Mythos Cost Average Effekt: Vorsicht vor faulen Werbeversprechen


New York, 9. Oktober 2011

Anlegern wird immer wieder geraten, vom Cost-Average-Effekt Gebrauch zu machen. Beim Aktien- oder Fondskauf soll ein angeblicher Vorteil darin bestehen, zu einem durchschnittlichen Kurs über ein längere Periode einzusteigen – anstatt mit einer einzigen großen Transaktion. Überall finden Sie im Internet Hinweise, unbedingt den Durchschnittskosteneffekt zu nutzen. Auf der Website Finanzfrage.net versucht das jemand so zu begründen: „Da die Kurse von Investmentfondsanteilen täglich schwanken, haben Sie den Vorteil, mehr Anteile zu erwerben, wenn der Kurs zum Kaufzeitpunkt gerade gesunken ist. Dementsprechend erwerben Sie weniger Fondsanteile, wenn der Kurs gerade höher ist.“ Mir leuchtet der Vorteil nicht wirklich ein, weil ich ja als Anleger auch die Fondsanteile in einer Blasensituation kaufe.
Vor allem die Fondsgesellschaften empfehlen, stetig zu sparen. Hier wirbt die DWS dafür und bezeichnet diese Methode als „kaufmännisch richtig“. Ich halte das für sehr gewagt. Mit solchen Aussagen begibt sich die DWS auf ein sehr dünnes Eis. Aus Sicht der Fondsbetreiber macht es natürlich Sinn, wenn die Kunden ständig Geld in die Fonds pumpen. So haben die Fondsbetreiber regelmässige Zuflüsse. Ich rate allerdings zur Vorsicht! Es ist meiner Meinung nach ein Mythos.
Zum Glück haben sich Wissenschaftler mit diesem leichtfertigen Ratschlag auseinandergesetzt. Kritisch untersucht hat der BWL-Lehrstuhl an der Uni Mannheim die Thematik mehrfach in den vergangenen Jahren. Das schreiben die Mannheimer Professoren über den Cost Average-Effekt:
„Offenbar wird aufgrund des zuvor beschriebenen Kerneffektes des Cost-Averaging (ohne weitere Begründung) abgeleitet, dass Sparpläne gegenüber einer Einmalanlage besondere Vorteile besitzen. Als Argument wird dabei häufig vorgebracht, dass mit einem sukzessiven Einstieg das Risiko verringert wird, zu einem falschen Zeitpunkt zu investieren.
Die vorstehend genannten Folgerungen werden aber auf einer mehr intuitiven Ebene getroffen. Dabei wird zum Beispiel vernachlässigt, dass nicht nur der Preis einen Einfluss auf die erzielte Rendite besitzt, sondern auch die realisierte Wertveränderung – ebenso, wie nicht nur die Kosten den Gewinn beeinflussen, sondern auch die Erlöse. Die genauen Inhalte der getroffenen Folgerungen (etwa: was wird unter „Risiko“ verstanden?) bleiben unscharf.“
Der amerikanische Ökonom Paul A. Samuelson kritisierte im Jahr 1994 das Trommeln für das stetige Fondssparen nach dem Cost Average Effekt als eine Werbelüge. Er bezeichnete solche Werbebotschaften als „Betrug“ am Sparer. Etliche Studien deuten in der Tat darauf hin, die Befürworter der Strategie unterliegen entweder einem Denkfehler oder sie erteilen mit Absicht fragwürdige Ratschläge, weil sie sich etwas davon versprechen.
Eine neuere Untersuchung des New Yorker Vermögensverwalters Gerstein Fisher zeigt glasklar: Die Durchschnittsmethode ist sogar schädlich. So nahmen die Experten den Zeitraum von Januar 1926 bis Dezember 2010 unter die Lupe. Einmalinvestments schnitten demzufolge in 20-Jahres-Abschnitten besser ab, als diejenigen, die den Einstieg in zwölf Schritten innerhalb eines Jahres unternahmen. 70 Prozent der Einmalanleger erzielten eine höhere Rendite.
Fazit: Glauben Sie nicht den ganzen Mist, der von Leuten verbreitet wird, die Ihnen direkt (oder indirekt) etwas verkaufen wollen. Wahren Sie eine kritische Distanz. Hinterfragen Sie Pauschalaussagen. Fragen Sie sich immer, wie ein Banker für seine Dienstleistung bezahlt wird. Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten und Gebühren? Warren Buffett macht in der Regel nur ein einmaliges Einzelinvestment. Anschließend behält er die Position unverändert, jahrzehntelang. Das hat er bei seinem Einstieg in Coca-Cola oder American Express so gemacht und bei vielen anderen Investments.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Mythos Cost Average Effekt: Vorsicht vor faulen Werbeversprechen

  1. Hubsen

    Hallo Tim,

    meist kann man es sich ja nicht aussuchen kann ob man auf einmal über eine große Summe zur Veranlagung verfügt oder ob man über viele Perioden hinweg diesselbe Summe anspart.

    Um gleiche Ausgangslage/Vergleichbarkeit zu schaffen müsste der laufende/periodenweise Investor, das bis dato noch nicht in Aktien veranlagte Kapital zumindest zum aktuellen Geld-Zinssatz verzinst zugerechnet bekommen – das fehlt mir in letzterer Studie.

    Letztere Studie sagt aber auch klar, dass bereits eine sehr sehr simple Momentum-Stategie (die die Kursentwicklung des (der) Vormonat(e) berücksichtigt) dem betragsmäßig starren Cost Averaging überlegen ist.

    Man denke also mal nach, was eine augefeilte Momentum-Stratgie vielleicht für eine Outperformance erreichen könnte? Also mit bewussten Perioden des Nicht-Investiertseins (wenn´s beginnt steil nach unten zu gehen, wie gerade die letzten Monate).
    Nur bietet aber solche Ansparpläne leider keiner an, soweit ich weiss.

    Ihr erster Link zum Finanzfrage-Forum enthält z.B. im zweiten Teil genau eine solche Antwort von „Niklas“ die als „nützlichste“ von den Lesern eingestuft wurde „mit dynamischen Trailinglimit /Stopp Loss und Switch auf Geldmarktfonds und Switch back nach Bodenbildung“.

    Da kann sich nun jeder selber überlegen wie man das vorherrschende Sägezahnmuster der Börsenindizes am besten ausnutzt (in der Regel: lange Perioden des mäßigen Anstiegs und dann zumeist sehr kurze sehr sehr steil abfallende Korrekturen in 2 bis 3 Stufen und dann wieder Wiederholung des Musters).

    LG
    Hubsen

    PS: Sehr Langfristig „all in“ insbesonders nach einer extremen Korrektur ist natürlich auch nicht falsch …aber wer will bei der nächsten Korrektur von seinen schönen Gewinnen wieder fast alles hergeben müssen bevor es dann wieder aufwärts geht… trotzdem passierts immer wieder – vor allem auch mir (weil man ja glaubt schlauer als der Markt zu sein ;-))

    Die(wichtigste)Buffet Regel: „Verliere niemals Geld“ interpretiere ich so, dass man nicht große erworbenen Vermögensteile wieder bezüglich der musterhaft verlaufenden Abwärts-Aufwärts-Sägezahnbewegung aufs Spiel setzt, sondern erworbene Papiergewinne auch mal absichert/zumindest teilrealisiert.

    Warum er aber vermutlich mit Wells Fargo -55% Kursverlust in Kauf genommen hat entzieht sich aber meiner Kenntnis.

  2. Hubsen

    natürlich nicht seit Buffets Einstieg bei Wells Fargo!… aber von den letzen Höchsständen weg in 2009 wurde (zeitweise sogar extrem) viel wieder eingebüßt.

    Wo die Grafik mit -55% Kursverlust bei Wells Fargo war finde ich nicht mehr und lässt sich daher nicht mehr nachvollziehen
    -> dafür aber die „bewegte“ Kursgrafik seit dem Jahr 2000, wo wir heute in etwa die Höchsstände von 2001, 2002 wieder haben.

    http://www.comdirect.de/inf/aktien/detail/chart.html?ID_NOTATION=86195&timeSpan=SE&chartType=CONNECTLINE&openerPageId=aktien.detail.chart.middle&BRANCHEN_FILTER=false&ID_NOTATION_INDEX=&fromDate=10.11.1999&toDate=09.10.2011&interactivequotes=true&useFixAverage=true&fixAverage0=0&fixAverage1=0&freeAverage0=&freeAverage1=&freeAverage2=&chartIndicator=&indicatorsBelowChart=VOLUME&indicatorsBelowChart=#timeSpan=range&fromDate=09.10.2000&e&

    LG
    Hubsen

  3. tim schaefertim schaefer

    Hi Hubsen,
    danke für die Einwände. Sehr gute Ideen.

    Mir geht es in erster Linie darum, dass sich die Anleger kritisch mit den Aussagen ihres Bankverkäufers auseinandersetzen.

    Die DWS behauptet beispielsweise, es sei „kaufmännisch richtig“, vom Cost Average Effekt Gebrauch zu machen. Andere tun das in dem Sektor in ähnlicher Weise. Was soll ich davon halten? Wie kann die größte Fondsgesellschaft mit einem solchen Spruch werben, wenn es in der Wissenschaft umstritten ist, ob das überhaupt zutreffend ist. Da wird doch der Anleger für dumm verkauft. Oder sehe ich das falsch…
    LG

  4. Hubsen

    Hallo Tim,

    sehe ich ähnlich – eine simple betragsmäßig fixe Cost Average Strategie bringt viel zu wenig und vor allem keinen Schutz bei großen Abwärtsbewegungen.

    Ständig bzw. regelmäßig was wegzusparen kann hingegen nie schaden (z.B. ETF-Ansparpläne gibts in Deutschland schon länger, in Österreich meines Wissens leider noch gar nicht).

    Fondsgesellschaften mit aktiv gemanagten Fonds sollen dem Anleger lieber verraten wie sie – für die satten Managementgebühren – sein veranlagtes Geld in Abwärtsphasen zu schützen gedenken!!
    Also mit welchem feinen Sensorium für Crashes/Abschwünge ein vorübergehender Switch in den sicheren Geldmarkt erfolgt und ab wann wieder zurück.

    Das funktioniert jedoch nur bei den neueren flexiblen Fonds die in mehrere Anlageklassen in beliebiger Höhe investieren dürfen (Carmignac z.B.), denn bei den anderen herkömmlichen Fonds gibt es meist eine Mindestaktienquote, die keine solche Investpause oder Switch in den steilen Abwärtsmonaten erlaubt.
    (C-Quadrat bietet hier auch computergestützte reizvolle Trendfolgestrategien, aber leider zu so hohen Kosten die erstmal verdient werden müssen, bevor der Anleger profitieren kann).

    Mittlerweile gibts aber auch schon kostengünstige ETF-Fonds spezialisiert auf Dividendenpapiere die laufend an der Börse handelbar sind, aber ohne den ausstiegshemmenden hohen Ausgabeaufschlägen (Vertriebsprovision der aktiv gemanagten Fonds) und ohne den lfr. beträchtlichen Managementkosten (inkl. den Bestandsprovisionen für den Vertrieb).
    Diese ETFs auf Dividendenpapiere kombiniert mit einer intelligenten Momentumstrategie oder Trendfolgestrategie, dass würde ich mir von der Fondsindustrie wünschen und wäre sogar eine kleine Mgmt. Gebühr wert.

    LG nach N.Y.C.
    Hubsen

  5. tim schaefertim schaefer

    Hi Hubsen,
    das klingt gar nicht so schlecht. Wobei ich die Direktanlage in Dividendentitel vorziehe. Ganz altmodisch eben.

    Was mich stört, dass in dieser Branche mit so viel Unfug geworben wird. Leider gehen viel zu wenig Anleger der Sache auf den Grund.
    Beste Grüße

  6. Rocco Sifredi

    Ich glaube da hat jemand den Sinn des Cost-Average nicht verstanden! Niemand sagt, dass der Cost-Average eine garantiert bessere Anlagetechnik ist, als beispielsweise der Einmalbetrag. Aber in den meißten Fällen bietet diese Methode ein Vielfaches mehr an Chancen bei begrenzten Verlusten gegenüber einer Einmalanlage. Natürlich ist es so, dass selbst ein Crash im 25. Ansparjahr auch einmal ganz schnell aus dem tollen 150.000€ Depotwert 60.000€ machen kann. Trotzdem wird nach solch einer Laufzeit der selbstgeleistete Betrag selten angekratzt und der Zyklen zufolge kommt nach dem Abschwung nun mal der Aufschwung und wiedereinmal ist Geduld gefordert.

  7. tim schaefertim schaefer

    @ Rocco Sifredi, danke für Ihren Kommentar. Mir geht es darum, dass man nicht einfach den Kunden sagen kann, es sei „kaufmännisch richtig“, diese Methode anzuwenden.

    Es ist wissenschaftlich umstritten, ob die Cost-Average-Methode wirklich das beste Mittel schlechthin ist. Die Methode hat Vor- und Nachteile. Mir ist aufgefallen, dass die DWS diese Aussage von Ihrer Website genommen hat.

    Viele Grüße
    TS

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