Formel von Börsenaltmeister Benjamin Graham hilft noch heute


New York, 29. Februar 2012

Mich fragte vorige Woche ein Blog-Leser, ob denn die Börse nach der jüngsten Rallye überhaupt noch günstig ist. Ich antwortete: „Ja, klar, wenn man einen mittelfristigen Zeithorizont verfolgt.“ Ohnehin schauen Börsianer mehr voraus, als zurück. An der Wall Street blicken die Profis heute auf die Jahre 2013, 2014 und folgende. Das laufende Jahr ist längst abgehakt. Daher läuft der Dow Jones, DAX und S&P 500 nach oben. In den kommenden Jahren sehen die Analysten eine kräftige Konjunkturerholung mit saftigen Ergebnissteigerungen.
Ohnehin steigen die Börsenkurse häufig selbst während einer Rezessionsphase. Man muss sich also als Anleger in seinen Gedanken von der Gegenwart lösen, was gewiss ein schwieriges Manöver sein kann, denn wir werden sehr stark von den Tagesnachrichten in unserer Gemütslage beeinflusst.
Doug Ramsey, Chef-Anlage-Stratege bei der Leuthold Group, analysierte die Kursentwicklung der US-Börse seit 1938. Ihm fiel auf, dass in acht der 16 besten Börsen-Jahrgänge die Unternehmensgewinne im Schnitt sogar sanken. Der Statistik-Fan entdeckte darüber hinaus, dass in 13 der 16 schlechtesten Börsenjahre die Profite der Unternehmen anzogen. Verrückt mag das auf den ersten Blick klingen. Ist es aber nicht. Es spielt eben die Zukunftsmusik auf dem Parkett, nach der alle tanzen.
Um zu überprüfen, ob eine bestimmte Aktie günstig oder teuer ist, rate ich eine simple Methode, sozusagen als Schnelltest, anzuwenden. Natürlich sollten Sie weitere Aspekte unter die Lupe nehmen. Blicken Sie jedoch zunächst auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und dann auf das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV).
Als Faustformel können Sie auf den Begründer der modernen Wertpapieranalyse, Benjamin Graham, zurückgreifen: Der stufte Aktien als günstig ein, die ein KGV von nicht mehr als 15 aufwiesen.
In einem zweiten Schritt blickte er auf das KBV. Ein KBV von bis zu 1,5 war Graham bereit, zu zahlen. Alle Eigenkapital-Multiple, die höher rangierten, lehnte der Altmeister strikt ab.
Im DAX, MDAX und SDAX finden Sie übrigens jede Menge Wertpapiere, die in dieses Raster passen. Die beiden Graham-Formeln sollten Sie natürlich nicht zu strikt anwenden. Sie geben Ihnen nur einen ersten Eindruck, wie Ihr Aktienfavorit bewertet wird.
Das KGV drückt im Endeffekt aus, wie viele Jahre Sie bei einem stagnierenden Ergebnis warten müssten, bis Sie Ihren Einsatz „zurückverdient haben“. Bei einem KGV von zwölf würde es also zwölf Jahre dauern. Das KGV ist darüber hinaus eine Rendite-Kennziffer. Unterstellen wir erneut ein KGV von 12, so rentiert das Wertpapier mit 8,3 Prozent (1 dividiert durch 12).
Das KBV drückt aus, um welchen Faktor das reine Eigenkapital über- beziehungsweise unterbewertet wird an der Börse. Ein KBV von 0,8 zeigt Ihnen, dass die Gesellschaft an der Börse weniger wert ist als die Buchwerte. Oftmals sind natürlich schwerwiegende Probleme ein Grund für einen solchen Discount. Wenn dagegen eine Gesellschaft mit einem KBV von 1,4 gehandelt wird, heißt das, die Börse gewährt 40 Prozent mehr, als der theoretische „Zerschlagungswert“ (Buchwert) hergibt.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Formel von Börsenaltmeister Benjamin Graham hilft noch heute

  1. Lukas Paier

    Im Prinzip folge auch ich KGV und KBV, jedoch sind gerade diese beiden Kennzahlen trügerisch!

    Niedriges KGV, KBV ist oftmals eben nur das Resultat von niedrigen Gewinnerwartungen / Abschreibungen die zumeist auch wirklich eintreten. Insofern empfiehlt es sich – wie Graham immer betonte – Geschäftsberichte und vor allem die Anhänge zu lesen.

    Darüber hinaus möchte ich eine wichtige Kennzahl hinzufügen: Return on Equity (ROE). Buffett bevorzugt Aktien mit hohem ROE (> 20%). Damit verbindet sich auch sein Spruch, dass die Zeit der Freund guter Unternehmen und der Feind schlechter ist. Investiert man in Unternehmen mit einem hohen ROE über zehn, zwanzig Jahre hinweg, wird man am Ende sehr wohlhabend dastehen. Hingegen sind viele „kapitalintensive“ bzw „rohstoffbasierende“ Unternehmungen (Versorger, Telekoms, etc) nicht gerade geprägt von einem solchen hohen ROE. Ergo stagnieren deren innere Werte meist bzw bleiben klar hinter den hohen ROE-Performern zurück.

    Wer nicht so gern auf ROE setzt (wird höher, je mehr Schulden ein Unternehmen hat), kann sich getrost mit Greenblatts magischer Formel weiterhelfen:

    Greenblatt ROC = EBIT / (Nettoumlaufvermögen + Sachanlagevermögen)

    Nettoumlaufvermögen = Umlaufvermögen – kurzf Verbindlichkeiten

    LG Lukas

  2. willihope

    na dann möchte ich auch noch eine formel hinzufügen die auch von graham ist: KBV * KGV = unter 24

    das schützt vor extrem überteuerten fehlgriffen finde ich!

    versorger sind momentan ein schwieriges thema, nach japan der atomausstieg in deutschland, der umbau auf erneuerbare, ich empfehle einen blick auf edf. wenn deutschland als industrienation (den strom den es nicht mehr selber produziert aber trotzdem braucht) in zukunft in fr einkauft dann werden deren atomkraftwerke eine bessere auslastung haben und einen schönen gewinn abwerfen. durch 80% staatsanteil wird die dividende vermutlich weiterhin hoch bleiben und so ergibt sich momentan ein kgv von 8 und ein kbv von 1,14 mit einer dividendenrendite von 6,5%.

    edf ist in sippenhaft von japan und dem deutschen atomausstieg hat aber mit beidem nichts zu tun.

    ein versorger nahe am buchwert ist meistens ein zufriedenstellendes investment würde graham sagen. 🙂

  3. tim schaefertim schaefer

    Hallo Lukas,

    danke für den exzellenten Zusatz.

    Ich habe über diese Erfolgsformel des ROIC bzw. die Eigenkapitalrendite vor einigen Wochen hier im Blog einen kleinen Beitrag gehabt.

    ROIC: Das ist die Geheimformel von Warren Buffett

    Im Endeffekt geben KGV und KBV an, wie die Börse eine Firma preistechnisch einschätzt. KGV und KBV sind also sozusagen das Preisschild im Supermarkt auf jedem Artikel.

    Das ROIC (bzw. die Eigenkapitalrendite) drückt nicht den Preis der Börse aus, sondern den Erfolg der Firma. Dieser Erfolg wird grob gesagt gemessen am Gewinn und dem dafür eingesetzten Eigenkapital. Diese wunderbare Formel bringt die Quintessenz aus der Erfolgsrechnung und Bilanz zusammen.

    VG
    Tim

  4. tim schaefertim schaefer

    Hi willihope,

    danke für die magische Zahl 24. Gute Ergänzung! Das hat in dem Text gefehlt.

    Der französische Versorger klingt spannend. Billiges KGV, günstiges KBV etc. Schönes Potential nach oben. Kleines Problem kann sein: Staatsbetrieb. Welche Interessen verfolgt der Staat? Gewinnmaximierung, zufriedene Kunden oder etwas anderes?

  5. willihope

    naja zufriedene kunden? der strom kommt erstmal aus der steckdose und solange er das tut geben sich die kunden meist zufrieden. 🙂 bis auf deutschland geht es bei den meisten dingen rationaler zu, in deutschland herrscht „german angst“!

    der staat wird vermutlich auch in zukunft die gleichen interessen haben wie in der vergangenheit, einen stabilen betrieb für seine arbeitnehmer und hohe dividenden für seine leeren kassen. frankreich ist sehr sozialistisch und so wird es vermutlich keine zerschlagung geben und es werden auch keine strengen auflagen für seinen eigenen betrieb erfunden. 🙂

    natürlich ist ein derartig grosser einzelaktionär immer ein risiko aber hier decken sich vorerst die interessen der eigentümer, auch die belegschaft hält fast 2% an edf!

  6. Tobias

    Graham hat in seinen Buch „Der Inteligente Investor“ die Bewertungsmethoden an der Wall Street kritisiert die in den Zeiten um 1928 rum fast aussschliesslich auf Zukunftserwartungen basierten. Daher finde ich das nicht ganz in Ordnung wenn man in einen einerseits auf Benjamin Graham verweist und dann eben genau diese Berwertungsmethoden aufführt. Dies erweckt den anschein als ob Graham sich diesen Bewertungsmethoden angeschlossen hätte. Er kritiesierte es aber ganz klar das einige Leute die Fundamentalanalyse auf der Basis von Zukunftswerten betreiben. Weil genau diese der Fundamentalanalyse das Fundament entzieht….

  7. Tobias

    nochmal in einem bisel besserem Deutsch 😉 bin gerade bisel müde …

    Graham hat in seinen Buch „Der Inteligente Investor“ die Bewertungsmethoden an der Wall Street kritisiert die in den Zeiten um 1928 rum fast aussschliesslich auf Zukunftserwartungen basierten. Daher finde ich das nicht ganz in Ordnung, wenn man einerseits auf Benjamin Graham verweist und dann eben genau diese Berwertungsmethoden aufführt. Dies erweckt den Anschein, als ob Graham sich diesen Bewertungsmethoden angeschlossen hätte. Er kritiesierte es aber ganz klar das einige Leute die Fundamentalanalyse auf der Basis von Zukunftswerten betreiben. Weil genau dieses Vorgehen der Fundamentalanalyse das Fundament entzieht….

  8. tim schaefertim schaefer

    @ Tobias

    Ich habe nicht dazu geraten, die Gewinnerwartungen aus der Zukunft zu nehmen, um die Bewertung zu ermitteln.

    Ich habe nur ausdrücken wollen, dass der Börsianer an sich optimistisch ist, weil er nicht nervös auf die Krise zurückblickt, sondern nach vorne und den Aufschwung schon sieht.

    Um vorsichtig zu sein, kann man durchaus den Gewinn aus dem Jahr 2011 zu Rate ziehen und andere Bilanzkennziffern natürlich auch. Dein Einwand ist gut, nicht allzu optimistische Gewinnerwartungen zu unterstellen.

    VG
    Tim

  9. David

    Ich beschäftige mich zur Zeit auch mit Benjamin Graham und Bewertungsmethoden für den Aktienmarkt sowie einzelne Unternehmen. Muss dazu allerdings erwähnen, dass ich mich vorher intensiv mit der technischen Analyse auseinandergesetzt habe. Und wie ich finde, genügt es nicht, um langfristig an der Börse erfolgreich zu sein, sich ausschließlich auf Valueinvesting zu stützen. Man sollte auch in der Lage sein, den Ticker richtig zu lesen (Stichwort: Der Markt diskontiert alles – Charles Dow) und klassische Börsenregeln verinnerlichen, wie beispielsweise: „Verluste sofort  begrenzen und Gewinner laufen lassen!“

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