts.

Dein Tim

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11 Kommentare
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Info
1 Monat zuvor

Viele Finfluencer haben die letzten Monate wg. des KI-Hypes von einer Übergewichtung der USA beim MSCI World-Index gesprochen und man solle doch Europa mit einem separaten ETF als Ausgleich stärker gewichten.

Ich frage mich, warum ich „aktiv“ werden, und einen STOXX-ETF kaufen soll? Würden sich die Zugpferde des Weltindex Richtung Europa verschieben, dann findet diese Rotation m.M.n. innerhalb des Index statt. In den 90ern war Japan übergewichtet, nach der Asienkrise dann die USA – bis auf weiteres.

So lange ich einen Welt-ETF + EM-ETF besitze, decke ich die ganze Welt ab. Somit alle Regionen und Sektoren. Ich lasse mich zu keinem Aktionismus verleiten, bleibe weiterhin passiv und bespare stur meine zwei ETFs.

Kai
1 Monat zuvor

Zustimmung, es scheint ja mittlerweile ausreichend belegt. Einzig: Ich mag das Gefühl, dass mir ein Anteil, also die Aktie, gehört. ETF funktionieren zwar, solange sie nicht durch Volumen den Markt verzerren (wovon sie soweit ich weiß noch weit weit weg sind), aber letztlich ist man nicht direkt beteiligt. Ist wahrscheinlich eine Gefühlssache und Emotionen sich eh fehl am Platze also… Mein Pech. Ich hoffe dennoch, dass ich mit Core (FTSE Developed und Emerging)-ETF und Aktiensatelliten auf lange Frist vernünftig abschneide.

Kleine Anmerkung am Rande: Schon witzig, wie du von der „Verhaftung“ Maduros schreibst. Man stelle sich mal vor ein anderes Land würde so vorgehen, was dann von den USA käme.. Aber da du in den USA bist verstehe ich die Zurückhaltung ;-)

Holger
1 Monat zuvor

Also ich muss zugeben, ich schaue mir mein Depot sehr gerne an. Ich kaufe aber höchstens wenn noch etwas Geld da ist per zusätzlichen Sparplänen etwas nach.

1 Monat zuvor

Apple und Amazon liegen seit 2011 unagetastet in meinem Depot, obwohl es zwischendurch genügend „Gründe“ gab sie zu verkaufen.

Buy and Hold Extreme hat mich aber (zu) lange an (schlechten) Unternehmen festhalten lassen, die ich in meinen unbedarften Anfangstagen der Börse gekauft hatte. Nahezu Null Rendite über ein Jahrzehnt.

Es brauchte einen Sparringspartner, um im Sommer einen einmaligen harten Cut zu tätigen. Nun habe ich mein Portfolio auf wesentlich weniger Titel mit ausgezeichneten Fundamentaldaten reduziert und pflege wieder stoisch und langweilig den Garten. Die Aktien reifen die nächsten Jahrzehnte vor sich hin. Lethargie ist Trumpf.

I want to believe
1 Monat zuvor

± „Es gibt sogar eine berühmte Untersuchung von Fidelity, bei der herauskam“

Fidelity hat nie eine solche Studie publiziert. Das ist eine urban myth.
Hoodl war zumindest bei Gold und BTC bisher die beste Strategie. Bei Einzelaktien bin ich mir nicht so sicher, zumal bei deutschen Investoren mit DAX-bias in Thyssen, Preussag, Viag, Nixdorf und so weiter und so weiter. Bei US-Investoren mit home bias ist das evtl. anders aber am besten ist es wohl bei einem S&P500 oder Welt-ETF Anleger zu halten.

ZaVodou
1 Monat zuvor

Die Fidelity-Studie sucht man vergebens im Netz.

Warum soll der Verkauf einer Aktie ein Fehler sein?
Als Value-Investor muss man wissen, wann eine Aktie günstig ist, aber auch wann eine Aktie überbewertet ist. Wenn eine Aktie überbewertet ist, sollte man sie verkaufen.
Selbst Warren Buffett hat einen großen Teil – ich meine 50 % – seiner Apple-Aktien verkauft, obwohl das Gsechäftsmodell noch in Takt ist.

slowroller
1 Monat zuvor
Antwort auf  ZaVodou

Das Grundproblem ist ja genau das: Wir sind keine Buffets. Vielleicht ist auch Buffet kein Buffet in dem Sinne – er hat einfach „seinen“ Plan. Glaubst du wirklich daran, dass der vermeintlich günstige Preis oder die Überbewertung nicht schon lange im Preis inkludiert ist? Und natürlich gehen auch solche Wetten auf – aber schon in der Theorie kann sie nicht bei jedem und bei jedem Trade aufgehen.
Der Vorteil den wir gegenüber den großen Institutionellen Investoren haben ist doch folgender: Bei Problemen – sei es auf Unternehmensebene oder am Markt – MÜSSEN wir nicht reagieren oder können sogar dann „günstig“ Nachkaufen. Die Freiheit haben wir als Privatinvestoren und auch das kann daneben gehen, tut es aber selten, weil die Märkte ja doch immer zurückkommen.

Luis
1 Monat zuvor

Hallo Tim, super Beitrag für alle die evtl. auch erst neu dabei sind. Es ist in der Tat eine wichtige Lektion, auch mal „nicht zu handeln“. Dies kennt man so vom eigentlichen Leben gar nicht, da wir stets auf alle Einflüsse versuchen zu reagieren. LG

Susanne
1 Monat zuvor

Das sind Artikel von Dir Tim die ich liebe. War jetzt länger offline und sehe Du warst fleißig.

Wünsche Dir Tim, Nikos, Deinem Partner und alles Lesern des Blogs ein frohes neues Jahr 2026.

Bei Euch Tim gibt es ja einiges Neues.

Sven
1 Monat zuvor

Mein Depot schaue ich mir ab und zu ganz gerne an. Gerade wenn es gut läuft kann das sehr motivierend sein. Allerdings habe ich mein Depot nicht als App auf dem Handy. Während größeren oder kleineren Crashs, was ich beides schon mitgemacht habe, schaue ich dagegen gar nicht mehr ins Depot. Allerhöchstens um die Sparpläne temporär zu erhöhen.

Ich glaube, dass man eine größere Krise erstmal selbst erlebt haben muss, um dabei entspannt bleiben zu können. Zu Beginn meiner Investmentkarriere war ich in solchen Situationen auch nicht sehr entspannt. Ich hatte mich aber darauf vorbereitet und einen Zettel über dem Schreibtisch hängen, auf dem stand: „Im Crash niemals verkaufen!“.

Bei Immobilien dagegen ist man gezwungen langfristig dabeizubleiben. Der Aufwand und die die Transaktionskosten wären viel zu hoch, um ständig ein- und auszusteigen. Außerdem gibt es noch die Spekulationsfrist. Der Wert einer Immobilie schwankt auch, man bekommt aber nicht sekündlich einen Preis am Handy angezeigt. Das ist meiner Meinung nach der Grund, warum viele mit Immobilien den Vermögensaufbau geschaft haben. Nicht, weil die Renditen dort besser wären als bei Aktien, sondern weil sie gezwungen sind langfristig zu investieren.

Wenn man das langfristige Denken, zu dem man bei immobilieninvestitionen quasi gezwungen wird, auf den Aktienmarkt überträgt, kann man dort meiner Meinung nach deutlich höhere Renditen erzielen.

Ich persönlich bin aktuell sowohl im Aktienmarkt (ETF-Depot als Kern mit wenigen Einzelaktien als Satteliten) und in Immobilien inverstiert. Ich werde aber sukzessive die Immobilien reduzieren und den Erlös ebenfalls langfristig am Aktienmarkt investieren.

Eines noch zum Schluß: Nichts tun heißt nicht gar nicht investieren! Es gibt Menschen, die jahrelang nur planen zu investieren aber ewig auf den richtigen Einstiegszeitpunkt warten. Einfach loslegen. Man wird den einen oder anderen Fehler machen, die habe ich auch gemacht aber die Zeit verzeiht die Fehler mit der Zeit. :-)

Daniel
1 Monat zuvor

Ich schaue regelmäßig in mein Depot, weil ich das nunmal gerne tue. Außerdem kommen fast alle 3-4 Tage irgendwelche Dividenden Häppchen rein und die trage ich mir dann in Portfolio-Performance ein. Mehrere Wochen nicht reinzuschauen würde einfach nur mehr Arbeit bedeuten die Sachen wegzudokumentieren und dann wird es auch irgendwann unübersichtlich.

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