Wenn sich der Experte irrt


New York, 12. Juni 2013

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Vorsicht vor „Experten“ oder Volkswirten. Je bekannter sie sind, desto mehr Unsinn reden sie. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Ich lese gerne alte Prognosen. Ich gehe viele Jahre zurück, schaue nach, was sie damals alles so von sich gaben. Durch das Internet ist es einfach geworden. Den Gang in die Bibliothek kann ich mir sparen. Die Fussabdrücke der „Experten“ sind schnell im Netz auffindbar.
Ich schaue mir tagelang den Kram an. Kursziele, Dollar-Euro-Prognosen, DAX-Wahrsagereien. Es ist so unglaublich, was da für ein sinnloses Zeug verbreitet wird.
Sie müssen wissen: Falsch zu liegen, ändert nichts an deren Gehalt. Es gehört bei den „Experten“ zum Alltagsgeschäft, Fehler zu machen. Es gibt keine andere Branche, in der ständig neue Fehlgriffe so üppig vergütet werden. Am liebsten sind mir jene Fachleute, die zugeben, dass sie etwas nicht wissen bzw. einschätzen können. Kein Mensch kennt die Zukunft, aber die meisten Fachleute tun so, als ob sie alles wüssten.
Die höchste Achtung habe ich vor denen, die Fehler zugeben und offen darüber sprechen.
Im März 2009 warnte die Deutsche Bank vor einem dramatischen Einbruch der deutschen Wirtschaft. Gut, die Bank hatte Recht, die Wirtschaft schrumpfte. Aber es handelte sich um eine der besten Phasen innerhalb eines Jahrhunderts, um Aktien billig einzusammeln. Vier Jahre lang rannte danach die Börse nach oben. Bis heute. Es handelte sich um eine der phänomenalsten und längsten Rallys, die wir je erlebt haben.
Das „Manager Magazin“ sinnierte im Februar 2009 in einem riesigen Artikel kritisch über die Börse. Im Rückblick klingt es ziemlich merkwürdig, was der Journalist von sich gab:
„Die alten Regeln gelten nicht mehr: Alles, was Anlegern in den vergangenen Jahren Halt und Orientierung gegeben hat, scheint außer Kraft gesetzt. Zum Beispiel das Mantra, dass man Schwankungen am besten aussitzt und sich am Ende über eine schöne Langfristrendite freut. Dass die US-Notenbank uns rettet, wenn es mal brenzlig wird. Dass diejenigen die höchsten Renditen erzielen, die Mut zeigen, wenn andere sich fürchten. All das ist Geschichte.“
Da hat sich der Autor ziemlich in die Nesseln gesetzt. Nichts ist anders. Die alten Regeln gelten nach wie vor. Die höchsten Renditen erzielt natürlich, wer nicht die Nerven in solchen Phasen verliert. Verrückte Schwankungen auszusitzen, zahlt sich natürlich aus. Es bot sich damals eine einmalige Chance. Unglaublich, wie wir Menschen die Situation derart falsch einschätzen können.
Ich muss den Autor allerdings in einem Punkt in Schutz nehmen, das perfekte Timing bekommt niemand hin. Nur Jahrhunderte alte Börsenregeln in Frage zu stellen, das war ein großer Fehler.
Warren Buffett riet während des Crashs, im Oktober 2008, zum Aktienkauf. Danach sausten die Kurse weitere sechs Monate in den Keller, bevor sie schließlich begannen, wie verrückt zu steigen.
Was lernen wir daraus? Gegen den Strom zu schwimmen, zahlt sich aus. Anders ausgedrückt: Werden Sie vorsichtig, wenn alle euphorisch sind. Werden Sie optimistisch, wenn alle um Sie herum ängstlich, pessimistisch sind.
Hören Sie niemals auf nur einen „Experten“. Lesen sie viele Quellen. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung. Recherchieren Sie viel. Vermeiden Sie es, der Herde zu folgen. Ich weiß, das ist einfacher gesagt, als getan.
Eines ist klar: Wenn die Börse dramatisch eingebrochen ist, macht es Sinn, gute Firmen abzustauben. Das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand. Wenn dagegen die Börse vier oder fünf Jahre lang nach oben marschiert, von einem Rekord zum nächsten jagt, sagt mir der gesunde Menschenverstand: Werde besser etwas vorsichtiger. So einfach ist das.
Sie brauchen ferner Durchhaltevermögen. Und Sie sollten in der Lage sein, Modethemen zu meiden.
Sie müssen kein Genie sein, um gute Renditen an der Börse zu erzielen. Ein klarer Verstand und eine natürliche Skepsis, das sind die besten Voraussetzungen für Ihren Börsenerfolg.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wenn sich der Experte irrt

  1. Thomas

    Das gilt allerdings nicht für alle Aktienmärkte. Es gibt genügend die schlecht performt haben und tiefer stehen als 2008/2009. Das wird mir irgendwie zu oft vergessen hier.

  2. Martin

    Ich kaufe ganz gerne noch billiger als die Value Investoren. Also wenn Buffett kauft und der Kurs geht runter, schaue ich mir das an und kaufe sowas gerne. Buffett liegt bisher selten daneben. Auch bei z.B. Münchener Rück konnte man billiger rein. Zudem verkaufen Value Investoren auch nicht zwanghaft mit Stop Loss wodurch solche Werte auch nicht so stark einbrechen. Das habe ich daraus gelernt.

  3. Felix

    Im Nachhinein muss man der deutschen Politik fast dankbar für die Einführung der Kapitalertragssteuer auf Kursgewinne sein. Nicht deswegen, weil sie diese Steuer eingeführt hat, sondern für den Zeitpunkt der Einführung, nämlich zum 01.01.2009.
    Ich habe damals – mit erheblichen Bauchschmerzen – in Aktien investieren, um eben auf die bis dahin getätigten Investitionen keine Steuern auf zukünftige Kursgewinne zahlen zu müssen. Und was soll ich sagen: Es war einer der besten Zeitpunkte meiner Börsenkarriere, um sich mit Aktien einzudecken. Ich habe diese Aktien noch alle und bin mit einigen mit mehr als 100 % im Plus und das steuerfrei. Von der teilweise zweistelligen Dividendenrendite ganz zu schweigen.
    Wäre die Steuer nicht gekommen, hätte ich zu diesem Zeitpunkt als das Weltfinanzsytem am Abgrund stand (damals hatte ich diesen Eindruck) nicht so beherzt zugegriffen, wenn auch damals mit erheblichen Bauchschmerzen.
    Fazit: es lohnt sich tatsächlich im Crash zu kaufen, aber es ist alles andere als einfach mit seinem sauer verdienten Geld einzusteigen, wenn gerade die Fetzen fliegen und Blut fließt. Wer das kann, hat bislang immer profitiert, wie ein Blick auf die Langfristcharts von DAX und Dow zeigt.
    Deshalb halte ich mehr derzeit auch mit Aktienkäufen zurück, weil ich davon ausgehe, früher oder später zu deutlich günstigeren Preisen einkaufen zu können.

  4. tim schaefertim schaefer

    @ Thomas
    Ich schreibe hier im Blog über den US-Markt und die deutsche Börse (am Rande). An welche Länder denkst Du? Die meisten Börsen haben sich ganz gut in den vier Jahren seit dem Tief erholt.

    @ Martin
    Ja, man kann Gurus wie Buffett oder Soros gut kopieren.

    @ Felix
    Gratulation zum guten Timing.

    Was ich oft erlebe: Die Menschen informieren sich nicht ausreichend, sie lesen zu wenig. Viele gehen an die Börse mit einer falschen Vorstellung. Sie sind fasziniert davon, schnell den großen Reibach machen zu können, was natürlich Unfug ist. Es ist ein Traum. Ohne Kenntnisse kann niemand viel Geld an der Börse machen, eher endet so ein Ausflug im Desaster. Aber leider gibt so viele, die meinen, sie sind in einem riesigen Kasino. Das Geld liegt nicht auf der Straße. Es ist ein langer, mühsamer Weg. Fundamental gute Firmen und viel Geduld sind nötig. Der Traum, schnell reich zu werden, ist eigentlich idiotisch.

    Du hast Dich vorbildlich verhalten. Du hast Dich umfassend informiert. Du hast solide Dividendentitel während des Crashs gekauft und hast seither Geduld gehabt. Super.

  5. StefanStefan

    Allerdings kommt es recht selten vor, dass man Titel günstiger bekommt als Warren Buffett. Bei der Münchner Rück war das aber tatsächlich der Fall. Habe die auch günstiger als Warren eingekauft.

    Das mit dem Kopieren der Stars ist allerdings so eine Sache. Die können auch heftig daneben liegen. Seth Klarman z.B. mit HP. Da liessen sich jetzt etliche Beispiele finden. Bill Miller…
    Wie viele haben vor dem Zusammenbruch noch Freddie und Fannie gekauft?

    Ich habe letztes Jahr auch mal einen Zock gewagt weil der Vermögensverwalter von Bill Gates -weiss jetzt den Namen nicht mehr- Diamond Foods gekauft hat. Hab es ihm nachgemacht und es war ein Desaster. Hab recht schnell die Reissleine gezogen.

    Soros eignet sich schon deshalb nicht zur Nachahmung weil er Unmengen an verschiedenen Titeln kauft. Kommt mir bei ihm so vor als würde er mit der Schrotflinte auf nen Kurszettel schiessen und dann alle Titel kaufen die getroffen wurden…

    Buffett liegt wirklich am meisten richtig. Glaube gelesen zu haben, dass 9 von 10 Titeln die er auswählt gut laufen… mir fällt auch immer wieder auf, dass er die entscheidenden Fehler vermeidet. Er kauft eben keine Citigroup, Freddie, Fannie, Enron, AIG, Worldcom usw, usw.

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