Lehman pleite, Wall Street wackelt gewaltig


New York, 15. September 2008

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Lehman Brothers ist pleite. Die Investmentbank beantragt Gläubigerschutz. Am Montag stürzt die Aktie auf 0,20 Dollar ab. Ein Pennystock! Die FED half dem New Yorker Traditionshaus nicht aus der Patsche. Lehman fand keinen Käufer, der die Bank vor dem Desaster hätte bewahren können. Der Dow Jones rutscht nach der Pleite in die Tiefe. Wir stehen gerade bei 11.158 Zählern. Nur wenige Werte stemmen sich gegen den massiven Kursrutsch. Zu ihnen zählen Coca-Cola, Johnson & Johnson und McDonalds. An der Wall Street gelten Nahrungsmittelhersteller, Pharmafirmen und Schnellrestaurants als sicherer Hafen für die Krise. Fernsehsender im Land fokussieren sich auf die Finanzkrise. Experten kommen zu Wort. Larry Kudlow, der einst für Bear Stearns und die US-Regierung arbeitete, begrüßt die Entscheidung, dass die FED Lehman fallen ließ wie eine heiße Kartoffel. „Ich mag nicht, dass die Regierung unser Finanzsystem managt“, begründet Larry Kudlow. Präsident Bush wendet sich an die Bevölkerung: „Alle Amerikaner sind besorgt wegen der Anpassungen in unserem Finanzsystem. (…) Es kann schmerzvoll sein. Für die Investoren und die Mitarbeiter der betroffenen Firmen. (…) Ich werde bald das Büro verlassen. Und werde stark abschließen.“ Angesichts der Krise und der Sorge um einen scharfen Konjunktureinbruch fällt der Preis für das Fass Öl um fünf Prozent weit unter die magische 100-Dollar-Marke.
In all dem Trubel übernimmt die Bank of America die New Yorker Investmentbank Merrill Lynch. In einem Interview mit dem Fernsehsender CNBC sagte der Chef der Bank of America Ken Lewis über die Prüfung der Bilanzen und den Kaufpreis: „Ich bin sehr sicher bei der Übernahme und der Due Diligence. Wir sind beide in dem gleichen Geschäft.“
Standard & Poors will nach dem Deal nun Bank of America abstufen (downgraden), sprich das Rating reduzieren, weil Bank of America immerhin 44 Milliarden Dollar für die Transaktion aufbringen muss. „Die Frage ist, wie viel Kapital brauchen wir, um zu wachsen. Wir haben viele Optionen. Es gibt viele Dinge, die wir tun können, um Kapital zu beschaffen. Ein Teil kann auch sein, die Dividende zu kürzen. Es geht darum, unsere Firma so stark wie möglich zu machen“, sagte Käufer Lewis. „Beide Firmen kombiniert sind viel stärker als jede für sich.“ Auf die Frage, wie viele Mitarbeiter er abbauen möchte, antworte Lewis, der als einer der einflussreichsten Manager weltweit gilt: „Wir sind noch nicht da. Die Zahl der Mitarbeiter, die wir entlassen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Das durchläuft einen Prozess.“ Warum hat er gerade jetzt gekauft, hätte er nicht besser länger warten sollen? „Du musst opportunistisch sein in dieser Zeit. Es ist schwer ganz unten am Boden einzukaufen. Ich bin mir aber sicher, dass in einem Jahr oder eineinhalb Jahren wir mit den Übernahmen sehr zufrieden sind.“ Dennoch rauscht heute auch Bank of America Aktie um 14,5 Prozent auf 28,87 Dollar in die Tiefe.
Wie sieht Lewis die Finanzbranche in den USA in den kommenden Monaten? Es gibt in den USA rund 9000 Banken. „Bei den kleineren Banken werden wir weitere Insolvenzen sehen, nicht bei den großen. Vielleicht haben wir bald nur noch die Hälfte der Banken.“ Wie kam der Deal zu Stande? Merrill Lynch-Chef John Thain rief Lewis an und bat um ein Gespräch. „Am Donnerstagmorgen rief er mich an. Hast Du Zeit, um über eine strategische Zusammenarbeit zu sprechen, sagte er. Wir kennen uns und beobachten unsere Geschäftsentwicklung. Ich war dann zweieinhalb Stunden später in Manhattan“, verrät Lewis. 48 Stunden später kam der Deal in trockene Tücher.
AIG, der weltweit größte Versicherungskonzern, kommt immer weiter ins Straucheln. Heute halbiert sich der Kurs erneut. Es riecht nach Insolvenz. Die Wall Street dürfte vorerst weiter unter Druck stehen.


tim schaefer (Author)

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