Wir Deutschen lieben das Vertraute. Wir kaufen das Brot beim Bäcker um die Ecke, wir vertrauen auf deutsche Ingenieurskunst. Und wir fühlen uns sicher, wenn wir die Logos von Siemens, BASF oder Allianz in unserem Depot sehen. „Made in Germany“ eben. Das sind freilich super starke Unternehmen.
Doch was beim Autokauf vernünftig sein mag, ist an der Börse oft ein teurer Fehler. In der Fachsprache nennen wir es den Home Bias – die psychologische Falle, das eigene Geld überproportional im Heimatmarkt zu investieren.
Warum das brandgefährlich für deinen Vermögensaufbau ist und wie du den Absprung schaffst, liest du heute.
Das Problem: Deutschland ist nur ein kleiner Fisch
Schauen wir uns die Fakten nüchtern an: Deutschland ist zwar die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, aber am globalen Aktienmarkt spielt der DAX eine eher untergeordnete Rolle. Der Anteil deutscher Unternehmen an der weltweiten Marktkapitalisierung liegt bei mickrigen 2 % bis 3 %. Beim MSCI World ETF beträgt der Anteil nur circa 2,5%.
Wer sein Depot zur Hälfte mit DAX-Werten füllt, wettet also extrem einseitig auf ein winziges Stück des Weltmarktes. Das ist kein Investieren, das ist Klumpenrisiko.
Warum der Home Bias so gefährlich ist
1. Die Branchen-Einseitigkeit Der DAX ist „Old Economy“. Wir sind stark in Chemie, Autos und Maschinenbau. Aber wo sind die Giganten der Zukunft? Wo ist das Silicon Valley? Wenn du nur in Deutschland investierst, verpasst du den kompletten Sektor der Big Techs, der Software-Skalierung und der radikalen Innovation. Du kaufst die Vergangenheit, nicht die Zukunft. Klar haben wir SAP in Deutschland, der Softwaregigant ist aber die große Ausnahme.
2. Die Abhängigkeit vom Standort Wenn du in Deutschland lebst und arbeitest, ist dein Humankapital (dein Job, dein Einkommen) bereits komplett von der deutschen Wirtschaft abhängig. Wenn es hierzulande kriselt, leiden dein Job und dein Depot gleichzeitig. Ein kluger Investor streut sein Risiko geografisch, um genau das zu verhindern.
3. Die Performance-Lücke In den letzten Jahrzehnten hat der S&P 500 (die 500 größten US-Unternehmen) den DAX oft alt aussehen lassen. Wer aus falschem Patriotismus auf die USA verzichtet, verschenkt bares Geld. Und am Ende des Tages bezahlt Patriotismus nicht deine Rente oder deine finanzielle Freiheit.
Warum machen wir das trotzdem?
Es ist die Illusion von Sicherheit. Wir glauben, wir könnten Unternehmen wie Volkswagen oder die Telekom besser einschätzen, weil wir die Produkte täglich sehen und die Nachrichten in unserer Sprache lesen. Aber: Den Kurs einer Aktie bestimmen globale Kapitalströme, nicht dein subjektives Wohlbefinden beim Anblick einer Mercedes-S-Klasse.
Vertrautheit ist nicht gleichzusetzen mit Sicherheit!
Die Lösung: Denk wie ein Weltbürger
Wenn du ein echtes „Wohlfühldepot“ aufbauen willst, das dich nachts ruhig schlafen lässt, musst du dich von der deutschen Nabelschau lösen.
- Der Weltmarkt als Maßstab: Ein einfacher ETF auf den MSCI World oder den FTSE All-World bildet die gesamte Welt ab. Hier machen deutsche Aktien eben nur diese 2-3 % aus. Das reicht völlig aus!
- US-Aktien sind kein Risiko, sondern ein Muss: Die USA sind der kapitalfreundlichste Markt der Welt mit den profitabelsten Unternehmen. Wer dort nicht investiert, arbeitet gegen seine eigene Rendite.
- Minimalismus im Depot: Du brauchst keine 20 Einzelaktien aus dem DAX. Ein oder zwei breit gestreute Welt-ETFs sind oft mehr wert als jede komplizierte Strategie mit Heimatfokus. Ich gebe zu, dass ich zu viele deutsche Werte im Depot habe mit SAP, Commerzbank, Deutz, Frosta, Villeroy & Boch, Deutsche Bank und anderen. Ich habe aber mehr US-Werte in den vergangenen Dekaden gekauft. Global bin ich nicht wirklich gestreut. Ich habe mit Alibaba nur einen Wert aus China, nichts aus Indien oder Lateinamerika.
Die Realität sieht so aus
Der Realitätscheck: DAX vs. S&P 500 (2015–2025)
Zahlen lügen nicht. Wer vor zehn Jahren die Entscheidung traf, sein Geld dem deutschen Leitindex oder dem amerikanischen S&P 500 anzuvertrauen, blickt heute auf zwei völlig unterschiedliche Welten.
| Index | Rendite (ca. 10 Jahre) | Ergebnis aus 10.000 € |
| DAX (Performance-Index) | ca. +85 % | ~ 18.500 € |
| S&P 500 (Total Return) | ca. +240 % | ~ 34.000 € |
Was uns diese Tabelle lehrt: Während man mit deutschen Standardwerten sein Kapital fast verdoppelt hat – was solide klingt –, hätte ein Investment in den US-Markt das Kapital mehr als verdreifacht.
Dieser massive Unterschied von über 15.000 Euro bei einem moderaten Startkapital ist der Preis, den Anleger für ihren „Home Bias“ bezahlt haben. Das ist kein kleiner Rundungsfehler, das ist ein verpasster Mittelklassewagen oder mehrere Jahre früher in Rente.
Warum klafft die Schere so weit auseinander?
Es liegt an der Zusammensetzung. Der DAX ist ein Value-Index mit Fokus auf Substanz (Chemie, Banken, Industrie). Das ist in stabilen Zeiten nett, aber in einer Phase der digitalen Revolution ein Bremsklotz.
Der S&P 500 hingegen wird von den „Magnificent Seven„ (Apple, Microsoft, Nvidia, Alphabet, Amazon, Meta, Tesla) getrieben. Diese Unternehmen skalieren global und haben Margen, von denen ein deutscher Maschinenbauer nur träumen kann. Ich habe Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta im Depot.
Wichtig für dich: Selbst wenn du glaubst, dass die USA „überbewertet“ sind – der S&P 500 investiert dort, wo die Gewinne gemacht werden. Wenn ein deutsches Unternehmen wie die Linde AG merkt, dass die Bedingungen woanders besser sind, verlässt sie den DAX (wie 2023 geschehen). Als DAX-Anleger bleibst du zurück, als Welt-Anleger folgst du dem Geld automatisch.
Fazit:
Sei stolz auf dein deutsches Brot, aber sei skeptisch bei deutschen Aktien als alleinigem Heilbringer. Dein Depot sollte keine Landesgrenzen kennen. Echte Diversifikation bedeutet, dorthin zu gehen, wo das Wachstum ist – egal ob in Seattle, Seoul oder Shenzhen.
Löse dich vom Home Bias. Dein zukünftiges Ich wird es dir danken, wenn die nächste lokale Krise an deinem Depot einfach abperlt.
Bleib rational, bleib dran!
„Hand aufs Herz: Wie hoch ist der Anteil deutscher Aktien in deinem Depot wirklich? Schreibt es mir in die Kommentare – seid ihr eher Team ‚Heimatverbunden‘ oder ‚Weltbürger‘?“ Fehler machen wir alle – ich eingeschlossen.