Wie ich 18.241,2 Prozent in 7 Jahren an der Börse machte!


New York, 25. Oktober 2011

Immer wieder machen sich Börsianer mit großem Eifer Gedanken über das richtige Market Timing. Sprich, sie suchen nach dem idealen Ein- und Ausstiegszeitpunkt. Ich halte das für eine große Zeitverschwendung. Lassen Sie es besser sein! Sie suchen nach der Nadel im Heuhaufen. Denn Sie werden niemals den idealen Punkt finden. Die Märkte lassen sich nicht exakt vorhersagen. Gier und Angst sind am Werk. Neben den Gefühlen spielen viele andere Aspekte eine Rolle, die wir gar nicht erkennen können. Ein Erdbeben, ein Terroranschlag, ein Unfall, eine Gewinnwarnung, ein Rücktritt, ein Skandal, eine Unternehmenspleite, eine Übernahme, eine große Entdeckung – so vieles passiert tagtäglich. All das kann die Stimmung der Börsianer schlagartig in eine andere Richtung lenken.
Wer versucht, den exakten Einstiegszeitpunkt zu erwischen, der macht nichts anderes, als in die Glaskugel zu blicken. Ich verfolge übrigens gerne, was Ökonomen bekannter Banken alles so in der Vergangenheit prophezeit haben. Es ist wirklich ein großer Unsinn, was da massenweise an Weissagungen produziert wird. Es ist das Papier nicht wert, auf dem es steht. Woher will jemand wissen, wo in einem Jahr der Dow-Jones-Index oder DAX exakt steht? Mark Twain sagte zu diesem ganzen Gewäsch einmal: „Vorhersagen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“
Passen Sie vor allem auf Scharlatane auf, die Ihnen atemberaubende Renditen vorgaukeln, die kaum realisierbar sind. Da behauptet jemand doch glatt: „Wie ich 18.241,2 Prozent in 7 Jahren an der Börse machte.“ Der Autor liess sich sogar per Testat von KPMG seine sagenhafte Rendite bescheinigen. Mir stach gleich die komische Nachkomma-Stelle ins Auge. Was soll diese merkwürdige Nachkomma-Stelle bitte schön bei einer solchen Monster-Zahl? Die Zahl soll uns nur vorgaukeln: Hier handelt es sich um eine exakte Messung. Trotz der Super-Rendite und all der offiziellen Testate (u.a. durch KPMG) gibt der Autor im Nachgang zu, dass seine Performance mit einem normalen Privatdepot nicht erzielbar war. Allein die Steuer blieb ja außen vor. Und die Steuer frisst nun einmal einen Gutteil der wundersamen Performance auf.
Passen Sie an der Börse auf: Es wimmelt nur so von Gaunern. Hinterfragen Sie alles. Begnügen Sie sich lieber mit einer vernünftigen Rendite (inklusiver Dividenden) von sagen wir acht oder zehn Prozent jährlich. So sind Sie auf der sicheren Seite. Vertrauen Sie auf Ihr eigenes Gespür. Im DAX und Dow Jones finden Sie derzeit massenweise solide Aktien, die derart ausgebombt sind, dass es kracht. Die Börse ist der einzige (Super-)Markt, aus dem alle Leute heraus rennen, wenn alles auf den Wühltischen liegt. Es ist verrückt!
Das Schlimme an dem Versuch der Anleger, den Markt schlagen zu wollen, ist: Es endet meist im Desaster. Denn, was im Anschluss passiert, ist das Gegenteil von dem, was wir als Anleger eigentlich anstreben: Wir kaufen teuer und verkaufen billig. Die Amerikaner haben dafür den schönen Spruch: We buy high and sell low. Nicht nur den Käufern von Aktien passiert dieser gravierende Fehler ständig. Auch Fonds-Sparer liegen haufenweise daneben. Wir kaufen am liebsten Fonds, die in der Gunst der Horde ganz oben stehen. Wer als Fondsmanager von dem Analysehaus Morningstar die meisten Sterne abräumt, der weiß, bald geht das Fondsvolumen durch die Decke, weil die Anleger hineinstürmen. Die Experten von Dalbar fanden in einer Studie heraus, dass der Durchschnitts-Fondsanleger auf Sicht von 20 Jahren nur 4,3 Prozent per annum verdienten, während der S&P-500 in dem selben Untersuchungszeitraum um 11,8 Prozent zulegte.
Vergessen Sie also das Market Timing. Es bringt nichts. Die Behavioral-Finance-Experten von Dalbar beobachten übrigens seit Urzeiten, dass wir Anleger an unseren eigenen Emotionen scheitern. Manch ein Blog-Leser mag das nicht einsehen. Ich weiß! Aber betrachten Sie doch mal die Gurus: John Templeton, George Soros, John Paulson, Warren Buffett und all die anderen großen Namen. Das sind keine Daytrader. Die Altmeister legen ihre Taler auf Sicht vieler Jahre an. Sie versuchen nicht auf die Woche oder den Tag genau, den perfekten Zeitpunkt zu finden. Die Stars beobachten langfristige Trends. So ahnte Buffett, dass der Coca-Cola-Konsum auf Sicht von Jahrzehnten wie verrückt wachsen wird. Daher stieg er 1988 bei dem Brausekonzern ein. John Paulson glaubt, dass wir vor einer riesigen Inflationswelle stehen. Daher deckte er sich vor einigen Jahren mit Goldminenaktien ein.
Buy and Hold ist aus diesem Grund die einzige Strategie, die uns mit hoher Wahrscheinlichkeit gute Renditen beschert. Wir müssen nur mit Vernunft vorgehen. Langfristig denken und handeln. Natürlich gibt es immer wieder Marktteilnehmer, die uns weismachen wollen, sie hätten die Erfolgsformel für „die schnelle Mark“ entdeckt. Ich kann Sie davor nur warnen. Schnell geht das an der Börse im Regelfall nicht. Es gibt sogar seriöse Profis, die das Market Timing für gut heißen. Ich persönlich bin extrem skeptisch. Im Nachhinein betrachtet fällt es natürlich leicht zu sagen, hätte ich damals gekauft und dann am Tag y verkauft, dann wäre ich heute reich. Aber diese Wörter „hätte“, „wäre“, „würde“ und so weiter bringen uns nicht weiter.
Conclusio: Ich halte von diesen Hin- und Her-Strategien nichts. Das Springen in den Markt und aus dem Markt macht nur den Broker reich. Der kassiert für jeden Trade eine Provision. Aber Sie verdienen zunächst einmal nichts, sondern haben nur jede Menge Kosten an der Backe.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wie ich 18.241,2 Prozent in 7 Jahren an der Börse machte!

  1. gennaro

    Hallo Tim,

    da gebe ich dir vollkommen Recht!
    Habe es selbst Jahrelang auf die schnelle versucht ohne Erfolg.
    Mann hat am Ende mehr Unkosten und Verlust als Gewinn.

    Gruß
    Gennaro

  2. Peili

    Auch ich gebe dir grundsätzlich recht. Aber die vielen persönlichen Strategien der Anleger entscheiden doch am Ende über den Verlauf einer Aktie. Einen Algorithmus für die immer gewinnbringende Anlagestrategie gibt es halt mal nicht. KGV, Buchwert, ROIC oder eben der Einstiegszeitpunkt sind ja auch alles nur subjektive Faktoren für die Kauf/Verkaufs – Entscheidung. Ich halte allerdings sehr viel von deinen Blogeinträgen. Geduld, Optimismus, solide Dividendentitel oder der Buchwert eines Unternehmens gehören auch zu meinen bevorzugten Anlagestrategien. Und wir müssen doch froh sein, dass es immer noch so viele von den „Zittrigen“ gibt, die meinen Sie kennen den optimal Zeitpunkt. Angebot trifft Nachfrage 🙂

  3. tim schaefertim schaefer

    Hi Peili,

    klar müssen wir hoffen. Hoffen, dass sich unsere Firmen gut entwickeln. Also schöne Ergebnisse schreiben und prächtige Dividenden auskehren.

    Zudem müssen wir darauf bauen, dass der Rest der Anleger die guten Zahlenwerke würdigt. Und zwar mit einem steigenden Kurs natürlich.

    Ob beide Hürden genommen werden, steht in der Tat nicht in unserer Macht am Ende des Tages.

    Danke für diesen kritischen Zusatz!
    Beste Grüße
    Tim

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