Wer alles Interesse an einem aktiven Aktienhandel hat


New York, 4. Mai 2013

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Aua. Ich habe im linken Fuss einen kleinen Muskelfaserriß. Das ist ein komisches Gefühl. Im Fitnessstudio hatte ich mit der Beinpresse zu schwere Gewichte gestemmt. Danach bin ich eine längere Strecke gelaufen. Autsch. Jetzt zittert der Muskel ein wenig, wenn ich das Bein belaste. Das wird vorüber gehen.
So komisch (wie mein Bein) muss sich ein Anleger fühlen, der der Börse vor lauter Ängsten den Rücken zugekehrt hat. Das flüssige Vermögen auf dem Sparbuch oder Girokonto zu bunkern ist die reinste Verschwendung. Die Inflation nagt unentwegt an dem Cash.
Glücklich sind Aktionäre. Der Dow-Jones-Index und der S&P-500 marschieren ständig auf neue Rekordhöhen. Es ist wie im Rausch. Unglaublich.
Noch vor vier Jahren lag Amerika am Boden. Panik, Bankenpleiten, Massenentlassungen, Privatinsolvenzen bestimmten seinerzeit die Nachrichten. Wer hätte gedacht, dass so schnell die Erholung kommt? Kaum jemand.
Es zeigt sich einmal mehr: Optimistische Buy-and-Hold-Anleger sind die wahren Gewinner an der Börse. Wer dagegen rein und raus aus dem Markt springt, der kann super Tage wie den gestrigen einfach versäumen.
Wer verdient am Trading? Gut, es sind ein paar wenige smarte Trader. Wer verdient noch? Es sind die Banken und Discountbroker. Die verdienen dank der vielen Orders akkumuliert flotte Gebühren (das ist ihr gutes Recht). Die Börse verdient, der Handelsplatz kassiert nämlich mit.
Ein Nutznießer an der hohen Liquidität sind die Eigenhandelsabteilungen der Banken. Die Bankprofis verfügen über einen exzellenten Einblick in die Orderstrukturen und Deals (sie sind wahre Insider). An den meisten Tagen wirft der Eigenhandel der Banken prächtige Gewinne ab.
Außerdem verdienen die meisten Hochfrequenzhändler in den USA mächtige Summen.
Aber der durchschnittliche Privatanleger verliert mit dem Trading Geld, das zeigen Studien ganz klar.
Gerne wird „Buy and Hold“ als altmodisch kritisiert, es sei nicht mehr zeitgemäß, wird behauptet. Anleger müssten heutzutage am Ball bleiben. Die Welt ändere sich schneller als jemals zuvor, der technologische Wandel usw. – das sind Argumente für das aktive Drehen des Depots. „Dieses Mal ist alles anders“ ist ein weiteres schönes Argument für das Trading. Wenn Sie das Zitat „Dieses Mal ist alles anders“ hören, sollten Sie vorsichtig werden.
Denken Sie mal nach, wer alles „Buy und Hold“-Anleger sind? Ein Musterbeispiel ist Warren Buffett. Gut. Die Story kennt jeder.
Wer noch? All die Gründer sollten Sie nicht vergessen. Bill Gates, Steve Jobs, Larry Page, Sergey Brin (beide Google), Jeff Bezos (Amazon), die Walton-Familie (Wal-Mart), Larry Ellison (Oracle)…
Die sind alle reich durch „Kaufen und Liegenlassen“ geworden. Keiner dieser Milliardäre ist mit dem Trading ihrer Aktien vermögend geworden.
Bei privat gehaltenen Firmen ist der Reichtum ebenfalls durch eine unglaubliche Geduld entstanden. Denken Sie an die Albrecht-Familie (Aldi), Dieter Schwarz (Lidl), Michael Bloomberg (Börsendatenimperium), Michele Ferrero (Schokolade), John Mars (Süssigkeiten), Lakshmi Mittal (Stahl). Wenn diese Reichen bei jeder kleinen Sorge ihre Aktien verkauft hätten, dann wären die ziemlich arm geblieben. Mit einer „Stop-Loss-Order“ wäre auf einmal das Familienerbe weg gewesen.
Übrigens sollten wir Langfristanleger froh um jeden Trader sein. Sie sorgen für einen sehr liquiden Markt, das schafft weitgehend faire Preise.
Mein Fazit: Schnell reich werden zu können ist ein unrealistischer Traum. Mut, Geduld, Visionen sind an der Börse wichtig. Bei Börsenkrisen auszusteigen ist ein großer Fehler.
PS: Schauen Sie in meinen Youtube-Kanal rein, ich habe etliche Videos zum Thema „Buy and Hold“ aufgenommen.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wer alles Interesse an einem aktiven Aktienhandel hat

  1. stevoxx

    Mit Verlaub Tim, diesem Satz kann ich aber nicht zustimmen: „Noch vor vier Jahren lag Amerika am Boden. Panik, Bankenpleiten, Massenentlassungen, Privatinsolvenzen bestimmten seinerzeit die Nachrichten. Wer hätte gedacht, dass so schnell die Erholung kommt? Kaum jemand.“

    Ich stimme dir in sehr vielen deiner Ansichten zu, aber hier kann ich nur den Kopf schütteln. Welche Erholung? Auf den Aktienmärkten vielleicht ja, aber Realwirtschaft und Börse driften immer mehr auseinander.

  2. Jan

    @ stevoxx:
    Hallo,
    ich verstehe diese Haltung nicht so ganz, lese es aber immer wieder, dass die Zeiten so schlecht sind usw. ich muss zugeben ich kenne die Situation nicht so genau, aber ähnliche Kommentare waren gestern auch unter dem Artikel auf Tagesschau.de zum höchsten DAX-Stand aller Zeiten. Ist es nicht so, dass wir wirklich eine geringe Arbeitslosenquote haben und viele Unternehmen absolute Rekordgewinne einfahren?
    Natürlich ist die Börse nicht immer effizient (meine Meinung) aber irgendwo wäre es komisch wenn bei diesen Gewinnen die Aktienkurse viel tiefer ständen.
    Gerne lasse ich mich vom Gegenteil überzeugen, aber ich denke die Zahlen von VW, BASF oder anderen sprechen für sich. Die Gewinne liegen über den Niveaus von vor der Krise, da ist es in meinen Augen nur logisch, wenn auch die Kurse über dem Vorkrisenniveau liegen.

  3. StefanStefan

    Die jüngste Rallye dürfte wohl hauptsächlich liquiditätsgetrieben sein. Die EZB hat gerade wieder die Zinsen gesenkt. Außerdem mangelt es an Alternativen für die Geldanlage. Da bleiben nur noch Aktien.

    Zu buy annd hold: ich bin auch davon überzeugt, dass diese Methode mit am besten ist. Mein Problem ist nur, dass eben zu wenig Geld nachkommt, so dass ich neue Positionen nur langsam aufbauen kann. Da nimmt man schon gerne mal einen schönen Gewinn mit und investiert ihn in eine neue (unterbewertete) Aktie.

    Dass buy and hold tot ist glaube ich auch nicht. Ulrich vom valueblog hat gerade sehr gut den Unterschied erklärt zwischen Investitionen und Spekulationen. Nur erstere hat Kostolany gemeint mit seiner Schlaftabletten-These. Für buy and hold braucht man die richtigen Aktien. Und da ist man schnell bei den typischen Buffett Titeln die einen großen Wettbewerbsvorteil haben und den auch lange halten können. Eine Lufthansa z.B. ist sicher nicht für buy and hold geeignet.

    Diesen Unterschied verstehen die Deutschen eben nicht sondern scheren alle Aktien über einen Kamm als Glücksspiel.

    Die von dir erwähnten Reichen sind alle Unternehmer und Gründer ihrer Firmen. Das ist natürlich ein Unterschied ob man von Anfang an dabei ist und riesige Stückzahlen an Aktien am eigenen Unternehmen hält, oder ob man erst jetzt ein paar Aktien kauft. Der Reichtum ist da schon längst gelaufen…

    Ansonsten traue ich den USA eine schnellere Erholung zu als uns Europäern. Bei uns ist alles zu verkrustet und zu langatmig. Mit Frankreich steht der nächste Problemkandidat schon bereit…

  4. Martin

    Die Gewinne sind gestiegen, aber vor allen Dingen ist die Bewertung jetzt höher. Der Dax wird also immer teurer.
    Da konnten die Gewinne nicht mithalten. Wobei Gewinne auch nur nominal sind, interessant ist es sich z.B. auch anzuschauen ob BASF auch mehr Chemikalien, Nestle mehr Kaffee und Schokolade etc. verkaufen.
    Ein Teil sind eben auch nur gestiegene Preise. Die FED und andere Zentralbanken schieben die Märkte da ziemlich an.
    Immerhin sind die Preise fürs Traden in den letzten Jahren günstiger geworden. Das Internet und günstigere IT halten die Kosten gering.
    Wegen dieser „Insider“ setze ich keine Stop-Loss Orders, sondern mache das von Hand. Wäre auch interessiert sowas zu programmieren, aber dazu fehlt mir das Wissen momentan. Würde mich ärgern, wenn „Profis“ einen gezielt ausstoppen um davon zu profitieren.
    Gute Besserung!

  5. tim schaefertim schaefer

    @ stevoxx
    Ich sprach die Erholung an den Aktienmärkten in den USA an.

    In der Tat ist die Erholung noch nicht in diesem Maße in der breiten Bevölkerung angekommen. Die Arbeitslosigkeit ist noch hoch mit 7,5% in den USA.

    Die realen Gehaltszuwächse des „normalen Arbeitnehmers“ sind seit Jahren lausig.
    Innerhalb der Bevölkerung gibt es enorme Verschiebungen: Die Reichen werden reicher,die Armen ärmer.

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Martin
    Danke. Das mit dem Bein wird besser.

    Du sprichst es an: Die hohe Aktivität der Trader gepaart mit der Volatilität – das nutzen die Profis aus. Hedgefonds. Leute wie George Soros, Carl Icahn, David Einhorn, Carlos Slim, Bill Ackman und wie sie alle heißen.

    Die haben viel bessere Informationsquelle. Sie können einen starken Absturz zum billigen Einstieg nutzen. Wir Privatanleger haben da so unsere Probleme mit dieser Strategie…wir Privaten lieben es oben zu kaufen und unten auszusteigen.

  7. Kayo

    Hallo Tim,

    na das macht man doch auch nicht, erst schwere Gewichte stemmen und dann noch joggen. Eher anders herum.

    Da warst du wohl überaktiv, wie du es an der Börse ja zum Glück nicht bist 😉

    Gute Besserung !

  8. tim schaefertim schaefer

    @ Kayo

    oh ja, stimmt. Da habe ich im Fitnessstudio übertrieben. Zu viel Aktivität kann eben schaden. Übermut tut selten gut.
    VG
    Tim

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