Das kranke Gesundheitssystem der USA


New York, 26. Oktober 2012

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Wir Deutsche können auf unser Gesundheitssystem stolz sein. Nahezu alle Menschen haben eine Krankenversicherung. Das ist etwas tolles.
In den USA ist das anders. Fast 50 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung. Nur gut 60 Prozent der Unternehmen in den USA bieten ihren Mitarbeitern eine Krankenversicherung an, der Rest muss sehen, wo er bleibt.
In den USA sterben jedes Jahr 45.000 Menschen unnötigerweise. Sie sterben, weil sie keine Krankenversicherung haben. Anders ausgedrückt stirbt in dem reichsten Land der Erde alle zwölf Minuten jemand, weil das Gesundheitssystem versagt. Amerikaner im Alter von 64 Jahren und jünger, die keine Assekuranz haben, haben ein höheres Risiko zu sterben von 40 Prozent (Wahrscheinlichkeit).
Im Jahr 2007 hatte Präsident George Bush behauptet: „Menschen in Amerika haben Zugang zum Gesundheitssystem. Du gehst einfach zur Notaufnahme.“
Ja, das stimmt. Nur ist es dann meist zu spät. Denn Menschen ohne Versicherung gehen nicht rechtzeitig zum Arzt, wenn sie krank werden, sondern sie schieben es auf – so lange es geht. Warum? Wegen der enormen Kosten, die keiner aus der privaten Tasche bezahlen kann. Prävention gibt es nicht. Ein frühes Eingreifen des Hausarztes auch nicht.
Wenn jemand zur Notaufnahme kommt, ist es höchste Eisenbahn. Dann hat sich manchmal schon der Krebs durch den ganzen Körper gefressen. Oder aber ist dann das Herz schon sehr schwach.
Amerika ist krank. Es ist ein großartiges Land. Aber manchmal ist der Kapitalismus knallhart.
Barack Obama will mit einer Gesundheitsreform die Unversicherten in das System integrieren. Ich finde, das ist angebracht. Alles andere ist extrem unsozial.
Das Merkwürdige ist vor allem: Für die 50 Millionen Unversicherten gibt die Öffentliche Hand in Washington mehr Geld pro Kopf aus – als die meisten europäischen Länder. In den USA fallen öffentlichen Ausgaben (für die Unversicherten) in Höhe von 3.966 Dollar pro Kopf an. In Deutschland sind es nur 3.331 Dollar je Bürger, gemessen am gesamten Volk (laut OECD – public exp. per capita in US-$).
Das Krankensystem ist in den USA krank. Überall wird Geld verplempert. Die Verwaltung ist aufgeblasen, ineffizient. Am schlimmsten sind die privaten Krankenversicherer in den USA. Dort gehen von jedem 1,00 Dollar auf der Einnahmeseite ganze 20 Cent für die Verwaltung weg. Sprich nur 80 Cent kommen beim Patienten direkt oder indirekt an.
Wenn der CEO einer Krankenversicherung irre 100 Millionen Dollar via Aktienoptionen in seine Tasche steckt und gleichzeitig stetig die Prämien für die Versicherten angehoben werden, stimmt etwas nicht. Das ist ein Wahnsinnsgehalt. Wer verdient mehr als dieser CEO?
Es ist überall das Gleiche: Ein paar Gierige nehmen, was sie kriegen können – auf Kosten der Allgemeinheit.
Die Zeitungen sind voll von Menschen, die sterben müssen, weil das System unfair ist. Ich las in der „New York Times“ gerade einen traurigen Fall. Nicholas D. Kristof beschreibt, wie sein ehemaliger Studienfreund an Krebs erkrankt ist, nur weil er es sich nicht finanziell leisten konnte, zum Arzt zu gehen, als seine Krankheit noch in einem frühen Stadium war. Jetzt scheint es, zu spät zu sein. Die Notaufnahme hilft eben selten weiter: „Ein vermutlich fataler Fehler“ oder „A Possibly Fatal Mistake“ – so heißt der Artikel.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Das kranke Gesundheitssystem der USA

  1. Matthäus Piksa

    @Tim

    Ich dachte immer, dass Ärzte einen Hippokratischen Eid leisten müssen, der auch eine rechtliche Verpflichtung zum Tätigwerden beinhaltet. Laut wikipedia ist dem aber nicht so. Es ist eher eine Art ethischer Code.

    Mal sehen was aus der Gesundheitsreform wird, wenn Romney die Präsidentschaftswahl gewinnt. Mit der Gesundheitsreform Obamacare soll ab 2014 das System komplett geändert werden mit der Folge das wirklich alle Amerikaner versichert sein müssen. Der Supreme Court bestätigte Obamas Reform Mitte des Jahres.

    Gruß Matthäus

  2. Enrico

    Kann ich leider nur bestaetigen. Die Preise fuer Medikamente, Behandlungen und Material sind einfach unverschaemt hoch hier.
    Ich zahl insgesamt doppelt so viel Krankenversicherung wie in Deutschland plus die ganzen Zuzahlungen. Ich will gar nicht wissen, was eine richtige OP oder ein Baby hier an Zuzahlung kostet 🙁 Ich glaub, da werd ich dann auch zum Medizintouristen…

  3. Turing

    Zu den Zuständen in den USA möchte ich mich nicht äußern. Offenbar sind viele Amerikaner mit der jeztigen Situation glücklicher als mit einer Zwangskrankenkasse. Ich möchte mich aber zu der Situation in Deutschland und was mich persönlich so ärgern, weil wir falsche Prioritäten setzen.

    Deutschland mutet den Patienten und auch den Invaliden finanziell immer mehr zu. Gerade auch bei Zahnersatz. Die Invalidenrente ist meines Wissen auch schon komplett gestrichen. Den Weg kann man gehen, aber er steht im Widerspruch zur Rentenpolitik.

    Ich bin kein Freund von zu viel Sozialstaat und sehe unseren als überborden an. Er ist ein Wohlfahrtsstaat. Leider setzt er die falschen Akzente. Krankheit und Invalidität sind echte Lebensrisiken und gehören in den Mittelpunkt der Sozialpolitik. Als Liberaler könnte ich mich mit einem Versicherungszwang für alle durchaus anfreunden und da dürfen „starke Schultern“ auch die schwachen tragen. Das Alter ist aber kein Lebensrisiko. Jeder kann sich ausrechnen, wann er das Renteneintrittsalter erreicht.

    Ich bin dafür, dass man die Rente, wie sie jetzt ist, komplett abschafft. Wer nicht mehr arbeiten kann, wird notfalls unterstützt.

    Es kann auch nicht sein, dass der Sozialstaat die Lebensleistung belohnen will. Das ist auch nicht Aufgabe des Staates. Wer viel leistet, bekommt über Jahrzehnte ein gutes Gehalt. Der braucht doch im Alter keine Zuwendung.

    Mir persönlich graut es davor, zwangsverrentet zu werden. Ich möchte solange arbeiten, bis ich tot umfalle. Ich würde vielleicht lieber als junger Mensch etwas kürzer treten, um mich beispielsweise um die Kinder zu kümmern. Aber im Alter wird man durch das ständige Nichtstun nur senil. Mein Großvater hat mit 75 noch gearbeitet und erst mit der Rente baute er ab, er hörte auf zu lesen und bekam Alzheimer.

    Ich weiß, dass es für viele Menschen nicht vorstellbar ist, aber mir ist ein solches Rentensystem viel plausibler als das jetzige. Wer im Alter doch nichts tun möchte, soll gefälligst sparen.

  4. Matthäus Piksa

    Ich möchte an dieser Stelle mal ein Plädoyer für den deutschen Sozialstaat halten. Er ist besser als sein Ruf. Die halbe Welt beneidet uns um ihn, mindestens die halbe.

    Seit fast 150 Jahren existieren die Kernsäulen des Sozialstaats. Bismarck hatte im 19. Jahrhundert die geniale Idee, die Hauptlebensrisiken der Arbeitnehmer gesetzlich abzusichern. Seitdem wurden die Arbeitslosen-, Kranken-, Renten-, Unfall- und die Pflegeversicherung etabliert und schützen die arbeitende Bevölkerung vor den Hauptrisiken im Leben.

    Weil es Deutschland wirtschaftlch vergleichsweise gut geht, konnten die Beiträge in den letzten Jahren immer weiter abgesenkt werden. Wenn der Beitrag in die Rentenversicherung zum nächsten Jahr wie angekündigt von 19,6% auf 18,9% abgesenkt wird, dann liegt der Sogialabgabenanteil bei unter 40%. Etwas über die Hälfte davon trägt der Arbeitnehmer, den Rest zahlt der Arbeitgeber.

    Bsp. Rente – Es ist egal, ob jemand, wenn er in die Rente eintritt, nur noch zwei Jahre lebt oder 90 wird. Die Rente wird ausgezahlt, das ist sicher.
    Das Problem ist nur, wie die Rente aufgrund des demografischen Wandels und der dank dem medizinischen Fortschritt immer weiter steigenden Lebenserwartung finanzierbar bleibt. Hier sind viele Fragen ungelöst.

    Aber an der Bismarck'schen Kernidee, die Hauptlebensrisiken solidarisch abzusichern sollte nicht gerüttelt werden. Zumal man sich dann ohnehin schnell den Vorwurf neoliberalen Gedankenguts nachzuhängen einhandelt.

    Ein letzter Punkt: Im Vergleich zu den skandinavischen Ländern sind die Sozialabgaben nach meiner Kenntnis in Deutschland niedriger.

    Bei den Details der Sozialsysteme gibt es bestimmt Nachbesserungsbedarf. Vgl. GKV-PKV zum Beispiel

  5. Turing

    „Das Problem ist nur, wie die Rente aufgrund des demografischen Wandels und der dank dem medizinischen Fortschritt immer weiter steigenden Lebenserwartung finanzierbar bleibt. Hier sind viele Fragen ungelöst.“ – Die Fragen sind nicht ungelöst. Die Antwort ist: Länger arbeiten. Und ich würde es nicht als Schande empfinden, mit 80 noch zu arbeiten. Arbeiten hält fit, den Körper und die Birne. Arbeit gibt einem ein gutes Gefühl, das Gefühl, gebraucht zu werden. Erscheinungen wie Alzheimer führe ich nicht darauf zurück, dass wir immer älter werden, sondern dass alle kollektiv mit 65 Jahren in Rente gehen. Und dann setzt der Verfall ein.

    Gegen körperliche Gebrechen kann man wenig machen, klar. Aber der Fortschritt hat uns eine Vielzahl von körperlich schweren Tätigkeiten abgenommen.

    Und mich kann wirklich niemand überzeugen, warum beispielsweise Finanzbeamte mir nichts dir nichts pensioniert werden müssen. Finanzbeamter ist ein Schreibtischjob und der Staat eine ganze Menge davon und die meisten Pensionsanwärter können problemlos noch ein paar Jahre dranhängen. Ein Beamtensold ist auch höher als eine Beamtenpension, das heißt, es wäre für den Finanzbeamten sogar sehr schmackhaft, länger zu arbeiten.

    In der Privatwirtschaft war man schon immer flexibler.

  6. Matthäus Piksa

    @Turing

    Wenn die gesamtgesellschaftliche Lebenserwartung steigt, dann muss auch das Renteneintrittsalter angehoben werden. Genau das geschah ja auch, als das Eintrittsalter von 65 auf 67 angehoben wurde.

    Aber bis 80 arbeiten bedeutet bei der aktuellen Lebenserwartung, die irgendwo in dem Bereich liegt (Frauen werden statistisch etwas älter), dass sie die Leute bis sie tod umfallen arbeiten lassen würden.

    Aber ich verstehe ihren Ansatz trotzdem, und zwar so: Wenn die Rendite an der Börse über mehrere Jahrzehnte zweistellig oder annähernd zweistellig ist, dann kommt eine Summe heraus, bei der dann irgendwann jeder selbst bestimmen kann, wann Feierabend ist.

    Nur ist es eben die Frage, ob die Masse der Anleger tatsächlich eine tolle Rendite einfahren würde. Unzählige Studien, die wir hier immer wieder diskutieren zeigen, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

    Nichtsdestotrotz gibt es Staaten, die verstärkt in Aktien investieren, zB Norwegen. Der Staatsfonds des ölreichen Landes hat derzeit eine Aktienquote von 60%. Wie Norwegen seine Milliarden anlegt.

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