Was ist die bessere Strategie: Trading versus Geduldsspiel?


New York, 22. Februar 2012

Heute gab eine Schweizer Beteiligungsfirma bekannt, der Kölner Neugründung Stockpulse finanziell unter die Arme greifen zu wollen. Die Geschäftsidee klingt spannend: Stockpulse wertet bis zu 100.000 Nachrichten täglich im Internet aus, um mit den Daten Kursbewegungen von 6.000 Aktien voraussagen zu können. Stockpulse bezeichnet sich als einen „unabhängigen Navigator für den Aktienmarkt“. Je nach Stimmungslage in den sozialen Medien ermittelt der Novize Tradingstrategien.
Funktioniert ein solches Modell? Wenn Sie mich fragen, halte ich von solchen Web-Analysen nicht viel. Eigentlich, um ehrlich zu sein, halte ich gar nichts davon. Es kann Zufall sein, wenn plötzlich massenhaft über ein bestimmtes Unternehmen im Internet diskutiert wird. Daraus dann Schlüsse zu ziehen, gleicht dem Blick in die Glaskugel. Ich ziehe eine fundierte Wertpapieranalyse gegenüber solchen Trend-Methoden vor. Das ist meine persönliche Einstellung dazu. Ich gebe zu, dass ich mir die Methoden von Stockpulse nicht im Detail angeschaut habe. Insofern fällt mein Urteil zugegebenermaßen einseitig aus.
Mag sein, dass es Hedgefonds gibt, die solche innovativen Modelle einsetzen. Skeptisch bin ich aus eigener Erfahrung, die gewiss sehr subjektiv begründet ist. Ich habe schon etliche Leute in New York kennengelernt, die dachten, sie hätten die Formel für den schnellen Reichtum an der Börse entdeckt. Ein Trader, der über Jahre hinweg eine Software mit automatisierten Handelssignalen entwickelt hat, gab plötzlich auf. Ein anderer mir bekannter Trader, der bei einem bekannten Fonds gearbeitet hatte, setzte das ihm anvertraute Geld gemeinsam mit Kollegen in den Sand. Jetzt betreibt er ein großes Restaurant in Manhattan – wohlgemerkt äußerst erfolgreich. Beide Trader sind hochintelligent – keine Frage, aber das Trading zahlte sich nicht aus.
Mit Blick auf die aktiven Fondsmanager gilt: 70 bis 80 Prozent schaffen es nicht, nach Kosten besser als ihre Benchmark (Index) abzuschneiden. Da frage ich mich als Anleger, warum soll ich einem „Fonds-Profi“ mein Geld anvertrauen, wenn dessen Rendite nicht wenigstens mit dem Markt mithalten kann? Warum soll ich dafür Gebühren bezahlen? Es gibt diese Profis massenhaft an der Wall Street und anderswo, die meinen, die Erfolgsformel gefunden zu haben, obwohl das bei genauer Betrachtung gar nicht der Fall ist. Natürlich gibt es exzellente Fondsmanager, die sind jedoch in der Minderheit. Und die zu finden, ist nicht einfach, weil die Performance in der Vergangenheit keine Garantie für die Zukunft ist.
Es ist meiner Meinung nach eine irrige Annahme zu glauben, man könne mit dem Trading systematisch zu einem schnellen Erfolg gelangen. Kennen Sie einen Milliardär, der mit Daytrading zu seinem Reichtum kam? Ich habe von keinem gehört.
Es ist schlicht naiv zu meinen, an der Börse die „schnellen Marie“ machen zu können. Wissenschaftliche Studien belegen glasklar, dass Anleger mit hektischer Handelstätigkeit ihr Vermögen in Gefahr bringen.
Die Deutsche Bundesbank redete vor einem Jahr Klartext. In einem Monatsbericht (Januar 2011 PDF) gingen die Währungshüter auf das Dilemma ein. Durch Selbstüberschätzung und zu hoher Handelsaktivität geraten wir Privatanleger einfach ins Hintertreffen (ich zähle mich selbst manchmal zu dieser Kategorie der Verlustemacher). Zitat aus dem Bericht der Bundesbank:
„Empirische Beobachtungen weisen außerdem darauf hin, dass die durch häufiges Handeln anfallenden höheren Transaktionskosten durchschnittlich nicht durch entsprechende Mehrerträge kompensiert werden. Dieses auch bei Privatanlegern häufig anzutreffende Phänomen lässt sich mit der Neigung von Individuen in Verbindung bringen, die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten – inklusive der Prognosefähigkeiten – zu überschätzen. Selbstüberschätzung (Overconfidence) ist ein emotionaler Faktor, der nach der psychologischen Forschung die Erwartungsbildung beeinflusst. Sie äußert sich beispielsweise darin, dass Menschen bei Prognosen vielfach den Grad der Unsicherheit unterschätzen.“
In diesem obigen Absatz der Bundesbank steckt so viel Wahrheit. Am besten Sie drucken sich das aus oder merken sich die Quintessenz. Dann bleibt Ihnen der Kardinalfehler der Privatanleger erspart. Investieren ist ein langwieriger Prozess, der sehr viel Geduld erfordert. Durchhaltevermögen ist verdammt wichtig. Es kann in einer Krise vorkommen, dass sich selbst hochsolide Aktien halbieren. Das mussten wir alle nach dem Untergang von Lehman Brothers erleben. Die Kunst besteht in solchen Fällen darin, Ruhe zu bewahren. Wer in einer Krisensituation die Reißleine zieht, hat ein Problem. Die Verlustrealisierung bei Qualitätsfirmen macht nach einem Crash einfach keinen Sinn mehr. Panik war noch nie ein guter Ratgeber.
Lernen wir doch lieber von den Milliardären auf der Forbes-Liste. Was machen Leute wie George Soros, Carlos Slim, Warren Buffett, Lakshmi Mittal oder Prinz Al Waleed anders als die Masse der Anleger? Die Superreichen decken sich in Krisenphasen am liebsten mit abgestürzten Aktien ein. Grundsätzlich gilt: Bevor die Vermögenden irgendwo einsteigen, nehmen sie eine sorgfältige Analyse von Chancen und Risiken vor. Sie blicken in die Bilanzen, schauen sich die Produkte, Dienstleistungen an, reden mit Mitarbeitern, Konkurrenten, Gläubigern, Analysten und Vorständen.
Ich versuche die Methoden dieser Menschen zu kopieren, auch wenn es mir natürlich nie so gut wie ihnen gelingt. Das selbständige Investieren macht mir viel Spass. Hochsolide Aktien sind mein Schwerpunkt. Ich möchte langfristig investieren, um Zufällen wie Kursschwankungen nicht ausgeliefert zu sein. Ich lege Wert auf gute Dividenden, Tradition, stabile Geschäftsmodelle, erprobte Produkte und Dienstleistungen. Einen Trade erlaube ich mir auch mal. Selbstverständlich! Das bleibt aber die Ausnahme.
Verunsicherung, Angst, Hektik, Traden? Das ist nicht meine Lösung. Wenn man sich die Aussagen des Chefs und Mitgründers des Profianlegers BlackRock, Larry Fink, einmal anschaut, dann sind seine Strategien doch ziemlich langfristig ausgerichtet. Fink rät zum Aktienkauf – ungeachtet der Krisenherde. Probleme wie in Griechenland sollten Anleger einfach ausblenden, weil die Schuldenkrise in den Kursen längst eskomptiert sei, resümiert Fink. BlackRock ist der weltweit größte Vermögensverwalter mit Sitz in Manhattan.
Wenn Sie sich die Anlagephilosophie des weltweit geschätzten CFA Instituts zu Gemüte führen, fällt auch hier auf, dass der mächtige Analystenverband eher einen langfristig soliden Anlagestil empfiehlt – jedenfalls versteckt zwischen den Zeilen finden Sie das.
Jeder muss natürlich seinen eigenen Anlagestil finden. Es gibt keine Erfolgsformel, die jemand für sich gepachtet hat. Überall lauern natürlich Risiken, aber auch Chancen. Einen allgemeinen Ratschlag kann ich Ihnen jedoch mit auf den Weg geben, der wichtig ist: Streuen Sie! Streuen Sie Sektoren, Länder und Währungen in Ihrem Portfolio. Setzen Sie nicht alles auf eine Karte. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gute Geschäfte an der Börse!


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Was ist die bessere Strategie: Trading versus Geduldsspiel?

  1. hajue

    Wenn 99 von 100 Leuten auf einen steigenden Markt tippen, einer dagegen, so kann der Markt dennoch fallen. Die Stimmung kann innerhalb von Stunden (selbst ohnen nennenswerte News) umschwanken. Zeigen kann man dies beispielsweise am DOW-Future. Der kann vor Eröffnung noch so gut oder schlecht stehen, plötzlich ändert der Kurs in die entgegengesetzte Richtung.

    Der Service besteht hier in der Auswertung von Daten und Meinungen, wobei kein reeller Bezug zum Markt besteht. Auch die Menge an Daten bietet keine Güte für das ausgewertete Resultat.

    Da ist das Problem einfach, dass viele Marktteilnehmer kein Verständnis von simpler Mathematik und Logik haben.

    Die Masse wird sich beim Trading überschätzen und die Finger verbrennen, da fast immer auch gehebelt gehandelt wird.

    Kein Witz: Wer 6.000 Aktien via Zufallsgenerator je zwischen Kursanstieg und Kursfall bewerten lässt, dürfte langfristig genausogut abschneiden, ohne hyperkomplexe Datenanalyse.

  2. tim schaefertim schaefer

    @ hajue danke für die Gedanken dazu.

    Im Grunde ist ein Trader jemand, der eine Münze in die Luft wirft und hofft. Die Chance liegt bei 50 zu 50. Problem ist, dass jede Menge Kosten eine Rolle spielen, je länger man am Spieltisch steht.

    Das Investieren soll ja dem Anleger etwas bringen, nämlich eine schöne Rendite!

    Wenn sich dann jemand hinstellt und behauptet: Schau mal, ich habe getradet und viel abgeräumt, ich bin der König des Tradings. Dann kann das reiner Zufall sein. Ein Glücksfall. Nur langfristig wird sich das wahre Können eines Anlegers herauskristallisieren und das ist das gefährliche daran.

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