Warum mich die Börse magisch anzieht


New York, 27. November 2010

Solange ich zurückblicken kann, ging es bei uns zuhause immer nur um Umsatzzahlen und die Erfüllung von gesteckten Zielen. Mein Vater lebte viele Jahre in den USA und in Kanada, er arbeitete für den Bostoner Gillette-Konzern, er war Sales Manager und hatte Verantwortung für viele Länder. Da mein Vater nur mit Amerikanern zusammenarbeitete, begann ich mich schon als Dreikäsehoch mit Aktien zu beschäftigen. Denn in den USA ist die Aktienkultur viel ausgeprägter als in Deutschland. Wir Deutschen lieben die Sicherheit, daher sind Sparbücher und Versicherungen praktisch in jedem Haushalt im Übermaß anzutreffen, obwohl es sich als Sparform gar nicht so recht eignet. In den USA hingegen sind die Menschen begeistert vom Aktiensparen. Sie lieben das Risiko. Daher ist Las Vegas so ein Erfolg, denn die Amerikaner suchen das Glück. Das Thema Aktien zog mich durch die Kollegen meines Vaters magisch an. Ein Gillette-Mitarbeiter erzählte mir, dass er gerade ein phantastisches Buch gelesen habe. Ich kann mich noch ganz genau an den Titel erinnern. Es hieß Millionär in 91 Tagen. Ich lieh mir natürlich das dicke Buch aus. Ich kann mich noch gut an den orange-farbenen Einband erinnern. Meinen Freunden erzählte ich davon, jeder wollte es haben. Die Lektüre war für einen Anfänger freilich viel zu kompliziert. Es ging um Optionsgeschäfte und die Entwicklung des Orangensaft- beziehungsweise Kaffeepreises. Was mich natürlich motivierte, war der reißerische Titel. Anschließend bestellte ich mir mehr und mehr Börsenbücher.
Ich besuchte viele Kollegen meines Vaters rund um den Globus. Wunderschöne Urlaube verbrachte ich in Florida, Texas und anderen Ländern. Ich nahm an einem Schüler- und Studentenaustausch teil. Ich besuchte Disney Land, Sea World und was es eben so alles für Kinder gibt. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich überall war. Ich sah jedenfalls sehr viel. Ich durfte auf den Golfplätzen immer die Elektroautos fahren und war natürlich total begeistert. Zuhause übte ich mit dem Golfschläger im Garten. Aber immer drehte es sich, wenn ich Amerikaner traf, um das Thema Aktien. Ein Kollege meines Vaters hatte etliche Direkt-Investment-Sparpläne. Er sprach immer davon, wie seine Aktien standen. Sein Vermögen ist heute vielleicht auf 50 Millionen Dollar angewachsen. Gut möglich, dass es sogar mehr ist. Er besitzt mittlerweile ganze Hausreihen, die er vermieten lässt. Zu sehen, wie die Amerikaner leben und wir Deutsche öffnete mir die Augen. Es ist eine andere Mentalität. Ein krasser Kontrast! Der Amerikaner hat mit dem Risiko keinerlei Problem. Viele wechseln nach zwei, drei Jahren ihren Arbeitgeber, obwohl gar kein Grund besteht. Keiner bleibt gerne in einem Haus für immer wohnen. Umziehen ist ein Volkssport. Mein Onkel lebte auch viele Jahre in Kanada und den USA. Obwohl er vor Jahrzehnten zurück nach Deutschland kam, ist er in meinen Augen ein waschechter Amerikaner geblieben. Trotz seiner 76 Jahre schaut er immer im Videotext nach den Aktienkursen. Er verfolgt die Kurse mit Argusaugen. Bewegt sich ein Papier in einem bestimmten Kursmuster, ruft er sofort seinen Banker an und ordert eine Position. Er handelt mit Gold, Devisen, amerikanischen High-Tech-Werten und deutschen Standardtiteln. Was ich damit sagen will, ist: Ich habe schon als Kind mitbekommen, dass Aktien Wohlstand schaffen können. Ich bin meinen Eltern dankbar dafür, dass sie mir die amerikanische Mentalität beibrachten. Es geht mir dabei nicht in erster Linie um das Geld, sondern um eine andere Lebenseinstellung. Eben flexibel, weltoffen und nicht risikoscheu zu sein.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Warum mich die Börse magisch anzieht

  1. Tassilo Kurz

    Das hört sich so an, als sei in Amerika vieles besser als hier. Das glaube ich aber nicht.
    U a. ist das amerikanische Rechtssystem wohl eine ziemliche Katastrophe.

  2. tim schaefertim schaefer

    @Tassilo Kurz. Die USA ist kein Paradies, kein Garten Eden. Ich gebe Ihnen vollkommen Recht, es gibt hier erschreckende Dinge. Um nur ein Beispiel zu nennen, was Sie schon angesprochen haben: Es sitzen extrem viele Menschen in Bezug auf die Gesamtbevölkerung im Gefängnis. Ich bin auch ein Gegner der Todesstrafe. Was mich hingegen positiv beeindruckt, ist die Mentalität der Amerikaner. Sie ziehen häufig um, sind experimentierfreudig, sind offen für neue Dinge. Ist es ein Zufall, dass die innovativsten und erfolgreichsten Firmen (Google, Apple, facebook…) aus den USA kommen? Ich denke, es hat mit dem Mut und der Entdeckungsfreude zu tun. Die deutsche Sparbuch-Mentalität geht mir, ehrlich gesagt, auf den Sack.

  3. hajue

    Dem Beitrag entnehme ich vielmehr, dass hier jemand vom Way of Life der Amerikaner angetan ist. Ich teile diese positive Ansicht über die dortige Mentalität. Auch wenn sowas immer auf eine Grundsatzdiskussion hinauslaufen kann…

    Da es sich hier um einen Finanzblog handelt, kurz eine kleines Beispiel zum Thema: „Wie lebt man denn als Mittelständler für sein Einkommen wo besser?“. Ein kleiner, ruhiger Vorort in den USA, (Fertig-)Haus, riesen Garten, Bilderbuchnachbarschaft, Jeep als Zweitwagen vor der Tür, riesen TV -> so hab ich es vor zwölf Jahren als Austauschschüler erlebt. Bei dem Level ist man mE in DE schon Spitzenverdiener (meine Gastfamilie war bei weitem nicht wohlhabend). Würde jederzeit gerne dort leben wollen. Man beachte: Nicht immer auf den hohen Schulden der Privathaushalte in USA rumhacken -> viele Deutsche haben ihr Eigenheim auch erst zur Rente hin abbezahlt. Nicht jeder macht Karriere und kann innerhalb einer Dekade ein paar Hunderttausend aus dem Ärmel schütteln.

    Finanzielles Risiko ist immer vorhanden – niemand ist unkündbar. Der Vorteil in DE ist halt -> wenn man keinerlei Verantwortung trägt, kann man jederzeit mit Sozialleistungen ein beschwerdefreies Leben führen. Es wird hier eine sehr feine Grundsicherung für jedermann geboten. Vorteile bieten sich in DE nicht für jeden. Ich persönlich denke oft, dass man hier beruflich entweder mit der „grauen“ Masse mitschwimmt oder völlig aus dem Rahmen fällt (meist zum eigenen Nachteil). Chancen wie in den USA offenbaren sich mentalitätsbedingt eher selten – die Risikoaversion der Gesellschaft ist beachtlich stark ausgeprägt.

    Wer Aktien als hohes Risiko verteufelt, der sollte sich vor Augen halten: Es ist an anderer Stelle finanziell oft sehr viel riskanter. (Siehe: Scheidungsquote – kommt ja einem Totalverlust gleich).

    Als Sparer überlege man mal kurz, wo die Zinsen der Bank herkommen: Banken verleihen Geld auf Pump, in der Hoffnung, dass der Schuldner zurückzahlen kann -> mehr als er von der Bank geliehen hat (Aha -> Risiko). Ferner zocken Banken an anderer Stelle -> am Kapitalmarkt (Risiko). Im Prinzip ist jede Kreditvergabe einer Bank ähnlich einem direkten Investment in eine Aktie -> nur das Banken den Sparern einen Bruchteil ausschütten. Die sind irgendwie schlauer, haben aber auch „fast unbegrenzte“ Mittel – egal ob USA oder DE.

  4. tim schaefertim schaefer

    @hajue, exzellent! Deinem Beitrag habe ich im Grunde nichts hinzuzufügen. Es ist dieser unglaubliche Pioniergeist, der mich in den USA fasziniert. Gefördert wird das Unternehmertum natürlich durch das knallharte System des Kapitalismus. In eine soziale Hängematte kann sich hier kaum einer legen. In Deutschland gibt es ja zuhauf Beispiele von Leuten wie Arno Dübel. Deutschlands frechster Arbeitslose ist seit 36 Jahren ohne Job. Wenn das Amt das Geld für die Miete, Lebensmittel und das Bier pünktlich bezahlt, warum soll Dübel auch arbeiten gehen? Wäre er doch schön blöd. Man kann sagen was man will: Ich glaube, dass der amerikanische Kapitalismus das beste System ist. Auch wenn es natürlich Schwachstellen gibt. Aber den Garten Eden gibt es nirgendwo. Nur in der Bibel.

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