„Deutsche haben ein schiefes Bild vom Rendite-Risiko-Profil”

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Ich kenne Dr. Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut (DAI) schon seit über zehn Jahren. Ich habe etliche Veranstaltungen des DAI in Frankfurt besucht. Wenn ich mir Vorträge der renommierten Lobbyorganisation anhörte, leuchtete mir unglaublich schnell ein, warum die Aktienanlage hilfreich für eine Gesellschaft ist.
Leider wird die Aktie als Anlageform in Deutschland stiefmütterlich behandelt. Nach den jüngsten Erhebungen des DAI ist die Zahl der Aktionäre in Deutschland weiter gesunken.
Hierzulande besitzen nur 13,7 Prozent der Bevölkerung direkt oder indirekt Aktien.
In den USA ist das Interesse an der Aktie als Anlageform ebenfalls zurückgegangen – bedingt durch die Finanzkrise, Bankskandale und den Crash. Trotzdem halten über 50 Prozent der US-Privathaushalte Aktien. Einer der Gründe: Washington fördert mit massiven Steuervorteilen das Sparen für die Rente über spezielle Wertpapierdepots. Arbeitgeber helfen ihren Mitarbeitern mit großzügigen Zuschüssen beim Aktiensparen. Wer sich zum Beispiel entscheidet, jedes Jahr 4.000 Dollar vom Gehalt direkt auf das Aktiendepot für die Rente einzuzahlen, erhält in vielen Fällen vom Chef die gleiche Summe als „Geschenk“ obendrauf.
Berlin hat solche steuerlich geförderten Aktiensparformen nicht geschaffen. Das Desinteresse der Deutschen an der Börse macht im Endeffekt keinen Sinn. Für Festgelder, Anleihen und Kapitallebensversicherungen gibt es nur mickrige Renditen. Aktien werfen im langjährigen Schnitt rund zehn Prozent Rendite per annum ab.
Als Anleger muss man natürlich umsichtig an der Börse agieren. Wer gewisse Spielregeln einhält, kann durchaus diese zehn Prozent Rendite erzielen.
Ich fragte Dr. Leven, warum die Deutschen die Aktie als Anlageform nicht schätzen. Er beantwortete meine drei Fragen per E-Mail für meinen Blog.

1. Warum sind die Deutschen Aktienmuffel? Liegt es an der Mentalität?
Dr. Franz-Josef Leven: In Deutschland gibt es mehrere Gründe, die das mangelnde Interesse der Deutschen an Aktien erklären. So führt die bislang sehr gute gesetzliche Altersvorsorge dazu, dass viele sich nicht um eine kapitalgedeckte Ergänzung kümmern müssen. In den USA ist das zum Beispiel ganz anders. Auch haben viele Deutsche ein schiefes Bild vom Rendite-Risiko-Profil der Aktie beziehungsweise eines breit gestreuten Aktiendepots, das heißt sie überschätzen das Risiko und kennen nicht die einfachen Instrumente, mit denen das Risiko weitgehend beherrscht werden kann. Die steuerliche Benachteiligung der Aktie darf auch nicht übersehen werden.

2. Wie können unsere Politiker der Aktienkultur helfen? Was sollte in Berlin besser gemacht werden?
Leven: Seitens der Politik wünsche ich mir zunächst eine positivere Einstellung gegenüber dem Kapitalmarkt und der Aktie. Der Kapitalmarkt ist – bei richtigen Rahmenbedingungen – die Lösung und nicht die Ursache von Problemen. Auf Basis dieser Einstellung brauchen wir eine steuerliche Gleichbehandlung der Aktie, eine bessere ökonomische Bildung (was weitgehend Ländersache ist) und den allmählichen Aufbau einer kapitalgedeckten Komponente der Altersvorsorge.

3. Was können wir Deutschen von den Amerikanern in Sachen Aktie lernen?
Leven: Die US-Amerikaner nutzen Aktie und Kapitalmarkt viel intensiver als die Deutschen. Das liegt zum Teil an dem Altersvorsorgesystem, zum Teil aber auch an einer anderen Einstellung gegenüber Risiken. Diese Einstellung kann man aber nicht erzwingen, sondern sie bedarf eines langfristigen Wandels und Vertrauensaufbaus.

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Da das Thema Investing in Aktien in USA seit Jahrzehnten für die Rente erprobt ist und funktioniert, bin ich dabei dies seit ca. 2 Jahren auch so mit meinem Dividenden Depot umzusetzen. Bisher kann ich nicht klagen. Die Dividenden Cash Maschine läuft und wird von Monat zu Monat größer.

9 Jahre zuvor

Das merkwürdige ist, dass sich viele im 2. Halbjahr, bei steigenden Kursen und unweit des Allzeithöchststandes, vom Aktienmarkt verabschiedeten. Das überrascht mich schon ein wenig. Normalerweise ist das Gegenteil der Fall. Nahe der Tiefpunkte und auf dem Weg dorthin wird verkauft und vice versa, nahe der Hochpunkte und auf dem Weg dorthin wird gekauft.

Mittelfristig, auf Sicht von 12-18 Monaten spricht das für weiter steigende Kurse und damit einem neuen Rekordstand bei Dax& Co.

Thomas
9 Jahre zuvor

Also beim Dax ist es noch sehr weit zum nächsten Hochstand. Der Dax wird ja immer als Performance Index angegeben aber die anderen Indizes wie Dow Jones/S&P500 als Kursindex. Diese sind schon längst auf einem ATH im PerformanceIndex.

Günter
9 Jahre zuvor

Hi Tim!

Sehr guter Artikel, das scheint wirklich das Hauptproblem zu sein, dass das Risiko überschätzt und die Chancen unterschätzt werden.

Wenn ich mir die langfristige Kursentwicklung einiger Börsenlieblinge hierzulande anschaue, z. B.
von Daimler seit 1991 oder von der Deutschen Telekom seit 1996 oder von der Cmmerzbank seit 1996, zeigt mir auch deutlich, weshalb dieser Eindruck so verbreitet ist.

Ein weiterer Grund dürfte der Irrsinn des Hochfrequenzhandels sein.

Um auch nur annähernd eine Vorstellung zu bekommen, in welchen “Zeiträumen” da im grossen Stil Milliardensummen hin und her geschoben werden, eine schöne Eklärung von Harald Lesch:
Geschwindigkeitswahn

Mit Investieren hat das nichts mehr zu tun und die Berichterstattung dazu führt eher zu “Erkenntnissen” wie: “Da kann ich nicht mithalten!”.

Das braucht auch niemand wirklich. Dies zu vermitteln ist gar nicht so einfach.

Viele Grüsse

Günter

Martin
9 Jahre zuvor

@Günter: Das kann es nur teilweise erklären. Bei den Aktien handelt es sich um relativ stark ausschüttende Unternehmen.

Bei der Telekom gab es z.B. auch mal Bonusaktien, wenn nach Börsengang eine gewisse Zeit lang gehalten wurde (10:1 imho). Ich bin mit der Telekom im Plus, wenn man die in andere Werte reinvestierte Dividende mitzählt. Ansonsten muss man natürlich die Dividenden der Vergangenheit aufzinsen. Immer wieder lustig zu lesen wie manche Leute sich höhere Verluste durch aufaddieren herbeifantasieren.

Daimler hatte damals zu größenwahnsinnige Manager mit Hang zum Empire Building und wenig Fokus. BMW hat sich besser entwickelt.

@Tim: leider wahr

Günter
9 Jahre zuvor

@Martin

Ja klar, das ist natürlich nur einer der vielen kleinen Steine in einem grossen Mosaik 😉

Wie hoch ist denn die Performance inclusive Dividenden bei der Deutschen Telekom? Wirklich zufriedenstellend wird diese (ex Inflation) wohl nicht sein, zumal die auch aus der Substanz Dividende gezahlt haben. Meines Erachtens ist das ein “böses Foul”.

Genau, vor allem die Chrysler-Übernahme hat viele, viele Schulden bei Daimler hinterlassen.
BMW hat mit der Übernahme von Rover auch nicht gerade ein gutes Geschäft gemacht. Immerhin scheinen sie nicht nur die Autos, sondern auch die Fehler besser zu machen 😉

Martin
9 Jahre zuvor

paar Annahmen:
Beim zweiten Börsengang 28. Juni 1999 gab es als Privatanleger 2€ Rabatt auf 39,50€, also Kauf zu 37,50€. Zusätzlich gab es noch im Mai 2000 eine Dividende von 0,62 je Aktie:
http://www.telekom.com/investor_relations/aktie/dividende/25140
Das macht dann 36,88 als Preis.
Am 31.08.2000 gab es je 10 Aktien eine Bonusaktie. Das reduziert den Kaufpreis auf 36,88/1,1=33,53. Der adjustierte Preis bei Yahoo Finance zum 31.08.2000 ist 39,35-43,79 Schlusskurs =-4,44 zur Anpassung.
http://de.finance.yahoo.com/q/hp?s=DTE.F&a=05&b=3&c=1999&d=02&e=2&f=2013&g=d&z=66&y=3168

Macht als Milchmädchenpreis = 33,53-4,44 = 29,09€ aktuell: 8,12.

Was aber wenn die Bonusaktien zu 44 Verkauft wurden? (36,88*10-44)/10=32,48-4,44=28,04€

Da müsste ich dann auf den Verkauf der Bonusaktien und die Dividende eine ganz nette Rendite erwirtschaftet haben, um break even zu erreichen. Das ist immer schwer zuzuordnen. Oder zwischendurch mal z.B. bei 100 etwas verkauft haben? Auf jeden Fall war die Telekom für Buy&Hold ungeeignet. Habe da viel gelernt 🙂

Günter
9 Jahre zuvor

Fehler machen ist eine prima Sache, vermutlich habe ich selbst kaum einen ausgelassen – das gehört zum lernen mit dazu 🙂

Buy & Hold wird sich auch in absehbarer Zeit bei der Deutschen Telekom vermutlich nicht lohnen. Wenn ich mal nachsehe, wie sich das Eigenkapital von 2005 bis 2011 entwickelt hat, dann stelle ich fest, dass in 6 Jahren rund ein fünftel des Eigenkapitals vernichtet wurde(!). Alleine hier sieht man: Es gibt keinen Grund zum Jubeln und das macht sich auch im langfristigen Kursverlauf bemerkbar.

9 Jahre zuvor

@Martin
@Günter

Anleger neigen dazu, die schlechtesten Aktien als Beispiel dafür anzuführen, dass an der Börse die Risiken enorm sind.

Dabei sollte ein Portfolio aus mehreren Aktien bestehen. Und schon ist das Problem insgesamt behoben. Denn die schlechten Performer (wie Dt. Telekom) sind auch Teil des DAX. Würde man den Dow Jones oder DAX um die grottenschlechten Aktien bereinigen, wäre der langfristige Schnitt statt bei 10% vermutlich bei 15 oder 20 %. Und schwupps sind wir bei der Rendite von Warren Buffett. Er hat die Gabe, die guten von den schlechten Aktien zu unterscheiden. Buffetts Timing ist ferner exzellent.

Günter
9 Jahre zuvor

@Tim

Genau so sehe ich das auch, siehe auch mein erster Kommentar hier 😉

Manche schleppen solche “Leichen” vermutlich zu lange mit und verderben sich so die Performance. Das ist übrigens auch ein Fehler, den ich selbst schon begangen habe…

Ein schönes Wochenende!

Günter

Markus
9 Jahre zuvor

Die Beispielsauswahl von Aktien, Renditen und Zeiträumen ist oft sehr willkürlich und da kann man hineininterpretieren, was man gerade lesen will.

Dem negativen Risikobewusstsein steht seltsamerweise ein Gesamtmarkt gegenüber, egal ob DAX oder Dow, der langfristig ganz ordentlich gestiegen ist. Auch für alle, die das wieder wegdebattieren wollen, empfiehlt sich ein Blick auf Renditedreiecke vom DAI. 25 Jahreszeiträume sind da empfehlenswert. 😉 Vielleicht klappt es beim optischen verstehen besser…

Auch die zwei langfristigen Zeiträume mit 20 Jahren +/- 0 Rendite standen sehr hohe Bewertungen entgegen. Zudem ist es irrsinnig bzw. sehr unwahrscheinlich z. B. eine große Einmalanlage oder seine gesamte Vermögensplanung genau zu diesen ungückseligen Zeitpunkten getroffen zu haben. Eine Reinvestition der Dividenden hat das ganze schon wieder freundlicher aussehen lassen. Oder auch eine zeitliche Streuung.

Asset Allocation hätte auch einen starken Drawdown abgeschwächt.

Und ja es gibt selbst für Kleinanleger bzw. junge Leute gute Anlagen, die eine ordentliche Streuung bei kleinen Anlagesummen ermöglichen.

@Tim
1934 – 1 Million… 😉 Ich erinnere mich mal irgendwas über den damaligen Durschnittsverdienst gelesen zu haben… Von der Kaufkraft damals diese Summe… Ich weiß, es ging nur um die Veranschaulichung des Potentials.

@M-P
Die Meinungen der Menschen sind sehr verschieden. Auch ich vertrete heute selbst andere Ansichten, wie noch vor 5 Jahren. Auch prägen die Erfahrungen enorm. Eine Junge, der in einem Akademikerhaushalt aufwächst, Studium finanziert kriegt und dann Karriere macht wird zwangsläufig ganz andere Ansichten wie ein normaler Angesteller haben, der z. B. schon mal 6 Monate oder länger unverschuldete Arbeitslosigkeit erlebt hat. Seltsam das man von EU und Regierung begeistert ist, aber nicht von den Staatsbediensteten…;-)

Günter
9 Jahre zuvor

@Markus

Exakt. Dem kann ich nur noch folgendes hinzufügen: Seltsamerweise haben viele noch gar nicht mal wahrgenommen, dass seit 2009 eine fulminante Rallye am Aktienmarkt stattfindet. Warum nur geistert mir hierzu das Bild mit den drei Affen im Kopf herum? 😉

Turing
9 Jahre zuvor

Versicherungen wie KLV und Riester sind doch sehr sicher: Man wird großer Sicherheit Verluste machen, das Gewinnrisiko tendiert gegen 0.

Thomas
9 Jahre zuvor

@Günter

Diese tolle Rally hat aber nicht in allen Aktienindizes stattgefunden.
Da gibts mehr als 2 Hände voll, die auf 2009 Niveau oder darunter stehen.

9 Jahre zuvor

@Thomas

Ist das auch währungsbereinigt noch so? – Letztlich zeigen die davon eilenden amerikanischen Indizes nur, dass die Amerikaner bei der Bewältigung ihrer Krise deutlich weiter sind im Vergleich zu uns Europäern.

@Markus

Naja, was heißt schon begeistert? Ich habe lediglich aufzeigen wollen, dass das Euro-Krisenmanagement mEn Stand heute in die richtige Richtung führt.

Zu den Staatsbediensteten: Meine Aussagen sollten aufzeigen, dass das GRV-System in der Schweiz besser funktioniert im Vergleich zu Deutschland. Gleichwohl gibt es auch dort, meine ich, einige wenige Ausnahmen, Polizisten und Richter.
Letztlich würde ich ja auch nicht alle Privilegien abschaffen: Es ist zum Beispiel verdammt viel wert, einen gesicherten Arbeitsplatz zu haben. Und Beamte werden wie wir wissen idR nach einer Zeit auf Lebenszeit verbeamtet. Diese Planungssicherheit haben Sie ansonsten nirgends.

Markus
9 Jahre zuvor

@Matthäus Piksa

Hm, also ich habe große Bedenken wenn eines der großen Länder wie Frankreich, Italien oder Spanien kippt und zusätzlich auch noch von der EZB gesponsert werden muss.

Eine Währung ist nur so stark, solange die Menschen den Glauben an die hübsch bedruckten Scheine haben.

Deutschland ist mit seiner Verschuldung auch nur der Einäugige unter den Blinden. Alle können wir nicht retten. Zumindest haben wir ein paar Goldreserven….

Wie gut eine finanzielle Repression plan und lenkbar ist, kann ich beim besten Willen nicht einschätzen…

9 Jahre zuvor

@Markus

Ich habe einen neuen, kurzen Artikel zu dem Thema auf meinem Blog veröffentlicht.

Interessant fand ich auch Gaucks Europa-Rede, die er vor zwei Wochen hielt.
Er sprach davon, dass niemand in Europa Angst vor einer deutschen Dominanz haben müsse.

Hier der Wortlaut der Rede.

Je nachdem was man in der Rede am wichtigsten hält, entstehen auch solche Schlagzeilen.

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