Oh Schreck: Meine Aktien sind für ein paar Almosen weg


New York, 29. Mai 2013

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Eigentlich ist eine „Stop-Loss-Order“ eine schöne Sache. Kommt ein Aktienkurs aus irgendeinem Grund unter Druck, wird die Position automatisch verkauft. Nach dem Motto: „Schnell weg damit!“
Viele Anleger sichern so ihr Depot gegen böse Überraschungen ab.
Notiert beispielsweise die BASF-Aktie bei aktuell 74 Euro, so kann ich die Aktie bei 69 Euro „absichern“, sprich fällt der Kurs darunter, soll das Papier automatisch von meiner Bank verkloppt werden.
So gut dieser Orderzusatz sein mag, ich rate zur Vorsicht. Warum? Es liegt am Hochfrequenzhandel. Einzelne Kurse können abstürzen und anschließend wieder steigen. Manchmal passiert das am gleichen Tag innerhalb weniger Minuten. In einer solchen Situation können Sie als Anleger ihr Waterloo erleben.
Bricht der Kurs ein, kommt nämlich Ihre Stop-Loss-Order zum Zug. Unten decken sich ein paar Ganoven ein. Im Anschluss saust der Kurs zurück auf das Ausgangsniveau. Am Ende des Tages haben Sie Ihre Aktien weit unterhalb des inneren Werts abgestoßen. Und ein anderer Börsianer lacht sich schlapp, der Ihre Position zum Schnäppchenpreis abstaubte.
Diese Mini-Crashs häufen sich. Ausgelöst werden sie von schnellen Computersystemen. Es ist traurig, dass mal wieder der Privatanleger das Nachsehen hat.
Am 23. April 2013 kam der Dow-Jones-Index unter Druck. Eine gefälschte Twitter-Meldung war der Auslöser.
Am 17. Mai 2013 ging der Kurs von Anadarko Petroleum Corp um sage und schreibe 99 Prozent „baden“. Anadarko ist wohlgemerkt kein kleines Unternehmen. Immerhin zeigt die Börsenwaage 45 Milliarden Dollar an.
Am 23. Mai 2013 stürzten mehrere Energiekonzerne in Sekundenschnelle ab. American Electric Power schmierte um 54 Prozent, NextEra Energy um 62 Prozent ab. Der eine Konzern ist 22 Milliarden schwer, der andere 32 Milliarden Dollar.
Dass die Kurse beben, ist nichts Neues.
Am 1. August 2012 löste ein Softwarefehler im Tradingprogramm beim Finanzdienstleister Knight Capital unerklärbare Kursreaktionen aus.
Am 6. Mai 2010 kam es zum „Flash Crash“. Die Wall Street brach in wenigen Minuten um neun Prozent ein. Einfach so, ohne erklärbaren Grund. Blue-Chip-Papiere sausten in Sekundenschnelle in die Tiefe. Selbst Großkonzernen erreichten Notierungen von 1 Cent.
Woran liegt es? In den USA machen die Hochfrequenzsysteme mittlerweile die Hälfte des Handels aus. In Europa sind sie nicht so weit verbreitet. Banken, Trader und Hedgefonds verdienen sich mit dem Sekundenhandel eine goldene Nase. Das Ganze basiert auf Algorithmen. Die IT greift im Kern auf blitzschnelle Informationen zurück, um Orders auszulösen. Die Algorithmen nehmen Trends unter die Lupe. Erkennen sie eine Trendumkehr, gehen sie urplötzlich enorme Wetten ein.
Ich sehe eine Gefahr: Die Weltbörsen können eines Tages beginnen, zu beben und abstürzen, ausgelöst durch die IT-Systeme, die sich nicht mehr kontrollieren lassen. Wenn die Computer Amok laufen, dann gute Nacht. Ein Chaos aus heiterem Himmel – das hätte uns gerade noch gefehlt.
Ich glaube, es gibt da draußen ein paar Trader, die nutzen den schnellen Handel, um Kurse zu manipulieren, die Volatilität zu erhöhen und Anleger zu hintergehen. Gefragt ist die Börsenaufsicht, der Regulierer. Wir erleben häufiger diese dramatischen Crashs. Ohne fundamentalen Gründe fallen Schwergewichte einfach mal auf Null.
Was lernen wir daraus? Ich für meinen Teil verzichte auf Stop-Loss-Orders. Ich lasse die Kurse tanzen, wie sie wollen. Wenn ein paar Kurse völlig durchdrehen, ist mir das egal. Mittel- und langfristig wird sich ein angemessener Kurs bilden. Ich lasse mich nicht von Tages-, Wochen- oder Monatsschwankungen verrückt machen. Mein Kerndepot bleibt bis zur Rente unverändert. Punkt. Schluss.
Fazit: Eigentlich sollte ein Stop-Loss-Auftrag einen Schutz bieten. Jetzt ist er zu einer Gefahr geworden. Ich finde es schade, was auf dem Kapitalmarkt geworden ist. Die Zocker haben offenbar die Oberhand gewonnen.
Die Skulptur oben in der Illustration ist von Eva Hesse (1936–1970). Ich habe die zerbrechliche Kugel in dem brüchigen Netz im Hirshhorn Museum in Washington DC kürzlich entdeckt.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Oh Schreck: Meine Aktien sind für ein paar Almosen weg

  1. hajue

    Ob Analysten einen Stop-Loss aus charttechnischer Sicht empfehlen oder hisichtlich Risk-Management begründen:

    Stop-Loss bedeutet, dass man ab diesem Punkt einen weiteren (enormen) Wertverlust als sicher betrachtet. Sollte man sich einen weiteren Verlust, von beispielsweise nur einem Prozent nach Stop-Loss, sicher sein, so würde man ihn garnicht erst setzen.

    Man ist sich also ab dem Stop-Loss sicher, dass der Kurs weiter fällt. Geht der Analyst jetz nicht short, so handelt oder denkt er nicht rational. Mit der Sicherheit, einen Stop-Loss zu empfehlen – dann aber mit Short-Selling zu zögern – mit dieser Argumentation bringt man die Profis in Erklärungsnot.

    Demnach könnte man alles shorten, sobald der Stop-Loss-Wert erreicht ist – ohne vorher die Aktien je im Depot gahebt zu haben.

    Dennoch werden eben selbe Analysten (genau wie die meisten von uns) nicht beim gesetzten Stop-Loss, sondern bei sehr hohen Kursen in die Versuchung des Shortens geraten.

    Auch bei mir: Kein Stop-Loss.

  2. Martin

    Die US Börsen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Bei diesen Crashes wurden Orders storniert. Man kann sich also nicht mehr darauf verlassen was angezeigt wird.

    Man könnte aber auch eine limited stop loss „auction only“ automatisch aufgeben, wenn das gewünschte Limit erreicht ist. Das müsste diese Flashcrashes umgehen. Ich habe schon überlegt dauerhaft einen Server zu solchen Zwecken laufen zu lassen. Die meisten Broker bieten APIs an.

  3. Finanzielle Freiheit mit Dividenden Blog

    Tim, ich verwende für meinen Dividenden Aktien auch keine Stopp-Loss Orders.

    Wieso soll ich für McDonalds,CocaCola,Pfizer,AT&T,P&G Stopp Loss Orders hinterlegen, wenn ich beim Kauf für mein Dividenden Depot sowieso weiß, dass ich diese Aktien wegen der Dividendenrendite und den jährlich steigenden Dividenden bis zur Rente in 30 Jahren, oder auch länger in meinem Dividenden Depot belassen möchte.

    Somit verzichte ich bewusst auf Stopp-Loss Orders !

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