Der digitale Gebrauchtwagenhändler Carvana wird als das „Amazon für Autos“ bezeichnet. Carvana ging an den Start, um den unangenehmen Besuch im Autohaus mit langen Preisverhandlungen und undurchsichtigen Gebühren abzuschaffen und durch einen reinen Online-Prozess zu ersetzen. Nach dem Börsengang im April 2017 ging die Aktie durch eine Berg-und-Talfahrt. Es war richtig wild. Und 2022 rutschte der Onlinehändler fast in die Pleite, erholte sich aber davon. Seither ging der Kurs wieder durch die Decke.
Jetzt hat ein Shortseller dem Unternehmen vorgeworfen, die Bilanz seit Jahren zu manipulieren. Boa! Daraufhin stürzte der Kurs gestern um 14 bis 20% ab. Der Bericht von Gotham City Research wiegt schwer. Gotham behauptet, Carvana habe die Gewinne (2023 bis 2024) um über 1 Milliarde Dollar zu hoch ausgewiesen. Der Kernvorwurf ist, dass Carvanas Gewinne künstlich durch verdeckte Transaktionen mit DriveTime und Bridgecrest (Firmen, die ebenfalls von der Familie Garcia kontrolliert werden) gestützt werden. Der Shortseller prognostiziert, dass der Jahresabschluss 2025 verspätet sein wird, frühere Abschlüsse korrigiert werden müssen und der Wirtschaftsprüfer (Grant Thornton) zurücktreten könnte. Sollte sich dies bewahrheiten, drohen weitere massive Kursverluste und regulatorischer Ärger. Selbst nach dem Rutsch ist die Aktie mit einem KGV von 60 (basierend auf dem erwarteten Gewinn) teuer.
Ich habe vor einiger Zeit den kriselnden US-Gebrauchtwagenhändler Carmax gekauft. Das altmodische Unternehmen hat seither etliche Filialen geschlossen und leidet. Ich habe bislang einen heftigen Kursverlust erlitten. Autsch! Das war eine tiefe Beule! Was für ein Missgriff.
Die Chance: Warum es ein Kauf sein könnte
Carvana hat in der Vergangenheit eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gegen solche Attacken gezeigt:
- Analysten-Rückendeckung: Großbanken wie J.P. Morgan haben sich in der Vergangenheit und auch im Umfeld neuerer Vorwürfe hinter Carvana gestellt. Analysten dort sahen zuletzt „keine Red Flags“ und erwarten für die kommenden Q4-Zahlen (die am 18. Februar 2026 vorgelegt werden) sogar positive Überraschungen („Beat and Raise“).
- Short-Squeeze-Potenzial: Da viele Leerverkäufer (Shortseller) auf fallende Kurse wetten, könnte jede positive Nachricht (z.B. ein Dementi des Unternehmens oder starke Quartalszahlen) dazu führen, dass diese ihre Positionen decken müssen, was den Kurs explosionsartig nach oben treiben würde.
- Gewohnheitseffekt: Dies ist nicht der erste Short-Report gegen Carvana (z.B. gab es ähnliche Vorwürfe von Hindenburg Research). Die Aktie hat sich von früheren Einbrüchen oft erholt, weil das Unternehmen operativ weiter gewachsen ist.
Auto1 ist ein moderner Rivale aus Berlin
In Deutschland ist der Online-Gebrauchtwagenhändler Auto1 vergleichbar. Der Mittelständler aus Berlin verkauft mehr Fahrzeuge im Handels- und Retail-Segment als je zuvor und erzielte den bislang höchsten Bruttogewinn im dritten Quartal. Der Vorstand erhöhte dementsprechend seine Prognose für 2025 abermals in allen Bereichen. So sollen 2025 811.000 bis 845.000 Fahrzeuge abgesetzt werden. Die Zahlen legt die Spitze am 25. Februar vor. Auch hier entsteht ein Imperium. Gebrauchtwagen werden zunehmend digital gefunden und gekauft. Der stationäre Händler im Speckgürtel der Stadt ist ein Auslaufmodell.
Der Börsenwert von Auto1 beträgt nur 6,6 Milliarden Euro! Zum Vergleich: 2024 betrug der Umsatz 6,3 Milliarden Euro. Mitgründer und CEO Christian Bertermann: „Q3 war ein sehr starkes Quartal für uns, geprägt von der konsequenten Umsetzung unserer kundenorientierten Strategie… wir haben neue Rekorde erzielt und unser Wachstum weiter beschleunigt. Mit diesen Resultaten sind wir unseren langfristigen Marktanteils- und Margenzielen einen wichtigen Schritt näher.”
Europas führende Plattform für den Kauf, Verkauf und die Finanzierung von Gebrauchtwagen nutzt seit der Gründung Technologie und Daten, um Mehrwerte für Kunden und Partnerhändler herauszuholen. Drei Marken gehören dazu: wirkaufendeinauto.de, Autohero und AUTO1.com. Mit wirkaufendeinauto.de und Schwestermarken bietet die Gruppe Kunden einen einfachen Weg, ihr Auto zu verkaufen. Mit 2,1 Milliarden Euro überstieg der Quartalsumsatz zum ersten Mal die Marke von 2 Milliarden, ein Anstieg von 33% im Vergleich zum Vorjahr.
Fazit
Carvana ist ein Kauf, wenn du darauf spekulierst, dass der Shortseller-Bericht übertrieben ist und die Zahlen im Februar stark ausfallen werden. Du denkst dir: „Verdammt, diese Leerverkäufer wollen nur den Kurs nach unten drücken, um selbst zu profitieren. Diese Gauner!“ Es ist eine Wette auf die Glaubwürdigkeit des Managements gegen die Shortseller. Konservative Anleger lassen die Finger weg, die Risiken sind zu groß. Ebenfalls ist Auto1 einen Blick wert meiner Meinung nach.
Was macht Carvana genau?
Carvana ist eine E-Commerce-Plattform für den An- und Verkauf von Gebrauchtwagen. Der gesamte Prozess findet online statt:
- 360°-Besichtigung: Kunden schauen sich Autos auf der Website in hochauflösenden 360-Grad-Ansichten an. Dabei werden Kratzer oder Dellen im Lack digital markiert (Transparenz).
- Kauf & Finanzierung: Der Kaufabschluss, inklusive Finanzierung oder Inzahlungnahme des alten Autos, geschieht komplett digital in oft weniger als 10 Minuten. (Auch Auto1 baut sein Finanzierungsangebot aus.)
- Lieferung oder Abholung:
- Lieferung: Das Auto wird auf einem Tieflader direkt vor die Haustür des Kunden geliefert.
- Abholung: Der Kunde holt das Auto an einem der berühmten „Car Vending Machines“ (Auto-Automaten) ab, die meist an den Highways in den Himmel ragen: Es sind gläserne Türme, in denen die Autos stehen.
Das Besondere am Geschäftsmodell
Das Modell unterscheidet von Carvana sich in vier zentralen Punkten massiv vom klassischen Autohändler um die Ecke:

1. Der „Auto-Automat“ (Vending Machine)
Das ist das markanteste Marketing-Tool von Carvana. Es handelt sich um riesige, gläserne Türme (oft 5 bis 8 Stockwerke hoch) an Autobahnen.
- Das Erlebnis: Wenn ein Kunde sein Auto abholt, wirft er eine riesige Münze in einen Schlitz, und das Auto wird vollautomatisch aus dem Turm heruntergefahren.
- Der Zweck: Das macht die Abholung zu einem „Event“ für Social Media und dient gleichzeitig als gigantische Werbefläche.
2. Vertikale Integration (alles aus einer Hand)
Carvana ist kein reiner Marktplatz (wie mobile.de), der nur Käufer und Verkäufer zusammenbringt.
- Bestand: Sie besitzen die Autos.
- Aufbereitung: Sie haben eigene „Inspection Centers“, in denen die angekauften Autos repariert, gereinigt und fotografiert werden.
- Logistik: Sie besitzen eine eigene Flotte von Autotransportern (das Carvana Logistics Network), um die Fahrzeuge quer durch die USA zu bewegen.
3. Das „7-Tage-Rückgaberecht“ statt Probefahrt
Das größte Hindernis beim Online-Autokauf ist die fehlende Probefahrt. Carvana löst das psychologisch clever:
- Du kaufst das Auto, bekommst es geliefert und hast dann 7 Tage Zeit, es im Alltag zu testen (zur Arbeit fahren, Kindersitz einbauen etc.).
- Gefällt es dir nicht, nehmen sie es ohne Fragen zurück. Das schafft das nötige Vertrauen für eine so große Investition im Internet.
4. „No-Haggle Pricing“ (kein Feilschen)
Für viele Amerikaner (und auch Deutsche) ist das Verhandeln mit Autoverkäufern purer Stress. Carvana setzt auf Festpreise. Was auf der Website steht, ist der Preis. Das eliminiert die Angst des Kunden, über den Tisch gezogen zu werden. In Deutschland ist das Geschäftsmodell von Autohero (Teil der Auto1 Group) stark an das Vorbild von Carvana angelehnt.