Kaufen wovor jeder Angst hat


New York, 22. März 2013

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Ich habe einen Milliardär vor ein paar Jahren in New York getroffen. Sein Name Harry Dobson (Foto). Er lebt in Monaco. Er war mal Großaktionär des berühmten Fußballclubs Manchester United.
Dobson hat mir erklärt, wie man reich wird: „Du musst einsteigen, wenn sich niemand dafür interessiert.“ Er kaufte alte Minen in den Jahren 2000 und 2001, als der Goldpreis bei 274 Dollar stand. Heute kostet Gold 1.600 Dollar je Unze.
Dobson kennt die richtigen Leute. Er ist ein Netzwerker. Ständig sitzt er im Flugzeug, trifft Banker, Investoren, Manager.
Ich habe über ihn im Jahr 2007 einen Artikel für die Finanzzeitung „Euro am Sonntag“ geschrieben.
Jedenfalls kaufte er die kanadische Kirkland-Lake-Mine für ganze fünf Millionen Dollar vor mehr als einem Jahrzehnt. Die Schächte waren überflutet, die Anlagen verrottet. Er polierte den alten Betrieb wieder auf. Heute ist das Unternehmen an der Börse mehr als 300 Millionen Dollar wert.
Auf was ich hinaus will: Die größten Vermögen werden antizyklisch verdient. Contrarian Investing nennt man das. Sobald ein Asset oder Aktie in Vergessenheit gerät, steigen die Smarten ein.
An der Wall Street schreibe ich am liebsten über Aktien, die gerade schlechter als der Index abschneiden.
Nehmen Sie ein extrem gesundes Unternehmen wie Darden Restaurants. Jahrelang verwöhnte die Restaurantkette seine Anleger mit steigenden Umsätzen und Gewinnen sowie mit fetten Dividenden. Eines Tages kam eine Gewinnwarnung. Ein schwaches Quartal. Und schon stürzte der Kurs ins Bodenlose. Ich schrieb natürlich darüber.
Ähnlich war das beim Edel-Matratzenhersteller Tempur Pedic. Nach einer saftigen Gewinnwarnung plumpste der Kurs. Oder beim Filmverleiher Netflix. Oder beim Zeitungshaus Washington Post.
Der Durchschnittsanleger macht am liebsten das Gegenteil. Der kauft bevorzugt, was ganz oben in der Gunst der Menschen steht. Wenn das Image glänzt wie nie zuvor, kauft die Meute die Aktie. So war das bei AOL oder bei Apple.
Hierzu gibt es wissenschaftliche Untersuchungen. Die belegen: Allseits geliebte Firmen werfen an der Börse keine blitzsauberen Renditen ab.
Im Gegenteil. Firmen und Marken, die von jedem geliebt werden, sind teuer und anfällig für Kursrückschläge. Apple hat uns das eindrucksvoll gezeigt. Auf einmal crashte das Kurswunder.
Eher sollten Sie nach dem Fallobst schauen. Womöglich wird die Apple-Aktie nach dem Ausverkauf ab einem bestimmten Punkt wieder spannend.
Fassen wir zusammen: Was gehasst wird, hat mehr Kurspotential. Womöglich haben Finanzdienstleister oder die großen deutschen Versorger Potential. Beide Branchen notieren unter dem Eigenkapital beziehungsweise nahe am Buchwert. Kein Mensch interessiert sich für diese Aktien.
Ich rate: Schauen Sie sich ruhig mal die Performancelisten von unten an. Unternehmen mit einem schlechten Ruf sind eventuell ein Schnäppchen und werden weitaus mehr abgestraft, als sie es verdient haben. Irgendwann dreht der Wind.
Staranleger Bill Miller hat seine Contrarian-Strategie in einem TV-Interview kürzlich gut beschrieben. Er kauft am liebsten, was schlechter als der Index läuft. Umstrittene Aktien. Wenn Menschen Angst vor einem Unternehmen haben. Wenn es viele negative Schlagzeilen gibt. Dann interessiert sich Miller für sie.
In Deutschland und den USA gehören meiner Meinung nach Versicherungen und Großbanken in jene Kategorie.
Dauerlieblinge der Masse sind dagegen Aktien wie Michael Kors, Amazon.com, Lululemon, Salesforce.com…
Fazit: Die Kunst besteht darin, anders als die Masse zu denken. Jedenfalls hat es bei Harry Dobson funktioniert. Es gehört allerdings viel Mut dazu. Geduld brauchen Sie natürlich. Und Fehlgriffe passieren sicherlich auch.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Kaufen wovor jeder Angst hat

  1. LK

    Hallo Tim,

    für einen „Kleinanleger“ ist diese Strategie meiner Meinung nach sehr schwer umzusetzen, da sehr viel Fach-Know-How benötigt wird, um z.B. eine Mine zu bewerten. Viele Minen haben sich ja tatsächlich als wertlos entpuppt.
    Klar, die Chancen sind riesig, wenn man eine Perle erwischt.
    Ich persönlich schaffe emotional höchstens Indexfonds und große Blue Chips, alles andere würde mir den Schlaf rauben.

  2. Tobias

    Hallo Tim,

    ich teile Deine Ansichten.
    Habe gerade selbst einen Artikel über die beiden großen deutschen Versorger geschrieben.

    Viele Grüße

  3. Anna

    Hallo,
    naja, eine Mine ist nichts für meinereiner, da langt das Kapital nicht.
    Man sollte sich aber Werte, die keiner will (vor einigen Jahren US-Werte, z.Z. Versorger), genauer ansehen und gegebenenfalls zugreifen.
    Auch wenn einer mal mächtig verdroschen wird und der Kurs abstürzt, ebenfalls genauer hinsehen. Die Stopp-Loss-Strategie verschlimmert das Problem, das wird eine Spirale nach unten. Habe mal
    Schering in so einer Situation gekauft (später von Bayer übernommen), später bei die AIG.
    Aber das wichtigste: Man braucht immer eine gute Cashreserve, um zugreifen zu können.
    Funktionieren muss es nicht immer, aber Zeit braucht man, nicht ungeduldig werden und nach 5 Tagen das Handtuch werfen.
    VG Anna

  4. tim schaefertim schaefer

    @ LK
    Die Strategie ist recht einfach, finde ich: Einfach den Dow Jones oder DAX von unten anschauen. In den USA gibt es ja die Strategie des „Dogs of the Dow“.

    Bei den Minen gebe ich dir Recht. Da sollte man sich sehr gut auskennen. Sonst macht das keinen Sinn. Man muss die Führungskräfte kennen, die „wahren“ Ressourcen verstehen, man muss Gutachten (43-101) lesen können etc.

  5. Ulrich

    Es gibt auch spezielle Turnaround-Fonds, die auf einen Trendwechsel bei Unternehmen setzen.

    Und man kann per Fonds und ETF auf ganze Länder/Regionen setzen, die allgemein gemieden werden: Russland, Nordafrika, Griechenland …

    Wenn hier der Turnaround kommt, kann es sich richtig lohnen. Ohne gute Nerven und viel Geduld geht es halt nicht. Und nicht jeder Turnaround-Kandidat bekommt den Turnaround auch hin …

  6. Markus

    Ich finde es schwierig für die meisten Privatanleger umzusetzen. Zumindest bei Einzeltiteln.
    Solche Investoren haben oft Bekannte aus Firmenführung, Banken, Wirtschaftsbossen, einen besseren Überblick, ob die Mine / Firma wieder auf die Beine kommen kann usw.
    Wenn ein Investor mit genügen Bargeld am Rand steht und bereit ist alles zu tun ist es gar kein so großes Risiko mehr.
    Auch Buffett hatte bzw. hat ein riesiges Netzwerk von sehr fähigen Unternehmenslenkern… Welcher kleine Angestellte hat das?

    Chancen bzw. Risiken gibt es in Griechenland, Italien, Eon, Solarworld, Renault, allgemein Bankensektor u. v. m.

    Teilweise sind einige Investments so stark von Banken, Währungsumstellungen oder Staaten abhängig, dass ich nicht einschätzen kann, wie lange die Geduld und der gute Wille der Geber anhält.

    Prinzipiell halte ich Blue Chips mit Marke, nichtzyklischer Konsum, Dividendenwerte wie die Aristokraten, etf`s nach BIP-Aufteilung für wesentlich geeignetere Anlageformen für einen normalen Privatanleger als eine Contrarian-Investment-Strategie.

    Über ein Rebalancing bei starken Werten oder etf`s inklusive smallcaps und emerging markets investiert man auch antizyklisch!

    Es soll aber auch gute Contrarian Investoren geben, die Spaß daran haben Bilanzen zu durchwühlen, Statistiken und Gutachten auszuwerten, starke Netzwerke haben… Diesen Investoren bin ich nichts neidisch und werde deswegen keine Strategie ändern… Vor allem keine, mit der ich ruhig schlafen kann!

  7. stevoxx

    Klingt einfach, ist es aber nicht.
    Wann ist man Teil der Masse und wann nicht? Unser Schulsystem und unsere Arbeitswelt ist auf Konformität aufgebaut. Es braucht viel Zeit und Geduld, dieser mentale Mauern niederzureißen und neu aufzubauen.

  8. David

    Sehr schöner/guter Artikel Tim, sehr schönes Foto. Eigentlich ist es immer gleich. Die meisten Anleger kennen die ganzen Sprüche, Tipps, Anmerkungen der großen Anleger wie z.B. dass man gegen den Strom schwimmen soll, kaufen soll wenn alle verkaufen usw. Man überlegt sich diese Tipps nächstes mal, wenn es soweit ist, umzusetzen. Dann kommt endlich der erhoffte Zeitpunkt und die Tipps sind weg, irgendwo im Hinterkopf verschwunden. Man verfällt selbst in Panik, verkauft seine ganzen Aktien oder sitzt wie gelähmt vor dem Bildschirm und weiß nicht was man tun soll. Bis sich dann die ganzen Märkte erholt haben und man dann sieht das man hätte kaufen sollen…
    Manchmal wünsche ich mir dass ich Ende 08/ Anfang 09 18 Jahre gewesen sein sollte und dann Aktien gekauft hätte – oder Ende 2011. Doch leider wurde ich erst nachher 18, meine Eltern natürlich keine Aktien-Fans nach wie vor nicht und so komme ich etwas verspätet durch mein pysiologisches Alter an den Markt.
    Genauso verhält es sich übrigens gerade mit E.on bei mir. Ich habe selbst E.on- Aktien im Depot habe aber bis jetzt noch nicht nachgekauft, hole dies jetzt nach. Ich sah nur den Absturz, verkaufte zwar nicht, tat aber auch nichts anderes.
    Man könnte ja einfach mal logisch nachdenken. In DE gibt es zwar über 900 Stromanbieter, die meistens sind jedoch zimmlich klein. Die 4 größten sind RWE, E. On, Vattenfall und EnBW mit einem geschätzten Marktanteil von 80 %- 90 %. E.on davon der größte. Klar geht es dem Konzern gerade bescheiden, aber langfristig nimmer! Strom ist heutzutage fast schon essenziell. Ohne läuft hier gar nichts, aber wirklich nichts. Sprich einfach logisch nachdenken, Konzern checken sowie die ganze Umwelt und dann kaufen. In den Regel kann dann nichts schiefgehen.

    Gruß David

  9. Tobias

    Ich habe Darden Restaurants ebenfalls im Depot. Allerdings kann ich nur davor warnen, Aktien von Unternehmen zu kaufen, die man selbst nicht kennt. Wenn man allerdings schon öfter die Vereinigten Staaten besucht und stets gerne und gut bei Olive Garden gegessen hat, kann man sich auch solch einen Titel beruhigt ins Depot legen.

    Viele Grüße

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