Hier in New York gibt es ein Sprichwort an der Wall Street: „The trend is your friend.“ Aber manchmal ist der Trend dein Feind – nämlich dann, wenn alle panisch verkaufen und eine Qualitätsaktie in den Boden stampfen. Dann schlägt meine Stunde. Ich schaue mir das dann an. Turnaround-Wetten sind etwas Aufregendes: Antizyklisch handeln, Mut beweisen und Geduld haben. Es ist die „Königsklasse“ des Value-Investings, aber es ist auch mitunter riskant.
In Krisen spitzen wir Value-Investoren die Ohren.
Du willst in Turnaround-Kandidaten investieren? Du willst die Aktien kaufen, die keiner mehr haben will, in der Hoffnung auf das große Comeback? Das ist eine der lukrativsten Strategien überhaupt. Aber Vorsicht: Es ist auch der schnellste Weg, sich die Finger zu verbrennen, wenn Du Deine Hausaufgaben nicht machst. Ich habe mit dem Abnehmkonzern Weight Watchers Geld vernichtet, um ehrlich zu sein. Aber mir sind auch viele Erfolge gelungen. Ich habe den Kreuzfahrtriesen Carnival und United Airlines in der Corona-Krise abgefischt. Ich habe General Electric inmitten von Krisengerüchten vor über einer Dekade gekauft, bei Boeing ging ich während einer Qualitätskrise an Bord.
Lass uns darüber sprechen, wie Du echte „Phönix aus der Asche“-Kandidaten von billigem Schrott unterscheidest.
Was ist eigentlich eine Turnaround-Wette?
Ein Turnaround-Kandidat ist ein Unternehmen, das in ernsthafte Schwierigkeiten geraten ist. Der Aktienkurs ist eingebrochen – oft um 50, 70 oder sogar 90 Prozent. Die Gründe können vielfältig sein:
- Missmanagement: Der CEO hat falsche Entscheidungen getroffen.
- Skandale: Bilanzfehler, Klagen oder PR-Desaster.
- Marktveränderungen: Die Konkurrenz war schneller oder die Technologie hat sich geändert.
- Hohe Schulden: Die Zinsen steigen und die Kredite drücken.
Die Wette, die Du hier eingehst, lautet: Der Markt übertreibt. Du wettest darauf, dass die Probleme lösbar sind und das Unternehmen nicht pleitegeht, sondern gestärkt zurückkommt.
Warum Turnarounds so profitabel sein können
Psychologie ist alles an der Börse. Wenn eine Firma schlechte Nachrichten liefert, verkaufen die Fondsmanager und Investoren oft blind. Sie wollen den „Verlierer“ nicht im Portfolio haben, wenn der Quartalsbericht kommt. Das drückt den Kurs weit unter den fairen Wert.
Wenn Du hier einsteigst – wenn das Blut auf den Straßen fließt – und das Unternehmen das Ruder herumreißt, sind Verdoppler oder Verdreifacher (Multi-Bagger) keine Seltenheit. Denk an Meta (Facebook) im Jahr 2022. Alle schrien „Das Metaverse ist tot!“. Die Aktie fiel unter 90 Dollar. Wer damals den Mut hatte, sah danach Kurse von über 600 Dollar. Das ist ein klassischer Turnaround.
Die Gefahr: Das fallende Messer
Aber mach Dir nichts vor: Nicht jede gefallene Aktie steht wieder auf. Viele bleiben liegen oder gehen ganz auf null. Wir nennen das eine „Value Trap“ (Wert-Falle). Die Aktie sieht billig aus (niedriges KGV), wird aber immer billiger, weil das Geschäftsmodell stirbt. Manch einer vermutet das beim Hersteller von Hometrainern Peloton. Es gibt mittlerweile so viele Konkurrenten, die das Fitnessbike kopiert haben.
Wie unterscheidest Du also eine Chance von einem Grab?
Die Tim-Schäfer-Checkliste für Turnarounds
Bevor Du auch nur einen Cent investierst, musst Du diese Punkte prüfen. Turnaround-Investing ist harte Arbeit, kein Zocken.
1. Ist die Bilanz solide? (Der wichtigste Punkt!) Ein Unternehmen in der Krise braucht Zeit. Zeit kauft man mit Geld. Hat das Unternehmen genug Cash, um zwei oder drei Jahre Verlust zu überleben? Wenn die Schulden erdrückend sind und bald refinanziert werden müssen, lass die Finger davon. Eine Kapitalerhöhung verwässert Dich, eine Pleite enteignet Dich.
2. Ist das Kerngeschäft noch relevant? Verkauft die Firma etwas, das die Menschen auch in 5 Jahren noch brauchen?
- Beispiel: Eine Ölfirma in einer Ölpreiskrise? Ja, Öl wird weiter gebraucht.
- Gegenbeispiel: Ein Hersteller von Videotheken-Software, als Netflix kam? Nein. Hier gibt es keinen Turnaround, hier gibt es nur den Tod.
3. Gibt es einen neuen Kapitän? Oft braucht es einen Managementwechsel. Ein neuer CEO bringt frischen Wind, streicht Kosten und fokussiert sich auf die Stärken. Wenn der alte Vorstand, der den Karren in den Dreck gefahren hat, immer noch da ist, sei skeptisch.
4. Insider-Käufe Kaufen die Vorstände oder Aufsichtsräte ihre eigenen Aktien? Wenn der CEO Millionen aus der eigenen Tasche investiert, ist das ein massiver Vertrauensbeweis. Sie wissen mehr als wir. Auf dieser Website kannst du gut nachschauen, wo die Vorstände und Aufsichtsräte gerade massiv Aktien kaufen.
Deine Strategie: Nerven aus Stahl
Wenn Du in Turnarounds investierst, musst Du Schmerzen aushalten können.
- Nicht alles auf eine Karte: Investiere niemals Dein ganzes Geld in einen Wackelkandidaten. Mach es zu einer kleinen „Beimischung“ (vielleicht 2-5% Deines Portfolios).
- Geduld: Ein Turnaround passiert nicht über Nacht. Es kann Jahre dauern. Die Wall Street ist ungeduldig, Du musst den langen Atem haben. Ich habe bei General Electric sehr lange gewartet und bin reichlich belohnt worden.
- Staffel den Einstieg: Kauf nicht alles auf einmal. Die Aktie fällt oft noch tiefer, nachdem Du gekauft hast. Kauf in Tranchen.
Mut wird belohnt, Dummheit bestraft
Turnaround-Wetten sind nichts für schwache Nerven. Du kaufst, wenn alle anderen „Verkaufen!“ schreien. Du wirst Dich einsam fühlen. Deine Freunde werden Dich fragen, warum Du diesen „Schrott“ kaufst.
Aber genau da liegt die Chance. Wenn Du eine solide Firma mit einem temporären Problem findest, die eine starke Marke und genug Cash hat, dann ist das der Stoff, aus dem Börsenträume sind. Ich habe Netflix nach einem Einbruch um 70% gekauft und es wurde meine wertvollsten Position und einem Kursanstieg von weit über 10.000%.
Schau Dir die Bilanzen an. Sei kritisch. Und wenn Du überzeugt bist: Hab Geduld.
Genau kann niemand wirklich in die Zukunft schauen. Es geht hier auch um ein Stück weit Intuition. Aber basierend auf den großen Trends und den aktuellen „Sorgenkindern“ der Börse habe ich drei abgestürzte Aktien im Depot. Das sind „Gefallener Engel mit Substanz“.
3 Turnaround-Kandidaten für deine Watchlist
Ich schaue nicht auf Pennystocks. Ich schaue lieber auf Giganten, die ins Straucheln geraten sind. Hier sind drei US-Werte, bei denen die Wall Street die Geduld verloren hat – und wo wir genau deshalb hinschauen sollten.
1. Intel (Ticker: INTC) – Die „Alles-oder-Nichts“-Wette
Erinnerst du dich an die Zeit, als Intel der Chip-König war? Lange her. CEO Pat Gelsinger hat vor Jahren die größte Wette der Firmengeschichte eingegangen: Milliardeninvestitionen in neue Fabriken (Fabs) in Ohio und Arizona, um TSMC anzugreifen. Warum jetzt? 2024 und 2025 waren brutal. Die Kosten für den Bau der Fabriken haben den Cashflow aufgefressen, die Dividende wurde zwischenzeitlich gestrichen oder gekürzt. Die Wall Street hasst Unsicherheit. Aber jetzt, 2026, gehen die neuen Maschinen ans Netz. Wenn Intels „Foundry-Strategie“ (Chips für andere bauen) auch nur ansatzweise funktioniert, ist die Aktie auf dem aktuellen Niveau massiv unterbewertet. Das ist eine Wette auf die amerikanische Unabhängigkeit bei Halbleitern. Washington hat sich an Intel beteiligt. Auch stiegen Nvidia und Softbank für Milliardensummen ein. Ich besitze 393 Intel-Aktien und hoffe auf eine Kursrallye in den kommenden Jahren. Noch habe ich kein Geld mit der Aktie verdient (plus minus null).
- Risiko: Hoch. Wenn die Technik nicht liefert, wird Intel zerschlagen.
- Chance: Der Comeback-King des Jahrzehnts.
2. Boeing (Ticker: BA) – Too Big to Fail?
Es gab Zeiten, da wollte niemand in ein Boeing-Flugzeug steigen, geschweige denn in die Aktie investieren. Qualitätsprobleme, Pannen, Management-Chaos. Die Aktie ist weit weg von ihren Allzeithochs. Warum jetzt? Die Welt braucht Flugzeuge. Es gibt nur zwei große Hersteller: Airbus und Boeing. Airbus ist auf Jahre ausgebucht. Die Airlines müssen bei Boeing bestellen. Das neue Management hat die letzten zwei Jahre damit verbracht, die Produktion aufzuräumen statt den Aktienkurs zu polieren. Das ist genau das, was wir sehen wollen. Die Auftragsbücher sind voll, die Bewertung ist depressiv. Es gibt noch keine Dividende. Ich stehe seit dem Einstieg mit 53% im Plus. Ich glaube, die Aktie wird weiter steigen. Zum alten Hoch ist es noch weit.
Ein Duopolist mit vollen Auftragsbüchern zum Discount-Preis? Das riecht nach Geld, wenn man 5 oder 7 Jahre Zeit mitbringt.
3. PayPal (Ticker: PYPL) – Das vergessene Fintech
Weißt du noch, als Fintechs das „nächste große Ding“ waren? Heute redet jeder nur noch über KI. PayPal wurde von der Börse links liegen gelassen. Apple Pay und Google Pay haben Marktanteile gekostet. Die Aktie handelt zu einem 7er KGV, das eher zu einer langweiligen Bank passt als zu einem Tech-Konzern. Warum jetzt? PayPal ist eine Cash-Maschine. Sie haben hunderte Millionen Nutzer. Während der Kurs seit Jahren seitwärts oder abwärts dümpelt, hat das Unternehmen massiv eigene Aktien zurückgekauft. Der „Free Cash Flow“ ist mit 6,4 Milliarden Dollar stark. Wir kaufen hier einen Dollar für 60 Cent. Die Erwartungen sind so niedrig, dass schon „ganz ok“ Nachrichten den Kurs treiben können.
- Die Lektion: Wenn ein Tech-Gigant wie ein Versorger bewertet wird, aber immer noch wächst, müssen wir zuschlagen. Ich bin zu früh eingestiegen in die PayPal-Aktie und stehe (ganz ehrlich) massiv im Minus. Ich warte ab. Und hoffe.
Was Du jetzt tun musst
Lauf nicht blind los. Schau Dir diese drei Kandidaten an.
- Lies den letzten Jahresbericht (10-K).
- Prüfe: Sinkt die Verschuldung endlich?
- Haben die Insider (CEOs, Vorstände) zuletzt gekauft?
Wenn die Antwort „Ja“ ist, dann leg Dir ein paar Stücke ins Depot, lehn Dich zurück und lass die Wall Street schreien. Wir haben Zeit.
Fazit: Ich liebe US-Aktien, gute Cashflows und tiefe „Burggräben“ (Moats). Alle drei Beispiele (Intel, Boeing, PayPal) sind klassische US-Marken, die in mein Beuteschema passen. Aber ich weiß es nicht zu 100%. Es bleiben Risiken. Daher verwette nicht Haus und Hof auf eine Aktie bzw. das Trio.
Infineon 2009, Vestas Wind 2014 und Rolls Royce Plc 2023 eingesammelt ! Extrem gute europäische Unternehmen heute wieder !!