Bear Stearns Tagebuch


New York, 28. März 2008

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Ich möchte noch mal die Fast-Pleite des fünfgrößten US-Investmenthauses zusammenfassen.
Wenn die FED hier nicht eingeschritten wäre, dann wäre womöglich das gesamte Bankenwesen zusammengebrochen. Denn es hätte eine Panik ausgelöst werden können. Wenn die Verbraucher ihr Geld von ihren Banken angezogen hätten, dann wären sehr schnell die nächsten Pleiten gefolgt. Derzeit kursieren neue böse Gerüchte um Lehman Brothers. Freilich widerspricht die Bank. Es gebe kein Grund für Sorgen um den Fortbestand.
Rückblende auf Bear Stearns: Erst kursierten Gerüchte um eine bevorstehende Pleite. Dann kam der Kurs ins Rutschen. In der Folge nahm die Nervosität von Tag zu Tag zu. Schließlich zogen zahllose Kunden ihr Geld ab – aus Angst vor Komplikationen im Falle einer Insolvenz. Hunderte von Hedgefonds und Investoren managen ihre Portfolios über die fünftgrößte amerikanische Investmentbank. Auch um Schwierigkeiten für diese Finanzhäuser zu vermeiden, schritt die FED ein, als der Riese in einen Liquiditätsengpass geriet, und sagte Finanzhilfen zu. Zudem eilte J.P. Morgan Chase herbei und sicherte dem wankenden Konkurrenten ebenfalls seine volle Unterstützung zu. Ein Schneeballeffekt wurde vermutlich so verhindert.
Am Wochenende saßen dann Bear-Stearns-Lenker Alan D. Schwartz, FED-Vertreter und Bear-Stearns-Chef James Dimon zusammen und fädelten den Übernahmedeal unter Hochdruck ein. Die FED sicherte zu, 30 Milliarden Dollar der Risiken in den Bear-Stearns-Büchern zu übernehmen. Die Manager beschlossen, dass James Dimon die marode Bank für nur zwei Dollar je Aktie beziehungsweise 236 Millionen übernehmen darf. Noch am letzen Handelstag vor dem Deal, am Freitag, 14. März, betrug der Börsenwert 3,5 Milliarden Dollar. Vor knapp einem Jahr summierte sich die Marktwert noch auf 20 Milliarden. Durch die Medien geisterte dann, wie Dimon wohl zu den zwei Dollar je Aktie kam. Der Investmentbanker sei ein harter Dealmaker, fabulierten Wall-Street-Experten.
TV-Börsenkommentator James Cramer bezeichnet Dimon seit der Hauruckübernahme als Zauberlehrling Harry Potter.
Schließlich gelangte die Frage ins Blickfeld, wie viel wohl der Wolkenkratzer am New Yorker Stammsitz in der 383 Madison Avenue, Ecke 47. Straße, wert ist. Von mindestens einer Milliarde Dollar war die Rede. Erstaunlich, wenn der Kernvermögenswert einer führenden Bank, die vor 85 Jahren gegründet worden ist, deren Gebäude sein soll.
Schon am vergangenen Wochenende fuhren viele Beschäftigte mit ihren Autos vor den Stammsitz ihres Brötchengebers. Sie holten ihre Habseligkeiten ab, in Plastiktüten und Boxen verpackt, weil sie jederzeit mit der Kündigung rechnen. Das geht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten blitzschnell über die Bühne. Gut die Hälfte der 14.000 Mitarbeiter muss laut Zeitungsberichten mit der Kündigung rechnen. Dabei halten die Beschäftigten 30 Prozent des Grundkapitals. Sie sind besonders darüber verärgert, dass die Übernahme am Wochenende abgewickelt wurde. Sie kritisieren, dass es weder die Möglichkeit eines fairen Verkaufsprozesses gab, noch die Chance, die Aktie zu handeln.
Dimon hat mittlerweile den Deal nachverhandelt und sein Gebot auf zehn Dollar, also um den Faktor fünf, erhöht.
Warum kam J.P. Morgan Chase zum Zuge? Unter den großen Wall-Street-Häusern hat Dimon eine der robustesten Bilanzen mit einer Eigenkapitalabdeckung von 8,4 Prozent, in der Fachsprache Tier 1 genannt. Die New Yorker wurden weniger stark von der subprime-Krise heimgesucht. Zudem bevorzugte die FED einen heimischen vor einem ausländischen Konkurrenten.


tim schaefer (Author)

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