Wenn die Herde rennt…


New York, 24. Januar 2013

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An der Börse besteht die Kunst darin, genau das Gegenteil von der Masse zu tun. Wenn alle die IT-Wunderaktie Apple lieben, sollten Sie beginnen, kritisch über das Apfel-Investment zu denken. Wenn alle eine Aktie wie den DVD-Verleiher Netflix hassen, sollten Sie über den Kauf nachdenken.
Netflix kletterte in einer unglaublichen Euphorie auf 300 Dollar in der Spitze. Es war der Liebling der Masse. Anschließend fiel das Papier auf 60 Dollar zurück.
Ich verstand den Absturz nicht. Der Weltmarktführer expandiert wie verrückt weltweit, auch nach Europa. Viele meiner Freunde in New York haben ein Netflix-Abo, sie sind zufrieden mit dem Online-Streaming-Dienst.
Ein Blick in die Bilanz zeigte mir: Der Cash flow fällt positiv aus, die Kriegskasse ist proppenvoll, keine Schulden, der Konzernumsatz zieht an. Ich konnte nicht begreifen, warum der Kurs derart runter geprügelt worden ist. Es machte keinen Sinn. Zumal Gründer Reed Hastings als CEO an Bord blieb und seine Vision in die Tat umsetzt.
Die Anleger flüchteten, sie warfen die Aktie aus dem Fenster. Binnen eines Tages brach die Aktie um 25 Prozent ein. Ich dachte: Irgendwann gibt es keinen mehr, der die Aktien noch verkaufen kann. Dass der Boden im Kurs da war, das zeichnete sich ab.
Ich begann also, die Netflix-Aktie zu empfehlen. Ich riet zum Kauf – noch bevor Raider Carl Icahn sich zehn Prozent des Grundkapitals unter den Nagel gerissen hat. Hier. Als sich mehr und mehr eine Stabilisierung abzeichnete, schrieb ich das hier. Damals kostete die Aktie ca. 66 bzw. 90 Dollar. Heute steht das Ding bei 141 Dollar. Ein paar Wochen bzw. Monate später ist die Welt bei Netflix wieder in Ordnung.
Woran liegt das? Die Masse der Anleger neigt dazu, emotional zu reagieren. Sie kennen ja den Spruch: Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt.
Kommt ein schwaches Quartal, denkt die Herde gleich an den Untergang. Meldet ein Erfolgsunternehmen ein überraschend gutes Quartal, rennt die Herde in die Aktie wie blöd, der Kurs explodiert. Diesen Rein-Raus-Wahnsinn können Sie zu Ihrem eigenen Vorteil ausnutzen.
Allein heute sauste der Netflix-Kurs um 37 Prozent in die Höhe.
Es geht mir nicht darum, mir auf die Schulter zu klopfen. Nein, ganz und gar nicht. Ich mache jede Menge Fehler. Ich möchte Ihnen nur deutlich machen: Wenn eine Aktie wie Apple um 8.000 Prozent nach oben gelaufen ist und alle jubeln, werden Sie skeptisch.
Wenn ein Weltmarktführer wie Netflix (mit viel Cash, ohne Schulden, profitabel) um 80 Prozent einbricht, sollten Sie nachdenken, ob der Absturz gerechtfertigt ist. Vergleichen Sie die Stimmung der Börsianer mit den fundamentalen Daten. Erkennen Sie eine Differenz zwischen den Emotionen und der Börsenbewertung, ist das eine Chance.
Übrigens ist Netflix kein Witwen- und Waisenpapier nach den Buffett-Kriterien. Es fehlt die profitable Historie, es fehlt die Dividende, es mangelt an der Stabilität.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wenn die Herde rennt…

  1. Dr.Evil

    Danke für den Artikel. 🙂

    Es sollte öfter solche Rückblicke geben. Insbesondere, wenn sich vll eine Empfehlung später als falsch herausgestellt hat.

  2. tim schaefertim schaefer

    @ Dr. Evil

    Da kann ich gerne einige Versager nachreichen. Da habe ich kein Problem mit. Im Gegenteil.

    Ebix so ein Beispiel. Es tauchten nach meinem Artikel Vorwürfe mit Blick auf die Bilanzierungspraxis auf.

    Ich habe leider viel zu positiv geschrieben. Die Zuwachsraten waren einfach phantastisch. War das zu gut, um wahr zu sein? Keine Ahnung, das wird sich zeigen.

    Ich kann gerne weitere Versager hier reinstellen. Wenn es genug interessiert…da kann ich nur von lernen.

  3. Musti

    Hallo Tim,

    als die Aktie am Fallen, gehörte eine Menge Mut dazu, sich gegen die anrasende Menge zu stellen.
    Es war nicht abzusehen, wann der Kursverfall aufhören würde.
    Zu diesem Zeitpunkt hat auch Amazon massiv um seinen Streamingdienst geworben.
    Da bei einer Entscheidunssituation auch immer der emotionale Aspekt eine entscheidende Rolle spielt, ist es schwierig das umzusetzen was der Verstand sagt.
    Da du den Titel ja empfohlen hast, würgte ich davon aus dass Du damals eingestiegen bist, oder ?

    Gruß

  4. Chris2

    Hallo!

    Das mulmige Gefühl hat man dabei immer. Die Kunst ist es, das zu ignorieren und die Titel zu treffen, die sich dann nach dem Kauf wieder erholen.

    K+S, E.ON und RWE sind gerade Beispiele aus dem DAX. Es herrscht geradezu Panik in den Foren.

    Zwei davon liegen in meinem Depot. Ich bin gespannt, wie sich die Lage bei diesen Titeln in Zukunft entwickelt.

  5. frank

    Hallo Chris 2,
    bin bei 13.98 Euro bei EON rein, am gleichen Abend:13.40!!!
    Na ja, ich glaube trotzdem an mittelfristig steigende Kurse.
    Eine Mini Offerte der Politik bzgl.Atom Kohlestrom und schon rappelts
    Frank

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Musti
    Ich halte mich selbstverständlich an die Richtlinien des Presserats.

    Ich bin von dem, was ich als Journalist schreibe, natürlich immer auch persönlich überzeugt. Ich schreibe als Journalist über das, was ich für richtig halte.

    Die Hälfte meiner Freunde hat kein klassisches Fernsehgerät mehr in New York. Das ist ein Trend. Die Menschen wandern auf Online-Film-Dienste wie Amazon, hulu oder Netflix ab. Sie schauen Serien/Filme auf dem PC, iPad, Mac. Zum einen liegt es an den steigenden Kabel-TV-Gebühren, zum anderen an einem anderen Medienkonsum.

    @ Chris2
    @ Frank
    Der Absturz von RWE und E.on hat u.a. mit der Energiewende in Dtld zu tun. Diese Konzerne wurden zusätzlich von der dt. Bundesregierung mit neuen Lasten wie der Brennelementesteuer bestraft. Andere Branchen wie der Autoindustrie half Berlin dagegen während der Krise mit der Abwrackprämie. Diese Ungleichbehandlung in schwierigen Zeiten empfinde ich persönlich als unfair. Ändern können wir Börsianer das nicht. Ein Problem bei RWE und E.on sind die hohen Schulden. Gut möglich, dass hier die Übertreibung nach unten begonnen hat. Es scheint, als werden die beiden Aktien gehasst.

  7. Michael C. Kissig

    Zu Eon…

    ich kann nicht nachvollziehen, weshalb man Eon kaufen sollte. Der Kurs ist dramatisch eingebrochen, aber nicht ohne Grund. Es ist kein temporäres Problem, ds Eon belastet, sodnern die Energiewende. Eon hat veraltete Kraftwerke und enorme Probleme mit seinen AKWs. Dazu kommen die hohen Schulden und die starke Ausrichtung auf Gas – und gerade Gaskraftwerke sind die Hauptleidtragenden, wenn zu viel Wind- oder Solarenergie erzeugt werden. Was inzwischen häufig vorkommt. Dann müssen die Gaskraftewerke runterreguliert werden und die eigentlich mal geplanten Betriebsstunden schrumpfen zusammen wie Eis in der Sonne. Aber die Fixkosten laufen weiter.

    Eon steht mit dem Rücken zur Wand und eine Besserung ist nicht in Sicht. Die Dividende wird zusammengestrichen und die Erträge sinken deutlich ab. Abgesehen von der Hoffnung, dass nach einem starken Absturz vielleicht ein Rebound kommt, spricht nichts, aber auch gar nichts, für Eon. Denn in Deutschland verlieren die Tausende von Kunden, sind nicht (mehr) wettbewerbsfähig. Und wenn ich mich auf de deutschen Kurszettel umsehe, gibt es viele interessante und solide Unternehmen, die von der Bewertung und den Perspektiven deutlich attraktiver sind als Eon. Ich würde da keinen Cent investieren…

  8. tim schaefertim schaefer

    @ Michael
    Der Chart von E.on sieht grauenvoll aus. In der Tat. Da stimme ich Dir zu.

    Warten wir mal ab, wo das Ding in 5 oder 10 Jahren steht. Macht es Sinn, auf dem ausgebombte Niveau noch auszusteigen? Ich glaube kaum. Für mich gilt Buy and Hold. Versorger wird es noch in 50 Jahren geben.

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