Zocker und Angsthasen haben in Deutschland die Oberhand


New York, 30. August 2011

Ich wundere mich immer wieder, wie viele Menschen in Deutschland an der Börse zocken. Das Internet ist voll mit diesen Zocker-Seiten. Langfristig scheint sich gar niemand mehr für Aktien zu interessieren. Optionen, Futures, Zertifikate, Derivate, Fonds sowie andere intransparente Produkte werden wie verrückt getradet. Immer in der Hoffnung, schnell reich zu werden. Die Banken befeuern diesen Wunsch der Zocker mit tausenden Produkten, die sie mit Gebühren aufblähen. Aber so kann man doch kein Vermögen auf Dauer schaffen. Das endet vielmehr im Desaster.
Dann gibt es die Aktienfans, die immer das kaufen, was gerade himmelhoch bewertet wird. Internetaktien, heiße Softwarepapiere oder kleine Minenwerte. Man kann hier durchaus fündig werden, es gibt viele Perlen. Aber als Grundstock für den Vermögensaufbau dienen solche heißen Werte sicherlich nicht.
Die Gewinner an der Börse sind die konservativen Anleger, die Qualitäts-Aktien kaufen und den Wertpapieren viel Zeit geben. Wer sich nur mit dem Trading und Timing beschäftigt, der wird ziemlich viel Geld verlieren. Denn das ist wie im Spielkasino: Die Kasinos machen die Betreiber reich, aber nicht die Zocker. Die meisten gehen mit leeren Taschen nach Hause. Drei Mal können Sie raten, wie es der König von Las Vegas, Steve Wynn, auf die Reichstenliste von Forbes geschafft hat? Je mehr Verluste seine Kunden an den Spieltischen einfahren, desto voller werden seine Taschen. Ähnlich funktioniert das Spiel an den Börsen. Die Bank verdient immer.
Auch was manch ein Profianleger macht, ist bei genauer Betrachtung Augenwischerei. Jetzt zum Beispiel legen viele Fondsmanager spannende Goldminenaktien in ihre Portfolios. Kurz vor dem Monatsende müssen diese Aktien noch schnell ins Portfolio, damit die Sparer zufrieden mit den Managern sind. Dabei sind die Titel gerade ins Körbchen gelegt worden. Man nennt das Window Dressing. Es gleicht meiner Meinung nach einer Volksverdummung. Es ist ein Spiel. Nichts weiter. Insofern rate ich bei Fonds sehr skeptisch zu sein. Es gibt nur wenige vernünftige Fonds. Die meisten schneiden schlechter als die Benchmark ab. Schon die hohen Kosten der Fonds sind mir ein Dorn im Auge. Wenn ich allein sehe, dass einige Fonds das gesamte Portfolio vier Mal im Jahr umdrehen, dann geht mir das Messer in der Tasche auf. Meist bringt das nichts. Im Gegenteil: Außer Spesen nichts gewesen. Es laufen massive Kosten durch das Trading auf, die der Anleger am Ende des Tages bezahlen muss. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Sparer ihren Fondsmanagern blind vertrauen, wovor ich warne.
Warum das Interesse an soliden Aktien-Investments so gering in Deutschland ist, hängt wohl mit der mangelhaften Schulbildung zusammen. In der Schule müsste es das Fach „Investieren“ geben. Wir Deutschen lieben Sparbücher, Immobilien, Festgelder, Staatsanleihen – dabei bringen diese Anlagen auf Dauer weniger Rendite als hochsolide Aktien ein. Hier haben auch die Börsenaufsicht Bafin, das Finanz- und Verbraucherschutzministerium grandios versagt. Es muss zu den Kern-Aufgaben der Behörden gehören, die Bürger aufzuklären, wie sie am besten für das Alter vorsorgen können. Das ist bis in die Amtsstuben leider nicht vorgedrungen. Sie scheinen sich, mehr mit sich selbst zu beschäftigen, als mit den wirklich wichtigen Dingen. Was wir Deutschen mit all unseren Sparbüchern verfolgen, ist eine reine Angsthasen-Strategie.
Am besten schneiden Sie meiner Meinung nach ab, wenn Sie traditionsreiche Firmen kaufen. Super finde ich Familienunternehmen. Gerade solche, die mehr als einhundert Jahre alt sind. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese auch die nächsten Krisen überstehen. In Japan gibt es laut Wikipedia vier Hotels, die seit mehr als 1000 Jahren existieren. Ob ein heißer Pennystock ohne Umsatz im nächsten Jahr noch existiert, ist dagegen fraglich. Mein Rat: 80 Prozent des Portfolios würde ich mit Standardwerten füllen. Mit den verbleibenden 20 Prozent kann man durchaus auf spekulative Titel setzen, sofern es Ihnen Spass bereitet. Sparbücher und Festgelder sind wichtig zu besitzen – als Notgroschen sozusagen, aber sie sind nicht zum langfristigen Vermögensaufbau geeignet.
Warren Buffett feiert heute seinen 81. Geburtstag. Happy Birthday Mr. Buffett! Von dem Altmeister können Sie viel über das Investieren lernen. Werfen Sie einfach einen Blick in sein aktuelles Portfolio. Ein paar Titel dieser traditionsreichen US-Unternehmen ins eigene Depot zu legen, macht sicherlich Sinn. Nach der jüngsten Börsenkorrektur sind die Kurse niedrig. Und Buffett hat bislang alles in allem ein gutes Händchen gehabt. Buffett zeigt, wie sich das Investieren lohnt: Qualität kaufen und Sitzfleisch haben. Der prominente Value Investor hat es mit dieser Strategie geschafft, reichster Mensch der Welt zu werden. So langweilig seine Aktien auf den ersten Blick erscheinen mögen, so kraftvoll wirken sich deren Dividenden und Kurssteigerungen auf Sicht von Jahrzehnten aus.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Zocker und Angsthasen haben in Deutschland die Oberhand

  1. Tomte

    Tim,

    erstmal großes Kompliment für dieses Blog – ich bin erst vor kurzer Zeit darauf gestoßen es gefällt mir. Ein guter Gegenpol zu all den von Dir angesprochenen Seiten. Großartig, wenn jemand mit etwas Ratio und Weitblick dagegen hält.

    Da es grade so schön passt: erst heute ist mir die Spucke weggeblieben, da wurde auf einer Trading Seite eine „Stategie“ vorgestellt, mit der täglich 5% Rendite zu erzielen sind. Aber aufgepasst: Jeweils nur mit einem (!) Trade, intraday mit jeweils einer (!) Aktie. Da wird dann beschrieben, wie mit einem Kapitaleinsatz von 10.000€ eine Rendite von 500% zu erwirtschaften ist.

    Wohlgemerkt, dass ist keine Werbung aus dem Graumarkt, sondern ein Webblog, das sich mit dem Logo „Finalist – Web Blog of the year 2011“ schmückt.

    Der Beitrag ist das eine, die Kommentare nach dem Motto „das probiere ich auch mal“ sind das andere. Fast jeder, der so etwas mal versucht hat, dürfte erfahren haben, wie schnell die Kohle verzockt ist.

    Bleibt zu hoffen, dass hier weiterhin von Dir zu hören ist.

    T.

    PS: Was zockst Du denn mit Deinen 20%…?

  2. tim schaefertim schaefer

    Hi Tomte,
    danke für das Lob. Über den von Ihnen erwähnten Blog kann ich mir kein Urteil erlauben, weil ich die Website nicht gesehen habe bzw. kenne. Was Sie schildern, klingt gewiss nicht gerade vertrauenswürdig. Wer kann schon so hohe Renditen garantieren?
    Ich selbst verfolge eine Buy and Hold Strategie, es befinden sich also keine Aktien für kurze Zeiträume in meinem Depot. Nur auf Sicht von vielen Jahren. Ich weiß, dass diese Strategie ziemlich langweilig sein kann. Daher rate ich dazu, einen kleinen Anteil des Portfolios mit ein paar spekulativen Aktien zu bestücken.

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