Substanzwerte so billig wie selten zuvor: Exxon, IBM, Accenture


New York, 3. Dezember 2008

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Am Dienstag und Mittwoch leckte die Wall Street ihre Wunden vom schlimmen Montag, die Kurse marschierten nach oben. Der Dow-Jones-Index schloss bei 8.591 Punkten. Das Tief markierte das Barometer vor wenigen Wochen bei 7.450, das Hoch erreichte der Dow vor gut einem Jahr bei mehr als 14.000 Zählern. Es stellt sich nun die Frage, was tun? Die Rezession ist in den Kursen längst eingepreist. Fast 50 Prozent notieren die Kurse tiefer. Im Grunde haben die Börsianer antizipiert, dass sich die Gewinne der Unternehmen halbieren müssten.
Es gibt nun viele Strategien auf diese Schwächephase zu reagieren. Viele haben ihr Geld auf Sparbüchern, in Festgeldern und Rentenpapieren gebunkert – aus Sorge, dass die Börse weiter einbricht. Unzählige Milliarden warten auf liquiden Konten auf den Aufschwung. Sobald die Wall Street wieder in Schwung kommt, fließt das Geld in Strömen zurück in Aktien. Dann dürfte es ganz schnell nach oben gehen. Ein Kursrutsch von 30 Prozent und mehr halte ich derzeit für sehr unwahrscheinlich. Vielmehr glaube ich, dass wir uns in der Phase der Bodenbildung befinden. Gut möglich, dass wir das Tief bei 7.450 erneut touchieren.
Die Kurse sind derart im Keller, dass sich Value-Investoren wie Kinder im Süßwarengeschäft fühlen müssten. Der IT-Weltmarktführer IBM wird mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von neun gehandelt, der zweigrößte Consulting-Spezialist Accenture mit dem elffachen, der weltgrößte Öl-Konzern Exxon Mobil mit dem achtfachen Profit. Ein Wahnsinn!
Mir persönlich sagt in dieser Situation „Contrarian Investing“ am meisten zu. Sprich Sie investieren in die Branchen und Aktien, die aus der Mode gekommen sind und warten dann ab. Auf meiner Kaufliste stehen die führenden Banken, Versicherungen, Hausbauer, Einzelhändler, Öl-Konzerne, Fluglinien. Nehmen Sie beispielsweise McDermott International. Der Öl-Dienstleister aus dem texanischen Houston ist auf 9,26 Dollar abgestürzt. Im Frühjahr stand der Kurs bei über 60 Dollar. Der Börsenwert ist auf lausige zwei Milliarden Dollar abgeschmiert. Dabei gingen im vorigen Jahr 5,6 Milliarden Umsatz durch die Bücher, nach Steuern sprudelte ein Profit von 607 Millionen Dollar. Keine Frage, mit der Rezession kommen Umsatz und Gewinn unter Druck. Aber der Kursabschlag scheint mir völlig übertrieben. Die Bilanz gleicht einem Geldspeicher. In der Kasse liegen über 600 Millionen Dollar nach Abzug aller Schulden. Selbst wenn im laufenden Jahr der Gewinn auf 465 Millionen Dollar fällt, beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis lumpige 4,3. Ein Witz! Für mich ein Kauf. Übrigens gab mir am Dienstag Fondsmanager Thomas Neuhaus im Marriott Hotel auf der East Side den Hinweis, die McDermott-Aktie unter die Lupe zu nehmen. Der Titel ist einer seiner Favoriten in seinem Small Cap Value Fonds.
Ein weiterer seiner Lieblinge ist Simpson Manufacturing. Das 1956 gegründete Unternehmen stellt Befestigungslösungen für den Hausbau her. Schrauben. Platten. Wände. 2007 kamen 817 Millionen Umsatz ins Haus bei einem Überschuss von 68,7 Millionen Dollar. Trotz der Baukrise fällt der Quartaltsgewinn auch in den jüngsten Quartalen ordentlich aus. In der superstabilen Bilanz schlummern rund 200 Millionen Dollar Cash (nach Abzug der Schulden). Mit 1,2 Milliarden Dollar ist der Börsenwert in der Tat moderat. Aktueller notiert die Simpson-Aktie mit 25,15 Dollar.
Tief abgeschlagen sind die Bankaktien. Dass die Citigroup vor der Pleite bewahrt werden musste, wer hätte das gedacht. Wenn Sie sich aber die Bilanzen der Finanzriesen ansehen, ist das gar nicht erstaunlich. Es ist verrückt, was sich da abspielte. Nehmen Sie Goldman Sachs: Die Manager bliesen die Bilanz der Investmentbank um den Faktor 27 auf. Das heißt, es war nur Eigenkapital von 3,7 Prozent vorhanden (eins dividiert durch 27). Der Rest waren Schulden, Leverage nennt man das hier. Ein Irrsinn, ein Spiel mit dem Feuer, brandgefährlich. Mit anderen Worten, wenn Sie vier Prozent ihres Kapitals bei einem so hohen Hebel verlieren, haben Sie ein negatives Eigenkapital und sind praktisch pleite. Bankvorstände setzten das Geld der Aktionäre leichtfertig aufs Spiel. Wenn es ihr eigenes Geld gewesen wäre, da bin ich mir sicher, hätten die Herren sicherlich anders gehandelt. Sie hätten sich um den Kapitalerhalt gesorgt und nicht wie im Kasino gehandelt.
Jetzt beginnen die Aufräumarbeiten. Die Banken räumen den Saustall auf, entschlacken ihre Bilanz, fahren ihre Kredite zurück und versuchen mehr Spargroschen in ihre Bücher zu bekommen. Aus diesem Grund beantragte Goldman Sachs eine Vollbanklizenz, der Betrieb einer Investmentbank ist schlicht nicht mehr möglich mit solchen Hebeln. Cash ist in der Krise gefragt wie nie zuvor, Banken bieten attraktive Zinsen für Tagesgeld, sie brauchen die Groschen so dringend wie ein Drogensüchtiger sein Heroin. Die Citibank gewährt auf dem Tagesgeldkonto 3,75 Prozent für Prämiumkunden. Die Verzinsung ist bei den superniedrigen Leitzinsen nicht von schlechten Eltern.
In das Kreuzfeuer der Kritik kommen immer mehr die Manager und ihre absurd hohen Millionengehälter. Manch ein Bankvorstand steckte sich 50 oder 100 Millionen Dollar pro Jahr in die Tasche. Es gibt Stimmen, die behaupten, dass hohe Gehälter und Optionen nötig sind – für die Motivation. Dummes Geschwätz! In den 1950er Jahren erlebte die US-Wirtschaft ihre Blütezeit und da waren absurde Gehälter oder Optionsvergütungen nicht an der Tagesordnung.
Selbst mittelgroße Firmen haben in den USA Jets. Da kostet ein Flug schon mal 30.000 bis 50.000 Dollar. Manager rechtfertigen die sündhaften teuren Flüge oft mit dem Zeitverlust gegenüber einer Autofahrt. Klar sind die Entfernungen in den USA im Vergleich zu Deutschland enorm. Stattdessen vergessen die Führungskräfte aber, dass sie ebenfalls einen Flug über eine reguläre Airline wie Delta buchen könnten. Ein Ticket dürfte um die 1.000 Dollar pro Kopf kosten und wäre wesentlich günstiger. Ich sprach mit etlichen Konzernvorständen in den vergangenen Wochen. Stets fragte ich sie nach der Zahl ihrer Jets. Ich bin überrascht. Ob der Krankenversicherer Humana oder der Backwarenkonzern Flowers Foods, zwei Firmenjets stehen stets bereit. Es ist ja das Geld der Aktionäre. Wen schert das schon. Jedem das seine, mir das meiste!


tim schaefer (Author)

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