Unethisches Verhalten: Erst kommt die Bank, am Schluss der Kunde


New York, 3. Oktober 2012

In meinem Blog schreibe ich hin und wieder über Missstände. Ein ehrlicher, transparenter, fairer Kapitalmarkt sind mir ein Anliegen.
Die jüngste Finanzkrise, auf die die schlimmste Rezession seit der Großen Depression folgte, wurde von endloser Gier ausgelöst. Das Kernproblem ist: Der Finanzsektor denkt nicht zuerst an den Kunden, sondern an die eigene Provision. Wer die Gewinnmaximierung zum obersten Ziel erklärt, spielt meiner Meinung nach mit dem Feuer. Und genau das ist passiert. Das führte zu dem folgenschweren Knall im Jahr 2007/2008. Die Weltwirtschaft wurde in den Abgrund gerissen, Millionen Arbeitsplätze gingen verloren, Panik brach aus.
Als Anleger schneiden Sie meiner Meinung nach besser ab, wenn Sie wissen, wie die Finanzbranche tickt. Was gut für Ihre Bank ist, muss nicht unbedingt gut für Sie sein. Ich kaufte mal einen Immobilienfonds. Da waren auf einen Schlag gleich fünf Prozent Vermittlungsprovision weg. Wenn Sie dann drei Mal im Jahr einen solchen Fonds umschichten, sind gleich 15 Prozent ihres Vermögens futsch (drei Mal fünf Prozent = 15 Prozent). Ganz zu schweigen von den laufenden Kosten.
Die Banken sind an einer hohen Aktivität ihrer Kunden interessiert: Je mehr die agieren, desto öfter klingelt die Kasse. Tausende Finanzprodukte werden geschaffen, um sie den Kunden aufzuschwatzen. Je mehr verkloppt wird, umso besser. Die Kunden verstehen manchmal gar nicht, was die Dinger kosten, um was es sich eigentlich handelt. Hauptsache raus mit dem Zeug, scheint das Motto zu sein.
Natürlich gibt es viele nützliche Produkte. Natürlich erfüllen unsere Banken eine wichtige Funktion. Sie versorgen uns Bürger und die Wirtschaft mit Liquidität. Sie helfen Firmen, Kapitalerhöhungen zu stemmen. Sie geben uns Kredite, Hypotheken, bieten allerlei Sparformen an.
Denken Sie aber stets an den Interessenskonflikt zwischen dem Kunden und den Zielen der Bank.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn die Bank eine Kapitalerhöhung für einen Konzern in die Hand nehmen darf, fällt das Urteil der Analysten in der Regel sehr positiv aus. Das ist ein Geben und Nehmen. Eine strikte Trennung zwischen dem Research und dem Investmentbanking gibt es meiner Einschätzung nach nicht. Insofern sollten Sie bei IPOs vorsichtig sein.
Kommt ein Börsenaspirant auf das Parkett, wird kaum der eigene Analyst davor warnen. Es ist also Blödsinn zu glauben, der Analyst ist wirklich frei in seiner Entscheidung. Denken Sie an all die IPO-Kandidaten aus dem Umfeld der Sozialen Medien, die viel zu teuer an die Börse drängten. Facebook ist nur ein Beispiel.
Schlagzeilen machte der Analyst Mike Mayo, der offen Unternehmen kritisierte. Er stieß auf massiven Widerstand, verlor seinen Job. Die ehrliche Meinung ist offenbar nicht gefragt.
Ein skeptischer Analyst ist halt nicht gut für das Geschäft. So ist das. Die hauseigenen Analysten sollen schließlich beim Geldverdienen helfen. 1990 verlor der Analyst Marvin Roffman seinen Job, weil er negative Berichte über Donald Trumps Kasino-Geschäft geschrieben hatte. Es ist traurig, aber wahr.
Das Geschäft der Banken ist zu kurzfristig ausgelegt. Ob der Kunde langfristig mit einem Produkt wirklich Geld verdient, spielt offenbar kaum eine Rolle. Wenn man alle Finanzprodukte, die künstlich geschaffen worden sind (CDOs, Derivate, Zertifikate etc.), in einen Topf wirft, die gesamten Kosten abzieht und schaut, was hinten bei den Kunden rauskommt: So muss meiner Meinung nach ein riesiger Verlust stehen. Viele Finanzprodukte klingen innovativ, sind aber häufig ziemlich teuer, manchmal auch sehr riskant. Wenn ein Kunde sein Geld verliert, sucht die Bank einfach jemand neues. So scheint die Branche zu denken.
Solche Vertriebsmethoden, wie sie „Spiegel Online“ bunt skizzierte, darf es einfach nicht geben. Das ist unethisch. Warum versucht der Bankberater der Kundin hier etwas anzudrehen, was sie gar nicht möchte?
Passen Sie sehr genau auf. Sie müssen Ihre Hausaufgaben machen, bevor Sie auf Ihren Berater oder Freund hören. Nehmen Sie sich Zeit. Handeln Sie nie, ohne umfassendes Studieren. Es ist in Ihrem eigenen Interesse.
Was mich an dem Sektor stört, sind die absurd hohen Gehälter. Hier verdient ein Manager in vier oder fünf Jahren so viel, dass er sich anschließend zur Ruhe setzen kann. All das Geld kann diesen Egoismus auslösen. Nach dem Motto: Nach mir die Sintflut.
Schade, dass die langfristige Kundenbindung zu kurz kommt. Es wäre ja im Endeffekt zum Vorteil der Bank – langfristig jedenfalls.
Zum Schluss, was mir wichtig ist zu betonen: Es gibt natürlich Banker, die handeln ethisch einwandfrei. Die denken zuerst an den Kunden, dann an die eigene Provision. Es müsste mehr von ihnen geben.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Unethisches Verhalten: Erst kommt die Bank, am Schluss der Kunde

  1. Christian

    Hallo Tim,

    inhaltlich volle Zustimmung, nur ist das Immofonds-Beispiel mit der Provision leider mathematisch falsch, am besten stellt man sich das immer mit konkreten Zahlen vor:
    Gehen wir einmal von 6000 Euro Investitionssumme aus, 5% wären dann 300 Euro. Jetzt das ganze aufgeteilt auf 3 Käufe á 2000 Euro: 5% davon sind 100 Euro, x3 landen wir wieder bei 300 Euro. Ergo: 5% bleiben immer 5%!
    Der konkrete Tip sollte also sein Provisionen, Ausgabeaufschläge und welche phantasievollen Begriffe man dafür noch gefunden hat, möglichst von vorneherein zu vermeiden! Und hier sind wir wieder beim Hauptanliegen: Vor jeder Investition grundlegend informieren!!!
    Es ist mir völlig unverständlich, warum manche Leute mehr Zeit für die Planung eines zweiwöchigen Urlaubs aufwenden, als für ihre lebenslange Vermögensplanung …
    Sonst ein wirklich schöner und unterhaltsamer Blog, der außerdem sehr lesenswert ist.

    Alles Gute,

    Christian

  2. Christian

    Sorry Mißverständnis, habe das Beispiel falsch verstanden, es ging um UMSCHICHTEN … – da sind es dann natürlich 15%!
    Wobei hier Ihr Tip natürlich erst recht gilt, denn jede Umschichtung frißt Gebühren, auch wenn es vielleicht nur die niedrigen Provisionen eines Aktienkaufs bei einer Direktbank sind.

    Christian

  3. Thomas

    Hallo Tim,

    Ich schätze deine Beiträge über Valueinvesting sehr. Deinen mainstreamtypischen kritische Beiträge über Banken schätze ich dagegen nicht.

    Jede Bankkunde der sich nicht selbst um seine Investments kümmern möchte, hat die freie Wahl zwischen Honorarberatung, und banktypischer mittelmäßiger Verwaltung mit hohen Gebühren. Das sich weit weit weniger als 1% für die Honorarberatung entscheiden spricht nicht für die Intelligenz der Kunden. Die Dummen schützen? Ich finde sie sind mehr als genug geschützt, vor allem wenn ich bedenke die Dummen sind alle voll stimmberechtigte Wähler, und bei der nächsten Wahl werden sie kaum intelligentere Entscheidungen treffen.

    Die Dummheit/Interessenlosigkeit dieser Menschen für Wirtschaft/Finanzen hat gerade eine völlig idiotische und überzogene Abgeltungssteuer mit Doppelbesteuerung auf Firmenebene/Anteilseignerebene ermöglicht.

    Mit Bankerbashing und der damit verbundenen Forderung nach mehr Regulierung erreicht man übrigens genau das Gegenteil von dem, was man vermeintlich erreichen möchte. Mehr Regulierung hat nämlich eine unmittelbare „Erhöhung des Burggrabens“ der etablierten Banken zu Folge.

    Ich komme nicht, wie man vielleicht vermutet aus der Finanzbranche, habe aber auf mein privates Kapital in der Vergangenheit sehr gute Renditen erzielt.
    Ich habe schon oft daran gedacht, auch fremdes Kapital zu verwalten, (um bessere Finanzdienstleistungen anzubieten). Dies ist für jemanden wie mich, der keine Ausbildung in der Finanzindustrie durchlaufen hat, im wahrscheinlich mit am stärksten regulierten Finanzmarkt Deutschland unmöglich. Um Fremdkapital zu verwalten müsste ich erst erneut mindestens viele viele Jahre Ausbildung durchlaufen, was mir wenig sinnvoll erscheint.

    Gruß Thomas

  4. Anna

    Hallo Thomas,
    ich mache meinen Kram selber, ohne Bankberatung. Ich kaufe nur das, was ich verstehe oder meine zu verstehen. Auch da kann man noch auf den A… fallen.
    Die Honorarberatung werden nur wenige in Anspruch nehmen, solange Schnäppchen-Jagen und Geiz ist geil chic sind.

    Gerade habe ich mir auf Onvista den M-DAX-Wert Aurubis angesehen. Dazu gibt es 575 Optionsscheine und 906 Zertifikate. Dabei ist das ist nur ein Börsenwert von vielen.
    Aus diesem Grund befasse ich nur mit der Aktie und nicht mit deren „Ablegern“.

    Ich habe nicht viel Hoffnung, dass sich in der breiten Bevölkerung am Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge was ändert, kommt ja nicht in der Zeitung mit den vier Großbuchstaben. Als Aktionär ist man doch der „böse Kapitalist“,und das nicht nur in meiner Heimat. Aus diesem Grunde wird sich keine Regierung (egal welche Grundfarbe oder Koalitionen)getrauen, an dieser saublöden Doppelbesteuerung was zu ändern. Stell Dir das als Wahlkampfthema vor. Der politische Gegner heult auf und das Wahlvolk mit.
    Dabei wäre Aktiensparen als Altersvorsorge sehr sinnvoll.

    VG Anna

  5. Alex

    Hallo Anna,

    wenn du an Aurubis interessiert bist, rate ich dir auch Salzgitter anzusehen…

    25% von Aurubis gehören Salzgitter und die dürfte momentan bei eine KBV von 0,5 stehen…

    Beim aktuellen Aurubis-Kurs(46,98)
    ergibt sich ein Wert von 8,78€ Aurubis pro Salzgitter Aktie…

    alle angaben ohne gewähr … ist natürlich ein zyklische branche, stahl… wobei kupfer warscheinlich auch? muss jeder selbst wissen

  6. Anna

    Hallo Alex,

    Aurubis sollte nur ein Beispiel sein, trotzdem vielen Dank für den Hinweis.

    VG
    Anna

  7. Thomas

    Ein Wahlkampfthema wird die Abschaffung der Abgeltungssteuer hierzulande wohl nie werden. Trotzdem bin ich optmistisch daß diese, in der jetzigen unsäglichen Form irgendwann verschwindet. Es wurden von der Politik nämlich schon oft wirtschaftlich sehr sinnvolle, aber gleichzeitig extrem unpopuläre Reformen umgesetzt. Dabei opferten die damaligen Politiker mehr oder weniger bewusst ihre eigene Politkarriere. (z.B. Agenda 2010, einige russische Politiker in der späten Jelzinära).
    Freilich stellt sich für mich die Frage ob ich dieses „irgendwann“ bzgl. AbgSt noch erlebe (und ich bin noch relativ jung).

    Gruß Thomas

  8. Sebastian

    Hallo Thomas!

    Wenn du dich mal mit Leuten aus der Branche unterhälst, wirst du merken, dass es nur um eins geht – und das selbst in einer biederen Sparkassenfiliale: Umsatz, Umsatz, Umsatz. Es geht darum, den Kunden etwas aufzuschwatzen, was dem Berater und der Bank Geld einbringt.

    Je besser das Produkt für den Kunden, desto weniger „Rendite“ für die Bank. Das gilt natürlich gerade auch andersherum. Die Güte der Produkte ist dabei in der Regel fragwürdig.

    Wenn du meinst du Menschen seien sebst Schuld, weil einfach zu blöd, dann spricht das nur für eine FRÜHZEITIGE Aufklärung der Bürger in finanztechnischen Dingen. Es bleibt zu hoffen, dass sich hier mal etwas tut – auch wenn das kaum anzunehmen ist. Tims Blog ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn auch ein wichtiger…..

    Ich versuche, die Ideen des Value-Investings weiterzugeben, so oft ich kann. „Bankerbashing“ kommt vielleicht oft zu simpel daher, hat meiner Meinung nach aber ermstzunehmende Beweggründe.

    Gier ist vielleicht gut für die eigene Brieftasche, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt aber weniger. Ich behaupte mal, dass 90% der Banker den eigenen Reichtum vor Augen haben und es ein offenes Geheimnis ist, dass dieser vor allem auf Kosten der normalen Anleger zustande kommt.

  9. GertGert

    @ Thomas

    Das ist ethisch schon bedenklich, wenn man sinngemäß schreibt, dass der „Betrogene“ sich ja vorher hätte besser informieren können, um den Betrug zu vermeiden. Natürlich gehen viele Menschen, nennen wir es mal vorsichtig „völlig unbedarft“ mit ihrem Geld um. Das gibt den Verkäufern der Banken aber noch lange nicht das Recht, sie sehenden Auges über den Tisch zu ziehen.
    M.E. ist das Gegenteil richtig: Ein Bankmitarbeiter, der erkennt, dass sein Kunde eigentlich keine Ahnung hat, sollte ihn aufklären oder, wenn das nicht geht, zu möglichst konservativen Anlagen drängen.

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