Wall-Street-Betrug: Die Unberührbaren


New York, 30. Januar 2013

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Weltweit fragen sich Menschen, warum niemand nach dem größten Crash in der Geschichte des Finanzmarkts hinter Gittern ist. Billionen Dollar sind in der Weltwirtschaftskrise, in dem Finanzchaos vernichtet worden. Niemand muss die Verantwortung übernehmen. Ich meine: Es hätte durchaus jemand zur Rechenschaft gezogen werden müssen.
Die Amerikaner ärgern sich über die laxe Vorgehensweise des Staates. Warum sich niemand für die Lügen mit Hypothekenpapieren (CDOs) oder für die Manipulation des Liborzinses zu verantworten hat, ist schon merkwürdig. Ganz zu schweigen von der Beihilfe zur Steuerhinterziehung und zur Geldwäsche. Gerade in New York mehren sich die Beschwerden über untätige Staatsanwälte.
Etliche Strafverfolger werfen enttäuscht das Handtuch. Unter ihnen Neil Barofsky. Er war einer der mächtigsten Staatsanwälte in Washington. Manch einer wie Barofsky äußert seine Enttäuschung öffentlich. Ich traf Barofsky in New York (mein Foto).
Die Krönung war ja: Diejenigen, die Finanzprodukte falsch verpackt und Kunden angeschwindelt haben, konnten ihre Millionengehälter behalten. Ihr Arbeitgeber (die Bank) zahlte die Strafe, bezahlte ihnen die Rechtsanwälte zur Verteidigung. Unsere Banken erhielten wiederum Staatshilfen zum Überleben. Um es kurz zu machen: Die Finanzhäuser nutzen das Geld ihrer Aktionäre und des Steuerzahlers, um sich freizukaufen.
Ich empfehle Ihnen, die aktuelle Dokumentation „The Untouchables“ – „Die Unberührbaren“ zu schauen. Der einstündige Streifen lässt Senatoren und Staatsanwälte zu Wort kommen. Wirklich sehenswert.
Kritik erntet nun Präsident Barack Obama. Es geht ein regelrechter Aufschrei quer durch die Medienlandschaft. Im Zentrum der Kritik: Der Demokrat hat in diesen Tagen Mary Jo White zur Chefin der Börsenaufsicht SEC berufen. Dabei hat die Dame jahrelang im Dienste der Banken gestanden. Als Anwältin beriet sie Finanzdienstleister, wie sie sich aus Schwierigkeiten „herausreden“ konnten. Damit verdiente sie Millionensummen jährlich. Sie arbeitete für die Kanzlei Debevoise & Plimpton. Ihre Großkunden waren JPMorgan Chase, News Corp (Telefonabhörskandal), der ehemalige CEO von der Bank of America Kenneth Lewis… Ebenfalls ist ihr Ehegatte befangen. Der Jurist arbeitet für eine andere Kanzlei, seine indirekten Brötchengeber sind JP Morgan, Credit Suisse, UBS. Der Gatte soll über drei Millionen Dollar im Jahr verdienen. Es ist schon komisch, dass die Dame jetzt die Wall Street aufräumen soll, obwohl sie mit den Banken reich wurde.
Selbst der Wall-Street-freundliche Finanzjournalist Andrew Ross Sorkin, der für den Börsensender CNBC als Moderator arbeitet, sieht die Berufung von Frau White kritisch.
Wo Sie schauen in diesen Tagen, die Wut nimmt zu. Verärgert ist die preisgekrönte Autorin Gretchen Morgenson über die strafrechtliche Blindheit, weil das zivilrechtliche Kämpfe (Großkunde gegen Bank) umso schwieriger gestalte.
Es entstehen massenhaft Websites, die ihren Protest kundtun – wie diese.
Natürlich zieht der Superkritiker Matt Taibbi vom Magazin „RollingStone“ unentwegt vom Leder.
Taibbi hat in vielen Punkten gute Argumente. Lesen Sie mal den Fall des SEC-Ermittlers Gary J. Aguirre, der frisch zur Börsenaufsicht kam, um Insidertrades bei dem Hedgefonds Pequot Capital Management aufzudecken. Er vermutete John Mack als den Tippgeber, den Ex-Chef von Morgan Stanley. Ermittler Aquire wollte Mack befragen und wurde daraufhin gefeuert. Der SEC-Mann kämpfte gegen seine Kündigung, erhielt später 755.000 Dollar als Wiedergutmachung.
Ein weiteres Problem ist: Besonders aggressive Ermittler landen allzu oft bei den Banken, werden reiche Frühstücksdirektoren. So macht man sich aus Feinden schnell Freunde.
Was lernen wir daraus? Klar gab es Versäumnisse. Klar gab es Kriminelle. Klar ist die Korruption ein Problem. Ich verstehe den Ärger. Insbesondere verstehe ich ihn, wenn jemand im Zuge der Finanzkrise sein Haus, seinen Job verloren hat.
Ich vermisse Banker, die sich wenigstens für ihre Fehler entschuldigen. Immer wird die Schuld auf andere geschoben. Niemand gibt zu, Dinge falsch eingeschätzt zu haben.
Natürlich ist die Liste der Versager lang. Hauskäufer haben Fehler gemacht, Ratingagenturen, die FED, die Regierung – zahlreiche Stellen übersahen das bevorstehende Desaster. Insofern wäre es unfair, die Banken zum Sündenbock für alles zu machen.
Suchen wir nun nach dem Positiven an der Situation. Im Endeffekt bedeutet die Wut des Volkes eine Chance. Banken werden regelrecht gehasst. Viele Institute notieren nahe am Buchwert. Für Schnäppchenjäger kann das eine Chance sein. Wenn Sie Geduld haben, warum sollten Sie in der Branche nicht bei abgestürzten Titeln beherzt zugreifen? In Europa und den USA sehe ich viele Turnaround-Kandidaten. Der Ärger wird sich legen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Blicken wir nach vorne, so schwer es uns fallen mag.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Wall-Street-Betrug: Die Unberührbaren

  1. Matthäus Piksa

    Hallo Tim,

    „the Untouchables“ erinnert mich an den gleichnamigen Film, der von dem Chicagoer Gangster Al Capone handelt, gespielt von Robert de Niro. Andere Stars, die in dem Film mitspielen sind: Kevin Costner, Sean Connery und Andy Garcia. – Gesehen habe ich den Film jedoch nicht.

    Meines Wissens nach unterscheidet sich das amerikanische Immobilienrecht elementar vom deutschen Immobilienrecht. Wenn ein deutscher Hausbesitzer in Zahlungsschwierigkeiten gerät, dann droht ihm im schlimmsten Fall nicht nur die Zwangsversteigerung und damit der Verlust des Objektes, sondern darüber hinaus auch die Privatinsolvenz. Und zwar dann, wenn die erzielte Summe bei der Versteigerung nicht zur Begleichung der fälligen Darlehenssumme ausreicht. Insofern sollte sich in Deutschland jeder zwei Mal überlegen, den Hauskauf auf Pump zu bewerkstelligen. Ganz anders in Amerika. Wenn hier der Hausbesitzer in Zahlungsschwierigkeiten gerät, dann kann er der Bank den Schlüssel geben und ist folglich seine sämtlichen mit dem Haus zusammenhängenden Schulden los. Eine weitergehende Haftungserweiterung auf das private vermögen gibt es nicht.

    Banken, Wall Street und die Politik versuchten in Amerika jedem Amerikaner die Erfüllung des American Dreams zu ermöglichen. Maßgeblich sind hierbei die eigenen vier Wände. Das Dumme ist nur, dass es letztlich so außer Kontrolle geriet. Aber gegen die zugrunde liegende Idee ist nichts einzuwenden.

    So schlimm natürlich der Verlust des Eigenheimes ist. Kauft jemand mit einer hohen Fremdkapitalquote ein Haus, dann muss dieser Käufer im Grunde schon damit rechnen, dass es nach Schicksalsschlägen zum Verlust des Hauses kommen kann. Scheidung, Arbeitsplatzverlust, Krankheit – irgendetwas kann immer schief laufen => Murphy's Law!

    Problematisch war zudem die Praxis, zukünftige Wertsteigerungen bereits bei der Darlehensvergabe zu berücksichtigen, die natürlich kein seriöser Immobilienmakler garantieren kann. Diese Annahme war wie wir heute wissen viel zu optimistisch. Aber wenn jemand weiß, dass er im Falle des Super-Gaus sein Haus einfach an die Bank abgeben kann, ohne privat zu haften, dann liegt die Hemmschwelle ziemlich niedrig, einen entsprechenden Darlehensvertrag abzuschließen.

    Gruß Matthäus

  2. tim schaefertim schaefer

    Hallo Matthäus,

    das stimmt. Mit Schulden sollte jeder sehr vorsichtig umgehen.

    Es sind viele Gefahren und Kosten damit verbunden. So toll niedrige Leitzinsen sein mögen, billiges Baugeld kann Menschen dazu verleiten, Dummheiten zu begehen.

    Über die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt in Deutschland habe ich im neuen Blogeintrag geschrieben. Danke für den Wink mit dem Zaunpfahl.

    @ Finanzielle Freiheit mit Dividenden Blog
    Das sehe ich genauso. Value Investing ist langfristig gesehen die Erfolgsstrategie schlechthin. So langsam spricht sich das auch herum. Alle mögen auf einmal Hausmannskost mitsamt Dividenden. Buden wie Zynga oder Groupon haben es schwerer an der Wall Street.

  3. Matthäus Piksa

    Hallo Tim,

    jedenfalls unterscheiden sich die beiden Rechtsordnungen doch erheblich, auch wenn ich keine Gewähr für meine Ausführungen geben kann. Meine Informationen zum amerikanischen Immobiliarsachenrecht sollte man im Ernstfall, wenn ein Anleger zum Beispiel vor der Frage steht in Amerika ein Objekt zu erwerben, nochmals überprüfen. Logisch. Allerdings habe ich diese Information aus mehreren Quellen. Daher habe ich diesen Unterschied hier kurz dargestellt. Beide Rechtsordnungen haben ihre Vor- und Nachteile. Das amerikanische System ist flexibler. lädt aber auch zur Spekulation ein, das deutsche System ist träger, dafür aber auch weniger anfällig für Blasenentwicklungen. Soll jeder selbst entscheiden, was er besser findet.

    Die Nachrichten zum amerikanischen Immobilienmarkt haben sich in letzter Zeit ja doch deutlich aufgehellt. Irgendwo müssen die über 300 Millionen Amerikaner ja wohnen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Entspannungstrend anhält. Gründe gäbe es mehrere:

    1. Der Arbeitsmarkt hat sich wieder stabilisiert.

    2. Anleger, die in den letzten Jahren beherzt am Aktienmarkt zugriffen und nunmehr satte Kursgewinne verzeichnen können, könnten zu einem gewissen Teil auf dem Immobilienmarkt aktiv werden.

    3. Wenn Obamas liberale Einwanderungspläne den Kongress passieren, dann würde dies bedeuten, dass derzeit 11 Millionen Illegale amerikanische Staatsbürger werden könnten. So habe ich die aktuelle Diskussion jedenfalls verstanden. Wenn dem so ist, dann dürfte ein Teil dieser neuen US-Bürger erwägen, auf dem Häusermarkt aktiv zu werden, sei es durch Kauf eines neuen Hauses oder durch Kauf eines gebrauchten, renovierungsbedürftigen Objektes.

    Von diesen Entwicklungen dürften jedenfalls die Baustoffproduzenten und Baumärkte weiterhin profitieren. Weiterhin, denn wenn man sich mal den Chart bspw. von Home Depot ansieht, dann stellt man fest, dass diese Aktie längst abgehoben ist. Bei ca. 18 US-$ stand der Baumarktbetreiber vor gut 4 Jahren. Heute notiert das Papier fast 4 Mal so hoch bei fast 70 Dollar.

    Es gibt gute Gründe, dass dieser Trend anhält, wenn gleich die Aktie von Home Depot nicht mehr günstig ist, siehe yahoo finance.

    Gruß Matthäus

  4. Matthäus Piksa

    Es stellt sich ernsthaft die Frage, wer vor 4 Jahren bei einer Home Depot die Eier (ich meine den „Mut“ – Mut in Anführungszeichen, weil eingefleischte Value-Investoren diesen haben müssen) hatte, in diese Aktie zu investieren, also zu einem Zeitpunkt, als der Immobilienmarkt gerade erst platzte! Wahrscheinlich nur wenige und vielleicht noch die Insider, der Vorstand etc.

  5. Anna

    Matthäus,
    danke für die Blumen. Ich habe im Sept. 08 Home Depot für 19 Euro gekauft, in den nächsten Jahren kam der Baumarkt nicht vom Fleck. Ich habe mir dann immer gedacht (gemeinerweise): Der nächste Hurrikan kommt bestimmt.
    Inzwischen macht der Kurs Freude.
    VG
    Anna

  6. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus

    Den Mut haben die wenigsten. Der gewöhnliche Börsianer kauft am liebsten, wenn die Kurse auf Rekordniveau sind. Komisch eigentlich. Im Supermarkt schauen wir gerne nach Angeboten.

    Ich denke, dass der Durchschnittsanleger eine ganz mickrige Rendite an der Börse einfährt (wenn überhaupt). Das Timing ist grauenvoll. Das Trading schadet zudem.

    Home Depot ist eine Mega-Aktie. Der Chart ist eine Pracht. 1984 stand der Kurs bei 30 Cent. Heute: 67,27 Dollar. Das Macht 22.300 Prozent.
    Hier ist der Chart.

    @Anna
    Gratulation! Du hast den Mut, in der Panik zuzugreifen.

  7. Matthäus Piksa

    @Anna
    Glückwunsch, die Aktie geht ab wie Schmidt's Katze!

    @Tim
    Das denke ich auch. Gleich wohl gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel Anna. Ende 2008 Anfang 2009 habe ich zwar noch nicht hier live mitgebloggt, aber weil ich im Nachhinein ein paar deiner früheren Artikel las, weiß ich, dass du geraten hast Ruhe zu bewahren und die ein oder andere Aktie einzusammeln. Vor 4 Jahren, Feb. bis April, absolvierte ich gerade ein Praktikum in einer Frankfurter Kanzlei. Im Rahmen dieses Praktikums fuhr ich als Praktikant auch auf eine zweitägige Geschäftsreise nach Essen zu einer privaten Vermögensverwalter-GmbH. Das war ein 4 Mann-Betrieb, genau genommen ein 2 Mann 2 Frau Betrieb (2 Vermögensverwalter, 1 Vermögensverwalterin und eine Sekretärin). Ich weiß noch, dass die Telefonleitungen bei denen von morgens bis Abends glühten und sie ihren Kunden empfahlen, ihre Aktien zu halten oder zusätzliche zu kaufen. Ich dachte mir damals nur: „Die machen's richtig.“ Wenn die Kunden auf sie hörten, dann dürften sie heute kräftige Gewinne im Depot verzeichnen. Die Betonung liegt auf dem Wörtchen „Wenn“!

    In deinem neueren Blog-Artikel schreibst du auch, dass es jetzt an der Zeit ist, Vorsicht walten zu lassen. Ich sehe das genauso. Die Indizes stehen nahe ihrer Allzeithochs. Gleichwohl gibt es gute Argumente dafür, dass es noch eine zeitlang weiter aufwärts geht und neue Allzeithochs erreicht werden. Rein charttechnisch ist es beim DAX so, dass in der Range zw. 8.000 und 8.200 Allzeithochs aus dem Frühjahr 2000 und dem Sommer 2007 liegen. Wenn der DAX diese Range nach oben durchstößt, anschließend im Bereich zwischen 8.000 und 8.500 konsolidiert, dann könnte damit der Weg zu der 9.000er und der 10.000er Marke geebnet sein. Das Doppeltop dürfte aber hart zu knacken sein. Ein wenig Charttechnik… Eigentlich wäre es am Cleversten seine Aktienquote derzeit ein wenig zurückzufahren, es sei denn man ist Value-Investor und will seine Aktien noch auf Jahrzehnte hinaus halten.

    Gruß Matthäus

  8. tim schaefertim schaefer

    Hi Matthäus,

    danke für den Link. Es haben also viele gewusst in den USA. Sie haben alle Witze gemacht.

    Es gibt einen Unterschied: Ich glaube, die Rating-Leute haben nicht so irre Gehälter wie die „Schummelbanker“ verdient. Diese Libor- und CDO-Trader haben Millionen verdient.

    Vielleicht erlebt Deutschland auch noch seine eigene Immobilienblase. Ich kenne Leute, die wollen ihr Objekt zu 115 % beleihen. Sprich mehr Geld via Hypothek aufnehmen, als an Substanz vorhanden ist. Und der „Wert“ der Substanz (=Kaufpreis) ist schon teuer. Wenn da mal keine Blase beim Deutschen Michel platzt…

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