JP Morgan Chase: Täuschen, tricksen, tarnen


New York, 18. März 2013

bild

Eine Schockwelle löste der Trading-Verlust von JP Morgan Chase im vorigen Jahr aus. 6,2 Milliarden Dollar gingen durch Zockereien mit Derivaten flöten. Der sogenannte „Londoner Wal“ hat sich verzockt.
Der Senat hat jetzt mit Hilfe des FBIs einen Untersuchungsbericht veröffentlicht. Auf 300 Seiten legt der Bericht alle Details offen. Das Dokument belegt, mit welchen billigen Tricks der Bankenriese versucht hatte, den Tradingskandal zu vertuschen, kleinzureden.
Vorstandschef Jamie Dimon (Foto Wikipedia, Flickr) sagte, die Bank sei „schlampig“ und „dumm“ gewesen. Er entließ einige Führungskräfte. Vor allem in der Londoner Filiale, wo die Miesere begann, rollten Köpfe. Der Kurs verlor seinerzeit kräftig. An einzelnen Tagen, als der Skandal publik wurde, brach die JPMorgan-Aktie um fast zehn Prozent ein.
Mit der außer Kontrolle geratenen Zockerei hat sich die Bank ihr glänzendes Image selbst zerkratzt. Aber vergessen wir nicht: JP Morgan ist eine Ikone. Die führende Bank der USA hat unglaublich stark die Krise gemeistert. Schauen Sie sich nur die Gewinne zwischen den Jahren 2009 und 2012 an: rund 8, 15, 17, 21 Milliarden Dollar. Ist die Aufregung übertrieben? Nein. Ich finde es gut, über den Riesenverlust zu diskutieren. Ich finde es gut, dass sich die Behörden das Problem anschauen.
Ich glaube, der Trading-Verlust war ein Ausrutscher. JP Morgan ist und bleibt eine der stabilsten amerikanischen Großbanken während und nach der Finanzkrise.
Dimon genießt den Ruf einer der besten Banker zu sein. Hedgefonds-Legende George Soros ist ein Fan von ihm. Ähnlich ist Börsenaltmeister Warren Buffett von Dimon begeistert.
Ich habe Dimon schon in New York erlebt. Er ist ein begnadeter Redner. Er kann tolle Storys erzählen. Beeindruckend. Er nimmt sich sehr viel Zeit für seine Mitarbeiter, für Kunden und für Anfragen. Jeder Anruf wird von ihm beantwortet. Keine Anfrage landet im Papierkorb.
Mitunter wird der 56-jährige deshalb mit Lob überschüttet. Er ist nicht arrogant.
Hinzu kommt sein ausgeprägter Spürsinn. Dimon agierte immer besonnen. Als sich die Immobilienblase auf den Höhepunkt zubewegte, lehnte er Übernahmen strikt ab. Viele Konkurrenten machten den Fehler, überteuert Banken zu kaufen, die sich schnell als Sanierungsfälle herausstellten. Dimon wartete stattdessen ab. Er schlug erst zu, als der Sektor am Boden lag.
Als Bear Stearns im März 2008 mit dem Untergang rang, riss sich Dimon die Aktien zu 2 Dollar unter den Nagel, einem Zehntel des damaligen Kurses. Dimon verhandelte derart hart, bis die Regierung ihm einen Milliardenkredit gewährte. So konnte er den Deal mit der Schützenhilfe des Staates abwickeln. Zum Schnäppchenpreis.
Ebenfalls schnappte er sich den Sparkassengiganten Washington Mutal (WaMu) für einen Appel und ein Ei, nachdem WaMu von den Behörden für insolvent erklärt worden war.
Freilich kann sich die derzeitige Aufregung um den Londoner Wal noch Monate hinziehen. Ich vermute, der führende Banker Dimon wird nach dem Trading-Beben seine Doppelrolle als CEO und Chairman verlieren. Das dürfte vermutlich auch Goldman-Sachs-Lenker Lloyd Blankfein betreffen. Blankfein und Dimon bleiben trotzdem zwei außergewöhnliche Manager.
Als JP Morgan nach dem Skandal im Mai 2012 abgestürzt war, riet ich, bei der Aktie beherzt zuzugreifen. Seither hat sich der Kurs massiv erholt.
Ich möchte mich hier nicht beweihräuchern. Es gibt genug Aktien, die ich falsch eingeschätzt habe. Aber bei den Giganten ist es so, dass diese Aktien während eines Skandals übertrieben abgestraft werden. Anleger neigen dazu, hysterisch zu reagieren. Sie stürmen aus der Aktie – egal, wie tief sie schon steht.
Conclusio: Skandale respektive Kursschocks können für Value Anleger ein gefundenes Fressen sein – gerade wenn Schlachtschiffe aus dem Dow Jones oder S&P 500 betroffen sind. Ähnlich war das bei Rupert Murdochs Abhörskandal. Die News-Corp-Aktie sauste in den Keller. Ein Schocker für die Medien, dagegen toll für Schnäppchenjäger.


tim schaefer (Author)

drucken


Gedanken zu „JP Morgan Chase: Täuschen, tricksen, tarnen

  1. StefanStefan

    Und natürlich keine LUFTFAHRTUNTERNEHMEN!

    Ich meide auch Versorger und Ölkonzerne. Ein Unfall und das wars mit dem Kurs.

  2. Markus

    Hm, bei etf`s hat man sowieso alle Branchen…
    Bei einem Einzelaktiendepot würde ich den Schwerpunkt auf Nichtzykliker aus dem Konsumbereich und Pharma legen. In der Vergangenheit waren es die stärksten Branchen (s. a. J. Siegel mit Überlegen Investieren). Sicherlich können da auch Skandale auftreten und Patente auslaufen usw.
    Bei Value etf`s speziell Europa dominiert ja die Bankenbranche bzw. auch Versicherung und Rückversicherung. Sind natürlich sehr starre Value Konzepte bzw. auch umstritten, da kein reines Value Investment. Der Begriff muss sowieso für viele Investmentstile herhalten. 😉
    Wobei wir, selbst wenn die Krise irgendwann gelöst werden sollten, sicherlich die Bankenbranche für die Finanzierung aller anderen Firmen brauchen werden! 😉
    Unpopulär genug sind sie ja, um evtl. sogar wieder ganz ordentliche Renditen zu erwirtschaften.
    Leider ist der Gestaltungsspielraum bei der Bilanzierung von Banken groß, bzw. auch die Prognosefähigkeit für Value Investments meistens auf sehr wackligen Füßen.

  3. Anna

    @stefan
    Warum Ölfirmen und Versorger meiden?
    Die werden immer gebraucht. Bei einem Unfall wie seinerzeit BP im Golf von Mexiko fällt natürlich der Kurs ins Bodenlose, vom Schaden gar nicht zu reden. Wenn das vor Afrika passiert wäre, dann hätte BP nicht so viel bezahlen müssen wie vor der US-Haustür, vermute ich mal.
    Meines Wissens sind die letzten Ansprüche aus der Katastrophe der Exxon Valdez vor Alaska von vor über 25 Jahren erst letztes oder vorletztes Jahr reguliert worden. Exxon gibt es heute noch…
    Übrigens, BP zahlt schon lange wieder Dividende.
    VG Anna

  4. StefanStefan

    @ Anna:

    Ölkonzerne kann man schon kaufen. Aber ich persönlich meide sie eher. So lange es genug Alternativen gibt…

    Mir ist auch nicht ganz klar wie sich das Fracking in den USA auf die Branche auswirken wird. Vielleicht kommt es ja sogar zu einem massiven Überangebot an Gas. Da mischen die großen Ölkonzerne ja auch mit…

    Außerdem sind Ölkonzerne immer schärferen Regulierungen ausgeliefert. Die Förderung wird immer schwieriger, teurer und gefährlicher. Um an neues Öl zu kommen müssen die Konzerne mittlerweile in unglaubliche (Meeres-)tiefen vorstoßen oder ins ewige Eis.

    Momentan tut sich gerade auch im Automobilbau unglaublich viel. Vermutlich werden die Ölkonzerne schon noch lange gebraucht werden. Dividenden könnten noch 50 Jahre sprudeln. Ich bin mir aber echt unsicher. Irgendwann geht das Ölzeitalter zu Ende. Aber nicht weil es keins mehr gibt sondern weil es zu teuer und zu schmutzig wird und die Alternativen irgendwann da sind.

    Nur meine Meinung.

  5. Felix

    Weil wir eben nicht wissen, wie die Zukunft aussieht, also, ob Ölkonzerne in 25 Jahren noch die Bedeutung haben werden, die sie heute noch haben, ist es wichtig, zu diversifieren. Wenn ich 10 % im Energiesektor habe, so kann ich, sollte diese Branche kollabieren, eben nur maximale 10 % verlieren.
    Ich persönlich meide Modethemen wie Solarenergie, Smartphones, Elektromobilität oder was sonst gerade envouge ist.
    Ansonsten versuche ich eine breite Branchen- und Ländermischung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

bitte lösen Sie diese einfache Aufgabe (Spamschutz) *