Warum Stop-Loss-Aufträge Unsinn sind


New York, 25. Juni 2011

Oje! Die Wall Street sinkt. Im Windschatten der Weltbörse schrumpft der DAX natürlich mit. Im Kern folgt Frankfurt immer New York. Mir gehen mittlerweile die üblichen Marktbewegungen gar nicht mehr auf den Geist. Ich finde es geradezu amüsant, mit welch komischen Argumenten von morgens bis abends Analysten und Journalisten nach Gründen für die Kursbewegungen suchen. Jeder Tag gleicht einer Treibjagd nach Gründen. Das Internet, Fernsehen und die Zeitungen präsentieren angebliche Fakten, warum gerade Daimler oder Siemens nach oben oder unten ziehen. Es ist wie bei der „Sendung mit der Maus“: Alles muss einen logischen Hintergrund haben.
Ich habe mich mit den Schwankungen abgefunden. Mir ist nur eines wichtig: Hauptsache die Börse steigt langfristig. Der Rest ist mir Wurst! Daher kann ich das Auf und Ab ertragen. Ich habe mir vorgenommen, nur eine Aktie zu kaufen, wenn ich sie anschließend ewig halte. Ich bin kein Fan von Börsianern, die schon mit zittrigen Händen einsteigen. Nehmen Sie dieses Beispiel: Es gibt einen Typ von Anleger, der kauft ein Papier bei 14 Euro. Anschließend fällt der Kurs auf zwölf Euro und er zieht dann die Reißleine. Er wird nervös. Das nennt man „Verlustbegrenzung“ oder neudeutsch „Stop-Loss“. Ich halte das für falsch. Ich versuche statt dessen, die Strategie Warren Buffetts` nachzuempfinden. Wenn also in dem geschilderten Fall die Aktie auf zwölf Euro direkt nach meinem Einstieg fallen sollte, sitze ich das aus. Ich habe so lange keinen Verlust gemacht, so lange ich nicht verkaufe. In der Regel erholen sich ohnehin die Aktienkurse wieder. Wenn ich eine solide Aktie habe, wäre ich schön doof, das Teil mit Verlust abzustoßen. Das kommt gar nicht in Frage. Wenn nämlich diese ganzen „Verlustbegrenzungs-Strategen“ zehn Mal nach einem dicken Verlust ihre Position wieder auf den Markt werfen, dann ist bald kein Geld mehr übrig. Ich lehne mich stattdessen in einem sinkenden Markt entspannt zurück und warte ab. Wenn meine Aktie weiter fallen sollte, sagen wir auf elf Euro, bleibe ich engagiert. Meine Strategie fusst auf einer super-strengen Qualitätsauswahl im Vorfeld. Mit Buy and Hold können Sie nur erfolgreich sein, wenn Sie eine hohe Qualität einkaufen. Ich sage mir, was soll passieren, wenn ich heute Colgate-Palmolive kaufe? Die verkloppen noch in einhundert Jahren ihre Zahnpasta. Wenn all die Chinesen und Inder regelmässig zur Zahnbürste greifen, dann muss das Geschäft brummen. Die New Yorker schütten eine blitzsaubere Quartalsdividende aus und haben wenig Schulden in der Bilanz. Ohnehin können sich solche Erfolgsunternehmen nur auf lange Sicht in Ihrem Depot richtig entfalten. Nur so können Sie von der Dividende und dem Zinseszinseffekt profitieren. Colgate ist nur ein Beispiel. Ich besitze den Zahnpasta- und Geschirrspül-König nicht, ich wollte lediglich meine Gedanken veranschaulichen.
Für den schlimmsten Fall habe ich gedanklich vorgesorgt: Sollte mein Unternehmen pleite gehen, ist das schade, aber so gravierend ist es auch wiederum nicht. Erstens streue ich. Zweitens sage ich mir: Der Versuch war es wert. Sonst hätte ich das Geld anderweitig aus dem Fenster geworfen. Eben für reinen Konsum. Selbst legendäre Investoren greifen mal daneben. Das ist für mich ein Trost. Hedgefondsguru John Paulson verlor gerade mit dem chinesischen Waldbesitzer Sino Forest 80 Prozent beziehungsweise rund 500 Millionen Dollar seines Einsatzes. Im übrigen ist eine Pleite bei Flaggschiffen wie Coca-Cola, Colgate, Exxon, Microsoft, Kraft oder Nestle äußerst unwahrscheinlich.
Dieser ganze Stop-Loss-Wahnsinn ist doch die ständige Suche nach der Kursrakete direkt nach dem Einstieg. Es ist ein Wolkenkuckucksheim. Es gleicht dem Traum schnell reich zu werden. Ähnlich ist das doch bei der Partner-/Partnerinnensuche: Wir daten ja auch nicht einhundert Menschen, um die absolute Traumperson zu finden. Denn die gibt es nicht. Wer das nicht einsieht, ist noch mit 80 Jahren Dauersingle. Eric Falkenstein hat sich anschaulich mit dem Sinn und Unsinn von Stop-Loss-Orders beschäftigt. Er hat das mit der Partnerwahl verglichen: Hier und hier. Mein Fazit: Hin und her macht Taschen leer.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Warum Stop-Loss-Aufträge Unsinn sind

  1. Hubsen

    @ Tim

    Das kann man naturgemäß auch ganz anders sehen:

    In allen Tradingsystemen die ich kenne, spielt die Verlustbegrenzung eine entscheidende Rolle -> siehe hier:

    http://www.musterdepots.de/strategie.htm

    http://www.boerse-frankfurt.de/DE/index.aspx?pageID=44&NewsID=155

    nur zu sagen „Ich habe so lange keinen Verlust gemacht, so lange ich nicht verkaufe“, ist eine „Vogel-Strauß“-Politik.

    sehr interessant auch folgender Artikel zur passiven diversifizierten Geldanlage inkl. der pointierten Gegenposition -> dem Kommentar vom Anlegerprofi Scherf (der Österreicher der seinen Lebensunterhalt mit Börseninvestments langjährig erfolgreich in den USA bestreitet) -> also kein bloßer Theoretiker:

    http://www.be24.at/blog/entry/630342/zehn-goldene-regeln-der-geldanlage/fullstory

    laut Antwort von Scherf unter Punkt 1):
    „Denn wer passiv in den letzten 10 Jahren war, hat z.B. mit dem Dow und vielen anderen Indexen, sowohl als auch mit fast allen Aktien absolut nichts verdient. Der Schlüssel zum Erfolg im Investieren ist es die Trendzyklen auszunützen und Gewinne laufend abzusichern. Nur in ganz wenig einzelnen Fällen zahlt es sich aus etwas zu Kaufen und jahrelang zuzuwarten, wenn z.B. sich in einem Papier oder Index ein Macrotrend entwickelt hat. Dennoch ist es wichtig zwischendurch Gewinne abzusichern. Und gerade die Kursschwankungen an den Börsen gewähren riesige Gewinnmöglichkeiten. Sicherlich wer z.B. in einen Index investiert und vielleicht 30-50 Jahre zuwarten kann, der erzielt somit eine vielleicht sogar attraktive Rendite. Doch wer wirklich mit seinen Investments anständig verdienen will, der muss unbedingt in gewisser Form als Trader agieren und eben Gewinne laufend absichern und sich nach der Regel des „Buy Low and Sell High“ oder im Trend „Buy High and Sell Higher“ agieren.

    oder auch sehr interessant unter Punkt 5) zur notwendigen Neuarrangierung von Portfolios

    Beste Grüße!
    Hubsen

    … wie immer – damit die vielfältigen Alternativen in der Betrachtung nicht zu kurz kommen 🙂

  2. Lennox

    Hallo Tim, hallo Hubsen,

    vielen Dank für eure unterschiedlichen Infos und Meinungen. Es ist immer etwas Interessantes dabei.

    Zum Thema „Warum Stop-Loss-Aufträge Unsinn sind“ hier meine persönlichen Erfahrungen.

    Mit hoffnungsvollen Trades habe ich trotz guter Börsenlage (Sept. 2010 bis Mai 2011) ein paar 1000 Euro verloren, obwohl vereinzelt auch hübsche Gewinne dabei waren. Oft haben mich Stop-Loss-Aufträge ausgestoppt. Die Aktien waren ein paar Wochen später aber wieder deutlich über dem ursprünglichen Kaufkurs. Darüber hinaus habe ich Verluste zu lange laufen lassen (-30%). Das ist ärgerlich, werde es aber als Lerneffekt sehen und den Kopf nicht in den Sand stecken!!!

    Andererseits verfolge ich Tim’s Strategie (PG, PepsiCo usw.). Bisher nur Dividenden eingestrichen und keine Kursverluste zu vermelden. Selbst wenn die Kurse um 20-50% einbrechen sollten bin ich mit Tim’s Strategie entspannt da ich keinen Totalverlust erwarte und mich sogar darauf freue meine Dividenden-Rendite erheblich zu erhöhen wenn ich „in das fallende Messer“ investiere!!

    Kurzum, mit Hubsen’s Strategie durch Spekulation bin ich mir sicher das man auch gutes Geld verdienen kann, aber mit Tim’s Strategie kann ich langfristig deutlich ruhiger schlafen 😉

    Deshalb ab sofort 85% „sicher“ in Dividenden-Titel investieren und 15% auf steigende Kurse spekulieren mit anderen Aktien ohne Dividende.

    Beste Grüße an euch beiden
    Lennox

  3. tim schaefertim schaefer

    @Hubsen: Danke für die Anmerkungen. Jeder sollte seine eigene Anlagestrategie verfolgen. Wenn Sie meinen, dass Sie mit einem aktiven Handel besser abschneiden, dann sollten Sie das tun. Ich möchte Sie nicht bekehren. Ich stelle in meinem Blog die Strategie des Value Investings vor. Ich setze auf die Anlagephilosophie Warren Buffetts. Er ist einer der besten Investoren. Und das bestreitet niemand. Das zeigt mir, dass seine Strategie funktioniert. Ich kenne keinen Trader, der ein größes Vermögen an der Börse aufgebaut hat. Die größten Vermögen werden meiner Meinung nach mit einem langfristigen Ansatz geschaffen. All Ihre Quellen, die sie anführen für Ihre aktive Handelsstrategie, sind nicht neutral. Es handelt sich vielmehr um Organisationen (etwa die Deutsche Börse), die ein Interesse daran haben, dass die Menschen wie verrückt handeln. Je größer der Umschlag an der Börse ist, desto mehr Geld verdienen sie. Wenn eine Firma ein Tradingsystem verkauft, ist es doch logisch, dass so jemand das Trading in den Himmel lobt. Haben Sie eine wissenschaftliche Studie gefunden, die belegt, dass sich Stop-Loss-Orders wirklich auszahlen? Gibt es eine Untersuchung dazu? Ich kann mir das nicht vorstellen und habe auch keine entdeckt. Denn die Kurse schwanken bekanntlich an der Börse und so hat man schnell eine Position mit Verlust automatisch verkauft. Oftmals erholt sich der abgestoßene Titel wieder und man bereut dann den Verkauf. Was machen Sie in einer Rezession? In einer solchen Phase fliegen ständig ihre Papiere aus dem Depot. Wie soll man so vernünftig Geld verdienen? Um es noch mal klarzustellen: Ich möchte in meinem Blog nicht erläutern wie Daytrading funktioniert. Ihre Kommentare sind freilich spannend, das bringt Würze in den Blog. Sie verfügen über exzellente Kenntnisse.
    Ihren Link „Die Zehn goldenen Regeln der Geldanlage“ halte ich für interessant, der angefügte Kommentar von Herrn Scherf ist jedoch nicht der Bringer. Scherf hat einen Discount-Broker gegründet, ist doch logisch, dass er das Trading liebt, so hat er doch sein Geld verdient. Warum verschwinden bei Forex-Brokern wie Gain Capital jedes Jahr ein Viertel der Kunden? Die verbrennen sich einfach die Finger, geben auf. Demzufolge muss ein Währungs-Broker alle vier Jahre seinen kompletten Kundenstamm austauschen.

  4. tim schaefertim schaefer

    Danke Lennox für die Unterstützung! Ich wünsche allen einen guten Start in die Woche. Ich genieße noch den Sonntag nachmittag: Ich fahre gleich mit dem Boot nach Brooklyn.

  5. Hubsen

    @ Lennox & Tim

    ich habe im Link die „Zehn goldene Regeln der Geldanlage“ bewusst sehr konträre Standpunkte von Buy&Hold & aktiver Tradingstrategie (im anschließenden Kommentar vom „streitbaren“ Amerika-und Börsekenner Scherf) gewählt, um zu zeigen, dass „viele Wege nach Rom führen“ können. Wer in bzw. von der Anlagebranche in den USA so lange überleben kann, der muss auch vieles richtig machen.
    Ich persönlich kann den Argumenten beider!! Seiten viel abgewinnen und habe mir selbst anlagemäßig einen „sowohl als auch Weg (Portfolio)“ zurecht gebastelt. Denn die einzige erfolgssprechende überlegene Strategie für das 21.Jahrhundert, die mich beruhigt „Kostolanys 10 Jahres-Schlafpulver“ einnehmen ließe, habe ich noch nicht gesehen (…und schon gar nicht die letzten 10 Jahre).

    Wichtig ist vor allem, dass der Anlagestil auch zu einem passt (zur wöchentlich verfügbaren Zeit, zum Lebensalter, zur aktuellen Lebenssituation, zum vorhandenen Börsewissen etc.).

    Alle oben angeführten Stile haben den Anlegern (zumindest in ihrer damaligen Zeit)großen persönlichen finanziellen Erfolg beschert und haben daher prinzipiell das Zeug dazu, auch künftig gute Erfolge zu erzielen -> wenn auch nicht die Garantie hierfür.
    Wobei man sich bei solchen Ultra-Langfrist- Buy&Hold-Strategien in der Überprüfung naturgemäß etwas schwerer tut, denn soviele erfolgreiche Warren Buffets gibt es ja nicht auf der Welt …und der künftige! Langfristerfolg entzieht sich sehr sehr elegant des Erfolgsbeweises. Es ist also immer mit einer Portion Glauben verbunden, dass sich die Börsenstrategien des letzten Jahrhunderts genauso problemlos, mit denselben Erfolgsraten im 21. Jahrhundert fortsetzen lassen. Mit stetig zunehmender breiter Informationsbasis für viele Marktteilnehmer wird der Spielraum für die Outperformance-Heroes immer enger.

    Bezüglich Stopp-Loss:
    Auch ich mache selten fixe, starre Stopp-Loss Eingaben und lasse mit meinen mentalen Stopps oft mehr Verlust zu als für mich gut ist.
    Bsp.:
    Mit einem rechtzeitig verkauften EON-Bonus-Zertifikat bin ich z.B. noch rechtzeitig mit gutem Gewinn ausgestiegen, während ich meine damals gleichzeitig gekaufte RWE-Aktie noch immer halte – aber leider mit dzt. schon -26% Verlust. (neben fundamentaler Überzeugung vom Comeback -> irgendwann mal später, wegen der sicheren Dividenden und insb. aus steuerlichen Gründen, weil dzt. steuerbefreit und bei Vkf. und neuerlichem Kauf 25% Abgeltungsteuer auf den Kursgewinn fällig würden) Das Geld ist damit bei RWE-Aktie leider erstmal für lange Zeit gebunden und auch weitere Kursverluste kann niemand ausschließen 🙁

    An der üblichen Schwankungsbreite orientierte Trailing (nachziehende) Stopps-Loss Eingaben finde ich aber sehr genial um bereits satte Kursgewinne abzusichern, wo ich nicht mehr das große Kurspotential nach oben sehe (wie z.B. durch einen neuen Blockbuster, eine bahnbrechende Innovation, eine attraktive neue Markterschließung, ein neuer Industriestandard etc.) oder auch wenn dunkle Gesamtmarktwolken sich am Horizont zusammenbrauen (massive Markt-Überbewertungen, nach mehrjähriger Hausse, Ende expansiver Geldpolitik etc.).

    Was mich gut schlafen lässt ist die sehr breite Streuung
    -> über verschiedene Stile, Branchen aber auch Rohstoff- und Immobilienaktien…
    -> über verschiedene Investmentvehikel (Aktie, Zertifikate, Fonds, ETFs je nachdem wo diese Formen gezielt ihren Vorteil ausspielen können.
    -> und durchschnittliche Positionsgrößen von ca. 2-3% des Gesamtkapitals.

    Reich wird man mit so einer Streuung zwar nicht unbedingt, aber man schläft besser & sicherer und mein Minimalziel ist es langfristig eine bessere Rendite zu erwirtschaften als am Geldmarkt (eine Messlatte wohl für jeden Investor).
    Dazu brauche ich leider nach anfänglichem „Börse-Lehrgeld“ noch ein bis zwei gute Jahre… bin aber guter Dinge 🙂

  6. Turing

    @Hubsen

    Stop-Loss-Order haben den Nachteil, dass sie alleine auf die Zahl schielen. Was bleibt dem Algorithmus denn anderes übrig. Ein Kurs kann aus unterschiedlichsten Gründen einbrechen. Im August/September 2011 brachen sämtliche Dax-Werte ein, unabhängig von der konkreten Lage des Unternehmens, der jeweiligen Branche usw. Die Kurse erholten sich dann auch schnell und manche Aktien sind schon wieder über dem Wert von vor einem Jahr, z. B. die SAP-Aktie.

    So wie man beim Kaufen einer Aktie Perspektiven erkennen muss, so muss man beim Verkaufen eine mangelnde Perspektive erkennen. Wer die Entwicklung von Digitalkameras schon Ende der 90er erahnt hat, hätte mit einem Verkauf der Kodak-Aktie alles richtig gemacht. Diese Entscheidung kann einem aber kein Algorithmus abnehmen, weil kein Algorithmus erkennt, warum eine Aktie abstürzt. Der Algorithmus hat keine Schumi vor Augen, der für ein Foto-Handy Werbung macht. Spätestens dann hätte jedem ein Licht aufgehen müssen: Digitalfotographie wird bald für jeden erschwinglich sein.

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