Wie unkritisch das Arbeitsministerium für Riester wirbt


New York, 23. April 2014

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Das Bundesarbeitsministerium hat im Januar 2012 einen Leitfaden herausgegeben, wie die Riesterrente funktioniert. Auf dem Foto sehen Sie einen Ausschnitt der Website des Ministeriums. Das PDF kommt mir wie ein billiges Anzeigenblättchen vor, das Sie wöchentlich aus Ihrem Briefkasten herausziehen müssen. Rechtschreibfehler sind enthalten: Aus der Altersvorsorge wird die „Alersvorsorge“. Lobeshymnen wie toll Riester ist, lesen sie in dem Dokument.
Es gibt einen Abschnitt über die Vorteile von Riester, aber keinen Abschnitt über die Nachteile. Das lassen die Berliner einfach unter den Tisch fallen.
So heisst es in dem Dokument:
„Staatlich geförderte Zusatzvorsorge ist attraktiv und lohnend – aber keine Pflicht.“
An anderer Stelle kommt das Ministerium richtig ins Schwärmen. Es klingt zu gut, um wahr zu sein. Die Autoren kommen mir wie ein Erfüllungsgehilfe der Versicherungsbranche vor:
„Zusätzliche Altersvorsorge ist zwar kein Muss, aber ein großes Plus. Mit der staatlichen Förderung durch Steuervergünstigungen, Abgabenbefreiungen und Riester-Zulagen lohnt sich die Extra-Investition für einen gesicherten, erfüllten Ruhestand besonders.“
Ich nenne Ihnen die Nachteile. Produktivkapital schafft im Schnitt die höchsten Renditen. Finanzprodukte wie Bausparen, Lebensversicherungen oder Banksparpläne versprechen geringere Renditen.
Wer in Rente geht, muss die Einkünfte aus der Riesterrente versteuern. Insofern sind die staatlichen Zulagen während der Sparphase eine Farce, wenn der Anleger das Geld später wieder zurückgeben muss. Es ist wie ein Taschenspielertrick. Es kann sogar sein, dass die Steuerersparnis in der Ansparphase kleiner als die Besteuerung im Alter ist.
Nicht zu vergessen sind die zum Teil abenteuerlichen Abschlusskosten und die laufenden Kosten, die sich die Anbieter in die eigene Tasche stecken.
Das Ministerium hätte explizit auf die Abschlusskosten, Provisionen und laufenden Gebühren der Anbieter eingehen müssen. Die Behörde hätte die Bürger ehrlich aufklären müssen. Es ist doch wichtig, auf geringe Kosten des Vertrags zu achten. Je höher die Kosten, desto geringer im Alter der Ertrag. Das ist doch logisch. Stattdessen schreibt das Ministerium in dem Leitfaden:
„Informieren Sie sich bei Ihrem Rentenversicherungsträger, Ihrer Bank oder Ihrer Sparkasse, wenn Sie dort zufrieden sind, oder wenden Sie sich an einen Versicherungsvertreter, dem Sie vertrauen. Über betriebliche Angebote informieren Arbeitgeber, Betriebsrat oder Gewerkschaft.“
Erst zum Schluss heißt es in dem Dokument:
„Holen Sie sich unabhängige Informationen ein. In der Zeitschrift FINANZtest der Stiftung Warentest werden zahlreiche Angebote zur staatlich geförderten zusätzlichen Altersvorsorge miteinander verglichen und Empfehlungen abgegeben. Empfehlenswert ist auch eine unabhängige Beratung durch die Verbraucherzentralen.“
Die Verbraucherzentrale Hamburg rät strikt Selbstständigen davon ab, einen Rürup-Vertrag abzuschließen. Zu hoch seien die versteckten Abschlusskosten, es bestünde ein hohes Verlustrisiko bei Abbruch des Vertrags, es fehle die Vererbbarkeit.
Warum setzen sich nicht alle Riester- und Rürup-Anbieter mit dem Staat an einen Tisch? Es lassen sich in einer gemeinsamen Kraftanstrengung wenigstens die Vertriebskosten und laufenden Kosten senken – zum Wohle der Kunden. Das muss möglich sein. Es geht vor allem um die niedrigen und mittleren Einkommensschichten, denen im Alter das Geld knapp werden könnte.
Oft habe ich in diesem Blog unsere deutschen Politiker als inkompetent kritisiert. Etwa weil sie den Bürgern nicht helfen, sinnvoll für das Alter vorzusorgen. Von den Amerikanern können wir Europäer lernen, wie sie dem Volk steuerlich helfen, selbständig über die Börse langfristig zu investieren. Produktivkapital ist die Lösung.
Die USA ist freilich kein Wunderland. Es hat Schwächen wie jedes Land. Gut in Deutschland finde ich das gesetzliche Krankenversicherungssystem. Kein Patient muss wegen einer teuren Operation Privatinsolvenz anmelden. In den USA kommt das vor. Deshalb hat Präsident Barack Obama die Gesundheitsreform gestartet.
Einen weiteren Vorteil sehe ich in der Bildungsaufgabe von Vater Staat. In den USA müssen Studenten 25.000 Dollar pro Jahr für ihre Uni-Ausbildung ausgeben. Bis zum ersten Job kommt ein Sack voll Schulden zusammen. In Deutschland ist Bildung weitgehend kostenlos. Und das ist herrlich. Denn Bildung und Gesundheit ebnen den Weg in die Zukunft.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wie unkritisch das Arbeitsministerium für Riester wirbt

  1. Tino

    Ein Fass ohne Boden nach wie vor für mich. Jeder vernünftig denkende Mensch wird sich von diesen Finanzprodukten fern halten. Selbst ein wärmendes Feuer aus Geldscheinen hat mehr Nutzen als dieser die Wahrheit verschleiernde Unsinn. Wenn man bedenkt das durch das eigene hart verdiende Geld, Berater oder nutzlose Institutionen am Leben gehalten werden, nur um die Standardformulare an Sparer rauszugeben, ohne nennenswerte Gegenleistung wird mir schlecht. Ich sage, Finger weg! und selbst intelligent investieren, ohne teure Pseudoberatung. Rechnet es selbst durch bis zur Rente, einschließlich wahrscheinlicher und unwahrscheinlicher Risiken und vergleicht es mit anderen Möglichkeiten. Und wenn Ihr es selbst nicht rechnen könnt, dann tut Euch mit einem guten Freund ohne fremde Interessen zusammen, aber um Himmels Willen rechnet es durch, nach allen Gebühren, rigiden Vertragsbedingungen, Ausfallrisiken, bevor Ihr auf flotte Werbesprüche reinfallt. Sogar ein konsequent geführtes Tagesgeldkonto mit Minizins wäre hier noch die weit bessere Alternative aus meiner Sicht, als diese Knebel- und Würgeverträge.

  2. tim schaefertim schaefer

    @ Tino
    Mir kommt diese Broschüre des Ministeriums wie ein Lobbyprodukt, wie ein Werbeblättchen vor. Wäre es nicht sinnvoll bei einem Anlageprodukt auf die zwei kritischen Aspekte RENDITE und KOSTEN einzugehen?

    Es ist zum Beispiel nicht mehr zeitgemäß im Internetzeitalter absurd hohe Vertriebsprovisionen zahlen zu müssen.

    Bei jeder Anlageentscheidung geht es um 3 Kernfragen:
    1. Ist es eventuell ein Betrug?
    2. Wie hoch fällt die mögliche Rendite aus (Risiko)?
    3. Was kostet es?

  3. Fabian S.

    Es ist einfach so Tim,

    dass die Poltiker die größten Verbrecher sind.

    Sie sehen nicht das Wohl des Volkes im Vordergrund, sondern arbeiten für die Versicherungsunternehmen, weil diese perfekte Lobbyarbeit leisten.

    Es ist ja oft schon so, dass der Gesetzgeber 1:1 die Ziele der Versicherungen in den Schriftstücken umsetzt!

  4. Stefan Müller

    Hier ein Zitat aus einer Antwort von Clemens Binninger von der CDU als Kandidat zur Bundestagswahl 2013 bezüglich Altersvorsorge und Besteuerung von Langfristanlagen.

    …. Mit den staatlichen Zuschüssen an die gesetzliche Rentenversicherung, der staatlich geförderten betrieblichen Altersvorsorge, der ebenfalls staatlich geförderten Riester- und Rürup-Rente und den Sonderregelungen für Lebensversicherungen fördern wir die Altersvorsorge bereits in erheblichem und ausreichendem Ausmaß.

  5. Mr. CashFlow

    „Zusätzliche Altersvorsorge ist zwar kein Muss, aber ein großes Plus.“

    Also meiner Meinung nach ist zusätzliche Altersvorsorge auf jeden Fall ein Muss. Natürlich nicht mit Riester!

    Irgendwie ist es doch schon verharmlosend, wenn in den Anzeigenblättchen die Aussage „kann aber muss nicht“ getroffen wird. Vermittelt doch irgendwie den Eindruck, als wenn die staatliche Rente später ausreichen würde. Was nicht mal ansatzweise der Fall sein wird.

  6. Stefan Müller

    Was haltet ihr davon, die zuständigen Politiker und Medien dazu zu befragen? Habe das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen.

  7. Stefan Müller

    Habe heute Herrn Oppermann auf Abgeordnetenwatch folgende Frage gestellt. Man schauen, ob ich eine Antwort bekomme.
    Ob ich alles zu den 401k und IRA Verträgen richtig erklärt habe, weiß ich nicht.
    Könnte diese Frage auch noch anderen Politikern stellen.

    Guten Tag Herr Oppermann,
    ich frage mich, ob die Große Koalition noch etwas bezüglich der Altervorsorge für Gering- und Normalverdiener verbessern möchte?
    Da wir auf eine Demographische Katastrophe zusteuern, müsste jeder einfache Arbeitnehmer Kapital als zweites Standbein zu gesetzlichen Versicherung aufbauen.

    Da Riester- und Rürup extrem teuer und provisionslastig sind, dienen diese nach Presseberichten überwiegend der Versicherungswirtschaft und nicht dem Kunden. Aufgrund der Garantien sind bei fast allen Verträgen Renditen unterhalb der Inflationsrate zu erwarten.

    Ich verstehe nicht, warum nicht eine ähnliche Altersvorsorge- wie bei den 401k und IRA Depots in den USA- ermöglicht wird.
    Dort kann man bestimmte Summen in ein spezielles kostengünstiges Depot einzahlen und diese steuerfrei verwalten. Dort sind alle Anlageformen, vom Aktienfonds bis hin zur Staatsanleihe möglich. Erst bei Auszahlung aus dem Fond wird eine Steuer fällig und beim Erreichen des Rentenalters sogar steuerfrei.

    Dieses Verfahren wäre viel unbürokratischer, viel weniger provisionsträchtig und kommt im Gegensatz zu Riester und Co ohne nennenswerte staatliche Förderung aus. In den USA werden nach meine Infos bestimmte Bevölkerungsgruppen bezuschusst. Ebenso ist es möglich, den Arbeitgeber daran zu beteiligen.

    Wie steht die SPD zu dem Thema Altersvorsorge und die Anlagemöglichkeiten?

    Mit freundlichen Grüßen

  8. tim schaefertim schaefer

    Manchmal habe ich das Gefühl, die Politik ist korrupt.

    Ich denke an Helmut Kohl + Wolfgang Schäuble: Sie nahmen Schwarzgeld von dubiosen Gestalten an (mindestens ein Waffenhändler war offenbar darunter).

    Ich denke an Ex-Kanzler Gerhard Schröder + Ex-Minister Riester. Sie erhielten nach dem Ausscheiden aus der Politik Zahlungen aus der Privatwirtschaft. In meinen Augen ziemlich unmoralisch, was da geschah. Sie haben erst dem Volk „gedient“ und anschließend sich selbst. Ich sehe viele Interessenkonflikte. Praktisch alle Parteien sind betroffen.

  9. Frank / Berlin

    die ganzen staatlichen Förderungen sind irgendwie absichtlich so bürokratisch konstruiert, dass der Bürger sich die Förderung jedes Jahr aufs neue einfordern muss – über Steuererklärung oder Anträge.

    Da bekommt man das schlechte Gefühl, das der Staat darauf spekuliert, dass ein gewisser Prozentsatz der Einwohner über Jahrzehnte nicht diszipliniert genug (oder zu blöd) ist um die zustehenden Förderungen abzurufen.

    Ein Staat der gegen seine eigenen Bürger wettet …

  10. Couponschneider

    Mich verwundert es wenig, dass die unkritisch werben, schließlich ist Riester eine Erfindung des Arbeitsministeriums. Fliesenleger Riester war sogar der zuständige Bundesminister.

    Aber ich muss mich bedanken, dass du dir den Mühe gegeben hast, den Unsinn des Ministeriums genauer unter die Lupe zu nehmen, schließlich haben die meisten von uns ihr negatives Urteil über Riesterrenten schon gebildet.

    Vielleicht sollte auf Basis dieser Broschüre einen geharnischten Brief an das Ministerium verfassen und Punkt für Punkt des Unsinns widerlegen.

  11. tim schaefertim schaefer

    @ Frank / Berlin

    Ich musste nach Deiner Anmerkung an diesen armen Riester-Sparer denken, der sich in einem Kommentar beim Handelsblatt.com bitter über seine Versicherung beschwerte:

    „Hier kurz meine leidvollen Riestererfahrungen mit Signal-Iduna bzw. Hansainvest: 2002 Abschluss eines auf Fonds basierenden Riestervertrages. Eingezahlt wurde bis 2010 jeweils der Höchstförderbetrag, also insgesamt € 10.808, so dass sich einschließlich Zinsen ein Guthaben von insgesamt € 11.601,22 im Nov. 2011 zur Verrentung ergab. Darin enthalten sind keine staatlichen Prämien. Die hat es auch heute nach 10 Jahren trotz fristgerechter Antragstellung nicht gegeben. Übrigens sind die Prämienanträge für die Jahre 2005 bis 2007 verschwunden. Und die anderen Prämien kümmert sich die Zentrale Zulagenstelle für Altersvermögen seit 6 Monaten. Die Bearbeitung des Rentenantrags bei Signal-Iduna dauerte von Sept. 2011 bis zum 14.12.2011. Dann wurde eine Monatsrente von € 43,46 mitgeteilt. Diese wurde dann im Jan. auf € 30,45 vermindert, im Oktober gab es dann nur noch € 15,22 und gestern waren es für Nov. 12 € 19,66!!
    Das einzig Positive war die Auszahlung von 30 % des Guthabens im Dez.2012, aber das war ja schließlich auch nur mein Geld, was ich nur zurückbekam.
    Das alles ohne eine schriftl. oder mündl. Information. Nie mehr Signal-Iduna!!“

  12. Tino

    im letztgenannten Artikel, wird das Wort „lohnen“ verwendet. Für den einen erscheint es lohnend einen Inflationsausgleich zu erzielen, der andere möchte 3%, der nächste 8% Rendite. Was ist lohnend? Was auch vom GDV niemand sehen will, sind die starren, realitätsfremden Vertragsbedingungen, die eine Bindung von Geld über Jahrzehnte zu mickrigen Renditen beim Sparer erzwingen. Der Vorwurf, Geld in die Kassen der Versicherer zu spülen ist nicht eine Annahme, sondern Realität, billiges Geld für Investitionen, der Sparer wird mit Selters abgespeist, die Versicherer könnte prunkvolle Firmengebäude bauen und tausende Helper bezahlen. Wer sieht das nicht?

    Was mir die Sprache verschlägt ist das Argument des GDV, dass eine lebenslange Rente gezahlt wird. Das Leben ist weit länger als die Rentenzahlung. Ich habe erst wieder so einen Vertrag einer Mini-Lebensversicherung in der Hand gehabt, die auch eine Mini-Rente vorsieht, wo über eine Zinsprogression der eingezahlten Beträge tabellarisch eine tolle Rendite vorgegaukelt wird. Der Vertrag war in Details für mich schwer zu durchschauen, es werden ausser der Provision, noch diverse Zusatzversicherungen im Sterbefall direkt vom monatlichen Ansparbetrag abgezogen, in diesem Einzelfall gleich mal 1,75% für zwei Optionen, wo eine sehr unwahrscheinlich eintritt. Die Rendite ist nach 10 Jahren im Moment negativ, wenn man sich den Vertrag jetzt auszahlen lassen würde, einfach nur eine Sauerei. Gewinnbeteiligungen werden ungenau umschrieben und nicht Haupttext quantifiziert. Zwar kein Riester, aber ein typisches Beispiel für Finanzprodukte die nur zum Vorteil der Versicherungsgesellschaften gestaltet sind, den Sparer zu knebeln und würgen um billig und langfristig an Kapital zu kommen. Die Realität der Umverteilung kann klarer nicht sein. Wenn aus eingezahlten Beträgen von 11.040 EUR nach 46 Jahren eine Einmalzahlung von 17.666 EUR möglich (wenn dies 3 Monate vor Rentenantritt beantragt wurde!) oder ein monatlicher Betrag der praktisch über 20 Jahre den Betrag von oben ergibt. Was für eine Rendite würde in diesem Beispiel entstehen, die Inflation mit eingerechnet!? Für mich Fass ohne Boden, wenn man bedenkt was in 46 Jahren über einen Aktienindex entstehen könnte.

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