Wer hat Schuld an der Krise? Natürlich die FED!


New York, 20. Februar 2012

Herrlich warm ist es an der Ostküste. Sonnig! Schön! Das Wetter kommt wie ein Geschenk zum „Presidents Day“. An diesem Feiertag zelebriert Amerika George Washingtons Geburtstag. Ich joggte in Shorts entlang des Hudson Rivers.
An der Börse ist die Stimmung seit Tagen auch bestens. Wie das Wetter. Es sieht so aus, als ob es die Krisenherde in Athen, Rom und anderswo nicht gibt. Die Indizes stürmen einfach nach oben. Nichts kann sie mehr aufhalten. So scheint es zumindest. Ein Jahrzehnt der Dauerkrise ist in der Tat genug!
All die Probleme sind ohnehin lösbar. Noch nie hat eine Regierung die Schulden wirklich zurückgezahlt. Keine! Es geht einfach weiter mit der Kreditaufnahme. Die Schuldenmacherei geht seit Jahrtausenden so vor sich. Im Endeffekt ist das auch gut so, eine andere Lösung gibt es nicht. Solange Sie Ihre Ersparnisse in Sicherheit bringen vor der Inflation, kann es Ihnen Wurst sein.
Ideal sind meiner Meinung nach solide Aktien und Immobilien. Ein paar Rohstoffe (oder Rohstoffaktien) dem Depot beizumischen, kann nicht schaden. Die Nachfrage nach Dingen wie Öl, Kohle, Kupfer, Alu, Silber und Co. nimmt doch allein schon mit dem Bevölkerungswachstum und Wohlstandsgewinn zu. Klar kann es zwischenzeitlich immer krisenbedingte Nachfragerückgänge geben, aber langfristig spricht viel für Rohstoffe.
Bei Gold wäre ich persönlich momentan ein wenig zurückhaltend, weil das gelbe Edelmetall sehr von Emotionen getrieben wird. Die Unze Gold kostet derzeit rund 1.730 Dollar. Wohlgemerkt kann sich die Unze im Preis locker noch verdoppeln oder verdreifachen. Blasen haben eben die Eigenschaft, dass irgendwann ein irrationales Niveau erreicht wird, bevor die Fetzen fliegen.
Ich erhielt in den vergangenen Tagen einige kritische Emails. Ich finde es natürlich besser, wenn Sie lieber Leser Ihre Anmerkungen direkt in den Blog eintragen (gerne auch anonym), denn dann können die anderen das ebenfalls lesen. Mein Ziel ist es jede Anmerkung zu beantworten. Danke an alle, die sich so rege beteiligen! Ich freue mich über jeden Kommentar.
Eines möchte ich noch einmal klarstellen mit Blick auf meine „Banken-Schelte“ (O-Ton Leser): Der hypothekenbasierte CDO-Handel war eine Katastrophe und hat viele Marktteilnehmer in den Abgrund gerissen. Zum Himmel stinkende, faule Investments haben die Banken massenweise zusammengeschnürt. Milliardensummen gingen so wohlwissend über den Jordan, zerstörten fast das gesamte Finanzsystem. Klar! Diesen Schwindel bestreitet kaum jemand.
Ich muss aber dem Leser Recht geben: Es ist in der Tat nicht fair zu argumentieren, die Banken trügen die alleinige Verantwortung für die Finanzkrise. Nein, das stimmt so nicht. Die FED hat die Krise im Grunde verursacht durch ihre Niedrigzinspolitik von Alan Greenspan. Die Regierung trägt eine große Mitschuld an dem Desaster. Washington förderte nämlich den Immobilienbesitz für niedrige Einkommensschichten. Den amerikanischen Traum sollten alle leben dürfen, dachte sich Präsident Bill Clinton. So lockerte er den Zugang zu den Finanzierungen. Die Schuld an dem Finanzdesaster gibt natürlich niemand in Washington gerne zu.
Nicht zuletzt versagte die Bankenaufsicht. Die Politik und Regulierer gewährten den Finanzmarktteilnehmern zu viele Freiräume. Da waren etliche Schlafmützen am Werk. Denn Aufgabe der Behörden ist es ja gerade, solche Auswüchse (Schieflagen) zu verhindern. Sie können die Situation mit einem schlafenden Wärter vor dem Tor vergleichen.
Selbst in den Medien taucht immer wieder diese Hochachtung vor der FED auf (ich schließe mich mit ein). Die Presse schwärmt gerne, wie weise die FED-Spitze ist. Aber das ist sie gar nicht. Sie hat extrem gefährliche Instrumente zur Hand (Schulden, Geldpresse). Diese endlose Gelddruckerei ist brisant, das bedenken die wenigsten.
Washington sucht natürlich nach einem Sündenbock außerhalb der eigenen Reihen. Wenn jetzt die Konjunktur anzieht, muss die FED erneut extrem vorsichtig sein und die Leitzinsen zügig erhöhen. Sie züchtet nämlich sonst neue Assetblasen. Und heizt die Inflation an. Gold kann eine Blase schon sein beziehungsweise werden. Es kommt so gut wie nie vor, dass alle Assetklassen zur gleichen Zeit steigen wie derzeit: Öl, Aktien, Gold, Immobilien, Rohstoffe… Normalerweise entstehen Gegengewichte. Das ist schon merkwürdig.
Gerne schiebt man den Banken die Schuld an der Finanzkatastrophe in die Schuhe. Nun, eine Teilschuld trifft sie schon. Aber davor war eben eine Phase des billigen Geldes, was der Treibstoff für die Katastrophe wurde. So entstand der Immobilienwahn. Die Amerikaner kauften Häuser, wie sie normalerweise Autos oder Hemden kaufen. Einfach so. Drei Musterhäuser auf der grünen Wiese anschauen und dann nichts wie zuschlagen, bevor der Preis weiter anzieht!
Die Banken gewährten die Hypotheken im Handumdrehen. Ohne die Angaben der Antragssteller kritisch zu prüfen. Es schien alles rund zu laufen. So lange die Immobilienpreise stiegen, so lange bestand ja für die Bank keinerlei Gefahr. Selbst wenn der Schuldner die Zinsraten nicht mehr zahlen konnte, so hatte ja das Institut eine Sicherheit mit dem Haus, dessen Wert stetig zunahm. So war die Denke. Bis das Kartenhaus zusammenfiel.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich mir zu den Blütezeiten des Immobilienwahns in Battery Park City, am Südzipfel Manhattans, Wohnungen anschaute. Seinerzeit sagte die Maklerin: „Übrigens, die Mieten steigen hier jedes Jahr ca. zehn Prozent. Das will ich ihnen nur gesagt haben.“ Ich entgegnete ihr: „Well, es kann nicht sein, dass die Mieten stetig schneller als die Löhne anziehen.“ Die Maklerin wollte nicht diskutieren. Sie sagte nur: „Glauben Sie mir. Die Mieten steigen so stark.“
Das System bereinigt sich jetzt von selbst. Es sind die magischen Selbstheilungskräfte, die wie bei einer schweren Grippe wirken. Auf Regen folgt Sonnenschein. Jeder leckt nun seine Wunden. Die Verbraucher, die Finanzindustrie, Aktionäre, Arbeitnehmer etc.
In den USA gibt es zwei Kernprobleme: Erstens der in vielen Teilen des Landes schwache Immobilienmarkt. Zweitens die hohe Arbeitslosigkeit. Durch den Zuzug (Immigration) löst sich das Problem des Häuser-Überangebots mit der Zeit von alleine. Wenn die Immobilienpreise und Jobzahlen wieder anziehen, sind die Schulden der Privathaushalte ebenfalls ein kleineres Problem.
Fazit: Es ist höchste Zeit nach vorne zu schauen. Die Börse blickt immer nach vorne. Seien Sie zuversichtlich. Der technologische Fortschritt, die Demokratisierung der Welt und das Bevölkerungswachstum sind der Treibstoff für Aktien.

Lesermeinungen zu „Wer hat Schuld an der Krise? Natürlich die FED!

  1. Matthäus Piksa

    Mal wieder hervorragend erklärt, Tim! – Es stimmt natürlich, dass die FED mit ihrer Niedrigzinspolitik unter Alan Greenspan den Immobilien-Boom erst möglich gemacht hat. Die Zinsen, die damals längere Zeit um 1 Prozentpunkt herum notierten, wirkten wie ein zusätzlicher Nitro-Antrieb. – Die Beweggründe für diese extrem lockere Geldpolitik lagen damals in der geplatzten NewEconomy-Blase mit den unzähligen irrationalen Bewertungen der Internetbuden, dem 9/11-Schock, der wirtschaftlichen Talfahrt im Jahr 2002 und den 2001 und 2003 begonnenen Kriegen in Afghanistan und dem Irak. – Das waren ganz schön viele Ereignisse, die erst einmal politisch adäquat verarbeitet und auch finanziert werden mussten. – Zu guter Letzt wollte man idealistischerweise allen Bürgern den Traum vom Eigenheim ermöglichen.

    Also ich weiß nicht, ob die FED damals hätte anders reagieren können oder sogar müssen. Ich weiß nur, dass Bernanke zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Great Depression promovierte und als Fachmann seine eigenen Schlüsse zieht (und als Vorsitzender der FED auch umsetzt), um einen ähnlichen Verlauf wie in den 30er Jahren zu verhindern. – Ich denke außerdem, dass mit Schuldzuweisungen allein niemandem geholfen ist.

    Fakt ist aber, dass die WallStreet-Banker auf raffinierte und eiskalte Weise die Niedrigzinspolitik auzunutzen gewusst haben und ihre Profite enorm steigerten. – 2009 wurde dann unter dem Stichwort Rekapitalisierung der Banken mit dem Geld der Steuerzahler erneut eine Umverteilung – Umverteilung, weil mit der Niedrigzinspolitik fiskalpolitisch eine Ausweitung der Staatsverschuldung zuungunsten der einfachen Steuerzahler einherging – zugunsten der Banken durchgeführt, wobei das Geld aus dem TARP-Programm zumindest teilweise mit Profit wieder zurückgezahlt worden sein soll, wie ich schon vor Längerem gelesen habe. – Es ist äußerst schwierig bei den unzähligen Nachrichten nicht den Überblick zu verlieren. – Andererseits sieht man an den Demonstrationen in den südlichen €-Ländern wozu Sparmaßnahmen führen können, nämlich im Fall Griechenland zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Insofern springen die Kritiker all der Stimulus-Programme, die es mentalitätsbedingt (Stichwort „Spar(buch)(pflicht)terror“+“Beamtenmentalität“) in Deutschland zuhauf gibt, zu kurz. Diese fordern Austerität und das Einhalten des Rechtsstaats- und Marktwirtschaftsprinzips. Austerität, also Sparmaßnahmen, weil zu lange über die Verhältnisse gelebt wurde. Rechts- und Marktwirtschaft, weil die Risiken, die die Gläubiger eingingen, als sie maßlos Kredite ohne Ende vergaben, sich zunächst auszahlten und zu enormen Profiten führten und dies nun in einer Situation, in der der Schuss nach hinten losgeht, zur Haftungsübernahme führen muss. – Dann gäbe es in Europa aber ein beispielloses Bankenbeben, das nach kürzester Zeit auf die Realwirtschaft umschlagen würde und „Griechenland“ wäre im Nu überall in Europa und wahrscheinlich auch in den USA. Die Weltwirtschaftskrise hätte spätestens dann ihren Namen verdient.

    Ich denke, ähnlich sehen es auch die Chinesen. Beim Besuch der Kanzlerin machten sie zwar keine konkreten Hilfszusagen, deuteten diese jedoch an: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/besuch-der-kanzlerin-china-deutet-hilfe-fuer-europa-an-11636293.html

    Außerdem: Zu der europäischen Staatsschuldenkrise las ich heute ein Interview mit dem Chefökonomen der Citigroup vom Januar diesen Jahres: http://bazonline.ch/wirtschaft/konjunktur/Es-braucht-einen-Waehrungsfonds-mit-4000-Milliarden-Euro/story/19208423

    Klar, man muss trotz oder gerade wegen allem nach vorne blicken; die Unternehmen stehen exzellent da. Aber die von uns skizzierten wirtschaftlichen und wirtschaftshistorischen Überblicke sollten im Grunde jedem bekannt sein.
    Übrigens: Glückwunsch zu dem erfolgreichen Cosi-Aktiengeschäft.

    Gruß Matthäus.

  2. Tim

    Hi Lukas,

    danke für die Studie. Sieht auf den ersten Blick spannend aus. Das lese ich mir in Ruhe durch.
    Best, Tim

  3. willihope

    also wenn ich im zusammenhang mit staatsanleihen von “enormen profiten” lese dann wird mir schon ganz anders! was soll bei zinssätzen von 2 – 2,5% enorm sein? das ist doch totaler humbug!

    die zustände in griechenland sprechen bände über die bevölkerung selbst! das ist ein armer bauernstaat der lange über seinen verhältnissen gelebt hat und den der markt jetzt auf den boden der realität zurück holt. nutznieser der über kredit finanzierten sozialprogramme waren die griechen selbst und nicht das ausland! wenn sie sich das nicht mehr leisten können dann müssen sie eben verzichten!
    das fällt natürlich einem land, das schon mehrere konkurse hingelegt hat, sehr schwer. bisher haben immer andere bezahlt und daran hat man sich in athen längst gewöhnt. auch diesmal verlässt man sich auf die “hilfen” der partner, das führt zu einem dauergeldtransfer von nord nach süd und senkt den lebensstandard im norden.

    sozialprogramme müssen eben “erarbeitet” werden und können nicht auf dauer über kredit finanziert werden! daran muss man sich überall auf der welt gewöhnen, auch wenn es vielen politikern schwer fällt!

    wie werner sinn so schön sagte: der süden druckt geld und im norden wird es dann geschreddert! :-)

  4. Tim

    Hallo willihope,

    wer behauptet denn 2 bis 2,5% sei eine hohe Rendite?
    Mit Aktien kann man 8-9% oder so im langfristigen Schnitt machen.

    Ich denke nicht nur die Griechen haben über ihre Verhältnisse gelebt. Es sind viele, viele Staaten. Auch Deutschland, Japan, USA etc.

    Es wird immer wieder versucht, jemanden den Schwarzen Peter zuzuschieben. Natürlich ist Athen nicht gerade solide strukturiert, natürlich sind die Statistiken gefälscht worden usw. Aber andere haben auch Schwächen und Fehler gemacht.

  5. Matthäus Piksa

    @willihope

    Dann schreiben Sie mich doch auch konkret an. Dann weiß ich auch, dass ich angesprochen bin.
    Staatsanleihen sollten normalerweise in jedem Land der sicherste Hafen sein und sind eher gedacht, das Geld dauerhaft anzulegen. Zu niedrigen Zinsen.

    Doch wenn Politiker zu viele Versprechungen machen, die Kuh zu häufig melken, dann werden die Spekulanten irgendwann darauf aufmerksam und treiben wie im Fall Griechenlands die Zinssätze nach oben. – Das kann kurzfristig zu enormen Profiten führen, auch in der ansonsten langweiligen Assetklasse “Staatsanleihen”.

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