Warum Printmedien von Vorteil sind


New York, 21. November 2012

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Wirklich schade, dass die Printmedien so leiden. Ich finde es bedauerlich, dass die FTD geschlossen wird. Es sind die teuren Druck- und Vertriebskosten, es sind die ausbleibenden Werbekunden, die sinkenden Auflagen. Leider wollen die Menschen nichts mehr ausgeben für gute Informationen. Der Zeitgeist schreit nach billig oder gratis.
Print-Abonnenten haben im Netz mit all den Blogs und Portalen tausende Alternativen. Aber die Qualität ist dort ein großes Problem.
Ich bin wegen der hohen Qualität ein großer Anhänger der Printmedien. Ich halte täglich die Druckausgabe der „New York Times“ in der Hand, lese jede Woche „Barrons“
Manchmal kaufe ich das „Wall Street Journal“. Ich liebe die Printtitel. Ohne die „Times“ habe ich einen schlechten Tag. Mir würde etwas fehlen. Manchmal bin ich froh, wenn mein Urlaub vorbei ist – nur weil ich die „Times“ vermisse. Ich kann verschmerzen, wenn ich schwarze Finger von ihr bekomme.
Print-Journalisten machen sich intensiv Gedanken, worüber sie schreiben. Es gibt so viele Informationen, viel zu viele – wir werden regelrecht zugeschüttet. Deshalb können die überfrachteten, schnellen Medien Internet, Funk und Fernsehen mit den Tages- und Wochenzeitungen nicht mithalten. Seriöse Printtitel sind der beste Informationslieferant.
Im Fernsehen wird so viel Informationsmüll verbreitet, Infohappen, die keinen Wert haben.
Seit drei Jahren höre ich ununterbrochen diesen Satz im Fernsehen: „Aktien fallen wegen der Eurokrise“. Das würde doch niemand täglich in die Zeitung drucken. Kurse sinken wegen der „Gewinnmitnahmen“. Oh ja, was sind eigentlich „Gewinnmitnahmen“? Was hat dieser Blödsinn für einen Mehrwert? Alles Papperlapapp!
Es wird so viel Unsinn verbreitet. Kurse steigen und fallen. So ist das nun mal an der Börse. Jede Minute, je Stunde schwanken die Preise. Den Grund zu suchen, warum die Kurse gerade steigen oder sinken, ist die größte Dummheit, die Journalisten machen können. Es wäre so, als ob wir nach der Ziehung der Lottozahlen über die Gewinner-Zahlen endlos diskutieren würden. Man könnte ja auch ein Buch über die gezogenen Lottozahlen schreiben.
Wer von Printmedien ins Web abwandert, dem kann ich nur den Tipp geben, auf den sogenannten „Bestätigungsfehler“, Englisch „confirmation bias“, zu achten. Es ist unsere Neigung, Informationen so auszuwählen, so zu suchen und so zu interpretieren, dass sie unsere Erwartungen immer brav erfüllen. Anders ausgedrückt: Wir lesen immerzu unsere Lieblingsblogs, die schreiben, was wir lesen möchten, wovon wir selbst felsenfest überzeugt sind.
Dabei ist es verdammt wichtig, Dinge zu hinterfragen. Lesen Sie Informationen, die Ihre eigenen Erwartungen widerlegen. Ab und zu kann das nicht schaden. Sonst können Sie einer Selbsttäuschung unterliegen. Auch lohnt es sich, Ihre Annahmen (über Aktien oder was auch immer) mit Freunden zu diskutieren.
Wenn Aktionäre von ihrem Unternehmen begeistert sind, meiden Sie kritische Analysten. Sie hassen sie regelrecht. Da nahm die Deutsche Bank im Jahr 2008 das Kursziel für Solarworld von 38 auf 28 Euro zurück, schon bewerteten 14 Leser den Artikel mit dem „mangelhaft“-Rating. Das ist reiner Selbstbetrug. Heute zählt der Solarkonzern zum Reich der Pennystocks.
Lesen Sie viel, vor allem unterschiedliche Perspektiven. Das kann Ihnen die Augen öffnen.
Ich finde es witzig, alte Nachrichten zu lesen. Lesen Sie mal heute den Unsinn, der auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 verbreitet wurde. Die meisten Prognosen treten doch nie ein. Vor allem lagen all die Schwarzseher daneben. Auf dem Höhepunkt der Krise kriegen diese Mahner die höchsten Einschaltquoten. Daher können Sie den Weltuntergangsirrsinn in Talkshows verbreiten. Sie machen den Menschen Angst. Dabei wäre es besser, Optimismus zu verbreiten. Wenn die Nacht am dunkelsten ist (an der Börse), beginnt der Tag.
Es gibt ganz wenige, die recht mit ihren Prognosen behalten. Aber selbst diejenigen Experten, deren Prognosen eintreten, treffen nicht bei allen Aspekten ins Schwarze. So sah der Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini, auch „Dr. Doom“ genannt, die Immobilienkrise in den USA schon im Jahr 2006 kommen. Dafür warnt er seit Jahren vor dem Kollaps der Euro-Zone. Er warnt vor dem Chaos, vor dem Run auf die Banken. Bislang hat sich das nicht bewahrheitet.
Seien Sie also sehr vorsichtig, wenn Sie Prognosen, Kursziele und so weiter sehen. Das einzige, was sich wohl behaupten lässt, ist: Der Fortschritt macht das Leben insgesamt seit Jahrhunderten angenehmer. Die Menschen werden im Schnitt älter, die Wirtschaft und die Börse wachsen auf lange Sicht. Mehr kann man eigentlich nicht vorhersagen.
Warren Buffett macht in der Regel keine Prognose, er sträubt sich davor. Trotzdem ist er einer der besten Anleger weltweit. Auf Sicht von fast 50 Jahren steigerte er das Eigenkapital seiner Beteiligungsfirma Berkshire Hathaway um ca. 19 Prozent p.a.
Um es mit den Worten von Charlie Munger, dem Vize-Chef von Berkshire Hathaway, zu sagen: „Investing is where you find a few great companies and then sit on your ass.” – „Investieren bedeutet, Du findest ein paar großartige Firmen und sitzt anschließend auf Deinem Arsch.“ Vergessen Sie alberne Prognosen beziehungsweise den Blick in die Glaskugel. Lassen Sie sich nicht nervös machen.
Gute Medien führen uns in diese Richtung, weil sie die Schleusentore nur aufmachen, wenn sie wichtige Informationen für uns haben. All den Rest ersparen sie uns. Sie haben die besseren Redakteure und die hilfreichen Redaktionskonferenzen, in denen jeder einzelne Journalist seine Themen und Thesen mit den anderen diskutieren muss, bevor irgend etwas zu Papier gebracht wird. Diese Runden sind ein Qualitätsfilter. Ein Segen. Wie schade FTD!


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Warum Printmedien von Vorteil sind

  1. Turing

    Ich lese auch noch gerne Zeitung. Nicht täglich, denn dafür fehlt mir oft die Zeit, aber wenn die Gelegenheit da ist, z. B. bei einer Bahnreise, dann kaufe ich eine Zeitung. Für gute Informationen gebe ich gerne Geld aus und kaufe mitunter auch die teuersten deutschsprachigen Tageszeitungen, die angeboten werden. Das wären NZZ und Handelsblatt. Der Vorteil ist, dass man an Informationen kommt, die man nie ergoogelt hätte. Die Recherche ist auch besser als bei Online-Medien. Gerade auch der Außenblick auf Deutschland von der Schweiz aus ist interessant.

    Man sollte natürlich nicht nur Zeitungen lesen, die einem politisch entgegenkommen. Konservative und Liberale wie ich einer bin, können den Fehler begehen als Linke. In einer Medienlandschaft, in der die Journalisten über 30 % die Grünen und über 20 % die SPD wählen würden, bekommen wir alle, gewollt oder nicht, eine ordentliche Dröhnung der linken Betrachtungsweise. Deutsche Medien moralisieren zu sehr und missachten häufig die Neutralität bei Berichten. Typisch links ist das, weil Linke glauben, in einer Mission zu sein. Deshalb haben kritische Stimmen zu Klimaschutz und Bionahrung oder positive Stimmen zur Kernkraft oder zum Fracking in Deutschland so wenig Gehör.

    Eine sehr empfehlenswerte Publikation ist Novo Argumente: http://www.novo-argumente.com/

    Dort herrscht nicht nur Weltuntergangsstimmung und Empörung, sondern eine volle Dröhnung Realismus, Aufklärung und Optimismus. Hätte ich vor acht Jahren schon richtig Kohle gehabt, hätte ich wahrscheinlich verstärkt in Schiefergas investiert, denn dank Novo war ich informiert. Die Sendung Monitor hat erst 2009/10 über das Thema berichtet. Einmal dürft Ihr raten, wie berichtet wurde: Negativ oder positiv. – Jedenfalls: Schiefergas ist heute das Megathema in den USA. Man geht sogar davon aus, dass das große Aufwirkungen auf die Außenpolitik der USA hat, denn man wird immer weniger auf das Öl der Saudi angewiesen sein.

  2. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus
    In jeder Krise steckt auch eine gewaltige Chance. Gelesen wird noch in 100 und 1000 Jahren. Insofern werden Journalisten nach wie vor gebraucht. Nur ist das Medium wohl seltener aus Papier.

    @ Turing
    Interessante Gedanken. Es ändert sich so viel. Nicht nur beim Öl. Der Einzelhandel durchlebt brutale Zeiten mit dem Siechtum von einstigen Giganten wie Karstadt.

    In den USA taumeln die Kaufhausketten J.C. Penney und Sears Holdings sowie der Elektronikhändler Best Buy. Vieles verlagert sich ins Web. Zur Freude von Google, Amazon & Co.

    Des einen Freud ist des anderen Leid! One man's trash is another man's treasure.

  3. StefanStefan

    Ich lese sehr gerne die Sonntas FAZ. Für die tägliche Ausgabe fehlt mir leider (seit Frau und Kind im Haus) die Zeit. Wenn ich mal Rentner werde ist das erste was ich mache ein Abo der FAZ abzuschliessen.

    Es ist schon wahnsinn wie das Internet die Welt verändert. Meiner Meinung nach verschlafen viele Unternehmen die Möglichkeiten, die sich daraus auch ergeben können. So habe ich zum Beispiel gelesen, dass man bei Tesco online seinen Einkauf machen kann und dann nur noch in der Filiale vorbeifahren muss um ihn an der Kasse abzuholen. Das finde ich eine super Idee! Warum macht das eine Metro nicht? Das wäre eine riesige Zeitersparnis. Gerade die Metro hat ja riesige Verkaufsflächen. Der Weg von der Butter zur Wurst dauert da schon ein wenig…Ich würde so einen Service sofort nutzen.

    Gruss

  4. Matthäus Piksa

    „In jeder Krise steckt auch eine gewaltige Chance.“ – Das ist nebenbei bemerkt ein chinesisches Sprichwort, was es natürlich nicht schlechter macht.

    Zur Zukunft des Journalismus gibt es doch bestimmt etliche Diskussionen auf Konferenzen, an den Journalistenschulen, etc.

    Seit ein paar Jahren wird in Berlin die re:publica, „eine Konferenz über Medien, Blogs und die digitale Gesellschaft“, wie es offiziell heißt, organisiert.

    Vllt. geh ich 2013 hin, mal sehen. Eigentlich reicht es mir aber aus, zu bloggen. Über das Bloggen als solches auch noch zu reden…

    Fakt ist aber, dass qualitativ hochwertiger Journalismus extrem wichtig ist und das dieser auch entsprechend entlohnt werden muss, egal ob es sich hierbei um Wirtschafts-, Politik- oder Finanzjournalisten handelt.

    Ganz wichtig ist auch die Arbeit von Organisationen wie „Reporter ohne Grenzen“, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die journalistische Recherchearbeit in politisch instabilen Krisenregionen und Kriegsgebieten (embedded Journalism), durchaus lebensgefährlich sein kann.

    Mir fällt jetzt noch ein: Wurde nicht auch Watergate von Journalisten aufgedeckt, zB.?

    Das sich die Branche im Umbruch befindet, dürfte niemand ernsthaft bestreiten. – Cicero fragt deshalb auch, ob die klassische Zeitung ausgedient hat.

    Ich persönlich hoffe, dass Zeitungen wie die FAZ niemals vom Markt verschwinden, zumindest aber die Qualität der dort erscheinenden Artikel. Wie die Qualität ohne Printausgabe aufrecht erhalten werden könnte, kann ich auch nicht sagen.

    Wenn man dem guten Riecher Warren Buffetts vertraut, der erst dieses Jahr 70 Zeitungen aufgekauft hat, dann dürfte es auch in Zukunft gedruckte Zeitungen geben.
    Ich würde allerdings nicht Haus und Hof darauf wetten.

    Gruß Matthäus

  5. tim schaefertim schaefer

    @ Stefan

    Vollkommen richtig, das Internet verändert den Alltag, macht ihn angenehmer.

    In New York boomt die Firma „Fresh Direct“, die Lebensmittel an die Haustüre bringt. Bestellt wird im Internet. Was während des Transports gekühlt sein muss, liegt auf Trockeneis. Es ist ein recht teurer Dienstleister, trotzdem greifen viele Haushalte darauf zurück.

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus

    Stimmt. Für den investigativen Journalismus bleibt leider immer weniger Geld. Welches Medium hat das Geld ein paar Journalisten für ein paar Wochen eine Spezial-Story recherchieren zu lassen? Was heißen würde, lasst sie rund um den Globus fliegen, Quellen befragen, Akten lesen etc.?

    In den USA übernehmen diese Aufgabe mehr und mehr stiftungsbasierte Medien.
    ProPublica.org ist so ein Anbieter.
    Sehr empfehlenswert. Die haben das Geld für umfangreiche Recherchen.

  7. Matthäus Piksa

    @Tim

    Dabei wird es in einer globalisierten Welt immer wichtiger Journalisten gut zu bezahlen, da auch die Sachverhalte globaler werden mit der Folge, dass auch die Komplexität der Arbeit zunimmt.
    Mögen auch all die tollen neuen technischen Erfindungen wie google, skype, facebooks, Blogs etc. die Arbeit erleichtern, Vor-Ort-Präsenz und Recherche wird auch in Zukunft unerlässlich sein.

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