In der Schuldenfalle


New York, 22. Juli 2008

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Amerikaner lieben Kredite. Sie wachsen praktisch mit ihnen auf. Schon wenn sie an die Hochschule gehen, nehmen die meisten mächtige Kredite auf, um ihr Studium zu finanzieren. Da können locker 100.000 Dollar und mehr zusammen kommen. Wenn die Absolventen dann ihren ersten Job beginnen, fangen sie an, den angehäuften Schuldenberg abzutragen. Das zieht sich über etliche Jahre hin.
Ebenfalls mögen Amerikaner Kreditkarten. Sie nutzen das Plastikgeld gerne für Kreditaufnahmen, sprich sie zahlen ihre Einkäufe nicht am Monatsende zurück, sondern bauen Darlehen auf. In meinem Briefkasten finde ich jede Woche zahllose Werbeschreiben von Banken, die mir eine Kreditkarte andrehen wollen. Die Zinsen erreichen, je nach Angebot, schon einmal Wucher-Niveau: Sie können 30 Prozent und mehr betragen. Gleichzeitig haben die Bürger eine Art Kredit-TÜV. Über die Sozialversicherungsnummer, sogenannte Social Security Number, können die Banken abfragen, wie zuverlässig die Menschen sind mit ihren Krediten. Wer brav die Mindestsumme Monat für Monat seines Kredits abträgt, der bekommt eine gute Note. Wer Termine verpasst, erhält entsprechend ein schlechtes Credit Rating. Wenn Sie ein Handyvertrag abschließen möchten, prüft der Provider vorab ihr Credit Rating. Wenn Sie eine Wohnung mieten wollen, dann nimmt der Vermieter ebenfalls ihre Kredit-Note unter die Lupe. Sie müssen also dieses Kredit-Spiel in den USA mitspielen. Wenn Sie keine Kredit-Historie haben, dann haben Sie ein Problem. Sie können beispielsweise nicht ohne weiteres einen Handy- oder Mietvertrag abschließen. Kein Wunder, dass es im Fernsehen so viele Ratgebersendungen rund um die Themen Kredite und Konsum gibt.
So ist auch die Immobilienblase entstanden. Der lockere Umgang mit den Darlehen steckt in den Genen der Amerikaner. Nach dem Platzen der dot-com-Blase im Jahr 2000 suchten die Amerikaner nach einer Alternative zum Aktienmarkt. Sie investierten in Immobilien. Die Zinsen befanden sich tief im Keller. FED-Chef Alan Greenspan senkte die Leitzinsen gar auf ein Prozent ab. Gleichzeitig explodierten die Immobilienpreise. Monat für Monat. Viele verkauften ständig ihr Haus und zogen in ein teureres ein. Sie nahmen mehr Schulden in Kauf. Das Geld lag auf der Straße. Geld gab es praktisch umsonst. Zudem kletterte der Preis des Eigenheims ungebrochen. Das ging so lange gut, bis die Immobilienpreise begannen, zu sinken und die Leitzinsen stiegen. Da brach das Kartenhaus zusammen. Jetzt stecken viele Haushalte in der Schuldenfalle. Millionen bekommen ihr Haus versteigert. Die Banken müssen gigantische Kreditsummen abschreiben. Die Konjunktur bricht ein. Dramatisch stürzt der Immobilienmarkt zusammen. Seit vielen Jahrzehnten war es nicht so schlimm. Vielleicht die schlimmste Zeit seit der großen Depression.
Finanzminister Henry Paulson tritt gerade vor die Kamera. Er betont, dass die Banken 150 Milliarden Dollar an frischen Mitteln eingesammelt haben – inmitten der Krise. Die Finanzhäuser sollen seiner Meinung nach weiterhin ihre Bilanzen bereinigen, mehr Kapital einwerben und die Dividenden kürzen. „Wir erwarten mehr Probleme“, gibt der Finanzminister unumwunden zu.
Es gibt also mehr Krisenfälle. Ich glaube, es kann durchaus sein, dass ein großer Hedgefonds ins Wanken kommen kann. Paulson betonte: „Je schneller wir die Krise bewältigen, desto schneller kommt der Immobilienmarkt zur Ruhe. Hauspreise werden sich stabilisieren.“ Darüber hinaus sagte er: „Wir brauchen Fannie und Freddie als Hypothekenfinanzierer in dieser kritischen Zeit.“


tim schaefer (Author)

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