Wenn der Bonus wichtiger als der Kunde ist


New York, 27. September 2013

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Kürzlich schaute ich mir eine Präsentation eines Vorstandschefs im New Yorker „Yale Club“ an. Ich fand die Rede super. Der CEO des Milliardenkonzerns sagte: „Wir möchten eine stärkere Firma in fünf Jahren sein. Was im nächsten Quartal passiert, ist uns egal.“
So eine Aussage ist imponierend. Langfristig zu denken ist etwas Herrliches. Leider dominiert ein Kurzfristdenken an den Finanzmärkten. Es geht um den Quartalsbonus, um die Quartalszahlen, um einen wichtigen Abschluss noch vor dem Jahresende usw. Ständig jagen Manager reinen Zahlen und Terminen hinterher.
Das Menschliche bleibt auf der Strecke. Der tiefe Sinn eines Unternehmens ebenso. Es ist schon schade. Gerade Familienbetriebe haben die Gabe, extrem langfristig zu agieren. Daher sind sie vielen anderen Konzernen, die von dem schnellen Geld getrieben werden, überlegen.
Im Endeffekt sollte es darum gehen, zufriedene Kunden auf Dauer zu haben. Es geht um Anstand, Moral, Fairness, Transparenz. Es geht um einen Mehrwert für den Kunden.
Wer keinen wahren Nutzen seinen Kunden bieten kann, der wird auf der Strecke bleiben. Die Menschen merken das. Die Konsumenten werden schlauer, sie lernen ständig dazu.
Denken Sie an Amazon-Chef Jeff Bezos. Ihm ist die Kundenzufriendenheit überaus wichtig. Er will supergünstige Ware so schnell wie möglich an den Kunden ausliefern. Bezos möchte nur eine kleine Marge verdienen. Es geht ihm nicht um den großen Reibach. Er denkt langfristig. Deshalb ist Amazon so erfolgreich. Amazon ist das größte Kaufhaus der Welt geworden. Von einem Rekord zum nächsten jagt die Aktie. Es ist imposant. Wer hätte das gedacht?
Wenn Sie sich mit dem schlechten Umgang von heutigen Managern mit ihren Mitarbeitern beschäftigen möchten, rate ich Ihnen, dieses Buch zu lesen: Wie Zahlenmenschen ticken: Stärken – Grenzen – Potenziale. Das Buch zeigt, wie Führungskräfte besser werden können.
Egal, wohin Sie schauen. Ob im DAX, MDAX oder Dow Jones – bei vielen Firmen scheint das Kurzfristdenken und der schnelle Bonus im Vordergrund zu stehen. Leider kommt es deshalb immer wieder zu brisanten Schlagzeilen.
Kennen Sie diese Schlagzeile über die ehemalige Führungsmannschaft der Deutschen Bank, die angeblich ein Gericht angelogen haben soll? Ob sie tatsächlich gelogen haben, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht war es ja alles ganz anders. Das wird sich zeigen.
Jedenfalls weiß ich grundsätzlich: Wir sind alle Menschen. Wir machen alle Fehler. Und wenn jemand einen Fehler macht, ist es vernünftig sich zu entschuldigen. Das kommt am besten an.
Die Deutsche Bank ist ein wertvolles, faszinierendes Unternehmen mit einer unglaublich langen Historie, da ist es geradezu schade, dass ständig neue Kritik aufkommt.
Mitarbeiter, Kunden, Gesellschaft – sie alle wünschen sich Vorbilder, Leitfiguren.
Die US-Großbank JP Morgan Chase geriet in die Schusslinie des Staatsanwalts, weil das Haus Kreditkartenkunden unnötige Dienstleistungen passend zur Kreditkarte anbot. Doch wurden die Dienstleistungen nicht wie erhofft erbracht, die Bank kassierte trotzdem fleißig über Jahre hinweg die Gebühren von den Kunden. Knapp 400 Millionen Dollar Strafe sind nun fällig. Der Staat greift ein. Die Kunden werden für den „Service-Schwindel“ entschädigt.
Ich meine, Unternehmen sollten ethischer werden. Der Kunde sollte wieder König sein. Das hilft den Unternehmen langfristig. Kurzfristige, schnelle Erfolge sind brandgefährlich, wenn damit die Zukunft auf dem Spiel steht.
Die Deutsche Bank und JP Morgan sind exzellente Konzerne. Sie werden von ihren Fehlern lernen, da bin ich mir sicher. Beide Aktien sind aus Value-Gesichtspunkten spannend. Die Deutsche Bank notiert 36 Prozent unter Buchwert, JP Morgan Chase gibt es momentan zum Buchwert. Ich besitze weder die eine noch die andere Aktie.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wenn der Bonus wichtiger als der Kunde ist

  1. Frank

    DB 36 % unter Buchwert: Niemand kann eine Bankbilanz verstehen, niemand weiß was da noch im Keller liegt, da nützt der schönste Buchwert nichts fürchte ich.

  2. Martin

    Frank hat Recht. Der Buchwert nützt nicht viel. Bei dem geringen Eigenkapital reicht es, wenn wenige % der Assets abgeschrieben werden müssten, um die Banken in die „Staatshilfe“ zu treiben.

    Bezos mögen vielleicht die Kunden wichtig sein, die Mitarbeiter in Deutschland sind es jedoch nicht. Siehe z.B. hier:http://www.handelszeitung.ch/unternehmen/symbole-aus-der-nazi-szene-amazon-im-deutschen-shitstorm
    Mit den Marketplace Verkäufern wird auch nicht fair umgegangen. Wenn ihr Produkt gut läuft, nimmt es Amazon selbst auf. Die entsprechenden Daten haben sie ja. Diesem Teil ihrer Kunden machen sie also selbst Konkurrenz und hier ist ein Interessenkonflikt. Zudem werden die Verkäufer gezwungen die gleiche Ware nirgendwoanders billiger zu verkaufen. Glaube aber das ist auch bei ebay so. Würde eher short als long amzn gehen.

    Grundsätzlich hat Tim recht und sehr vorbildlich finde ich z.B. den alten Bosch: „Geld verloren, nichts verloren. Vertrauen verloren, alles verloren.“
    „Lieber Geld verlieren als Vertrauen.“
    Die Bankaktien würde ich nicht kaufen, da ich Null Vertrauen in die Integrität der Banker habe. Man sieht das auch in der Relation ihrer Gehälter zum Gewinn, um das auch wirtschaftlich und nicht nur moralisch zu begründen.

  3. Matthäus Piksa

    @Martin

    Egal, ob amazon oder jetzt JP Morgan, die aktuell unter Korruptionsverdacht in China stehen.

    Solche Fälle zeigen, dass es manche Konzerne nicht ganz so genau mit den Gesetzen und Regeln nehmen.

    Nach der Siemens-Korruptionsaffäre vor einigen Jahren sollen dort mittlerweile strenge Compliance-Regeln gelten.

    Ich finde es gut, dass es mittlerweile common sense geworden ist, dass die Verantwortung international operierender Konzerne nicht an der eigenen Landesgrenze Halt macht.

    Das Argument vieler im Ausland arbeitender Geschäftsleute, ohne zu bestechen komme man nicht an Aufträge greift zu kurz.

    In Deutschland gelten seit 2002 die Bestimmungen des Corporate Governance Kodex.

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