Von Peter Lynch lernen


New York, 24. Dezember 2012

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Ich gehe gerne im Finanzviertel spazieren und staune über die alten Bauwerke. Das sind echte Wunder. Vor über 100 Jahren haben die Architekten richtig viel Geld und Zeit investiert. Es wurde für die Ewigkeit gebaut. Teurer Marmor liegt in den Lobbys, Goldfarbe strahlt von der Decke, aufwendige Verzierungen an Dach und Fenstern schmücken die Fassade – das ist beeindruckend.
Die im Jahr 1883 freigegebene Brooklyn Brücke ist ein wahres Meisterwerk. Jeden Tag donnern Tausende von Autos über sie. Oben sehen Sie mein Foto von dem Wahrzeichen New Yorks. Ich nahm es gestern in der goldenen Abendsonne auf.
Ähnlich wie die Brooklyn Brücke sollte Ihr Depot strukturiert sein. Sie brauchen feste Pfeiler für die Ewigkeit. Von den „alten Hasen“ der Wall Street lerne ich viel. Ich lese massenweise deren Bücher. Ein Vorbild ist Peter Lynch. Als die Legende im Jahr 1977 Chef des damals obskuren „Magellan Fonds“ wurde, lagen lumpige 18 Millionen Dollar im Portfolio. Als Lynch in Rente ging, verwaltete der Fonds 14 Milliarden Dollar. Zwischen 1977 und 1990 erwirtschaftete der Fonds 29,2 Prozent p.a. Rendite.
Ich empfehle Ihnen dieses Buch von Lynch zu lesen: Der Börse einen Schritt voraus. Wie auch Sie mit Aktien verdienen können! Zugegeben, die Lektüre ist nicht das neueste Buch. Dafür ist seine Kernbotschaft nach wie vor aktuell. Nichts wird sich daran ändern.
Lynch sagt, wir brauchen Zeit, sehr viel Zeit für unsere Aktien. Wir sollten Aktien für sehr lange Phasen kaufen. Die ersten drei Jahre schwanken Aktien nach unserem Einstieg womöglich sehr stark, warnt Lynch. Danach sollte sich die Lage stabilisieren, obgleich jederzeit ein Crash den Kurs in den Abgrund reißen kann. Ausgelöst werden kann ein Absturz durch einen Krieg, einen Terroranschlag oder andere Krisen. Aus diesem Grund sollten wir fünf, zehn, 20, 30 Jahre an unseren Papieren festhalten.
Wenn ich sehe, dass der durchschnittliche Anleger in den USA nur noch sechs Monate seine Aktien hält, ist das eine Tragödie. Denn auf kurze Sicht lässt sich kaum eine positive Performance meiner Meinung nach erzielen. Jedenfalls vermisse ich bei diesem hektischen Hin und Her die Nachhaltigkeit, die Strategie. Leider ist die Börse mehr und mehr zu einem Spielkasino verkommen. Vergessen Sie den Traum vom schnellen Reichtum, vergessen Sie den Traum vom schnellen Super-Trade. Das funktioniert leider in den seltensten Fällen.
Aktien sausen rauf und runter. Das lässt sich nicht verhindern. Deshalb ist es ja so wichtig, Geduld zu haben. Geben Sie Ihren Aktien die Zeit, die sie brauchen. Der Index rauscht vielleicht alle sechs bis zehn Jahre um 25 bis 30 Prozent in die Tiefe. Sie brauchen die mentale Stärke, um eine solche Phase aussitzen zu können. Darauf weist Lynch in seinem Buch immer wieder hin.
Ein Bekannter tradet ständig die Bank of America. Seit fünf Jahren zockt er mir dem volatilen Finanzpapier. Jedes Mal, wenn ich mit ihm telefoniere, klopft er sich auf die Schulter und rühmt sich, wie richtig er die Lage bei seinen Trades eingeschätzt hat. Ich war skeptisch, und warnte ihn. Ich hatte schon Monate nicht mehr mit ihm gesprochen. Gestern telefonierten wir. Ich frage ihn also nach seinem „Wundertrade“ Bank of America. Er sagte: „Verdammt. Ich habe den Anschluss verpasst. Ich dachte, der Kurs kommt noch mal zurück auf sechs Dollar.“ Pustekuchen! Die Bank war der beste Wert im Dow Jones. Der Kurs hat sich binnen Jahresfrist verdoppelt. Mein Bekannter hat die Rallye verpasst. Hieran sehen Sie, was für ein toller Trader er ist. Ob seine vorherigen Trades so erfolgreich waren, wage ich zu bezweifeln. Ich hatte immer den Eindruck, dass er sich in einer Phantasiewelt befand. Leute wie er vergessen die Nebenkosten, die Steuern, sie übersehen die Vorteile des „Buy and Hold“ – des Kaufen und Liegenlassen. Leute wie er glauben, man könne die Kursverläufe auf kurze Sicht voraussehen. Das ist leider nicht möglich.
Mein Bekannter ist im Job außergewöhnlich erfolgreich, er ist schlau, fleißig, er hat erhebliches Vermögen angespart.
Mit Blick auf die „Bank of America“ denke ich, dass die Aktie langfristig weiteres Potential hat. Der aktuelle Anstieg war gewiss enorm. Gut möglich, dass jetzt ein Jahr der Stagnation folgt. Nach einer Kursverdopplung ist das denkbar. Aber langfristig muss es weiter mit der Ikone nach oben gehen. Denn die Aktie notiert nur zum halben Buchwert. Wer zehn Jahr zurückblickt, sieht, dass in „guten Phasen“ die Bank of America mit dem 1,6- bis 2,4-fachen Buchwert taxiert wird, sprich mit einem Vielfachen des heutigen Multiples. Allerdings sind die Folgeprobleme der Finanzkrise noch nicht vollständig aufgeräumt worden, daher exestiert der kernige Abschlag zum Buchwert.
Übrigens können wir aus der Vergangenheit sehr viel lernen. Wir können die Zukunft nicht exakt vorhersehen, aber wir können aus der Vergangenheit gewisse Trends ablesen. Wer seit über 50 oder 100 Jahren wie Coca-Cola, Berkshire Hathaway oder Johnson & Johnson solide wirtschaftet, der dürfte vermutlich auch in Zukunft gut abschneiden.
Was macht eigentlich ein gutes Investment aus? Es sollte sich um eine starke, etablierte Firma handeln, die beeindruckende Produkte anbietet. Das Unternehmen soll kontinuierlich wachsen. Die Ergebnisse und Dividenden sollen sprudeln. Sie brauchen kein Wachstumswunder. Es muss nicht unbedingt Facebook in Ihrem Depot landen. Reinrassige Wachstumsfirmen werden von Privatanlegern gerne angehimmelt. Die Medien huldigen die Highflyer, sie berichten über sie stetig. Aufgrund der großen Aufmerksamkeit sind diese Raketen oftmals teuer, die Rückschlaggefahr ist entsprechend hoch. Sinkt die Wachstumsrate eines Tages, kollabiert so eine heiße Aktienstory. Lynch warnt davor, zu hohe KGVs zu bezahlen. Aktien, die zu teuer sind, müssen logischerweise irgendwann kollabieren oder zumindest korrigieren.
Ich rate Ihnen, vorzugsweise auf etablierte Konzerne zu setzen, die stabil sind, die langsam wachsen. Meiden Sie heiße Hoffnungsträger. Kaufen Sie besser Substanz. Ich habe selbst schon Wunderaktien gekauft und habe mein Lehrgeld bezahlen müssen. Vor lauter Euphorie hatte ich die Risiken übersehen.
Es kann sich ein sehr langweiliges Geschäft verdammt gut rentieren. Es muss nicht immer ein High-tech-Laden sein, eine Forschungsbude oder ein Chipbauer. Eine Hamburgerkette wie McDonalds, ein Kaffeeröster wie Starbucks oder Käseanbieter wie Kraft Foods – das sind die wahren Gewinner an der Wall Street. Der Vorteil bei diesen langweiligen Konzernen ist, dass der Kaffee oder Käse nicht jedes Jahr neu erfunden werden muss. Kommt ein neuer Chip, eine neue Technologie, ein neuer Wirkstoff auf den Markt, sieht die Konkurrenz alt aus. Hamburger werden noch in 100 Jahren Hamburger sein. Am Käse, am Orangensaft, an der Butter wird sich wenig ändern.
Meiden Sie schwache Firmen, die hochverschuldet sind, die unter einem schlechten Management leiden.
Wie kann ein Unternehmen den Gewinn steigern? Es kann entweder die Kosten kürzen oder den Umsatz ausbauen. Der Umsatz lässt sich durch Preiserhöhungen oder mehr Kunden hochfahren. Neue Kunden kann ein Unternehmen durch die Expansion in neue Märkte, Regionen oder Länder erobern. Wie erkennen Sie außergewöhnliche Chancen, gute Firmen? Sie sollten in der Lage sein, die Story einem Freund in zwei, drei Sätzen erklären zu können. Ist die Investmentthese zu komplex, wird das Investment wohl nix. Dann rät jedenfalls Lynch zur Vorsicht.
Auf den enormen Vorteil der Dividende weist Lynch häufig hin. Er sagt, ein Anleger kann eine Aktie für fünf Dollar kaufen und eine Dividende von zehn Dollar jedes Jahr kassieren. Es hängt mit dem Buy and Hold zusammen. Wer 20, 30, 40 Jahre an Bord bleibt, bei dem kann dieses „Dividenden-Wunder“ geschehen.
Dividenden und Kursgewinne werden vom Fiskus teilweise einkassiert. Die Amerikaner haben daher die Möglichkeit für die Bürger geschaffen, spezielle „Aktiendepots für die Rente“ einzurichten. In diesen Depots können die Dividenden und Kursgewinne steuerfrei realisiert werden. Geld aus dem „Renten-Depot“ können die Bürger aber erst abziehen, wenn das Rentenalter erreicht ist.
Die deutsche Regierung hat leider das steuerlich gefördertes „Aktiensparen für die Rente“ nicht möglich gemacht. Abgesehen von den Riester- und Rürup-Renten ist zu wenig getan worden für uns Bürger. Wer vernünftig für das Alter vorsorgen möchte, dem sollte geholfen werden. Liebe Beamte in Berlin fragt mal Peter Lynch oder Warren Buffett, die würden euch die Leviten lesen. Oder nehmt Euch ein Beispiel an dem US-Politiker William Roth. Der hat sich für das steuerlich geförderte Sparen für die Rente stark gemacht. Nach ihm ist die Privatrente „Roth IRA“ benannt worden. Neben diesem Instrument gibt es ein ganzes Bündel weiterer Alternativen (Depots für die Rente) in den USA.
Ein „normaler“ Angestellter, der im Ruhestand keine großen Einschnitte hinnehmen möchte, muss ein gewaltiges Finanzpolster aufbauen. Wenn aber der Fiskus jedes Jahr munter in der Ansparphase den Rahm abschöpft, wird dies zu einer Herausforderung.


tim schaefer (Author)

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