Demut ist an der Börse hilfreich: Denn wir wissen zu wenig


New York, 2. Juni 2015
CNBC-Konferenz "Delivering Alpha 2014". Links sitzt Promi-Journalist Andrew Ross Sorkin. Rechts neben ihm Hedgefondslenker Nelson Peltz (Trian Fund Management) und rechts Ken Moelis, Gründer von Moelis & Company  (Foto: Heidi Gutman/CNBC)

CNBC-Konferenz „Delivering Alpha 2014“. Links sitzt Promi-Journalist Andrew Ross Sorkin. Rechts neben ihm Hedgefondslenker Nelson Peltz (Trian Fund Management) und Ken Moelis, Gründer von Moelis & Company (Foto: Heidi Gutman/CNBC)

Ich bin ein großer Fan von Börsenjournalist Andrew Ross Sorkin. Er schreibt für die „New York Times“. Früh am Morgen ist er außerdem auf dem Börsenkanal CNBC zu sehen. Er ist mit vielen einflussreichen Vorständen gut befreundet. Er kann zum Beispiel jederzeit Warren Buffett anrufen. Wenn sich beide treffen, sind sie ein Herz und eine Seele.

Ich glaube, Sorkin hat einen guten Draht zu Goldman-Boss Lloyd Blankfein und JPMorgan-Chef Jamie Dimon. Sorkins‘ Kalendar ist proppenvoll. Kaum ein Termin ist frei. Einmal nutzte ich die Gelegenheit, um mit ihm zu telefonieren. Er sprühte vor Optimismus. Es war beeindruckend.

Ein anderer recht junger Journalist, von dem ich einiges gelernt habe, ist Morgan Housel. Er schreibt für das Finanzportal fool.com. Seine Artikel erscheinen mittlerweile in etlichen Zeitungen, unter anderem im Wall Street Journal. Was er schreibt, hat Hand und Fuss. Es ist so verblüffend einfach, was er dem Leser mitteilt – und doch ist es komplex.

Housel sagt: „Es besteht eine Korrelation zwischen Wissen und Demut. Die besten Anleger merken, wie wenig sie eigentlich wissen.“

Privatanleger wird als Sand in die Augen gestreut. Finanzdienstleister werben gerne mit dem Trading, denn mit Aktivität verdienen sie am meisten. Mit Langfristanlegern verdient ein Broker allenfalls lausig. Sie sind ihnen ein Dorn im Auge.

Kritisch stehe ich solchen TV-Werbespots gegenüber:

Pennystocks werden hier zum Traden empfohlen. Zum einen bin ich Pennystocks extrem vorsichtig gegenüber eingestellt. Ich würde sie gleichwohl nicht absolut verteufeln. Aber in diesem Bereich sollte sich nur wagen, wer sich extrem gut auskennt. Dann Trading mit Pennystocks? Das ist eine Sache, vor der ich persönlich zurückschrecke. Ich halte das für ein reines Kasinospiel. Nichts für mich.

Ich kann nicht verstehen, warum sich Menschen für diese Kombination begeistern können. Es kommt mir wie beim Forex-Trading (Währungen) vor, wo Menschen schnell viel Geld in den Sand setzen.

Ich finde, Pennystocks kann sich ein echter Kenner schon zulegen. Er muss das extreme Risiko kennen, das Unternehmen verstehen. In dem Umfeld der Mini-Aktien tummeln sich massenweise Betrüger. Daher ist höchste Vorsicht geboten. Sie erinnern sich bestimmt an den Ex-Journalisten Markus Frick, der wertlose Aktien hochgejubelt hat.

Und selbst dann: Ich bin der festen Überzeugung, ein Pennystock eignet sich eher zum Kaufen und Liegenlassen. So wie es Investmentfonds-Pionier John Templeton tat. Er kaufte 1939 etliche Pennystocks für jeweils 100 Dollar und ließ sie lange ruhen. 100 Dollar waren damals wohlgemerkt viel mehr wert als heute. Mit dieser Pennystock-Strategie legte Templeton den Grundstein für seinen späteren Reichtum. Es machte ihn weltberühmt.

Nehmen Sie die Aktie Sirius Resources. Der australische Rohstoff-Sucher notierte im Juli 2012 bei 5 Cent. Jetzt wird Sirius mit dem Gold- und Nickelbergbauer Independence Group zum Bewertungskurs von 4,38 Dollar verschmolzen.

Macht 8.660 Prozent. Aus einem Investment von 5.000 Euro wären 438.000 Euro geworden.

Aber nicht nur mit Pennystocks können Sie Geld scheffeln.

Um 4.530 Prozent legte der Seifenhersteller Procter & Gamble seit 1970 zu. Damit hätten Sie jede Kapitallebensversicherungen um Meilen übertroffen.

Die führende Baumarktkette Home Depot explodierte seit 1981 um 372.133 Prozent. Was hätte da all das Trading gebracht? Nichts!

Der Zahnpasta-Riese Colgate-Palmolive marschierte um 4.200 Prozent seit 1977 nach oben.

Warren Buffetts Beteiligungsfirma Berkshire Hathaway legte um 82.746 Prozent zu, und das seit 1980. Wenn Sie weiter auf der Zeitachse zurückgehen, kommen unglaubliche Zuwächse bei Berkshire zustande, die in den Millionenbereich gehen. Das möchte ich Ihnen hier ersparen.

Leute, die uns ständig eintrichtern wollen, wir sollen traden, verfolgen oftmals ein Eigeninteresse. Haben Sie mehr Geduld! Natürlich hätten Sie eine Kodak erwischen können, der Fotofinisher ging pleite. Sie hätten eine U.S. Steel erwischen können, die seit Jahrzehnten wie Blei im Regal liegt.

Aber Ihr Gesamtportfolio hätte bei ausreichender Streuung einen Verlust wie Kodak mehr als wegstecken können.

Ich würde folgendes raten: Kaufen Sie in erster Linie Qualitätsaktien oder einen Indexfonds. Halten Sie daran Dekaden fest. Sie werden damit verdammt viel Geld verdienen. Sie können für Qualität ruhig etwas mehr bezahlen. Sie werden es auf lange Sicht nicht bereuen. Wenn die Rechnung nicht aufgeht, haben Sie etwas falsch gemacht. Pennystocks brauchen Sie nicht anfassen. Nur der Vollblutprofi sollte sich das antun.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Demut ist an der Börse hilfreich: Denn wir wissen zu wenig

  1. Markus

    „Es besteht eine Korrelation zwischen Wissen und Demut. Die besten Anleger merken, wie wenig sie eigentlich wissen.“

    Normalerweise zieht sich dass durch so ziemlich alle Lebensbereiche…

    Leute, die die einzig richtige und für alle gültige Wahrheit verkünden… sind im besten Fall suspekt.

    Man könnte die Aussage auch als Indikator für Neugierde und lebenslanges Lernen sehen.

  2. StefanStefan

    @ Tim:

    Ein wenig Off-Topic aber was hälst du eigentlich von der New York Times?

    Ich nicht mehr allzu viel. Seit ich das Buch von Glenn Greenwald über Edward Snowden gelesen habe. Die Times, wie auch fast alle anderen großen Zeitungen, einschliesslich Washington Post, stecken mit der Regierung unter einer Decke. Die lassen sich jede kritische Berichterstattung vorher vom Weissen Haus absegnen. Das geht soweit, dass die Leute im Weissen Haus die Artikel entsprechend umschreiben und dann die „erlaubte“ Version der Redaktion zum Veröffentlichen gibt.

    Keine Zeitung außer dem Guardian wollte die Snowden Story bringen. Alle sind vor Ehrfurcht und Angst erstarrt.

    Mit kritischem, unabhängigem Journalismus hat das nichts mehr zu tun. Zum Glück gibt es Leute wie Greenwald. Oder auch Bob Woodward die sich nicht einschüchtern lassen.

  3. Couponschneider

    Nur wegen Kritik an Snowden durch einen NYT-Redakteur die NYT ganz anders zu bewerten als vorher, halte ich für schlecht begründet. Nur ein Beispiel: Ich sehe die ZEIT heute ganz anders als vor 13 Jahren, als ich ZEIT-Abonnent. Aber es war eine mehrjährige Entwicklung. Sicherlich habe ich im Niveau zugenommen. (Vor 13 Jahren habe ich Abitur gemacht, heute bin ich Akademiker.) Leider hat die ZEIT auch im Niveau abgenommen. Aber wie gesagt: Sowas ist Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung.

    Was Snowden betrifft: Ich sehe diese Person auch kritisch. Das heißt nicht, dass ich alles gutheiße, was der NSA macht. Snowden hält sich zur Zeit in Russland auf und vergiftet vom Boden eine Diktatur aus das Klima zwischen demokratischen Rechtsstaaten. Russland hat sich in der Zwischenzeit die Krim gekrallt und ist gerade dabei, sich die Ostukraine zu krallen.

    Viele sehen in Snowden einen Held der Freiheit. Er ist es nicht. Bei vielen deutschen Snowden-Freunden (z. B. Ströbele) ist es die antiamerikanische Triebfeder, die ausschlaggebend für diese Positionierung.

  4. Couponschneider

    Demut kann man auch philosophisch als sokratische Einsicht bezeichnen, also zu wissen, dass man nichts weiß. Karl Popper verwendete diesen Begriff recht häufig. Von Descartes stammt das Gleichnis, sich das persönliche Wissen als Kreis vorzustellen. Mit mehr Wissen steigt die Fläche des Kreises. Aber es steigt auch der Umfang des Kreises, also die Grenze zu dem, was man nicht weiß. Wer sich mit zunehmenden Wissen (Flächeninhalt) bewusst ist, was er nicht weiß (Kreisumfang), kann wahrhaftige Klugheit erlangen. Es genügt ja nicht nur, zu wissen, was man nicht weiß, sondern die Kunst besteht darin, ungefähr zu wissen, was nicht weiß.

    Tatsächlich wird man mit zunehmender Bildung demütig. Wenn ich mich heute mit dem Couponschneider vergleiche, der vor 13 Jahren Abitur machte… Dann ist das schon ein gewaltiger Unterschied. Aber ich war auch schon damals ein zurückhaltender Mensch. Solange ich mir nicht einbilde, ich müsste mich nicht mehr bilden, ist alles gut bei mir.

    Ich sehe das bei meinen Kollegen. Da liest kaum noch jemand Bücher, ist Bildung oder an Kultur interessiert.

    Ein Kollege von mir meinte, ich solle häufiger ins Kino gehen, denn da könne man Allgemeinwissen erfahren. Ich finde so eine Äußerung hochmütig, immerhin bin ich umfangreicher gebildet.

  5. Felix

    Eigentlich bin ich auch der für Demut, das macht sympatisch.

    Dennoch scheint mir das so ein aus Kindertagen stammendes religiöses Selbstkonzept zu sein, nach dem Motto: Wenn du nicht übermütig, sondern schön demütig (brav) bist, dann hat dich der liebe Gott (hier die Börse) lieb und bestraft dich nicht. Das ist zwar typisch menschlich, stellt aber einen Zusammenhang her, den es in der Realität nicht gibt. Börsenerfolg hängt nicht von meinem Verhalten ab, sondern vom Verhalten der Millionen anderer Marktteilnehmer.

  6. willihope

    Nö da ist nichts für mich dabei! Ich habe keinen Herrn und bin niemandens Knecht!

    http://de.wikipedia.org/wiki/Demut

    Der Ausdruck Demut kommt von althochdeutsch diomuoti (‚dienstwillig‘, also eigentlich ‚Gesinnung eines Dienenden‘)

    Im christlichen Kontext bezeichnet es die Haltung des Geschöpfes zum Schöpfer analog dem Verhältnis vom Knecht zum Herrn,

    Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt.

    Die Demut setzt wie die Unterwürfigkeit ein Herr-Knecht-Verhältnis voraus. Bei den Griechen und Römern war sie eine geringgeachtete Haltung.[5]

    Kant versuchte die Demut zu entchristlichen und definiert sie um

    „Das Bewußtsein und Gefühl der Geringfähigkeit seines moralischen Werts in Vergleichung mit dem Gesetz ist die Demut

    „Für Fr. Nietzsche gehört Demut zu den gefährlichen, verleumderischen Idealen, hinter denen sich Feigheit und Schwäche, daher auch Ergebung in Gott verstecken.“

     

  7. Felix

    Donnerwetter willihope, ein sehr schöner philosophischer Exkurs! Da lobe ich mir den Objektivismus, der einen jeden Menschen einen rationalen Egoismus zugesteht.

  8. tim schaefertim schaefer Beitragsautor

    @ Stefan

    Die „New York Times“ ist erstklassig. Ganz gerne lese ich daneben FT, Economist, USA Today, Washington Post, WSJ…

    Klar stimmt die „New York Times“ ihre Artikel mit dem Weißen Haus ab, wenn es um Geheimdienste etc. geht. Es ist ein Geben und Nehmen. Dafür stellt die Regierung der Zeitung im Gegenzug vermutlich andere Enthüllungsstories still und heimlich zur Verfügung. Vielleicht über irgendeinen hochrangigen Politiker in Peking, der sich die Taschen füllt. Ich denke, so funktioniert das Netzwerk.

  9. Markus

    @Felix

    Zitate aus Wikipedia, die eher die eigene Anschauung als den ganzen & kompletten Text wiederspiegeln…

  10. willihope

    Yes Sir! Inklusive der Quellenangabe!

    Ganzen Text zu posten ist verpönt, von wegen Urheberrecht und so.

    Wie gesagt, mit Demut hab ich nichts am Hut aber ich lerne gerne täglich dazu, also ist mir wohl bewusst dass ich wenig weiss und immer noch lernen kann. 🙂

  11. frank

    hallo tim,

    „Klar stimmt die “New York Times” ihre Artikel mit dem Weißen Haus ab, wenn es um Geheimdienste etc. geht. Es ist ein Geben und Nehmen. Dafür stellt die Regierung der Zeitung im Gegenzug vermutlich andere Enthüllungsstories still und heimlich zur Verfügung. Vielleicht über irgendeinen hochrangigen Politiker in Peking, der sich die Taschen füllt. Ich denke, so funktioniert das Netzwerk.“

    Wenn dem so ist , dann ist die NYT keinen cent wert!

  12. Mario

    @Frank

     

    Es scheint so zu sein, dass Zeitungen Tipps von den Geheimdiensten bekommen. Gerade wurde im Zusammenhang mit der FIFA berichtet, dass amerikanische Journalisten in dem Hotel in Zürich waren in dem die FIFA Mitglieder festgenommen wurden. Es kann natürlich auch ein „Zufall“ sein.

    Mario

     

  13. AlexanderAlexander

    Die Börse lehrt einen schon Demut, in dem Sinne wie es Tim und andere erfolgreiche Anleger meinen. Ich habe meine Erwartungen im Vergleich zu den Anfängen deutlich reduziert und denke manchmal, ich weiß gar nichts. Trotz ca. 100 Bücher, 20 Jahre Erfahrung und endlosem Lesen in Foren, Blogs etc.

    Also die hier gemeinte Demut ist durchaus sinnvoll.

    Sollte sich mein Depot und die Dividenden halbwegs so entwickeln wie erhofft, dann bin ich sehr zufrieden. Ich weiß, dass ich nicht die allseits so beschworene Million schaffen werde, aber mehr als bei einem Riestervertrag sollte schon rauskommen. Ziel erreicht.

  14. Paulchen

    Am 16.3. war Tag der Aktie. Da konnte man schlappe 10-20 Euro Gebühren sparen, weil die Banken uns so lieb haben. Wer damals mitgemacht hat, darf sich heute bereits über 1.000 Punkte Verlust freuen. Das ist doch mal was:-)

    Und wer da keine Demut zeigen kann…

  15. Philipp

    Ich hab ein Kollegen, der hat mal über Trading erzählt, wie toll und einfach das ja übers Smartphone geht. Er hat immer mit ein paar Euro spekuliert. Da dachte ich mir gleich: „Da kannste auch ins Casino gehen“.

    Wenn ich Pennystocks kaufen würde, dann auch nur als sehr sehr langfristige Anlage.

    Qualitativ hochwertige Unternehmen plus Geduld sind für mich einfach am Besten. Mir kommt es so vor, als werden die Menschen aber immer Ungeduldiger.

    Danke für deinen Artikel 😉

    LG

    Philipp

  16. Pingback: Artikel über Wirtschaft und Devisen 7. Juni | Pipsologie

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