Börsencrash? Keine Panik auf der Titanic


New York, 10. November 2013

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Henry Blodget schätze ich sehr. Der einstige Analyst ist unter die Journalisten gegangen. Er hat das Börsenblog „Business Insider“ in New York aufgebaut. Blodget erhielt finanzielle Rückendeckung von Amazon-Gründer Jeff Bezos für das Projekt.
Ich wunderte mich jetzt jedoch über Blodgets Warnung vor einem Börsencrash um 40 bis 55 Prozent. Ich halte diese Warnung für übertrieben.
Vor fünf Jahren kollabierte die Börse um 50 Prozent. Einen solchen Absturz erleben wir normalerweise nur zwei bis drei Mal innerhalb eines Jahrhunderts. Warum so zügig nach diesem Desaster ein neues Desaster uns heimsuchen soll, verstehe ich nicht.
Ich glaube nicht daran. Natürlich kann man nie alles ausschließen. Möglich ist alles.
Ich halte eine Korrektur um eher 10 oder 15 Prozent für wahrscheinlicher.
Ja, die Bewertungen sind nach fünf Jahren Bullenmarkt etwas teuer geworden. Eine Blase sehe ich trotzdem nicht. Eine Aktienblase haben wir dann, wenn am Taxistand und im Friseursalon alle Aktien besitzen. Davon sind wir weit entfernt.
Noch sind die KGVs weitgehend gerechtfertigt. Die Unternehmen haben wenig Schulden, die Kassen sind proppenvoll. Es sprudeln vielerorts Dividenden mit zwei bis drei Prozent Rendite.
Selbst wenn es zum Crash kommen sollte, Langfristanleger sitzen das besser aus. Denn genaues weiß man nicht.
Fazit: Keine Panik auf der Titanic.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Börsencrash? Keine Panik auf der Titanic

  1. Matthias Schneider

    Ein Crash ist (meiner Einschätzung nach) wirklich nie angekündigt gekommen, sondern bei überbordender Euphorie.
    Langfristig aussitzen ist gut und schön, dazu muss man aber langfristig Zeit haben. Wenn man wie ich langsam auf die 60 zugeht, da gibt es keinen langfristigen Anlagehorizont mehr. In 8 Jahren will ich meine Zusatzeinkünfte aus Dividenden als Aufstockung der Rente entnehmen können. Ich bin darum derzeit dabei, mein Depot auf monatlich ausschüttenden Closed End Funds umzugewichten. Nun ja, man kann immer nur hoffen.
    MS

  2. Tom

    Die kleinen und grossen Rücksetzer an der Börse sind gut um zu testen wie „hartgesotten“ man ist. (Kostolany hat da recht)

    und wie buffet sagt, muss man gierig werden wenn andere ängstlich sind..

    übung macht den meister 😉

  3. Felix

    Den Verlauf der Börse seit der Jahrtausendwende halte ich für eine Anomalie mit wirklich enormen Crashs. Die Ursachen dafür (09/11 und Lehmann-Pleite) waren Jahrhundertereignisse. Die nachfolgenden Bullenmärkte haben eigentlich immer nur das wieder aufgeholt, was in den Crashs den Bach runter ging.
    Es deshalb auch gut sein, dass die Börse zur Normalität zurückkehrt und von temporären Rücksetzern abgesehen weiter steigt. Ein Indikator dafür ist, dass die Aktie als Geldanlage mit der Chance auf eine Rendite unter allen Assetklassen ziemlich alternativlos dasteht. Und es ist viel Geld geparkt, das nach rendierlicher Anlage sucht. Deshalb bleibe ich einfach mal optimistisch. Dass es immer und zu jeder Zeit Crashpropheten gibt, ist nicht Neues.

  4. Markus

    Prognosen abzugeben ist schwierig… besonders dann, wenn sie die Zukunft betreffen. -Mark Twain-

    Was ist denn aus der groß angekündigten Finanzmarktreform der Amerikaner nach der letzten Krise geworden?

    Warum werden einige Verursacher der Krise mit Steuermitteln gestützt um so weitermachen zu können, wie bisher?

    Warum hat die FDP sich nicht mehr um den Mittelstand gekümmert, sondern sich zum Diener von Großkonzernen gemacht? Es ist keine begrüßenswerte liberale Politik zu erkennen, sondern es sind nur noch Auswüchse und Lobbyismus zu sehen.

    Es ist eine Schande, wenn aus Parteikalkül keine „echte“ Politik mehr gemacht wird. Der Spruch „Dem Deutschen Volke“ ist schon lange Makulatur.

    Die Hausse ist größtenteils Liquiditätsgetrieben! Wenn der gewünschte Notausgang Inflation und Repression nicht klappt, wird eine Deflation entgegen der allgemeinem Erwartung wahrscheinlicher. Dann sieht es auch für Aktien relativ ungemütlich aus. Sicher kann die Hausse auch noch weitergehen, bis die letzten auf den Zug aufgesprungen sind…

  5. Michael C. Kissig

    Ein Crash bedeutet doch nichts anderes, als dass viele Leute gleichzeitig aus Aktien raus wollen. Sie verkaufen – in Panik – zu jedem Kurs, Hauptsache raus. Sie wollen ihr Geld in Sicherheit bringen…

    …aber wohin? Wenn man sich die gesamtlage ansieht, drängen sich kaum Alternativen zu Aktien auf. Anleihen sind keine sicheren Häfen (mehr), Tagesgeld/Festgeld/Sparbuchrentieren unterhalb der Inflationsrate (die in Euroland selbst gerade unter 1% gefallen ist), Gold hat in letzter Zeit eher Verluste als Gewinne gebracht und seitdem der Staat in Indien die Nachfrage durch horrende Steuern/Abgaben abgewürgt hat, fehlt der größte Nachfrager am Markt. Also, wohin mit der Kohle, die man aus Aktien abzieht?

    Selbst wenn der Aktienmarkt korrigieren sollte, wird dies nur ein kurzer Intermezzo sein können. Denn mangels Alternativen wird das Geld schnell zurück in die Aktien fließen. Dabei solte man nicht vergessen, dass die Notenbanken noch immer den Markt mit Geld fluten und Aktien zwar nicht mehr billig aber eben auch nicht deutlich überteuert sind im langfristigen Vergleich. Hinzu kommt, dass die Weltkonjunktur noch immer stottert und es in Süd- und Westeuropa nach wie vor eine herftige Rezession gibt – mit anderen Worten: die Umsatz- und Gewinnaussichten vieler Unternehmen, gerade auch der börsennotierten, würden sich bei einem Ansoringen der Konunktur schlagartig verbessern. Und eben auch die Kennzahlen, die sich auch Gewinn, Cashflow und Umsatz beziehen.

    Ich denke, man sollte jetzt nicht mehr „den Markt“ kaufen, sondern nach einzelnen Unternehmen Ausschau halten, die noch attraktive Bewertungen aufweisen und mal einen schwachen Tag haben. Da finden sich auch auf diesem Indexniveau noch interessante Werte. Und wenn man beim DAX mal den „wahren“ Vergleichsmaßstab heranzieht mit Dow, FTSE100, NIKKEI, CAC40 usw., nämlich den DAX-KURS-Index (nicht den allgegenwärtigen DAX-PERFORMANCE-Index, bei dem ausgeschüttete Dividenden einfach wieder als reinvestiert verrechnet werden), dann liegen die deutschen Blue-Chips noch fast 40% unter ihrem einstigen Hoch.

  6. Markus

    Die Auswüchse der letzten Dekaden sind nicht bereinigt worden.

    Finanzmarktregeln, die nach der Weltwirtschaftskrise 29 eingeführt worden sind, sind inzwischen fast alle wieder aufgehoben.
    Haben diese den Aktien geschadet? Nein!

    Der Euro ist ein Pferd, das von hinten aufgezäumt worden ist.
    Amerika stürmt von einer Schuldenobergrenze zur nächsten.
    Japan wäre theoretisch schon längst Zahlungsunfähig.
    China`s Interbankenmarkt zeigt Blasenerscheinungen.

    Hohe Eigenkapitalrenditen bedeuten:
    – entweder hoch überlegenes Produkt
    – Monopol oder Oligopol
    – staatlich subventioniertes Geschäftsmodell
    – gehebelt mit Fremdkapital

    Wir können durchaus von einer Blase zur nächsten stürmen, wenn keine Fehler korrigiert werden und immer so weiter gemacht wird, wie vorher.

    Das „Vorbild“ Merkel hat sehr gut von Kohl gelernt… Wir warten erst mal ab, bis sich eine mediale Mehrheitsmeinung gebildet hat und entscheiden dann.
    Wie sollen dadurch ernsthafte Reformen entstehen?

  7. Frank

    Hallo,
    Kurse wachsen an einer Mauer der Angst empor, diese Angst ist überall zu spüren, daher glaube ich an weiter wachsende Kurse. Was mich trotzdem eine 20% Cashquote halten läßt und warum ich auch Gold besitze ist der sehr aktiven Einmischung der Notenbanken geschuldet.
    Cash brauchts in der Deflation, Gold in der Inflation und Aktien langfristig immer.
    Frank

  8. Sebastian

    Der Crash kommt, wenn es keiner ahnt und nicht wenn alle darauf warten. Sehe momentan allerorten Angst und Unsicherheit statt überbordende Euphorie der Massen, obgleich die Aktienmärkte bei niedrigen Zinsen weiter aufgepumpt werden. Rücksetzgefahr ist also jederzeit gegeben.

    Die Frage ist doch, wo die großen Institutionellen in den nächsten Jahren ihre Rendite herholen?

    Was mich ruhig schlafen läßt: Selbst wenn es scheppert und alle zum Ausgang rennen – Kursstürze incl. -, kommen doch alle immer wieder zurück. Jahrzehnt für Jahrzehnt werden neue Höchstände erreicht.

    Wer hartgesotten ist und die Buchverluste in der Baisse verkraften kann, stockt günstig seinen Bestand an Topunternehmen auf.

    So gesehen ist ein regelmäßiger Einbruch eher wünschenswert als zu fürchten.

  9. Stefan Müller

    Welche Optionen bieten sich denn angesichts eines möglichen Kursrückgangs.

    1. Verkaufen
    Dann stellt sich die Frage des Wiedereinstiegs. Bei 10 % Kursrückgang einsteigen oder bei 20%?

    Was ist, wenn der geplante Wiedereinstiegspunkt z.B. von -20% nicht erreicht wird?
    Dann steigt irgendwann die Börse wieder und wir haben einen Haufen Cash, den wir auch noch hoch versteuern mussten (neben den Börsengebühren).

    Oder die Kurse fallen weiter. Wiedereinstieg bei -20%, aber die Kurse halbieren sich noch weiter. Was dann?

    Ich denke, man sollte eine persönliche Cashquote von 10%-30% halten und erst bei starken Überbewertungen mehr verkaufen.

  10. Sebastian

    Du bringst das Problem von Timingstrategien auf den Punkt.
    Ich gehe dem mit Buy-and-hold aus dem Weg und verkaufe nicht.

  11. Marc

    Was hat den immer die Verschuldung der Staaten mit dem Aktienmarkt zu tun? Was interessiert es eine Firma, die ihre Produkte auf der ganzen Welt vertreibt, ob der Staat X und der Staat Y Schulden in so einer Höhe hat.

    Erklär mir das mal bitte einer?

  12. tim schaefertim schaefer

    @ Marc

    Hohe Staatsschulden bedeutet: Weniger Handlungsspielraum des Staates. Weniger Investitionen in Infrastruktur (Straßen, Brücken, Telekom, Bahn, Wasserleitungen, Flughäfen, Häfen). Weniger Sicherheit (Polizei, Feuerwehr…)

    Hohe Staatsschulden führen möglicherweise zu höheren Abgaben + Steuern. Also es besteht durchaus ein Zusammenhang.

    Ein Beispiel: Die Ertragslage einer Bank (Commerzbank, Dt. Bank) hängt vom Wohlergehen des Staates und seiner Bürger ab.

  13. Markus

    @Marc

    Wenn es nur noch nach dem Gewinnstreben geht, dann wird unsere Welt nicht mehr lebenswert sein.
    Wir brauchen einen starken Staat, der nicht mit Lobbyismus durchtränkt ist. Einen Staat, der sich von der Finanzbranche hin und her treiben lässt, ist sehr traurig. Bismarck würde sich im Grabe umdrehen. Allerdings haben die Staaten nur die eine Seite des Keynesianismus mit den Ausgaben in schlechten Zeiten übernommen aber die Einsparungen in den guten Zeiten vergessen und sich dadurch selbst in das Dilemma gebracht. Die Wiederwahl der Politiker ist wichtiger geworden als eine langfristige Planung zum Wohl der Bevölkerung. Das Verhältnis von Managern zu Facharbeitergehältern ist eine Katastrophe.

    Dass der Allgemeinheit am besten gedient ist, wenn jeder den größtmöglichen monetären Gewinn für sich selbst anstrebt, ist ein perverser Irrglauben.
    Gewinn entsteht am besten aus Verbesserungen, allerdings auch aus Monopolen, Oligopolen, Einsparungen und Ausbeutungen.

  14. Turing

    @Markus
    „Finanzmarktregeln, die nach der Weltwirtschaftskrise 29 eingeführt worden sind, sind inzwischen fast alle wieder aufgehoben.
    Haben diese den Aktien geschadet? Nein!“

    Genutzt haben sie aber auch nichts. Beispielsweise Geschäfts- und Investmentbanken getrennt. Genutzt hat es nichts, denn selbst die formelle Aufhebung dieses unsinnigen Gesetzes hat ja nicht schlagartig dazu geführt, dass Geschäftsbanken windiges Investmentbanking auf dem Rücken der Kleinsparer durchgeführt haben. In Deutschland waren es ausgerechnet die stark regulierten Landesbanken und Sparkassen, die massig Geld verbraten haben und das ohne Not. Die Sparkassen mussten nur deshalb nicht gerettet werden, weil Lieschen Müller Monat für Monat ein paar Euro für das Girokonto abdrückt.

    Und Geschäftsbanken konnte auch nach den alten Gesetzen ziemlich viel Unfug treiben.

    Ich stimme nicht in den Chor ein, dass wir mehr Regulierung bräuchten. Wir brauchen mehr Freiheit und eine echte Aktienkultur. Die Menschen müssen einfach ihren Verstand einschalten.

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