Wenn der Affe Aktientipps gibt


New York, 8. November 2012

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Oje. Der Chef-Aktienstratege von Goldman Sachs, David Kostin, hat mal wieder gesprochen. Der Prophet orakelt, der S&P-500-Index wird bei exakt 1.575 Punkten Ende 20013 landen. Solche Prognosen sind natürlich Blödsinn. Entschuldigen Sie meine Wortwahl, für den Chart der Goldmänner fällt mir spontan der Kinderreim „Zicke Zacke Hühnerkacke“ ein. Es ist eine Prognose. Mehr nicht.
Die Börse lässt sich nicht exakt vorhersagen. Sie können auch einen Affen fragen, wo der Markt landen wird. Übrigens sind Affen bei der Aktienauswahl gar nicht so schlecht. Ich glaube sogar, dass Justin Bieber, Madonna, Lady Gaga exzellente Aktientipps landen würden, wenn Sie die fragen könnten.
Profianleger werden oft von einer enormen Arroganz, einer gefährlichen Selbstüberschätzung heimgesucht.
Nichts gegen David Kostin, nichts gegen Goldman Sachs. Es handelt sich um ein großartiges Unternehmen mit einer beeindruckenden Historie. Praktisch haben alle Banken ihre eigenen Wahrsager. Die Propheten mögen alle hochintelligent sein. Trotzdem ist es ein Stochern im Nebel. Ich halte diese ganzen Prophezeiungen für Quatsch mit Soße.
Da kommt ein „schwarzer Schwan“ vorbeigeflogen (ein unvorhersehbares negatives Ereignis) und schon crasht der Aktienmarkt. Kostin versucht, den Aktienmarkt anhand der Gewinnerwartungen herzuleiten. Was ist, wenn ein Krieg, eine Rezession, eine Panik den Markt erschüttert?
Marktteilnehmer reagieren nie rational. Die Börse ist ein sehr emotionaler Marktplatz, der von Gier und Angst bestimmt wird.
Wenn einmal per Zufall solche Prognosen von Experten exakt eintreffen, beweihräuchern die sich natürlich anschließend und sagen: „Sehet her, ich wusste es.“ Glauben Sie das nicht, das war dann reiner Zufall. Es gibt kein theoretisches Modell, das in der Realität funktioniert. Egal ob KGV-basiert, Algorithmus-basiert oder Intuition. Es funktioniert nicht.
Wenn dieser Herr den Markt exakt vorhersagen könnte, müsste er nicht bei Goldman arbeiten. Der könnte sich selbständig machen. Die Wall Street würde ein Vermögen für seine Vorhersagen ausgeben.
Im Endeffekt basieren diese Vorhersagemodelle auf historischen Daten. Die Vergangenheit wird fortgeschrieben. Wer weiß aber exakt, wie sich die Krise in Europa in den nächsten zwölf Monaten entwickeln wird? Wer weiß, wie die amerikanische Politik auf die „fiskalische Klippe“ reagiert? Wer weiß, was aus der Bedrohung im Iran wird? Wer weiß, wie China mit dem sinkenden Wachstum umgeht?
Ich schreibe ja oft, dass die Mehrheit der Fondsmanager grandios versagt und trotzdem alle brav Millionengehälter verdienen – auf Kosten der Anleger. Bei Hedgefondsmanagern ist das ähnlich. Auch die verkaufen Luft in Tüten.
Hedgefonds-Kritiker Simon Lack warnt seit Jahren vor den Geldzauberern. Hedgefonds schneiden im Schnitt schlechter als der Index ab.
Was lernen wir daraus? Der S&P 500 oder DAX sind die bessere Alternative zu aktiven Geld-Verwaltern. Insofern eignen sich kostengünstige Indexfonds als Geldanlage.
Selbst wenn der Manager zig Doktortitel, den Wirtschaftsnobelpreis und Jahrzehnte an Erfahrung gesammelt hat, tolle Anzüge, schicke Krawatten trägt, einen sehr bekannten Namen hat – die Profis versagen in den meisten Fällen. Das ist Realität. Trotzdem gehen tausende, ja hunderttausende Banker in den Finanzzentren rund um den Globus jeden Tag an ihren Schreibtisch, um zu versuchen, die Benchmark zu übertrumpfen.
Es gibt natürlich Stars wie Warren Buffett oder Peter Lynch, die übertreffen den Markt. Die sind aber Ausnahmen und nicht die Regel.
Gewöhnliche Fonds sind riesige Marketingmaschinen. Diese Maschinen sind an den Gebühren der Anleger interessiert. Die Fondschefs bauen sich ein gigantisches Privatvermögen auf, aber im Endeffekt bleibt der Anleger auf der Strecke (in den meisten Fällen jedenfalls). Der Fonds gewinnt immer. Egal, ob er besser oder schlechter als der Index abschneidet, die Gebühren sprudeln so oder so.
Wenn ein Profianleger schlecht abschneidet, müsste er eigentlich uns Sparer entschädigen. Aber das macht die Branche nicht. In New York werden stattdessen irre Gehälter verdient. Ist es Zufall, dass viele Fondsmanager und Vermögensverwalter Multimillionäre sind? Ist es Zufall, dass die Hedgefondsgurus auf der Forbes-Liste der Superreichen ganz oben stehen? Nein, es ist kein Zufall. Es sind die enormen Gebühren.
Manchmal werde ich richtig neidisch. Manchmal wünschte ich mir, für meine falschen Prognosen so viel zu verdienen.
Zum Schluss: Ich denke durchaus, dass diese Leute sehr schlau sind. Aber trotzdem bringt es uns Anleger auf Dauer nichts.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wenn der Affe Aktientipps gibt

  1. Michael C. Kissig

    Richtig, Tim, keiner von uns kann überprüfen, wo der S&P 500 im Jahr 20013 (!) enden wird. 😉

    Ansonsten hat Mark Twain alles Wissenswerte zu Prognosen gesagt: „Prognosen sind schwierig. Besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“.

  2. Matthäus Piksa

    @Tim

    Ziemlich desillusionierend. Aber es stimmt was du schreibst.

    Die Liste der Kosten, die eine Fondsgesellschaft hat ließe sich beinahe endlos fortsetzen. Neben den Millionengehältern für die Fondsmanager sind das:

    – Verwaltung
    – CallCenter
    – Rechtsabteilung
    – Miete (horrend, wenn der Sitz in NewYork,London, Frankfurt, Luxembourg… ist)
    – Marketing (in Auftrag gegebene Studien, Werbespots, Zeitungs-/Magazin-Artikel etc.)
    – Provision an den Vertrieb (Banken/Versicherungen/Sparkassen/Versicherungsvertreter+Makler etc.)
    – Börsenaufsicht (wird meines Wissens nach ebenfalls von den Playern am Markt bezahlt)
    – Finanzlobby

    So viel Cash um all das zu bezahlen muss erst mal reinkommen.

    Paradoxerweise schließen viele Bausparverträge/Riester/Lebensversicherungen/Fonds&Co. dennoch ab, oft auch mit dem Argument, dass sich sparen ja per se immer lohne. Viele sind außerdem beruhigt, wenn man einen Ansprechpartner/Berater hat und schieben die Verantwortung für die eigene Kohle dadurch ab. Auch eine Form von Outsorcing. Nur eben kostspielig!

    Wenn die Versicherungs- und Bankbranche nicht der am stärksten regulierte Wirtschaftszweig wäre, müsste man im Grunde selbst eine Bank/Versicherung/Fondsgesellschaft gründen.

    Gruß Matthäus

  3. Maximilian

    „Bankraub: eine Initiative von Dilettanten.
    Wahre Profis gründen eine Bank.”

    Bertolt Brecht

  4. stefan

    Hallo Tim!
    zuerst einmal Komplimente für den Blog! Bin seit einigen Monaten treuer Leser und werde dies auch bleiben! Mach weiter so!
    Was hältst Du von Elliot Waves?
    Gerade das immer wiederkehrende, auf der Psychologie der Massen basierende Muster , von Wellen ist doch sehr beeindruckend. Sicher das timing ist die andere Seite.

  5. Ulrich

    Guter Artikel. Diese Vorhersagen zu bestimmten Kurszielen sind alle quatsch. Man kann vorhersagen, das ein Geschäftsmoell historisch gut war und es auch in Zukunft packen wird, was dann zu höheren Kursen führt.

    Dies Kristalkugel hat aber wirklich niemand. Die genaue vorhersage ist schon gar nicht möglich, da es so viele (oft auch unvorhersehbare) Faktoren gibt, dass das menschliche Gehirn darin ersäuft.

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Maximilian
    danke für das witzige Zitat. Ein kritischer Umgang mit unseren Finanzdienstleistern ist wichtig. Aber die Banken sind ja nützlich für unsere Wirtschaft.

    Räuber und Verbrecher sind sie meiner Meinung nach nicht. Gleichwohl gibt es in der Branche viele Schaumschläger und zweifelhafte Produkte.

    @ Stefan
    Danke für das Kompliment.

    Nö, also diese Wellen verfolge ich nicht. Die technische Analyse ist eigentlich spannend. Weil sich so viele nach ihr richten, kann das durchaus funktionieren.

    Als Value-Fan spielt aber die Technik keinerlei Rolle. Es geht eher um harte Fakten (Kennziffern, Bewertungen, Dividenden, KGVs etc.), nicht um Kurven.

    @ Urlich
    Leider gibt die Branche viel zu viele Prognosen ab. Es ist irgendwie komisch. Es macht keinen Sinn, trotzdem tun es alle.

  7. Torsten

    Hi Tim,
    stimme Dir zu, die Prognose in der Art und Weise, das grenzt schon ein wenig an Wahrsagerei und hat nichts mit seriöser Analyse zu tun.
    Grundsätzlich bin ich auch eher ein Anhänger der Charttechnik, hier werden nicht nur planlos zahlen aus der Vergangenheit auf die Zukunft fortgeschrieben, sondern Muster analysiert, die z.T. auch viel von der Stimmung der Anlager einfließen lassen. Und wir wissen ja, 70 Prozent an der Börse ist Psychologie. Von daher hoffe ich, dass ich hier auch immer in dem Prozentbereich mit meinen Trades richtig liege 🙂

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