Value- oder Momentum-Strategie: Was ist das bessere Rezept?


New York, 13. November 2010

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Ich treffe mich einmal in der Woche mit einer kleinen Gruppe an Investoren. Wir gehen immer in ein Restaurant in Midtown, am Times Square. Die meisten sind schon um die 50 oder 60 Jahre alt. Mit einem hatte ich diese Woche ein Wortgefecht. Er ist ein alter Hase, um die 65 Jahre alt. Er verwaltet Geld überwiegend für Lehrer. Da er ein großer Anhänger der Momentum-Strategie ist, macht es immer so viel Spaß, mit ihm zu diskutieren, denn ich verfolge persönlich eine Value-Strategie, also gerade das Gegenteil des dynamischen Momentum-Ansatzes. Er liebt also Aktien mit einem starken, nach oben hin ausgerichteten Kursverlauf. Er ist beispielsweise ein riesen Fan von Apple. Ich sagte ihm, das ist freilich eine super Firma, aber es bestehe die Gefahr, dass sich die Masse der Anleger in der Aktie längst tummelt. Er entgegnete, dass dies gar nicht sein könne, weil der Apple-Kurs bei über 300 Dollar notiere und die Privatanleger solche hohen Kursniveaus scheuen würden, da sie nicht genügend Stücke einsammeln könnten. Sein Argument mag teilweise stimmen. Aber es ist nicht zu leugnen, dass Apple in aller Munde ist und der Kurs wie im Rausch nach oben geschnellt ist. Ich meide persönlich solche Mode-Themen. Das muss aber nicht heißen, dass man mit Apple kein Geld verdienen kann. Im Gegenteil, der Kurs läuft wie am Schnürchen nach oben und ist kaum zu stoppen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dieser Aufwärtstrend noch lange andauert. Gut möglich, dass Vorstandschef Steve Jobs sogar über einen Aktiensplitt nachdenkt, um die Horde der Anleger erst in die Aktie zu locken. Ich bin gespannt! Einer der smartesten Investoren an der Wall Street, Ken Heebner, hat jetzt einen Großteil seiner Apple-Aktien verkloppt. Er war einer der größten Aktionäre bei dem hippen Computer-Riesen. Ich bin ein Fan von ihm. Sein Fonds ist einer der Spitzenperformer weltweit.
Als ich begann, mich beruflich mit der Börse zu beschäftigen, lernte ich die Momentum-Strategie von Egbert Prior. Er ist ein Meister dieser Strategie, einer der besten Experten in Deutschland auf diesem Gebiet. Im Grunde geht es um folgendes: „Buy high and sell higher“ – Kaufe teuer, verkaufe teurer. Wohingegen der Value-Anleger nach dem Motto handelt „Buy low, sell high“ – Kaufe niedrig, verkaufe hoch. Prior brachte mir seine Methode bei und so musste ich nicht eigene böse Erfahrungen an der Börse machen. Denn es geht an der Börse vor allem um eines: Um Erfahrung. Bis man eigene Techniken entwickelt hat, die wirklich funktionieren, können viele Jahre ins Land gehen. Daher ist es wichtig, einen Mentor zu haben, wenn man unerfahren ist. Von Aristoteles stammt folgendes Zitat:
Hervorragende Leistungen sind eine Kunst, die man sich durch Übung und Gewohnheit aneignet. Wir handeln nicht deshalb richtig, weil wir uns durch Tugend oder Leistungsfähigkeit auszeichnen, sondern wir verfügen über diese Eigenschaften, weil wir richtig gehandelt haben. Wir sind das, was wir gewohnheitsmäßig tun. Daher sind hervorragende Leistungen keine Handlung, sondern eine Gewohnheit.
Das erklärt auch, warum erfolgreiche Menschen in späteren Jahren weiterhin erfolgreich sind. Sie haben die Methoden erlernt und wissen wie es funktioniert. Sie glauben an sich. Sie haben eine ungewöhnliche Gabe, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Außenstehende behaupten gerne, dass erfolgreiche Menschen einfach mehr Glück haben. Das stimmt freilich nicht. Es ist harte Arbeit, die dahinter steckt. Zurück zum Momentum-Ansatz: Sie kaufen also Aktien, die in Schwung gekommen sind und springen auf den fahrenden Zug. Sind Sie an Bord, warten Sie geduldig ab. Wenn Sie Glück haben, kann es zwei oder drei Jahre dauern, bis es zu einer Verlangsamung des Trends kommt. Dann besteht die Kunst darin, den richtigen Ausstiegszeitpunkt zu finden. Wenn das Pendel umschlägt, kann dem Kurs schnell die Luft entweichen. Im Grunde laufen Sie mit der Horde mit, versuchen natürlich so früh wie möglich den Trend zu erkennen und nicht erst dann einzusteigen, wenn die Aktie schon in luftigen Höhen notiert. Über die Value-Strategie habe ich hier schon sehr viel geschrieben. Im Kern geht es darum, solide Unternehmen zu finden, die niedrig notieren, weil die Masse sie aus einem bestimmten Grund nicht wertschätzt. Sie steigen also auf einem ausgebombten Kursniveau ein und warten dann gemütlich ab, bis das Pendel in die andere Richtung ausschlägt, die Herde die Aktie wieder super findet. Investoren wie Warren Buffett bleiben dann für immer an Bord und freuen sich über die Dividenden. Investor Ken Heebner ist ein Meister im Entdecken ausgebombter Wachstumsaktien, die kurz vor der Entdeckung durch die Horde stehen.
Von dem ehemaligen Manager der Deutschen Bank in New York, Heiko Thieme, lernte ich den Blick für das Ganze zu behalten. Thieme hat eine erstaunliche Gabe, die Lage an der Börse nüchtern als Gesamtkunstwerk zu beurteilen. Das ist ebenfalls wichtig als Börsianer. Was nutzt es denn, wenn Sie eine tolle Aktie entdeckt haben, Sie steigen ein und der gesamte Markt kollabiert anschließend, weil die Börse einfach heiß gelaufen ist? Derzeit sehe ich keine Überbewertung an der Börse. Allerdings tut sich der Dow-Jones-Index schwer, die 11.250-Marke zu überwinden. Als wir Ende 2007 bei rund 14.000 Punkten im Dow Jones standen, wurde die Wirtschaft von Geld regelrecht überschwemmt. Es hatte sich eine Vermögens-Blase gebildet. Immobilien waren in den USA gigantische Summen wert und so investierte die Horde nicht nur in Betongold, sondern auch an der Börse wie verrückt. Die Zinsen waren niedrig und Kredite erhielt praktisch jeder ohne Einschränkungen. Aus diesem Grund glaube ich, dass es etwas dauern kann, bis wir die alte Marke von 14.000 im Dow-Jones-Index überwinden können. Haben Sie also Geduld! Es wird passieren, das ist sicher. Die Börse bietet eine wunderbare Investmentchance für Menschen, die Zeit und ihre Gefühle (Angst, Gier) unter Kontrolle haben. Nehmen Sie nur den Dow Jones: In den 1890er Jahren startete der Index bei 40 Punkten. Er überschritt in den kommenden Jahrzehnten die Latte bei 100, 1.000 und 10.000 Zählern. Auch die 100.000er Hürde wird eines Tages fallen. Davon bin ich fest überzeugt. Es kann nur etwas dauern. Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Erfolg an der Börse! In den USA sagt man: „Take it easy!“ Zum Schluss möchte ich Ihnen noch ein kurzes Interview mit dem New Yorker Aktienexperten Heiko Thieme ans Herz legen. Bei ihm hatte ich eine zeitlang mein Büro gemietet und gehe mit ihm immer wieder gerne laufen (mein Foto oben). Wir sind beide begeisterte Langstreckenläufer und Börsianer. Thiemes Blick fürs Wesentliche ist jedenfalls beeindruckend. Sehen Sie selbst:


tim schaefer (Author)

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