Wie Sie den fairen Wert einer Aktie bestimmen


New York, 10. Mai 2014

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In der Unterhose im heimischen Keller sitzend, wild am Computer zu traden, um reich zu werden. Das ist ein Traum vieler. Doch die Realität sieht anders aus. Die meisten Zocker schneiden grauenvoll ab. Je mehr sie traden, desto schlechter ist deren Performance. Das zeigen wissenschaftliche Studien wie diese ganz klar.
Die Finanzbranche hat ein Interesse an einer hohen Aktivität ihrer Kunden, denn das spült Gebühren in ihre Kassen. Ein Buy-and-Hold-Anleger bringt wenig Einnahmen, insofern handelt es sich nicht um einen Traumkunden für unsere Banken.
Warren Buffett ist demnach kein Traumkunde einer Bank: Er kauft und behält seine Investments mehrere Jahrzehnte. So schlägt er die Trader, weil er sich deren Gebühren spart. Das schlechte Timing und die emotionalen Fallen spart er sich ebenso. Alles in allem profitiert der Milliardeninvestor vom Wohlstandsgewinn, vom Fortschritt, vom Wachstum, von der Zunahme der Weltbevölkerung.
Die Menschen neigen aber dazu, zu kurzfristig zu denken. Sie mögen kurzfristige Trends und übersehen dabei langfristige Entwicklungen.
Ein weiteres Geheimnis Warren Buffetts ist: Er liest Geschäftsberichte. Ausgehend vom Geschäftsbericht legt er einen fairen Preis für ein Unternehmen fest. Im nächsten Schritt vergleicht er seinen als fair ermittelten Preis mit dem aktuellen Börsenwert. Liegt sein fairer Preis über dem Börsenpreis, steigt er ein.
Die Legende lässt sich also niemals durch die Kurse beeinflussen. Buffett spart völlig die Börsenmeinung aus, sondern bildet sich seine eigene Meinung.
Die Börsenkurse interessieren ihn nicht die Bohne. Er lässt sich von den Kursen nicht beeinflussen. Seine eigene Einschätzung ist, was zählt.
Ich habe Buffett kopiert: Ich habe etliche Kisten vergestopft mit Geschäftsberichten vom Postboten erhalten. Ich gehe nun schrittweise durch. Ich lese die Berichte. Dann schreibe ich einen fairen Börsenwert auf die erste Seite. Ganz groß. Meist billige ich den 1,2-fachen Umsatz, den 1,5-fachen Buchwert oder den 13-fachen Gewinn (KGV) zu. Ich möchte zudem mindestens zwei Prozent Dividendenrendite kassieren. Es hängt natürlich vom Einzelfall ab. Das sind jetzt nur pauschale Hausnummern, jede Firma taxiere ich anders.
Anschließend schaue ich, was die Börse dem Unternehmen zubilligt. Ich bin oftmals erstaunt, wie viel mehr die Börse bereit ist zu bezahlen.
Fazit: Bestimmen Sie selbst den Preis für ein Unternehmen. Überlassen Sie diese Aufgabe nicht anderen.
PS: Das Bild oben heißt „Die Schleckermäuler“ von Künstler Karl Hubbuch um 1925/1926. Gesehen habe ich es in Münchens Städtischen Galerie Lenbachhaus. Absolut sehenswert!


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wie Sie den fairen Wert einer Aktie bestimmen

  1. Fritz

    @Tim: Aber Buffett steigt doch auch oft bei Unternehmen mit einem wesentlich höheren KGV ein, oder täusche ich mich da?

  2. Matthias SchneiderMatthias Schneider

    Bedauerlicherweise liest man in Geschäftsberichten nur die Tätigkeit aus einer mehrere Monate zurück liegenden Vergangenheit. Das sagt leider nichts über die Zukunft aus.
    Die beste Bilanz kann schnell ruiniert sein. Bei größeren Firmen mit Polster (siehe BP und anderen Umweltdesastern) nicht so tragisch wie bei kleineren.
    Es hätte alles nur Wert, wenn man in die Zukunft schauen könnte, bzw. Trends und Neuentwicklungen richtig einschätzen könnte, bzw. echtes Insiderwissen abgraben könnte.
    Wenn man z.B. ein Haus in Tankstellennähe billig kaufen kann, weil niemand in der giftigen Luft und Gestank leben will, dann ist es Gold wert, wenn man weiß, dass die Gemeinde plant, das Gebiet zu restrukturieren und die Tankstelle abzureißen. So geht es natürlich auch in der Wirtschaft zu. Neue Bedingungen schaffen einen Mehrwert. Sich auf Vergangenes zu berufen, hat m.E. nur einen beschränkten Wert, hilft halt, etwas mehr Vertrauen in die Firma zu haben als in andere. Prinzipiell spiegelt der Preis nahezu immer korrekt den Wert wider. Man bekommt heute, in einer Zeit, in der Algorithmen die Weltmärkte auf Unstimmigkeiten im Millisekundenbereich abgrasen, keinen free Lunch. Man kann nur das kaufen, was man gern kaufen will, und hoffen, dass die Firma in Zukunft von mehr Leuten als kaufenswert gesehen wird.
    Ich hatte mal ein kleines Schlüsselerlebnis. Der David Sterman hatte mal bei „StreetAuthority“ ein 100.000 USD Musterdepot (echte Investitionen) geführt, immer alles mustergültig erklärt, warum und wieso was gekauft wird. Die Käufe wurden 2 Tage vorher bekannt gegeben. Weil er ja lange (20 Jahre) Investmentanalyst war, dachte ich, besser kann ich es sicher nicht, und habe ein paar Sachen mitgemacht. Hatte z.B. die XIDE (Exide Batteries) gekauft. Plötzlich gab es einen Umweltskandal in der Firma, und dann wurde Pleite angemeldet. Zugegeben, einer kleiner Wert, kein Bluechip, aber ähnlich kann es überall gehen. Man kann sich nicht wirklich schützen. Nur durch Glück, weil ich Cash für einen anderen Kauf brauchte, habe ich noch paar Tage vorher mit kleinem Gewinn verkauft. Mal hat man Glück, mal hat man Pech. So simpel ist es letztendlich.

    MS

  3. Fritz

    @Matthias Schneider:

    Ich bin nicht der Meinung, dass der Preis nahezu immer korrekt den Wert widerspiegelt. Denk doch mal an Krisen wie vor ein paar Jahren. Da gabs die Aktien zum Schnäppchenpreis. Die meisten Titel wurden weit unter Wert gehandelt.

  4. tim schaefertim schaefer

    @ Fritz

    Warren Buffett zahlt duchaus ein KGV von circa 13 (oder weniger).

    Ziemlich neu auf Buffetts Kaufliste sind der IT-Titan IBM und Energieriese Exxon Mobil.

    IBM: Aktueller Kurs 190 Dollar. Ergebnis je Aktie 2013: 16,28 Dollar. KGV demnach rund 12.

    Exxon Mobil: Kurs 102 Dollar. Ergebnis je Aktie 2013: 7,37 Dollar. KGV folglich unter 14.

  5. tim schaefertim schaefer

    @ Matthias

    Die Börse sieht nicht alles. Sie macht Fehler.

    Profis wie George Soros, Bill Ackman, Peter Lynch, Carl Icahn, David Einhorn, John Paulson, Seth Klarman oder Carlos Slim erkennen das. Sie sehen die Gier und die Panik. Sie schwimmen gegen den Strom.

  6. Matthias SchneiderMatthias Schneider

    @Fritz

    Ja, im Nachhinein ist es einem klar, weil die allermeisten überlebt haben. Aber in der Ausnahmesituation war der Markt eben der Meinung, dass es durchaus zum allgemeinen Zusammenbruch kommen kann, also der finanzielle Kollaps auch bei Bluechips eintreten kann. Und dann ist eben der Wert sehr reduziert, bei großer Gefahr. Was helfen dem Aktionär Firmenassets weit über dem Kurswert, wenn er als letzter bedient wird mit seinen Ansprüchen im Fall des Falles, nach den Anleihen. Die „Unterbewertung“ hilft nur beim Kauf, wenn die Firma auch überlebt. Aber das ist eben nicht unbedingt klar. Dass z.B. GM (General Motors) pleite macht, war nicht unbedingt zu vermuten. Das sind dann keine Schnäppchen, wenn man solche Firmen in dem Moment für unterbewertet hält.

    MS

  7. Frank

    @ Tim,
    muß man gerade für Unternehmen die wachsen nicht auch mal höhere KGV`s akzeptieren?
    Gerade im M Dax gibt es viele Unternehmen , keine kleinen Klitschen mit solider Story (z.B.: United Internet, Fuchs Petrolub, Schaltbau…)Solche Companys sind doch immer zu teuer, aber auf lange Sicht doch ertragreicher, oder.
    Der Großteil meines Depots besteht aus soliden Dickschiffen, aber mit ca. 20 Prozent sollte man auch den Schnellbooten eine Chance geben.Am Besten wäre ein Crash indem alles fällt, dann gibts Wachstum zu guten Preisen.

  8. Markus

    @Tim

    Wie ermittelst Du denn deinen fairen Wert jetzt genau? Kannst Du dafür mal bitte ein Beispiel berechnen?

    Die allgemeinen Kennzahlen als Anlageentscheidung allein ist für mich kein Buffett-Anlagestil, da es demnach diese Story vom Onkel Millionenfach geben müsste…

    Angeblich hat er Coke auch sehr teuer gekauft… Habe ich jetzt nicht überprüft.

    Cashflow halte ich für noch wichtiger als die Dividende.

    Tja, hab mir damals Starbucks für um die 6 € überlegt. Aber ich hätte nie alles drauf gesetzt.

  9. tim schaefertim schaefer

    @ Frank
    Höhere KGVs sind akzeptabel. Es hängt vom Einzelfall ab. Vom Wachstum, von der Marke, von der Marge, von den Perspektiven.

    @ Markus
    Der (freie) Cashflow spielt mit eine Rolle. Logisch. Ein „fairer Preis“ – das ist eine persönliche Angelegenheit. Es ist eine reine Interpretationssache, die auf subjektiven Annahmen/Einschätzungen beruht. Es gibt keine objektive bzw. perfekte Formel dafür.

  10. Felix

    Das mit dem wahren Wert eines Unternehmens, der individuell zu bestimmen ist, sieht schon etwas nach Astrologie aus.
    Eine Geheimwissenschaft, bei der in die Geschäftsberichte, von sagen wir Exxon mobil (einen der größten Unternehmen der Welt, das selbst nicht so genau weiß wie viel Erdölreserven es hat, geschweigen denn wo der Ölpreis in einem Jahr steht) geschaut wird, und daraus wird dann eine Zahl destilliert, welche den fairen/wahren Wert des Unternehmens angibt. Da das Verfahren ja individuelle ist, gibt es ungefähr so viele wahre Werte, wie es Unternehmensastrologen gibt.
    Wenn man an die Sterndeuterei glaubt, wird man es für wahr halten.

  11. Sebastian

    Witzig! Sonst wird ja eher die technische Analyse mit der Astrologie assoziiert. Jetzt also auch die Fundamentalanalyse…….

    Entdecke ich ein Unternehmen, von dem ich begründet annehmen darf, dass es auch in zehn Jahren noch profitabel wirtschaftet und welches mit ordentlichem Abschlag zum Höchstkurs gehandelt wird, dann schlage ich zu – und halte geduldig am Unternehmen fest.

    Den Taschenrechner lasse ich da in der Regel außen vor.

  12. Markus

    Dass die Fundamentalanalyse mit Astrologie verglichen wird, ist schon öfters vorgekommen und auch nicht ganz unbegründet…

    Das alpha aus Value-Investments ergibt sich aus einem höherem Risiko, da ein Unternehmen in Schwierigkeiten schwächere Bewertungen zukünftiger Zahlungsströme vom Markt zugebilligt bekommt. Wenn die negativen Erwartungen der Allgemeinheit zu schlecht sind, dann kann man sich über ein wenig alpha freuen…

    Ne Coke oder Nestlè ist ein Investment in einen Weltmarkführer und kein Kaufen von unterbewerteten Aktien, die alle institutionellen Anleger übersehen haben.

  13. Couponschneider

    @Fritz

    Ein hohes KGV heißt nichts anders, als dass die meisten Börsianer das jeweilige Unternehmen sehr positiv sehen und manchmal hat die Börse doch recht. So kann es passieren, dass Buffet selbst bei hohen KGVs einsteigt, weil er der Meinung ist, dass der Optimismus von MrMarket nicht optimistisch genug ist.

  14. Tino

    „Prinzipiell spiegelt der Preis nahezu immer korrekt den Wert wider.“

    @Matthias, das ist ja häufig keine rationale Einschätzung des zugrunde liegenden Unternehmens. Ich habe so eine Panikreaktion erst wieder vor einigen Tagen erlebt, wo ein blackmail Versuch eine Firma in Verruf gebracht hat. Die Kurse purzelten, ohne das auch nur einer (meine starke Vermutung) der Verkäufer auch die geringste Ahnung hatte oder sich bemüht hätte die Sache erst mal aufzuklären (aufklären zu lassen), was das für Folgen haben würde. Man hat noch nicht mal das Statement des CEO abgewartet, der sich später mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat. Sowas ist für mich ein ganz klares Zeichen von irrationalem Verhalten und hat nichts mit realistischer Einpreisung zu tun. Und das geschieht immer und immer wieder.

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