Von den Norwegern lernen


New York, 20. März 2013

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Wenn die meisten Menschen ein ökonomisches Problem sehen, sehen Genies wie Carl Icahn, George Soros, Seth Klarman oder Warren Buffett Chancen. Die Stars haben die Gabe, besser auseinander halten zu können, wo die wahren Risiken schlummern und wo Chancen lauern.
Die Masse ist damit überfordert. Die Meute wird euphorisch, wenn die Börse auf einem Allzeithoch notiert. Dann werden die Genies sehr vorsichtig.
Die besten Anleger investieren aggressiv, wenn die Masse nur Gefahren sieht. Sie können dieses Konzept nun Contrarian Investing oder Value Investing nennen. Oder wie auch immer.
Schauen wir uns jetzt die aktuelle Situation an: Die Wall Street steht auf einem Allzeithoch. Die Menschen werden mutiger, fangen an, Aktien zu kaufen. Insofern sind jetzt die Risiken höher als vor vier Jahren, als die Kurse um 50 Prozent eingebrochen waren.
Der gewöhnliche Anleger neigt aufgrund seiner unkontrollierbaren Gefühlswelt dazu, hohe Kurse als attraktiv zu empfinden und niedrige Kurse als brandgefährlich einzuschätzen. Weil das die meisten Menschen eben nicht richtig auseinanderhalten können, kreieren sie Blasen. Anschließend hinterlässt die Meute Trümmerhaufen. Dieses Konzept der Blasen und Trümmer wiederholt sich ständig.
Es ist so, als ob Sie jedes Mal zu spät zum Dinner kommen würden. Eben dann, wenn die guten Happen weg sind. Der Durchschnittsanleger kommt zur Party, wenn nur noch Krümel übrig sind. Wer etwas cleverer ist, schafft es wenigstens zum Nachtisch. Zu jenem Zeitpunkt sind sicherlich vom Hauptgericht noch Reste übrig, ein paar leckere Drinks sicherlich auch. Der smarteste Gast (Buffett, Icahn, Soros) kommt superpünktlich – am besten bevor das Dinner beginnt.
Um es zusammenzufassen: Rekordkurse bedeuten mehr Risiken als niedrige Kurse. Insofern ist es ratsam, jetzt etwas vorsichtiger zu werden. Um es mit dem Dinner zu vergleichen: Womöglich wird gerade der Nachtisch den Gästen gereicht. Für Euphorie war in den vergangenen vier Jahren die bessere Zeit (Vorspeise, Hauptgang). Die Herde versteht diesen Grundzusammenhang nicht. Deshalb schneidet der Durchschnittsanleger lausig an der Börse ab. Der Normalanleger kauft eben tendenziell zu teuer und verkauft zu billig.
Nicht verschweigen möchte ich, was Buffett, Alan Greenspan (TV-Foto CNBC), Staranleger Bill Miller und BlackRock-CEO Laurence Fink sehen. Die rechnen offenbar allesamt mit einem gewaltigen Börsenanstieg, der uns bevorsteht.
Eine weitere Lehre sollten wir ziehen: Wir sollten keinesfalls versuchen, die Börse zu timen. Denn all das Hin und Her kostet uns unnötig Tradinggebühren und Steuern. Es lohnt sich einfach nicht. Studien belegen das ganz klar.
Kein Mensch weiß, wann die Kurse einen neuen Sprint nach oben hinlegen und wann sie einbrechen werden. Das kann keiner genau vorhersehen. Es kann jederzeit passieren. Es kommt keiner vorher mit dem Glöckchen vorbei, um uns einen Stimmungswechsel mitzuteilen.
Die richtig guten Profianleger haben aus diesem Grund einen langen Anlagehorizont. Zwischen dem Jahr 2000 und 2012 verdiente die Vermögensverwaltung der Yale Uni zwölf Prozent per annum. In der gleichen Zeit brachten US-Aktien nur zwei Prozent. Von den 100 Milliarden Dollar Assets waren 43 Prozent in Alternative Anlagen geflossen, also in so exotische Anlageformen wie Hedgefonds oder Private Equity.
Für den Privatanleger eignet sich das weniger. Hedgefonds sind intransparent. Für Kleinanleger sind sie in der Regel nicht zu haben. Mit Private Equity ist das ähnlich.
Also macht es Sinn, andere erfolgreiche Profis zu kopieren. Das können Sie mit Leuten wie Icahn, Buffett oder Soros tun. Deren Beteiligungen sind publik.
Alternativ können Sie schauen, was Norwegen macht. Seit 2000 verdienten die Norweger mit ihrem Staatsfonds vier Prozent per annum. Das Doppelte der US-Börse in dieser Zeit. Das Portfolio ist diversifiziert. Es sind 9.000 Unternehmen im Depot enthalten. Der Trick: Die Norweger haben Geduld. Sie haben Zeit. Sie sind bereit, wenn die Börse ins Rutschen kommt, einen Abschwung auszusitzen. Wenn die Börse sinkt, kaufen die Norweger zu. Sie verlieren nie die Nerven.
Das sollten Sie auch tun.
Hören Sie besser nicht auf Leute, die Ihnen erzählen möchten, wo der Markt nächsten Monat oder nächstes Jahr exakt stehen wird. Das ist völliger Unsinn. Leider kommen in den bekannten TV-Börsensendern viel zu viele „Wahrsager“ zu Wort. Der Nutzwert von diesen Kursprognosen ist meiner Meinung nach gleich Null.
Was würde ich jetzt tun? Warten Sie einfach auf einen neuen Einbruch. Sobald die Börse das nächste Mal um 30, 40 oder gar 50 Prozent fällt, haben Sie Mut. Sie kennen bestimmt den Spruch: „Wenn Blut auf den Strassen fließt, kaufen sie so viel sie können.“ Dann sammeln Sie die besten Firmen zu Schnäppchenpreisen ein.
Die Eine-Million-Dollar-Frage ist jetzt: Wann kommt der nächste Crash? Keine Ahnung. Das sollte Ihnen egal sein. Die soliden Aktien, die jetzt in Ihrem Depot liegen, würde ich wie einen alten Schinken einfach liegen lassen. Wenn Ihnen eine tolle Aktie in der Zwischenzeit über den Weg läuft, können Sie nach wie vor zugreifen. Aber etwas vorsichtiger wäre ich schon. Und gehen Sie selektiv vor.
Wenn die Kurse das nächste Mal abstürzen, rate ich mit dem Kerndepot zum Aussitzen und Abwarten. Vier Jahre nach der schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg stehen die Weltbörsen wieder im Plus. Wer in dem jüngsten Crash verkauft hat, hat den Fehler seines Lebens gemacht.
Fazit: Eine clevere Strategie ist das A+O für eine gute Performance. Behalten Sie immer die Nerven. Egal, was passiert. Etwas Liquidität in der Kriegskasse, um jederzeit gewappnet zu sein, ist ratsam. Man weiß nie. Das Kerndepot würde ich durch gute und schlechte Zeiten einfach durchhalten. So wie es Buffett und die Norweger tun.
Meine vier Aktien für die Rente haben sich bislang gut geschlagen. Nur die Heinz muss ich jetzt leider austauschen, weil mir Buffett den Ketchuphersteller weggeschnappt hat – ohne uns Kleinaktionäre zu fragen.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Von den Norwegern lernen

  1. D.K.

    „Wer in dem jüngsten Crash verkauft hat, hat den Fehler seines Lebens gemacht.“

    An dieser Stelle musste ich schmunzeln.

    Du hast vollkommen Recht. Die Börse hat schon mehrere Krisen überwunden, was man nicht gerade von zahlreichen Unternehmen/Banken behaupten kann. Und wer sich dividendenstarke Titel ins Depot holt, sollte hoffentlich die Krisen ohne Angst überstehen können. Es gibt genug Firmen, die, wenn es mal schlecht läuft, trotzdem Jahr für Jahr Dividenden ausschütten, die man wieder reinvestieren kann.

    Du hast schon mal von dem Schneeballeffekt gesprochen, Tim.

    Und wer diese Strategie über 20-30 Jahre fährt, wird höchstwahrscheinlich viel früher in Rente gehen / eine finanzielle Unabhängigkeit erreichen. Ohne dabei wirklich auf Lebensqualität während dieser Jahre verzichten zu müssen.
    Sagt ja auch keiner, dass man nicht konsumieren soll. Alles in Maßen – wie es so schön heißt. Und das trifft nicht nur auf das Thema Investieren zu, sondern auch auf andere Lebensbereiche wie z.B. gesunde Ernährung (ich esse auch ab und zu mal bei den diversen Schnellimbissketten, aber alles im gesunden Maß), Sport usw. Ich finde es sehr wichtig, dass man auf sich Acht nimmt.
    Man muss kein Genie sein, um halbwegs erfolgreich seinen Weg zur finanziellen Unabhängigkeit zu gestalten.

    Was ich noch sagen wollte zum Thema „Expertenmeinungen“. Ich selbst verfolge einen Blog, wo oft Grafiken von Kursen gezeigt werden mit zahlreichen Geraden in allen Regenbogenfarben. Diese sollen den möglichen Kursverlauf der Aktien identifizieren. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich davon halten soll. Es ist mir fremd und ich lasse lieber die Finger von solchen „Analysen“. Wären solche Grafiken zu 100% genau, würden die Blogbetreiber schon längst Millionäre sein. Sind sie aber höchstwahrscheinlich nicht.

  2. Frank

    Guter Beitrag!

    Ich halte meine Aktien, egal was kommt. In miesen Zeiten kaufe ich nach.

    @Tim: Kennst du dich im deutschen Steuerrecht aus? Wenn ich meine Aktien über Jahre/Jahrzehnte halte und die Gewinne nicht durch einen Verkauf der Titel realisiere, muss ich dann eigentlich Jahr für Jahr einen Freistellungsauftrag für Kapitalerträge (801 EUR maximal) stellen oder kann ich mir das schenken?

    Viele Grüße nach NY

  3. Graf Dracula

    @D.K.

    Die selbsternannten Experten, welche gerne Picasso konkurrenz machen wollen und sich als wichtig feiern lassen, haben imho den Sinn und Zweck der Börse nicht verstanden.

    Wer „Bildchen“ kauft, wird auf Dauer keinen Erfolg damit haben. Wäre dies anders, hätten diese Picassos längst Warren Buffet überrundet.

    Wenn Du Dich also an erfolgreichen Firmen beteiligst – und das langfristig – dann wirst Du diese „Experten“ um Längen schlagen.

  4. Sams

    @Frank
    Müsste doch mit deiner Depotbank zu klären sein. Mein Freistellungauftrag gilt unbefristet und wird einfach im neuen Jahr automatisch von meiner Bank verlängert.
    Aber wenn Buchgewinne nicht realistiert werden fällt logischerweise
    auch keine Kapitalertragssteuer an.
    Ich würde mich bei meiner Bank erkundigen.
    Aber auch wenn die Dividenden mal den Freistellungsbetrag von 801 Euro übersteigen unbedingt noch die Einkommenssteuererklärung machen, die 25% die pauschal abgezogen werden können höher sein als dein Einkommenssteuersatz (hängt vom Verdienst ab).
    P.S. Kaufe Aktien auch zum Halten wäre aber schon mal neugierig zu sehen wie sich Verlustvortrag in verbingung mit Gewinnen so auswirkt.
    Nur will ich mit von keiner +Position trennen.lol

  5. Gast

    Anleger und ihre Nervosität
    Viele Anleger träumen davon Aktien mit einem dicken Plus in ihren Depots zu sehen. Schön leuchtend, in grüner Schrift sieht es einfach toll aus : Nestle + 100 %.
    Leider wird dies für viele Anleger ein Traum bleiben…… sie scheitern an ihren Nerven. Die einen verkaufen mit Verlust, und die anderen verkaufen zu früh.

    Aktienbesitzer kennen sich aus, mit der Nervosität. Einen Grund für Unruhe gibt es für Aktienbesitzer eigentlich jeden Tag, und dennoch gelingt es nur den wenigsten, sich dieser Unruhe zu entziehen.Mal ist es irgendeine Krise, mal der zu hohe Stand der Indizes, hin und wieder rechnet man an der Börse auch mit nichts geringeren als den Weltuntergang.
    Es ist nur menschlich, wenn ein Anleger nach dem Kauf einer Aktie unruhig wird, wenn gerade diese Aktie, zeitnah nach dem Kauf an Wert verliert. Es wird nach Erklärungen für den Kurseinbruch gesucht, man hinterfragt die Gründe für diesen Kauf, und am Ende stellt sich der Anleger unwillkürlich die Frage : Soll ich verkaufen ? Dann fällt dem Anleger noch ein Spruch von „Experten“ ein, der lautet : Verluste soll man begrenzen. Also wird mit Verlust verkauft…. puh, endlich wieder Ruhe.

    Komischerweise ist die Nervosität für erfolgreiche Anleger auch ein bekanntes Gefühl, und somit auch ein Problem.Ein Problem, das so manchen Anleger schon viel Geld gekostet hat.

    Ein Anleger kauft eine Aktie und diese steigt schnell nach oben.
    Liegt die Aktie 5% im Plus,freut sich der Anleger noch über seinen genialen Einstiegszeitpunkt. Er fühlt sich gut, und alles ist in bester Ordnung. Bei 10% beginnt bei vielen Anlegern der Drang, diesen Gewinn „sichern“ zu wollen….. die Unruhe beginnt, und irgendwann siegt der Drang nach Ruhe und Sicherheit, die Aktie wird mit 15 oder 20 % Gewinn verkauft…. puh , endlich Ruhe

    Einer der Gründe, warum viele Anleger ( natürlich auch ich ) oftmals Fehler begehen, ist meiner Meinung nach die Überflutung von Informationen. Diese Überflutung an Informationen läst uns als Anleger nervös werden, und wir fangen an Fehler zu machen. Aktien toller Unternehmen werden kurzfristig ge-oder verkauft, nur weil in den Medien mal wieder Zweifel oder Panik ausgerufen wird. Man sollte aber nicht vergessen das Zeitungen und Fernsehn mehr Geld damit verdienen, wenn sie Mord und Totschlag, Angst und Unsichertheit verkünden, anstatt zu berichten, wie es einer Enten-Familie gelungen ist, eine sechsspurige Autobahn zu überqueren, oder Aktien zu erwähnen, die seit Jahrzehnten erfolgreich sind, und jede Krise überstanden haben. Es wird in immer kürzeren Zeitabständen gedacht. Monate,Wochen, Tage, ja sogar stündliche Breaking-News werden reisserrisch aufgemacht. So etwas geht an vielen Anlegern nicht spurlos vorbei.Sie fangen an zu Handeln.Aus Handeln wird gewohntes Traden und die Gebühren fürs Traden steigen.Im Hintergrund lacht die Bank, denn öfteres Traden bedeutet schliesslich Geld für die Bank.

    Meine Strategie gegen die Nervosität

    Ich kaufe grundsolide Aktien wie BASF, Nestle, BAT, General Mills, Reckitt Benckiser, Colgate, Exxon, Chevron, P&G, Münchner Rück, Coca-Cola, Nestle, Philip Morris und Pepsico . Ich schalte die Berieselung der Medien ganz bewusst öfter ab, und lasse den Aktien Zeit, Zeit und nochmals Zeit, sich zu entwickeln. Alleine mit den eingefahrenen Dividenden in den nächsten Jahren, besser Jahrzehnten, sollte ein schönnes Sümmchen zusammenkommen. Die Liste der genannten Aktien könnte ich um etliche Unternehmen vergrössern, sie sollten nur als Beispiel gelten.
    Wer in gute Unternehmen investiert, und deren Aktien Zeit gibt, kann die Nervosität in den Griff bekommem und Gebühren sparen. Und wer weiss ? Vielleicht sehe ich eines Tages in meinem Depots :
    Reckitt Benckiser : + 100 % Generall Mills: + 100 %
    BAT : + 100%
    Chevron + 100 % Colgate + 100 %

  6. Felix

    Ich mache das auch so mit den grundsoliden Aktien und ich habe auch schon bei einigen die grün leuchtenden +100 % und mehr stehen. Ein gutes Gefühl! Ich verkaufe deswegen aber nicht, schon deswegen nicht, weil ich diese Aktien vor der Einführung der Abgeltungssteuer gekauft habe und inzwischen eine oft zweistellige Dividendenrendite mit diesen Titeln erziele.

    Freilich schützen auch diese tatsächlich oder vermeintlich grundsoliden Bluechips nicht vor Verlusten. NOKIA, E-on, Telefonica, Dell, HP waren auch einmal Grundsolide.

  7. Sams

    Ach France Telecom könnte man da auch noch nennen. Unglücklicherweise habe ich die auch im Depot.
    Aber was soll es General Electric +50
    France Telecom -39, ich glaub ich wart auf die Hauptversammlung werde den Jahresbericht lesen und evtl noch mal kaufen. Entweder bin ich blind und seh den Weltuntergang nicht.
    Fahre ehrlich gesagt ohne großes Gewinn- und Verlustrealisieren recht passabel.

  8. tim schaefertim schaefer

    @ Frank
    Mit Steuern kenne ich mich leider nicht sonderlich gut aus. Ich habe einen Steuerberater, der sich um solche Sachen kümmert.

    @ Gast
    Danke. Gut erklärt.

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