Wall Street Protest: Ich verstehe die Demonstranten


New York, 14. Oktober 2011

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Ab und an gehe ich an der Demonstration nahe der Wall Street vorbei. Ich wohne ja hier am Südzipfel Manhattans. Gegenüber der Baustelle am Ground Zero sitzen ein paar hundert Menschen. Sie liegen unter Plastiksäcken, haben Plakate aufgestellt, machen Musik. Sie trotzen dem Regen. Was ihnen wohl hilft: Es ist noch immer sehr warm in Manhattan. Das Foto hier machte ich eben.
Seit Wochen harren sie schon aus. Etliche Gaststätten helfen mit kostenlosem Essen. Sie kriegen jede Menge Sandwiches, Getränke, Salate tagtäglich geliefert. Sie haben viele reiche Fans in der Metropole. Sogar der New Yorker Milliardär George Soros äußerte öffentlich sein Verständnis für die jungen Menschen, der Hedgefonds-Guru dementierte jedoch, sie finanziell zu unterstützen.
Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit von 9,1 Prozent und der schlechten Aussichten insbesondere für Hochschulabsolventen kann ich den Ärger der Leute nachempfinden. Die meisten sind wohl zwischen 20 und 30 Jahre alt, haben keinen Job und sind schlicht sauer. Die Konjunkturprogramme und Rettungspakete der Regierung sind ja nicht bei diesen Menschen angekommen. Im Gegenteil, sie haben weniger Geld zur Verfügung, hohe Schulden (Unis sind teuer in den USA) und kaum Chancen den Job zu finden, den sie eigentlich anstrebten.
Das Geld vom Weißen Haus landete in den Banken. Die Vorstände nahmen das kostenlose Cash und investierten es wie verrückt in Staatsanleihen (griechische, italienische…), Gold, Silber, Aktien. So trieben die Banker die Asset-Preise wieder nach oben. Hinzu kam ein großer Hebel. Sie borgten sich so viel Geld, bis die Bilanzsumme in eine Dimension explodierte, die nicht mehr zu kontrollieren war. Aus der Krise vor drei Jahren haben die Institute nichts gelernt. Die Deutsche Bank hat ihre Bilanz mit einem Faktor von 1 zu 40 gehebelt. Kein Wunder, dass jetzt Josef Ackermann vor einem Trümmerhaufen steht. Wenn man so hohe Risiken eingeht (Eigenkapitalquote 2,5 Prozent!), dann muss man eines Tages dafür gerade stehen.
Das Börsengebäude in New York ist hermetisch abgeriegelt. Etliche Straßen im Finanzviertel sind gesperrt. Die Polizei ist überall. Unterstützt wird sie von privaten Wachleuten. Manch ein Wolkenkratzer ist von Gittern umgeben. So groß ist die Sorge geworden, dass es zu Auseinandersetzungen kommen kann. Es ist schon etwas gespenstisch. Doch die Leute auf dem Platz machen auf mich einen sehr friedlichen Eindruck. Mit denen kann man sogar gut diskutieren.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wall Street Protest: Ich verstehe die Demonstranten

  1. Rudolf M.

    Guten Tag Herr Schäfer,

    am 30.09.2011 schreiben Sie: All diejenigen, die in diesen Tagen an der Wall Street protestieren, wundern mich jeden Tag aufs Neue: Sie sitzen dort am Straßenrand mit den neuesten Apple-Rechnern, Smartphones, einem frisch gebrühten Starbucks-Kaffee und beklagen sich über den gierigen Kapitalismus. Es ist schon merkwürdig. Das passt alles nicht zusammen.

    Warum verstehen Sie plötzlich die Demonstranten, wo Sie sich doch noch vor ein paar Tagen über die Demonstranten wunderten?

    Wenn Sie mich fragen, dann passt das schon.

    Mit freundlichen Grüßen

    Rudolf M.

  2. tim schaefertim schaefer

    Hi Rudolf M., gut beobachtet!

    Dieses Mal habe ich mit den Leuten gesprochen. Wenn jemand seinen Job verloren hat und selbst nach 50 oder 100 Bewerbungen keine Aussicht hat, was zu finden, dann verstehe ich dessen Ärger.

    Meine Aussage von damals, die Sie zitieren, schrieb ich, ohne mit den Leuten geplaudert zu haben.

    Ich bleibe gleichwohl nach wie vor bei meiner Feststellung: Es besteht ein Widerspruch darin, dass die Protestierenden den Kapitalismus ablehnen, aber gleichzeitig die Produkte der wertvollsten Firma (Apple!) des Kapitalismus nutzen.

  3. tim schaefertim schaefer

    Immer mehr Promis zeigen Verständnis für die Protestierenden. Der US-Präsident, der Chef der Citigroup und selbst der Lenker des größten Vermögensverwalters der Welt, BlackRock, ließen Verständnis für den Ärger der Menschen auf den Straßen durchblicken.
    Die Frage ist: Ob sich aus der Bewegung eine jahrelange außerparlamentarische Opposition heraus entwickelt, deren Macht immer größer wird?

  4. Matthäus Piksa

    Hallo an alle,

    interessant wird's wenn man mal ein paar einschlägige Begriffe in die facebook-Suchmaske eingibt. Genau das habe ich nämlich gemacht und folgende Anhängerzahlen herausbekommen:

    1. Occupy Wall Street – 98.088
    2. Occupy the London Stock Exchange – 24.726
    3. Occupy Frankfurt – 12.431

    Anschließend habe ich mal einige Finanzinstitute eingegeben:

    1. J.P. Morgan Community – 34.613
    2. Deutsche Bank Group – 13.283
    3. Building Opportunity from Bank of America – 68.192

    Im Moment steht es zwischen den Occupyern und den Banken also mehr oder weniger 1:1 unentschieden! Mal sehn wie's weitergeht! Wenn ich mal einen Tipp abgeben darf: Getreu dem Motto „Die Bank gewinnt immer!“ würd ich mal sagen, dass die Finanzinstitute das Duell für sich entscheiden werden. Ich weiß, dass ich mich damit nicht weit aus dem Fenster lehne, ist mir aber ehrlich gesagt ziemlich egal.

    Gruß Matthäus

  5. tim schaefertim schaefer

    Hi Matthäus, schauen wir mal.

    Ich komme gerade von einer Geschäftsreise aus Kanada zurück. Überall mehren sich die Proteste. Es ist eine Dynamik entstanden. Die Anti-Wall-Street-Bewegung kann immer mehr Anhänger gewinnen. Dazu bald mehr in diesem Blog.

    Grüße an alle und danke für die Einschätzung!

  6. Matthäus Piksa

    Hallo Tim.

    Ja sie haben Recht, wir werden's sehn. Nichtsdestotrotz denke ich, dass kein Bürgermeister auf die Gewerbesteuereinnahmen aus der Finanzindustrie (freiwillig) verzichten möchte, nicht Michael Bloomberg, nicht der exzentrische Boris Johnson und auch nicht Petra Roth…

    Was in Deutschland auch interessant ist, ist der Einzug der Piratenpartei in's Berliner Abgeordnetenhaus. Bei den Wahlen erreichten sie um die 8%. In bundesweiten Umfragen (Sonntagsfrage) sind sie ebenfalls bei 8% und damit aktuell weit vor der FDP… – das ist schon mal ein Achtungserfolg, wenn man bedenkt, dass sie nur ein Thema besetzen: das Internet.

    Bis dann.

  7. tim schaefertim schaefer

    Hi Matthäus!

    Klar, kein Politiker will auf den Goldesel Finanzindustrie verzichten. Wenn die Gewinne in New York wieder sprudeln, freut das natürlich den Bürgermeister und Finanzminister. Dann wird wieder der rote Teppich ausgerollt.

    Momentan ist es aber bei der politischen Führung in Mode gekommen, die Banken zu kritisieren – zu Recht wie ich meine.

    Was aus den Protesten gegen die Finanzindustrie wird, ist echt eine spannende Frage. Es kann gar eine Art Anti-Vietnam-Bewegung heranreifen. Momentan fehlt es noch an Unterstützern. Man weiß nie, was daraus wird. Ein anderes Szenario ist: Der Winter macht den Campern den Garaus. Wer will schon bei der Kälte im Park im Zelt sitzen?

  8. tim schaefertim schaefer

    Die Piratenpartei ist wirklich ein merkwürdiges Phänomen. Die Wähler sind mit den etablierten Parteien einfach nicht mehr zufrieden. Die Menschen wählen aus Protest einen Newcomer.

    Ob sich die Piraten langfristig halten können? Das bezweifle ich. Es ist nur eine Modeerscheinung. Ich weiß gar nicht mal, wofür die Piraten kämpfen…

  9. Matthäus Piksa

    Die Piraten stehen allgemein für mehr Freiheit im Internet und den Rückzug des Staates aus der digitalen Privatsphäre der Bürger, konkreter kann ich es Ihnen auch nicht sagen; ich bin kein Parteimitglied.

    Viele Grüße. Matthäus

    P.S.: Ich laufe am So den Frankfurt Marathon, der in seiner 30.Ausgabe mit einer Rekord-Teilnehmer-Zahl von 15.000 Läufern aufwartet, freue mich schon auch wenn es anstrengend wird.

  10. Matthäus Piksa

    Marathon Mission accomplished. 4std30 hab ich gebraucht womit ich sehr zufrieden bin, motivierend waren die Zuschauer, das ideale Wetter und natürlich die Skyline.

    sportlichen Gruß. Matthäus

  11. tim schaefertim schaefer

    Hallo Matthäus, super Leistung. Gratulation!!!

    War das Ihr erster Marathon? Ich selbst muss wieder mehr trainieren…. Danke für die Info. Das motiviert mich selbst.

  12. Matthäus Piksa

    Vielen Dank! Das war mein Erster. 4 std sind mit etwas mehr Training auch drin, jede weitere Verbesserung würde dann aber wohl viel mehr Aufwand bedeuten.

    Sie haben ja mind. einmal im Jahr mit dem NewYork-Marathon einen prominenten Marathon praktisch vor der Haustür, ich musste ca. 150km anreisen, was es mir aber definitiv wert war.

    Übrigens: Gerne wird der Half Ironman mit dem Marathon verglichen. Ich persönlich finde den Half Ironman dann doch etwas anstrengender.

    Bis dann Tim!

  13. Matthäus Piksa

    Geplant ist nunmehr die Teilnahme am Ironman in Frankfurt im Juli nächsten Jahres. Es kann sein, dass ich auf dem Weg dorthin noch ein bis zwei weitere Wettbewerbe einstreuen werde (Radmarathon/Halbmarathon o.Ä.).

    Angemeldet bin ich schon.

  14. tim schaefertim schaefer

    Wow! Das ist ein hartes Stück Arbeit. Ich glaube, etliche Trainingspläne empfehlen morgens und abends Sport zu machen, um fit für den Wettkampf zu sein.

    Mein Rat: Halten Sie sich streng an einen Trainingsplan. Ich vermute mal, ohne Plan wird es verdammt schwer, die Ziellinie zu überqueren.

    Einige Bekannte haben einen Iroman bewältigt Ab und an habe ich mit denen trainiert. Aber an diese Mega-Distanz habe ich mich (noch) nicht heran getraut.

    Ich wünsche Ihnen viel Spass, Durchstehvermögen und Erfolg für die Vorbereitungsphase. Bis zum Start sprechen wir uns bestimmt noch. VG Tim

  15. Matthäus Piksa

    Also wenn sie es genau wissen wollen. Ich habe diesen Plan hier: http://www.trifuel.com/triathlon/ironman-workouts/
    im Internet gefunden und mir einen ersten Überblick verschafft. Die Trainings-Wochen bestehen aus 6 Tagen, wobei meistens zwei Disziplinen trainiert werden, plus einem Regenerationstag. Das ist schon heftig, gar keine Frage. Das Gute ist, dass die Trainingseinheiten meist auf einen Zeitraum von max. 2 Stunden begrenzt sind. Ich habe bisher oftmals länger trainiert, kann sein, dass das falsch war… bzw. nicht optimal.

    Der Plan hat gleich mehrere Vorteile. Erstens scheint er sehr ausgeklügelt, detailreich und somit durchdacht zu sein. Zweitens ist die 36-wöchige Trainingsvorbereitung wohl realistisch eingeschätzt. Ich habe nämlich auch Pläne, die auf 15 Wochen ausgelegt waren, gefunden. Das dürfte mEn aber zu wenig sein. Und drittens liegen zwischen dem Marathon am vergangenen So und dem Ironman-Termin wie es der Zufall so will exakt 36 Wochen.

    Ich werde es auf jeden Fall versuchen. Mehr als scheitern kann ich nicht. Und in dem Fall kann ich immerhin jetzt schon einen Marathon und zwei Half Ironman Finish vorweisen. Das ist doch was.
    Da ich mich aber bereits seit 7 Monaten im Training befinde, muss ich mich nicht wirklich umstellen, so dass ich derzeit zuversichtlich bin.

    Aufpassen muss ich eher, dass ich mich mit dem Studium nicht verzettele. Das hat nämlich (eigentlich) oberste Priorität!

    VG Matthäus

  16. tim schaefertim schaefer

    Hi Matthäus,

    ich finde das super, dass Sie das durchziehen! Mit dem Plan werden Sie das schaffen! Ich drücke Ihnen fest die Daumen.

    Schreiben Sie mir bitte, wie Sie mit dem Training voran kommen in ein paar Wochen/Monaten. Das interessiert mich brennend.

    Alles Gute!

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