Wie wichtig Prognosen sind und welchen Vorteil sie haben


New York, 4. April 2011

Als der Sportartikelhersteller Nike kürzlich seine Quartalszahlen vorlegte, geriet die Aktie ins Rutschen. Seit Anfang März fiel die Notiz von knapp 90 auf 76 Dollar. Der Grund: Die Eckdaten enttäuschten die Analysten. Nach der Zahlenvorlage brach der Kurs innerhalb eines Tages um acht Prozent ein. Noch schlimmer wurde es für den kleinen Diät-Spezialisten NutriSystem aus Pennsylvania. Nach einem enttäuschenden Quartal verlor das Nasdaq-Papier 30 Prozent seines Wertes. Die Aktie des Nahrungsmittelherstellers stürzte auf ein neues 52-Wochen-Tief. Wer an der Wall Street die Erwartungen nicht erfüllt, wird gnadenlos bestraft. Manchmal finde ich die Kursstürze übertrieben und sehe eine schöne Chance für Langfristinvestoren. Wenn beispielsweise Nike die Ergebnisprognosen je Aktie um ein paar Cent verfehlt, ist das doch wirklich kein Beinbruch. Was ist schon ein Quartal? Solange eine Firma wie Nike wieder zurück auf den Erfolgspfad findet, ist eine schwache Phase durchaus aus Aktionärssicht zu verkraften. Am heftigsten werden meiner Meinung nach Wachstumsunternehmen bestraft. Oftmals legt der Markt die Messlatte enorm hoch. Und es fällt den Vorständen immer schwerer, die Wall Street zu beglücken. Wenn dann eines Tages das Expansionstempo nachlässt, kann eine Momentum-Aktie brutal einbrechen. Sinken die Wachstumsraten, billigt die Börse dem Unternehmen keinen Bewertungsaufschlag mehr zu. Oftmals kommen die Bewertungen dann auf ein Niveau eines klassischen Value-Papiers zurück. Reinrassige Wachstumsfirmen sind dagegen recht teuer mit Blick auf das Kurs-Gewinn- oder Kurs-Buchwert-Verhältnis.
Es gibt Unternehmen, die verzichten ganz auf jegliche Prognosen, weil sie einfach keine zu hohen Erwartungen wecken wollen. Freilich ist ein Ausblick des Managements für die Analysten sehr wichtig. Es hilft den Bankern, in die Zukunft zu blicken und eine hypothetische Erfolgsrechnung für die kommenden Jahre erstellen zu können. Warren Buffett verzichtet zum Beispiel auf Prognosen für seine Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway. Er kann es sich leisten. Seine Fans vertrauen ihm. Buffett ist jedoch eine Ausnahmeerscheinung. Wenn eine „gewöhnliche“ Gesellschaft aufhört, Prognosen abzugeben, straft sie der Markt ab. Die Wall Street deutet eine solche Entscheidung so, als ob die Führungsspitze mit Problemen zu kämpfen hat oder die Wachstumsstory einfach vorüber ist. Ein schönes Beispiel ist der Computerbauer Dell, der ab dem Jahr 2006 keinen Ausblick mehr gab. Vorausgegangen war folgendes Malheur: Sieben Quartale lang sank in Folge der Umsatz. In drei von vier Quartalen verfehlte Dell seine Umsatzprognose. Der Aktienkurs hat sich seither nochmals halbiert. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2008 kam zu dem Ergebnis, dass Prognosen durch das Management zum Vorteil für die Aktie (beziehungsweise Bewertung) sind. Ich rate daher zur Vorsicht bei Firmen, die sich plötzlich weigern, nach vorne zu blicken. Wenn jedoch einmal eine Prognose um ein paar Cents wie bei Nike verfehlt wird, sollte Sie das nicht aus der Ruhe bringen. Es bietet sich in solchen Fällen eher eine Chance als ein Problem. Das ist jedenfalls meine Meinung. PS: Ich besitze keine Nike-Aktien.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wie wichtig Prognosen sind und welchen Vorteil sie haben

  1. Stefan

    Ich finde ein schönes Beispiel für ein extremes Wachstumunternehmen, dass die hohen Erwartungen nicht mehr erfüllt ist zur Zeit Research in Motion. Die haben seit vielen Jahren Umsatz und Gewinn um über 50% p.a. gesteigert und wurden bis zum großem Crash mit KGVs um die 50 gehandelt. Jetzt wo sich das Wachstum verlangsamt wird die Aktie mit einem KGV von unter 8 gehandelt obwohl für die nächsten Jahre immer noch Gewinnsteigerungen prognostiziert werden. Nur nicht mehr in diesem Tempo. Aber kein Unternehmen kann ewig seinen Gewinn um 50% p.a. steigern.

  2. tim schaefertim schaefer

    Hi Stefan, Research In Motion (RIM) ist ein sehr gutes Beispiel. Danke für den Hinweis! Ebenfalls fiel Nokia auf die Nase. Der Handy-Weltmarktführer war einst ein klassisches Wachstumsunternehmen, ein Liebling aller. War immer mit einer schönen Prämie bewertet. Die Aktie eilte von Höchstkurs zu Höchstkurs. Jetzt ist die Nokia abgestürzt. Oder Garmin, der GPS-Kartenanbieter fürs Auto und Handy, war ein Liebling an der Wall Street. Die Horde rannte der Aktie regelrecht hinterher. Jetzt ist die Luft raus. Der Chart sieht aus wie ein Tannenbaum. Erst ging es jahrelang rauf, dann drehte sich der Trend in die Gegenrichtung um. Bei Tannenbaum-Charts folgt immer auf einen rasanten Kursaufschwung ein ebenso dynamischer Kurssturz. O Tannenbaum!

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