Börsenbeben: Eine wahnsinnige Chance für Value-Jäger


New York, 15. Dezember 2011

bild

Das war wieder ein schlimmer Börsentag. Der DAX verlor am Mittwoch 1,7 Prozent auf 5.675 Punkte. Der Dow Jones Index stagniert bei 11.825 Punkten. Gold und Öl korrigierten kräftig. Der Euro ging in den Sturzflug über. Die europäische Gemeinschaftswährung ist unter die psychologisch wichtige Marke von 1,30 Dollar gefallen.
Jetzt sind alle über den stärkeren Dollar erstaunt. Ich finde das übertrieben. Wenn Sie mich fragen, ist der Euro noch immer bärenstark. Kommen Sie nur mal nach New York und gehen hier shoppen. Kaufen Sie Kleidung, Schuhe, Autos, Elektronik – das ist alles in den USA spottbillig im Vergleich zu Deutschland. Insofern hat der Euro weiteres Abwärtspotential, bis er auf einem fairen Niveau angekommen ist. Ich würde die Überbewertung des Euro nutzen, um wenigstens einen Urlaub in den USA zu verbringen. Oder kaufen Sie mit Ihren Euros solide US-Aktien.
Die Börse bietet derzeit herrliche Kaufgelegenheiten! Sie finden hier massenweise gute Firmen mit Dividendenrenditen von vier, fünf, sechs oder gar sieben Prozent. Das sind phantastische Zeiten. Zudem hat manch ein hochsolides Papier nur ein KGV von zehn oder elf. Sie können dankbar sein für das Börsenbeben: Die Ängste der Menschen, die volatilen Kurse – das ist ein Paradies für Schnäppchenjäger.
Benjamin Graham, der Gründungsvater des Value Investing, predigte nach einer Sicherheitsmarge („Margin of Safety“) Ausschau zu halten. Sprich Firmen unterhalb ihres inneren Wertes zu kaufen und nach dem Einstieg abzuwarten, bis sich die Lücke zum fairen Wert schließt.
Wer sich Sorgen macht, in der jetzigen Krise zuzuschlagen, dem rate ich: Befassen Sie sich intensiv mit der Philosophie des Value Investings. Schauen Sie am besten auf der Website der Columbia University nach. An der renommierten Hochschule in New York hatte Professor Benjamin Graham in den 1920er Jahren den Grundstein für seine Theorie gelegt. Er gab damals das Werk „Security Analysis“ (Erstauflage 1934) gemeinsam mit David Dodd heraus. Das Werk ist die Bibel der Value-Jäger geworden. Bis zum heutigen Tag. Es ist eine Anleitung, wie man den fairen Wert einer Firma per Wertpapieranalyse ermittelt. Sie werden sehen, dass diese aktuelle Unsicherheit wie gerufen kommt für smarte Anleger. Eine Weltwirtschaftskrise, wie wir sie gerade erleben, kommt vielleicht ein oder zwei Mal in einem Jahrhundert vor. Graham brachte ja gerade seine Theorie Ende der 1920er Jahre zu Papier, weil er geprägt war von der damaligen Weltwirtschaftskrise. Es gab damals massenhaft Firmen unterhalb des Buchwerts. So wie heute übrigens auch. Schauen Sie sich nur den FIRE-Sektor an, sprich Finance, Insurance, Real Estate – zu deutsch Finanzdienstleister, Versicherungen und Immobiliengesellschaften. Diese Sektoren hat die Börse zum Großteil weit unterhalb des Buchwerts gedrückt. Die Geschichte wiederholt sich. Es gibt so viele Parallelen zu den 1920er und 1930er Jahren. Unglaublich. Ben Grahams Leitfaden ist also brandaktuell.
Weil Warren Buffett an der Harvard Uni die Aufnahmeprüfung nicht bestanden hatte, schrieb er sich notgedrungen als Student an der Columbia Uni in Manhattan ein. Im Rückblick kann Buffett heilfroh darum sein. Denn hier lernte er die Value-Methode von seinem Professor Graham. Dessen Theorie des smarten Investierens saugte Buffett förmlich in sich auf. Buffett war von seinem Professor derart begeistert, dass er später seinen Sohn nach ihm benannte: Howard Graham Buffett. Sein Sohn ist Landwirt geworden und soll eines Tages den Aufsichtsratsvorsitz seiner Beteiligungsfirma Berkshire Hathaway übernehmen, wenn der 81-jährige aufgrund seines hohen Alters nicht mehr die Geschäfte führen kann.
Auch andere Finanz-Stars wie Mario Gabelli, Glenn Greenberg, Charles Royce, Walter Schloss oder John Shapiro lernten von Graham das Handwerkszeug des Value Investings. Dieses Wissen machte sie alle steinreich.
Im Kern schaut sich der Value Investor die Märkte anders an als die (dumme) Masse. Sie handeln konträr zur Meute. Stürmt die Herde aus dem Markt, gehen die Jäger auf Beutezug. Es ist eine verdammt schwierige Verhaltensweise. Denn: Wer verwettet schon gerne Haus und Hof, wenn pure Panik an der Börse herrscht. Wir sind soziale Wesen und machen am liebsten, was unser Umfeld macht.
Wie gehen nun die Value-Anleger vor? Sie schauen, was für einen wirklichen inneren Wert eine Firma hat. Sie blicken auf den Buchwert, die Ertragskraft, den Wert des Kundenstamms. Sie prognostizieren ein Wachstumspotential, sie schätzen den Wert der Marke ein.
Leute wie Buffett haben die Gabe zu erkennen, wenn Qualitätsfirmen wertvoller sind, als das, was die Börse ihnen gerade zutraut. Buffett mag Marktführer mit einem stabilen Geschäftsmodell. Zu glauben, dass die Graham-Fans nur auf ausgebombte Sanierungsfälle setzen, ist ein Trugschluss. In Buffetts Portfolio befinden sich überwiegend hochprofitable Weltmarktführer, die in guten wie schlechten Zeiten schöne Dividenden ausschütten. Dividenden spielen eine wichtige Rolle.
Die Profis stellen sich die Frage: Wie viel Geld schüttet mein Objekt der Begierde heute aus? Wo liegt das Potential für die Dividende in ein paar Jahren? Das ist eine der wichtigsten Fragen, die sich Buffett vor Investmententscheidungen überhaupt stellt. Es geht um den Zinseszinseffekt. Mehr als 40 Prozent der Gesamtrendite an der Börse entfällt nämlich auf die Dividenden. Insofern sollten Sie dies nie bei Ihren eigenen Aktienkäufen vergessen. Wilde Wachstumsraten von irgendwelchen Internet-Firmen sind nicht alles!
Wer sich intensiver mit dem Value Investing beschäftigen möchte, dem rate ich zu diesem Werk des Value-Professors Max Otte und des geschätzten Journalisten-Kollegen Jens Castner: Erfolgreiches Value-Investieren. Geniale Investmentstrategien in Zeiten globaler Veränderungen.
Auf dem Parkett der New Yorker Stock Exchange habe ich bei einem Händler einen kleinen Zettel entdeckt. Darauf hat jemand einen Dow-Jones-Stand von 6.470 prognostiziert. Sehen Sie mein Foto oben! Wenn das zutrifft, würde das einem Einbruch um weitere 45 Prozent entsprechen. Mit anderen Worten könnten sich, im schlimmsten Fall nach Meinung dieses Händlers, die Kurse halbieren. Das wäre ein Desaster. Was solls? Man muss an der Börse mit allem rechnen. Wer nicht ausreichend Zeit mitbringt zum Investieren, der sollte es besser ganz lassen und sich ein Sparbuch zulegen.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Mut und Durchhaltevermögen!


tim schaefer (Author)

drucken


Gedanken zu „Börsenbeben: Eine wahnsinnige Chance für Value-Jäger

  1. Stefan

    Von mir aus kann es gerne wirklich weitere 45% runter gehen. Ich befürchte nur, ich wäre schon wesentlich eher voll investiert (was ich jetzt schon nahezu bin).

    Aber was solls, kurz und mittelfristige Kursbewegungen kann man eben schwer vorhersagen. Aber wer prognostizierbare, stabile Unternehmen zu fundamental günstigen Preisen kauft, der profitiert langfristig davon. Und solche Gelegenheiten gibt es derzeit einige.

    Zu den Wechselkursen Euro/Dollar: ich schaue mir dazu gerne die Kaufpreisparitäten (purchasing power parity, ppp) an. Bei der OECD gibt es dazu ein paar Statistiken, z.B. hier: Tabelle PPP. Demnach liegt der faire Wert des Euro nach Kaufpreisparität tatsächlich eher unter dem aktuellen Wechselkurs.

    Natürlich ist die Frage, wie realistisch diese Daten sind und es ist auch keinesfalls gesagt, dass der Euro nun unbedingt weiter fallen muss. Trotzdem recht interessant.

  2. henner

    Lieber Tim,

    ich teile Ihre Grundüberzeugung, dass es objektiv Quatsch ist, prozyklisch zu verkaufen wenn es alle tun und man gerade (Buch)Verluste eingefahren hat. Ebenso teile ich Ihre Auffassung, dass man vielmehr gerade dann kaufen sollte.

    Skeptisch bin ich allerdings, ob das von Ihnen genannte Verhalten mit Angst oder Dummheit richtig beschrieben ist, wie sie oben annehmen. Sicher, das mag für einzelne Privatanleger gelten.

    Aber: Direkt in Aktien investierte Privatanleger machen, soweit ich weiß, nur einen minimalen Bestandteil der an der Börse investierten Akteure aus, oder? Ich lese zumindest überall, dass die überwältigende Masse der Investoren institutionelle sind. Und hier kommen bekanntlich viele Faktoren zum Tragen, die ein prozyklisches Hin und Her begünstigen. Zum einen gibt es kontraproduktive Anreize. Max Otte und Jens Castner etwa haben in dem von Ihnen oben genannten Buch auf die Phänomene des Window-Dressing und des „wenigstens nicht schlechter als der Index sein, dann gibt’s zumindest keinen Ärger“ (kein Zitat, sondern meine Kurzzusammenfassung) hingewiesen (S. 82). Daneben hört man von institutionellen Investoren, die selbst überzeugt sind, dass sie auch Schwankungen aussitzen sollten – dies aber nicht tun, weil ihre Kunden quartalsweise Rechenschaft verlangen und mehrmonatige Verlustphasen ohne Umbau des Portfolios nicht tolerieren. Ein anderes Beispiel sind Berichte über die internen Regeln eines Riester-Fondssparplans, die nach größeren Kursverlusten zu Verlustbegrenzung durch Umschichten in Anleihen zwingen – siehe
    http://www.boerse-online.de/versicherung/nachrichten/meldung/:Riester-Fonds–Marktfuehrer-muss-erneut-umschichten/629770.html

    Das sind nur einige Beispiele, und ich kenne mich mit den für Fonds geltenden Regeln nicht im Einzelnen aus. Ich frage mich aber: Kann es nicht sein, dass viele derer, die da Kaufen und Verkaufen, es eigentlich besser wissen und auch keine Angst haben, aber als Angestellte von Fondsgesellschaften den faktischen Zwängen ihrer Branche oder den verbindlichen Vorgaben ihrer Fondsgesellschaft folgen? Was meinen Sie?

    Viele Grüße
    Henner

  3. tim schaefertim schaefer

    Hi henner, das ist eine gute Frage.

    Ich glaube, in Extrem-Phasen übernehmen die Privatanleger die Oberhand. Sie lieben es einfach, in Panikphasen zu verkaufen. Wenn die Börse dagegen von einem Rekord zum nächsten stürmt, gibt es so viele Depot-Eröffnungen und Erstzeichner wie nie zuvor.

    Insofern sind die Privatanleger Verstärker in wilden Zeiten. Hinter all dem Geld der Institutionellen stecken ja im Endeffekt Millionen von Privatanlegern. Denken Sie nur all die Fondsfirmen. Die machen ja nur, was die Leute wollen, wie Sie zurecht dargestellt haben. Zum Quartalsende kaufen die Fondsmanager noch schnell irgendwelche Highflyer ins Depot, damit deren Kunden entzückt sind.

    Selbst die Hedgefonds werden in den USA zu einem beträchtlichen Anteil von (staatlichen) Pensionskassen gefüttert. Milliardensummen fließen damit von Lehrern, Uni-Mitarbeitern und so weiter in die Hedgefonds.

    Und all diese Profi-Anleger sind ja auch nur Menschen, die sich von Stimmungen beeinflussen lassen. Fließen Gelder aus ihren Fonds ab, sind sie zudem gezwungen, Positionen zu verkaufen. Daher flog ja auch der Madoff-Betrug inmitten der Finanzkrise auf, weil die Leute schnell raus wollten, um zu retten, was zu retten ist.

    Ich sprach von der „dummen Masse“. Das machen übrigens auch Wissenschaftler. Hier ist eine Studie, die über das smarte und dumme Geld der Anleger fabuliert.

  4. Timo

    die Frage ist aber immer „wer ist die dumme Masse“? Weil auch viele Anleger bezeichnen sich doch als diejenigen die herausstechen und keiner will schließlich „dumm“ sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

bitte lösen Sie diese einfache Aufgabe (Spamschutz) *