Zocken bis die Märkte beben


New York, 26. Dezember 2012

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Die Profi-Trader befinden sich weltweit auf dem Rückzug. Der Hochfrequenzhandel verliert an Bedeutung. Zum Glück. Ich halte diese schnellen Computerhandelssysteme für gefährlich. Sie sind unberechenbar.
Der „Flash Crash“ aus dem Jahr 2010 sollte den Behörden eine Lehre gewesen sein. Ich schrieb für das WirtschaftsBlatt einen Artikel über den Hochfrequenzhandel: „Wenn die Kurse beben“.
Ich bin der Meinung: Das große Geld wird nach wie vor in langweiligen Branchen mit Geduld verdient. Buy and Hold, Kaufen und Liegenlassen, ist eine bewährte Strategie des Vermögensaufbaus.
Wenn ich mir all die Trading-Skandale bei den Banken anschaue, wird mir Angst und Bange. Denken Sie an den „Wal bei JP Morgan Chase“, Bruno Iksil. Der Trader hat bis zu neun Milliarden Dollar in diesem Jahr in London verzockt. Erinnern Sie an all die anderen Trader, die auf die Nase gefallen sind, die Milliarden in den Sand gesetzt haben? Haben Sie schon mal was von Jerome Kerviel, Nick Leeson, Kweku Adoboli gehört? Die Sünden-Liste ist lang, ellenlang.
Mir kommt es vor, als ob Gordon Gekko allgegenwärtig ist, der Trader aus derm Film „Wall Street. Money Never Sleeps“. Verkörpert wurde Bösewicht Gordon Gekko von Hollywoodstar Michael Douglas (Foto: Twentieth Century Fox Film Corporation).
Ich glaube, all diese Zocker leben in einer Phantasiewelt. Sie häufen, ohne es zu merken, Risiken an. Eines Tages rächt sich das. Dann bricht das Kartenhaus zusammen. Im schlimmsten Fall kann das eine Großbank in eine Schieflage bringen.
Nicht ausgeschlossen ist folgendes Szenario: Ein Tradingsystem spielt verrückt, beeinflusst andere Marktteilnehmer, die Weltmärkte beben, es kommt zu einer Börsenpanik. Der Flash Crash gab uns schon ein Warnsignal dafür, was passieren kann, wenn Trades aus dem Ruder laufen.
Unsere Banken geben Millionensummen für Lobbyarbeit aus, machen gut Wetter für ihre Tradingsysteme, für ihre Derivate und künstlichen Produkte, die in ihrer Gesamtheit kein Mensch mehr überblicken kann.
Ich halte den Hochfrequenzhandel, die Derivate und Zockerei für brandgefährlich. Ich bin ein Anhänger des nachhaltigen Investierens. Unsere Banken sollten zurück zu ihrer Kerntätigkeit finden. Sie sollen uns Privatkunden und Unternehmen Geld leihen bzw. anlegen. Der solide, ethische, vertrauenswürdige Bankkaufmann ist doch eine Errungenschaft für die Wirtschaft, jedoch nicht der Zocker, der still und heimlich irgendwo an einem Schreibtisch in New York, London oder Shanghai spekuliert.
Anleger haben der Investmentfirma Vanguard Group, die kostengünstige Indexfonds anbietet, 130 Milliarden Dollar in diesem Jahr anvertraut. Ich finde das beachtlich. Vanguard verwaltet nun Anlagegelder von zwei Billionen Dollar. Rekord! Das ist eine unglaubliche Summe. Es handelt sich überwiegend um Kunden, die viel Zeit für ihre Anlagen haben. Es sind Kunden, die von den aufstrebenden Börsen profitieren möchten. Es sind Menschen, die verstanden haben, dass das schnelle Geld mit heißen Trades eben nicht so einfach zu machen ist.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Zocken bis die Märkte beben

  1. Martin

    Ich bin mir nicht so sicher, dass der Hochfrequenzhandel gefährlich ist. Es werden ja keine Werte vernichtet oder etwas zerstört, wenn die Kurse fallen. Preis und Wert sind eben nicht das Gleiche.

    Dennoch finde ich es falsch Order ins Orderbuch stellen und zurück ziehen können, um zu sehen wie andere darauf reagieren. Deshalb sollte eine Order schon eine Mindestgültigkeit von z.B. einer Sekunde haben.

    Die Finanztransaktionssteuer, angeblich gegen den Hochfrequenzhandel, sehe ich auch negativ. Das trifft auch den kleinen Sparer mit seinen Fonds, Riesterfonds, Lebensversicherungen mit Aktienanteil etc.

    Zudem sind mir auch regulierte Derivate lieber, als wenn alles nur noch intransparent z.B. via OTC abgewickelt wird. Interessant finde ich auch immer wieder was für Schrottpapiere für deutsche Privatanleger zugelassen sind, aber nicht für den amerikanischen Privatanleger. Ich selbst nutze i.d.R. keine Derivate, aber z.B. „short interest“ nachlesen zu können ist doch gut.

  2. Constantin

    Hallo Tim,

    eine beachtliche Liste, ich bin gleich mehrere Minuten dran hängen geblieben.

    Es ist erstaunlich, dass sich keine value Anleger in der Liste finden. Das ginge wohl auch rein logisch schon gar nicht.

  3. tim schaefertim schaefer

    @ Martin

    Es gibt ja den Vorwurf, dass die Hochfrequenzhändler dem „normalen Anleger“ vorauslaufen, um ein paar Cent pro Aktie gutzumachen.

    Es kam ja schon zu ein paar Schieflagen bei diesen Händlern. Etwa Knight Capital.

    @ Constantin
    Oh ja. Es geht ja in der Liste nur um Trader und ihre Verluste. Value-Leute versemmeln natürlich auch jede Menge Geld. Solche Fehlinvestments werden als „Value Trap“ bezeichnet. Das ist dann der Fall, wenn eine billige Aktie immer billiger wird. Eventuell Konkurs geht. Siehe Kodak, siehe Lehman Brothers usw.

  4. Anna

    Interessante Liste. Auch die hochverehrte Größe George Soros ist darauf. Also: Niemand ist unfehlbar.
    VG
    Anna

  5. Alex

    Starker Artikel, sind echt interessante Infos dabei! Ich halte die Zockereien der Finanzwelt auch für gefährlich. Das war ja auch ein Punkt, der dann zur Finanzkrise geführt hat. Viele Grüße, Alex PS: Guter Vergleich mit Gordon Gekko. Leider immer noch ein „Vorbild“ für viele Zocker…

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