9. Warum wir schlechte Anleger sind: Angst + Aktivität schaden


New York, 1. Mai 2013

Der Mensch hat ständig Angst. Wir haben Angst davor, unser hart verdientes Geld an der Börse wieder zu verlieren. Verständlich ist das. Daher schauen die meisten wie gebannt auf die Kurstafel und meinen daraus Schlüsse fürs Depot ziehen zu können. Alle Nachrichten über die VW-Aktie zu lesen, bedeutet längst nicht, die besten Trades mit all den Infos zu machen. Aktivität schadet uns grundsätzlich im Depot, trotzdem agieren viele hektisch.
Überwinden Sie Ihre Ängste. Denken Sie positiv über Ihre Investments. Haben Sie einen soliden Titel herausgesucht, zweifeln Sie nicht ständig an der Auswahl. Natürlich kann die Aktie unter Ihren Einstandskurs rauschen. Das ist aufgrund der üblichen Volatilität geradezu wahrscheinlich. Warten Sie ab. Lehnen Sie sich zurück. Wenn Sie eine Qualitätsaktie gekauft haben, wird die schon ins Plus drehen.
Akzeptieren Sie, Kursentwicklungen lassen sich nicht exakt vorhersehen – egal wie viel Sie lesen, planen, beobachten, berechnen. Wie jedes Lebewesen wandelt sich das Depot stetig. Aktienkurse klettern nicht wie eine gerade Linie nur nach oben. Manchmal sprudelt das Geld im Depot, manchmal scheint es pausenlos abzufliessen.
Sie brauchen nicht, jede Quartalszahl unter die Lupe zu nehmen. Am besten schalten Sie ab. Was soll passieren, wenn Sie ein Unternehmen haben, das vor 100 Jahren gegründet worden ist und seit 50 Jahren solide Dividenden auszahlt? Schreiben Sie all Ihre Ängste über Ihr Aktiendepot auf ein Blatt Papier. Sie werden sehen, die Ängste sind nicht berechtigt.
Der Dow-Jones-Index startete Anfang des vorigen Jahrhunderts bei 66 Pünktchen. Heute steht das Ding bei fast 15.000. All die Sorgen sind folglich unbegründet. Zwei Weltkriege, zwei Depressionen sowie Seuchen und endlos viele Rezessionen waren dazwischen. Nichts hält die Wall Street auf. Das Plus seither: Explosive 22.000 Prozent. Was wollen wir mehr? Es gibt kaum eine bessere Geldanlage. Der DAX hat auch eine solide Performance seit seiner Gründung hingelegt.
Manch ein Bekannter sagt: „Geld ist mir egal, es ist nicht wichtig“. Das ist natürlich Quatsch. Geld berührt uns jeden Tag. Es beeinflusst, wo wir Essen gehen, was wir anziehen, welches Auto wir fahren, wo wir leben… Es beeinflusst unsere Beziehungen, Familie, Freunde.
Geld und die Kapitalanlage sollten Sie verstehen lernen. Legen Sie niemals Ihre Kohle in irgendwelche Produkte/Aktien an, die Sie nicht verstehen. Sie sollten 100 Prozent verstehen, jedes Detail. Je komplexer Finanzprodukte sind, desto vorsichtiger werde ich. Natürlich haben unsere Banken exzellente Produkte im Angebot, aber jeder muss das für sich Passende finden. Haben Sie auf Seite 52 im Prospekt das Kleingedruckte durchgelesen und alles verstanden? Ich hoffe mal. Faire Produkte sind gefragt. Klare, verständliche Produkte. Je simpler, desto besser sind sie in der Regel. Indexfonds halte ich zum Beispiel für empfehlenswert, vorausgesetzt sie sind sehr günstig strukturiert. Oder wählen Sie die direkte Aktienanlage.
Gelassenheit mit all Ihren Anlagen können Sie nur entwickeln, wenn Sie wissen, was Sie tun. Daher sollten Sie sich informieren, lesen, weiterbilden. Nur bedeutet das Lesen nicht, dass Ihre Aktivität deshalb erhöht werden muss. Im Gegenteil.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „9. Warum wir schlechte Anleger sind: Angst + Aktivität schaden

  1. finanziell umdenken

    Hi Tim,

    gute Artikelserie!
    Aktien sind kurzfristig eine schwankungsfreudige Geldanlage. Das fällt vielen Einsteigern schwer zu verinnerlichen. Zudem lassen sie sich zu sehr von den täglichen Börsenachrichten beeinflussen, die letztendlich lediglich ein „Rauschen“ sind.

    Denn langfristig wird man mit einigen Aktien von global agierenden Unternehmen oder einem weltweit anlegenden Aktien-ETF ein durchaus üppigen Gewinn erzielen. Ideal übrigens auch für den jungen Nachwuchs. Jeden Monat 100 Euro (oder 1000 Euro pro Jahr) investiert, bringt bereits jungen Erwachsenen eine solide finanzielle Grundlage.

    VG
    Lars

  2. StefanStefan

    Man muss aber fairerweise dazusagen, dass im Dow Jones noch genau ein Unternehmen dabei ist, das auch zur Gründung schon dabei war: General Electric.

    Es ist ein bisschen Augenwischerei immer nur auf die jahrzehntelangen Anstiege von Indizes zu verweisen. Wenn man die Looser erwischt hat bringt einem das nicht viel. Die werden einfach aus dem Index entfernt.

    Aber du schreibst ja:am besten den Index kaufen…

    Gruss

  3. tim schaefertim schaefer

    @ Stefan

    Deine Einstellung ist zu pessimistisch. Die meisten Firmen, die aus dem Dow Jones fliegen, sind nicht Konkurs gegangen. Sie sind statt dessen fusioniert, zerlegt, übernommen worden. D.d. die Aktien gehen woanders auf.

    Wenn ein Konzern aus dem Dow oder DAX fliegt, heisst das nicht, dass es sich automatisch um ein schlechtes Unternehmen handeln muss. Es heisst lediglich, es gibt ein größeres, liquides Unternehmen, das eine höhere Börsenbewertung zu der Zeit der Entscheidung des Komitees genießt.

    Forbes hat einen guten Artikel verfasst, was aus den Dow-Teilnehmern der ersten Stunde (vor einem Jahrhundert) inzwischen wurde: Forbes Rückblick Dow Jones.

    Klar gibt es negative Beispiele wie Kodak (Pleite). Der Fotoentwickler war Mitglied im Dow Jones und S&P 500.

    Es gilt für Kodak: Das Geld ist nicht komplett verloren. Trotz der Pleite haben Langfrist-Aktionäre in den guten Jahrzehnten einen Sack voll Dividenden kassiert. Auf dem Chart ist das gut anhand der „Ds“ zu sehen .

  4. Markus

    Ein sehr weit verbreiteter Irrtum ist immer sich nur auf den Dow oder den DAX zu beziehen!!!!

    Hey, es gibt Nordamerika, Europa und Asien – Indices mit 1900 Aktien und mehr in jedem davon. Mid & Small-Caps haben zum Teil 2 – 5 % mehr Rendite pro Jahr gebracht… Auch umgeht man so den Effekt, dass Marktteilnehmer Auf und Abstiege in die 30 größten Werte vorher ausnützen.

    Marktbreite Indices sind wesentlich besser!

    Eine Gewichtung nach BIP-Daten war in der Vergangenheit auch wesentlich besser als nach Marktkapitalisierung.

  5. tim schaefertim schaefer

    @ Markus
    Jeder Anleger soll das für sich Richtige finden. Ob Fonds, Indexprodukt, Aktie oder was auch immer. Egal in welchem Land.

    Ich bin der Meinung: Im Dow Jones 30 und S&P 500 sind die meisten Weltmarktführer versammelt. Das ist eine extrem breite Abdeckung rund um den Globus. Ich finde im Dow Jones einzelne Konzerne, die sind in 160 Ländern präsent, sie stemmen in den Schwellenländern schon knapp 30% ihres Gesamtumsatzes. Wenn das nicht global ist, was ist dann global?

  6. StefanStefan

    @ Tim:

    wie du immer die passenden Artikel hervorzauberst! Nicht schlecht. Danke dafür. Wusste gar nicht, dass GE schon zwei Mal aus dem DOW entfernt wurde…

  7. Markus

    @Tim

    Sicher, jeder muss seine für Ihn passende Strategie finden. Die kann für jeden anders aussehen!

    Bin nur etwas genervt wenn man einzelne Indexe kritisiert und sich nicht groß damit beschäftigt hat bzw. behauptet, dass sich jeder die besten Werte einfach rauspicken kann, ohne erst mal den Kopf eingeschaltet zu haben.

    Der Size und Value Effetkt war langfristig in der Vergangenheit schon sehr beachtenswert. Ob er wegarbtitriert wird, kann man nicht sagen.

  8. tim schaefertim schaefer

    @ Stefan
    Danke für das Lob.

    Wenn Du Dir den Kodak-Chart anschaust, als der Filmentwickler richtig fett Kohle verdient hat und Dividenden üppig auskehrte, da machten die Aktionäre einen Reibach. Wer lange genug Kodak-Aktionär war, hat dank der Dividenden kein Geld verloren. Trotz Pleite.

  9. Turing

    @Tim

    Zum Thema Kodak: Sehr richtig, Kodak war für viele Aktionäre ein sehr lohnendes Investment. Die Fokussierung auf den Kurs aber verleitet zu einem eher unrealistischen Urteil. Das ist in etwas so, wenn ein Bäcker jahrzehntelang erfolgreich Brötchen gebacken und verkauft hat und eine Familie von diesem Geschäft ernähren konnte, dann kann man doch im Nachhinein nicht behaupten, dass das Geschäft schlecht war, nur weil es wegen der Billigbrötchenkonkurrenz pleite ging.

    Wer investiert, muss sich fragen, ob das Geschäftsmodell des Unternehmens zukunftsfähig ist. Dass man mit Fotofilmen bald kein Geld mehr verdienen kann, war doch schon ab Mitte der 90er klar. Und dann ging es ab dem Jahr 2000 auch ziemlich rasant mit den Digitalkameras. Spätestens als Schumi im Werbefilm mit einem Fotohandy herumdaddelte, hätte der Groschen fallen müssen.

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