Wenn das Depot zu eintönig ist


New York, 21. Oktober 2012

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Ich war in Italien. Auf dem Foto sehen Sie meine roten Crocs-Sandalen. Ich weiß, die Dinger sehen grauenvoll aus, sie sind aber unglaublich bequem. Ich schaute mir ein paar Unternehmen an, die regelrecht abgestürzt sind. Für Value-Anhänger hat die Krise in der EU mehr Vorzüge als Nachteile.
In Südeuropa sind Standardwerte ziemlich tief gefallen. Alles andere als toll sehen die Charts aus, wie dieser italienische Index, der fast das 2009er Super-Krisen-Niveau erreicht hat. Ich glaube, die Wirtschaft wird sich wieder erholen. Dass wir uns in einer endlosen Abwärtsspirale befinden, kann ich mir nicht vorstellen. Im Gegenteil, es wird bessere Zeiten geben.
Ich schrieb in diesem Blog vor einiger Zeit ein Plädoyer für den heimischen Aktienmarkt. Ich stehe zu meinem Plädoyer. Das heißt aber nicht, dass Ihr Depot nur aus deutschen, österreichischen oder schweizerischen Aktien bestehen sollte. Denken Sie über Italien, Spanien, Portugal und so weiter nach.
Ich sah das Depot eines Bekannten. Das bestand zu 99 Prozent aus deutschen Aktien. Ich dachte: Halleluja. Deutsche Cremes, deutsche Autos, deutsche Software… Alles schön und gut. Nur halte ich das für zu viel des Guten. Ich würde diesem Depot ausländische Aktien beimischen. Um nicht die Positionen hin- und herschieben zu müssen (wegen der Orderkosten, Steuern), riet ich meinem Bekannten, das Depot so zu lassen, wie es ist. Mein Ansatz kennen Sie ja: Investieren Sie in exzellente Firmen mit einem extrem langen Zeithorizont.
Ich empfahl ihm, alle neuen Positionen, die er in den kommenden Monaten oder Jahren kaufen wird, nach Möglichkeit aus dem Ausland zu wählen.
Der Mensch neigt dazu, in seiner Heimat einen zu großen Schwerpunkt zu setzen. Dazu gibt es etliche wissenschaftliche Studien, wie diese hier (PDF).
Deutschland ist das wirtschaftlich führende Land in Europa, aber weltweit erreicht das Gewicht der Deutschen wirtschaftlich gesehen keine vier Prozent. Die USA sind die Nummer eins, sie steuern 20 Prozent zur globalen Ökonomie bei. Insofern ist es ratsam, keine zu große Scheu zu haben, wenigstens ein paar Auslandstitel (insbesondere amerikanische) ins Depot zu packen.
Wir neigen dazu, zu glauben, dass wir die perfekten Insider in der Heimat sind. Das ist gewiss eine Überschätzung der eigenen Kenntnisse. Es mag sein, weil wir die Sprache sprechen und mehr über unsere heimischen Unternehmen lesen, dass wir uns mehr Wissen angeeignet haben. Gleichwohl können wir in Japan oder den USA genauso eine phantastische Aktie finden wie in Deutschland – selbst wenn wir nicht so viele Detailkenntnisse von Land und Leuten haben.
Professor Kenneth French empfiehlt, unbedingt Aktien aus dem Ausland ins Depot zu packen. Allein schon wegen der Risikostreuung sei dies geboten.
Das sehe ich genauso. Auf die Mischung kommt es an. Wir müssen aufpassen, uns nicht zu viel einzubilden. Wir sollten vorsichtig sein mit all dem, was wir tun, denken, behaupten. Am besten hinterfragen Sie Ihre Entscheidungen ständig. Häufig bemerken wir unsere eigenen Fehler nicht. Der Austausch mit anderen Menschen kann deshalb hilfreich sein – gerade in besonders schwierigen Situationen. Wenn wir einen Crash bzw. Krise erleben, neigen wir Menschen dazu, die Gefahren überzubewerten. In einem Boom werden wir im Umkehrschluss zu euphorisch. Genauso ist es bei der Länderstreuung empfehlenswert, die Meinung anderer einzuholen.
Einige Menschen neigen zu einer unglaublichen Arroganz, wenn es um die Geldanlage geht. Die glauben glatt, den Markt permanent schlagen zu können. Sie glauben, alles zu wissen, über der Sache zu stehen. Gerade nach drei Jahren Dauerboom an der Börse kochen derzeit diese Emotionen, alles zu wissen, hoch.
Ich kenne einen sehr vermögenden Amerikaner, der steht kurz vor der Rente. Seitdem die fette Abfindung von seinem Ex-Arbeitgeber auf dem Konto ist, ist der vollkommen abgehoben. Er hat mit dem Trading begonnen. Im familiären Umfeld schwärmt er, wie perfekt er mit dem Trading ist. Er handelt mit amerikanischen Banken, Öl- und Stahlwerten. Ich vermute, dass er mit seiner Zockerei auf die Nase fallen wird. Nun gut, das muss er selber wissen. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Übermut tut selten gut.
Fazit: Wir essen Pizza, Döner, Couscous. Wir reisen um die Welt. Aber im Depot ist ein Abbild der Heimat zu finden. Das Portfolio ist fade, zu langweilig, zu riskant. Das macht keinen Sinn.
Zum Schluss ein kleines Video über den wunderschönen italienschen Künstenstreifen Cinque Terre. Hier, an der Riviera, reihen sich fünf Dörfer an der Küste aneinander. Einfach herrlich.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wenn das Depot zu eintönig ist

  1. Frank

    Hallo,
    ich versuche die Gewichtung meines Portfolios nicht nach Ländern in denen die Companys sitzen zu streuen, für mich ist entscheidend in welchen Ländern Produkte und Dienstleistungen angeboten werden.
    z.B. der US Versicherer AFLAC ist für mich ein Japan Wert,BMW ist aktuell ein China Wert, am liebsten sind mir Welt Werte wie Colgate, Vodafone … . Wo die ihren Sitz haben interessiert mich nur aus Abgeltungssteuergründen.
    Frank

  2. Turing

    Ich habe auch ausländische Aktien, aber die deutschen Aktien bilden ein deutliches Übergewicht (73,72%). Und ich weiß wenigstens auch, warum das so ist und auch nicht so schlimm ist.

    Eine Buffet-Regel besagt: Man soll nur das kaufen, was man auch versteht. Deswegen investiert Buffet mit Ausnahme von IBM nicht in IT-Firmen. Ich kann von mir nicht behaupten, Japanisch und Chinesisch zu beherrschen und damit bin ich über die operativen Vorgänge einer japanischen oder chinesischen Firma und über die Jahresbilanzen schlecht informiert. Und umso weiter eine Firma entfernt ist, um so schlechter ist auch in die Informationslage, selbst wenn man die Sprache versteht.

    Ein weiteres Ärgernis ist dann auch noch die Quellensteuer.

  3. Chris

    Ich habe zu gut 50% Aktien von US- Unternehmen. Ich halte die Firmen dort in vielen Fällen schlicht für attraktiver. Mit den deutschen Banken, Stahl- und Automobilwerten kann ich einfach nichts anfangen. Einige DAX-Werte, die ich in Erwägung ziehen würde, sind mir momentan zu hoch (Henkel, Beiersdorf, Linde, Merck, SAP,…). Momentan halte ich aus dem DAX nur E.ON, Münchener Rück, BASF und K+S.

    Leider sind die mMn „guten“ großen
    Europäer auch keine Schnäppchen mehr. (z.B. L'Oreal, Essilor, Air Liquide, Heineken, Unilever, BAT, Diageo, …). Im Öl/Rohstoff/Energiebereich siehts noch ganz gut aus (E.ON, Shell, Total, BHP,…)

    Klingt komisch, aber von mir aus könnte es ruhig nochmal größere Rücksetzer geben 😉

    Ich gebe auch zu, ich habe keine Ahnung von südeuropäischen Werten. An Italien, Spanien trau ich mich nicht ran, da ich so gut wie kein Unternehmen kenne oder einschätzen kann. Gibt es Empfehlungen, welche Werte man mal genauer ansehen sollte?

  4. Peter

    Ich denke, das es bei Qualitätsunternehmen unwichtig ist wo diese gelistet sind. Wichtig ist wo diese Ihren Umsatz
    erzielen. Fresenius hat beispielsweise einen USD
    Anteil von ca. 40 %. Ich achte in meinem Depot darauf,
    das mein USD (Umsatz der Unternehmen) keine 25 – 30 % überschreitet.
    Südländer z.B.:
    Telefonica, Italcementi, Opap, ENI, Enel, Delonghi, EDP,
    Banca Popoloare.

  5. Sams

    Mir fehlt noch ein Versicherer im Depot.
    Hab mir mal aus Spanien Mapfre, aus GB RSA und aus der BRD Münchner Rück vorgenommen.

    Was ist eigentlich mit Diebold los?
    Der Chart steigt manchmal wie eine Rakete und fällt wie ein Stein?
    Vor 3-4 Monaten hätte ich aus dem Dax noch Deutsche Post als interessant genannt. Ist aber jetzt für mich auch zu teuer zum nachkaufen.
    Ich weiß nicht warum aber immer mehr Engländer tauchen in meiner Watchlist auf. GlaxoSmithKline, Tesco,Shell,Rio Tinto.

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Frank
    Dem Argument folge ich teilweise. Aflac ist ein halber Japan-Wert, das stimmt. Die Aktie hat übrigens eine phantastische Langfristperformance hingelegt.

    Trotzdem hat der Sitz eines Unternehmens durchaus viel mehr Einfluss, als man zunächst denkt. So sind die Manager anders, die Steuern, die Anteilseigner, die Einflüsse, die Politik, die Steuergesetze, die Moral, die Strategie, die Ziele, die Ausrichtung, die Sprache, die Beziehungen, Kooperationen etc. Insofern halte ich wenigstens ein wenig Streuung ins Ausland für wichtig.

    @ Turing. 73% klingt gut. Da liegst Du wohl besser als die meisten. Auch wenn ich weit weg wohne, kann ich in Japan, Italien, Spanien, Brasilien oder sonst wo eine super Aktie kaufen.

    @ Chris: Die 50% sind super. Das Depot klingt spannend. Grundsätzlich mag ich Hausmannskost in Südeuropa. Sachen wie Putzmittel, Baustoffe, Energie, Lebensmittel, Versicherungen – Traditionelles eben.

    @Peter, die Aktien aus dem Süden klingen so, als ob sie einen Blick wert sind.

    @Sams, zu Diebold habe ich leider keine Ahnung.

    Dt. Post ist mit der weltweiten Logistik (DHL) verdammt gut aufgestellt. Das Senden von Paketen und Containern rund um den Globus geht erst richtig los. Allein das Wachstum der Metropolen (Megastädte) und der Weltbevölkerung macht die Logistiker spannend, finde ich. Jeder kennt das ja: Die Gurke ist aus Holland, die Kiwi aus Neuseeland, das Bett aus Schweden…

    Die genannten Briten, finde ich, sind einen Blick wert.

  7. Makrointelligenz

    Dem Beitrag kann ich nur beipflichten, aus Risikogesichtspunkten ist eine breitere Streuung von Vorteil und es ist auch nicht davon auszugehen, dass der heimische Aktienmarkt jetzt so viel günstigerbewertet ist und höhere Renditen verspricht als die anderen. Hier werden einmal die Bewertungen der unterschiedlichen Länder unter die Lupe genommen. Leider sind Spanien und Italien nicht dabei, was mich gerade im Fall von Italien besonders ärgert, denn dort ist der Konsolidierungsbedarf nicht so groß un d meines Erachtens nach keine so große Krise zu erwarten.

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