Was wir fünf Jahre nach der Krise gelernt haben


New York, 21. Januar 2013

2007 und 2008 floß Blut in den Straßen. Am 15. September 2008 meldete Lehman Brothers Konkurs an. Panik brach aus. Das Vertrauen der weltgrößten Banken untereinander war im Eimer. Auf die Finanzkrise vor fünf Jahren folgte eine heftige Weltwirtschaftskrise.
Langsam kommen wir aus dem Loch herausgekrochen. Die Arbeitslosigkeit sinkt, der US-Immobilienmarkt stabilisiert sich. Die Hoffnung nimmt zu, die Börsen klettern.
Nun boomen die Weltbörsen wieder. Der S&P-500-Index befindet sich auf einem Fünf-Jahres-Hoch. Das Allzeithoch ist nicht mehr fern.
Welche Schlüsse können wir fünf Jahre nach der Krise ziehen?
Nun die Banken haben sich egoistisch verhalten, sie ließen sich von Gier treiben. Sie haben institutionellen Kunden Giftpapiere (strukturierte Hypothekenanteile sogenannte CDOs) angedreht, obwohl sie wussten, dass die Produkte nur Schrott wert waren. US-Banken haben millionenfach Familien gesetzeswidrig aus ihren Häusern getrieben. Sie haben die Zwangsvollstreckung eingeleitet, obwohl sie es in vielen Fällen gar nicht durften. Sie manipulierten munter zum eigenen Vorteil jahrelang den Libor-Zinssatz. Bankvorstände kassierten irre Rekordgehälter. Sie dachten, sie stehen über dem Gesetz. Mit Millionenspenden an die politischen Parteien erkauften sie sich Einfluss im Parlament und in den Ministerien. Der Einfluss war durch den Lobbyismus enorm in Washington, London, Berlin.
Die Bankenaufsicht hat weltweit grandios versagt, Regierungen haben gepennt, die Zentralbanken ebenso. In den Ratingagenturen herrschten Interessenkonflikte. Es gab gegen Geld tolle Ratings. Schrottpapiere stuften die Agenturen mit Bestnoten ein.
Was lernen wir aus alledem? Sie können sich im Markt auf niemanden verlassen. Wirklich niemanden. Jeder kocht sein eigenes Süppchen.
Erstaunlich daran ist: Trotz des verdammten Massenbetrugs (Liborzins, CDOs, Zwangsvollstreckungen), totz der Lügen und Schwindeleien geht die Börse rauf. Die Börse läuft und läuft. Alles wird gut. Rückschläge gehören selbstverständlich dazu.
Ich möchte in meinem heutigen Blogeintrag ein paar Schlüsse ziehen: Fünf Jahre nach Crash mitsamt Chaos, was lernen wir als Börsianer daraus? Ich habe sieben Punkte zusammengestellt.
1. Buy and hold funktioniert
Wer in der Krise an seinen Qualitätsaktien festhielt, der ist wieder auf Vorkrisenniveau. Das zeigt, dass Kaufen und Liegenlassen funktioniert.
2. Es schadet auf Crashpropheten zu hören
Es bringt nichts, auf all das Krisengerede zu hören. Es schadet eher, als es uns nutzt. Darüber habe ich in diesem Blog schon geschrieben. Niemand kennt exakt die Zukunft. Nicht mal der schlauste Guru oder Milliardär. Wir wissen nur aus der Erfahrung: Die Börse erholt sich immer wieder. Das macht die Wall Street seit mehr als einem Jahrhundert. Wer Rat braucht, für den gilt: Am besten hören Sie auf Börsenaltmeister wie Warren Buffett oder John Bogle. Bogle und Buffett gehen vorsichtig mit ihrem Rat um. Sie sind weise genug, auf dem Höhepunkt der Krise keine Angst zu verbreiten, sondern Mut zu machen.
3. Optimismus zahlt sich aus
Seien Sie zuversichtlich. Wer exzellente, hochsolide Aktien besitzt, sollte sich keine Sorgen machen.
4. Dividendenzahler sind der Knüller
Kaufen Sie nur Aktien von Firmen, die Sie kennen bzw. verstehen. Legen Sie nur Aktien von hoher Güte in ihr Depot. Das bedeutet, die Unternehmen sollen Umsatz, Gewinn, Cashflow und Dividende im Idealfall seit mindestens 20 Jahren steigern.
5. Kaufen Sie billig
Es ist natürlich ratsam, Aktien günstig zu kaufen. Am besten, wenn die Börse generell korrigiert, ein Kurs abgeschmiert ist oder ein Titel gerade einen Boden nach einem Absturz ausgebildet hat.
6. Vergessen Sie die täglichen Kursschwankungen
Wer Qualitätsaktien besitzt, braucht nicht jeden Tag, die Kurse abzufragen. Das bringt nichts. Das macht Sie nur nervös. Am besten lassen Sie die Dividendentitel (ausgewählt nach den Kriterien aus Schritt 4) Jahrzehnte in Ihrem Depot liegen. In meinem Depot sind exakt die Aktien, die ich am längsten besitze, die besten. Das kann kein Zufall sein. Vergessen Sie das Traden. Das macht nur das Finanzamt und die Bank reich, nicht jedoch Sie.
7. Je größer die Unsicherheit, desto besser der Kaufzeitpunkt
Wenn die Nerven blank liegen, das Blut in den Straßen fließt, ist der beste Zeitpunkt gekommen, um einzusteigen. Voriges Jahr stand Griechenland kurz vor dem Kollaps, der Austritt aus dem Euro-System war angeblich nicht mehr abwendbar. Doch die Athener Börse schoss um 34 Prozent in die Höhe. Das war mehr als das Doppelte, was der S&P-500-Index, mehr als Frankreich, die Schweiz und die meisten anderen Länder schafften.
Was haben Sie lieber Leser eigentlich gelernt nach dieser verdammten Krise? Sind Sie nach diesen fünf Jahren schlauer als vorher?


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Was wir fünf Jahre nach der Krise gelernt haben

  1. Finanzielle Freiheit mit Dividenden Blog

    Ich kann das nur bestätigen Tim. Qualitativ hochwertige Aktien mit einer langen Dividendenhistory seit über 20 Jahren Dividendensteigerungen sind die besten Anlagemöglichkeiten.

    Diese US Dividenden Aristokraten habe ich in einer Liste zusammengestellt und werde diese nach und nach dieses Jahr für mein Dividenden Depot kaufen.

    http://finanzielle-freiheit-dividende-blog.de/usa_dividenden_aristokraten/

    Sogar Prof. Otte empfiehlt Value Aktien.

  2. Peter

    Leider sind bei mir die Aktien, die ich am längsten besitze, unter den schlechtesten: RWE und Telefonica. Beide galten als zuverlässige Dividendenzahler, als richtige Witwen- und Waisenpapiere… Ich habe zum falschen Zeitpunkt gekauft, und ausserdem sind es halt doch nur mittelmässige Unternehmen…

  3. Sebastian

    Wenn die Panik grassiert,
    wenn das Erste einen Brennpunkt zum Börsencrash sendet,
    wenn der SPIEGEL uns erklärt, warum die Welt ökonomisch kollabiert,
    dann decke ich mich zu günstigen Preisen mit ausgezeichneten Unternehmen ein. Eine schöne Zeit für Investoren mit langfristigem Anlagehorizont.
    Irgendwann ist der Spuk nämlich vorbei und die Gewinne sprudeln wieder….
    Je mieser die Stimmung, desto stärker der Aufschwung.

  4. Jack

    Meine Erfahrungen mit der Finanzkrise:

    Ich habe meine ersten Börsenerfahrungen im August 2008 (mit 18, mit den ersten Sparraten/ Gehalt) gemacht
    Ich habe also meine ersten Schritte an der Börse mit Beginn der Finanzkrise gemacht und wertvolle Erfahrungen für zukünftige Börsenkrisen gesammelt.

    Im Nachhinein, war die Finanzkrise das beste was mir passieren konnte! Ich habe meine Strategie und mein Depot gefunden, dass zu mir passt. Es hätte unter anderen Bedingung vllt. anders ausgesehen.

    Daher ist meine wichtigste Erkenntnis aus der Finanzkrise:
    In jeder Krise steckt eine Chance 😉

    Zukünftige Börsencrash werde ich entspannt angehen und die Chance nutzen um weitere ETF Anteile für mein Langfrist Depot einzukaufen.

  5. finanziell umdenken

    Hi Tim,

    schöne Zusammenfassung!

    Persönlich habe ich gelernt, dass man bei weltweiten Bärenmärkten noch wesentlich beherzter bei guten Dividenden-Aktien zugreifen sollte. Das habe ich zwar zum Jahreswechsel 2008/2009 gemacht, aber viel zu zaghaft.

    Die Historie hat gezeigt, Bärenmärkte dauern 1- maximal 3 Jahren. Anschließend steigen die Kurse meist richtig heftig. Hinzu kommt ein üppiger Dividendenstrom, da man wegen des günstigen Preises besonders viele Aktien oder ETF-Anteile hinzugekauft hat.

    VG
    Lars

  6. Keek

    An dem (sehr guten) Artikel und Euren Kommentaren sieht man derzeitiges Problem: Wir haben, was die Kurse betrifft, das Gegenteil einer Krise: Ich traue mich einfach nicht mehr in den Markt. Insofern wünsche mir mehrere deutliche Rückschläge, sie sollen natürlich nicht durch Kriege (Mali?) oder Terroranschläge verursacht werden…

  7. tim schaefertim schaefer

    @ finanzielle-freiheit-dividende-blog.de
    Stimmt. Ein weiterer Vorteil: Das Risiko ist bei den Dividenden-Aristokraten gering.

    @ Peter
    Schlechte Werte hat jeder. Selbst die Gurus. Niemand ist perfekt. Die wenigsten geben Fehler zu. Ich gratuliere zu der Offenheit! Winston Churchill sagte mal: „Es ist ein großer Vorteil im Leben, die Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst früh zu begehen.“ Aber wie gesagt, Legenden machen im hohen Alter Fehler. George Soros kaufte kurz vor der Pleite massiv Aktien von Lehman Brothers zu.

    @ Sebastian
    Das sehe ich genauso.

    @ Jack
    Gratulation.

    @ Lars
    Ging mir genauso. Den Mut haben wohl die wenigsten, auf dem Hoch der Panik/Krise volle Kanne zu kaufen.

    @ Keek
    Das richtige Timen ist ein Problem. Ich finde: Unternehmen, die massiv eigene Aktien aufkaufen, sind auch nahe des Allzeithochs der Wall Street einen Blick wert.

  8. Matthäus Piksa

    @Tim

    Hallo,

    zu der von dir angesprochenen Weltwirtschaftskrise:

    Ich habe in den vergangenen Wochen ein wenig den israelischen Wahlkampf beobachtet. Hierzu las ich einige Artikel der Online-Ausgabe der Haaretz, einer gesellschaftspolitisch tendenziell links orientierten israelischen Tageszeitung.

    Verlinken möchte ich jedoch diesen Spiegel-Artikel,
    in dem schon in der Einleitung das drängendste Problem der Israelis angesprochen wird: die Wirtschaftskrise hat das Land fest im Griff.

    Steigende Mieten, steigende Preise bei gleichzeitig stagnierenden oder sinkenden Löhnen beschäftigen die meisten Israelis vordergründig. Und nicht wie man meinen könnte der Konflikt mit dem Iran oder das schwierige Zusammenleben mit den Palästinensern.

    Das Israel also auch eine Wirtschaftskrise hat, wie derzeit viele Länder, ist aber höchstens ein schwacher Trost wie ich finde.

    Gelernt habe ich aus dieser verdammten Krise zum gegenwärtigen Zeitpunkt, dass man sich Sachverhalte aus unterschiedlichen Blickwinkeln anschauen sollte. Ich lese schon seit einiger Zeit Auslandszeitungen, meistens die Online-Ausgaben, da in unserer Universitätsbibliothek hier in Trier nur wenige Auslands-Print-Zeitungen ausliegen.

    Gruß Matthäus

  9. Matthäus Piksa

    Ich habe in der Welt heute einen interessanten Artikel gelesen, der den beliebten Vergleich der Krisenzeiten von 1929+ mit derjenigen Japans seit 1989+ und dem Auf und Ab des S&P 500, stellvertretend für die westlichen Indizes, seit 2000+ thematisiert.

    Hier ist der Online-Link dazu.

    Wenn man etwas runterscrollt wird ein Chartvergleich angezeigt.

  10. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus
    Danke für den Chart. Zum Glück haben Politiker und Zentralbanker dazugelernt nach dem Chaos in den 1920er Jahren.

    Sie haben die Welt mit billigem Geld überflutet, Konzerne vor dem Aus bewahrt (GM, Chrysler, AIG, Goldman Sachs etc.). Sie haben für Vertrauen gesorgt. Hinzu kamen Steuersenkungen sowie massive Staatsinvestitionen.

  11. Matthäus Piksa

    @Tim

    Das sehe ich genauso! Ich will nicht wissen wo wir ohne all die Maßnahmen wären. Man muss Politiker auch mal loben.

    Meiner Meinung nach sollten mehr europäische Länder der Euro-Gemeinschaftswährung beitreten.

    Ich meine hier die osteuropäischen Länder, die skandinavischen Länder und last but not least UK. Leider sind gerade letztere immerzu europaskeptisch gestimmt und vergessen dabei, dass der „alte Kontinent“ wie George Bush ihn einst nannte, umso stärker ist, je mehr Länder mitmachen, auch und gerade beim Euro, und die Integration vorantreiben. Ein Zurückrudern in nationale Egoismen ist kontraproduktiv.

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